Nachdem Brunhilde ein Tröpfchen des Zauberbaums in die Augen von Lilly, Tim und Roberta geträufelt hatte, durchbrach ein Bündel Sonnenstrahlen die dichte Wolkendecke und ließ den Himmel in den schönsten Farben aufleuchten. Dann begann es zu nieseln. So fein, dass es kaum zu sehen war. Die Luft wurde feuchter. Das Licht weicher und es kamen immer neue Farben hinzu. Ein abendrotes Wolkenmeer entstand. Von dunkelblau bis hellrosa, war alles dabei. Wolken, Pflanzen und Steine. Kinder und Katzen. Alles und Jedes hatte ein besonderes Leuchten. Nicht so, als ob die Tiere, Pflanzen und Kinder angeleuchtet würden, sondern sie leuchteten aus sich heraus. Hatten ihr eigenes Leuchten. Jeder Baum, jeder Strauch, jeder Stein. Alles in lebendigen, heiteren und leuchtenden Farben. Dazu zirpten die Grillen, was das Zeug hielt und die Vögel trillerten in einem Chor, der den ganzen Wald mit Vogelgesang zum Klingen brachte. «Ist das Mondmusik?» - fragte Tim, Roberta zugewandt. Roberta nickte nur. Sie sagte kein Wort. Das war ziemlich ungewöhnlich. Denn normalerweise ließ Roberta keine Gelegenheit aus, um einen Vortrag über Mondkunde zu halten. Darum war Robertas Schweigen für Lilly und Tim fast genauso geheimnisvoll wie die zauberhaften Klänge und Veränderungen, die im Wald und am Himmel vor sich gingen. Regen und Sonne. Tag und Nacht. Sommer und Winter. Ruhe und Klänge. Alles war gleichzeitig da. Es war ein Moment wie in einem Fantasy-Film, kurz bevor etwas Besonderes passiert.
Am Himmel leuchtete geheimnisvolle der Mond. Sein großes, rundes Mondgesicht hing wie ein Spiegel am Himmel. Dann plötzlich war es soweit. Er geschah tatsächlich. Der Mond begann sich zu drehen. Immer weiter. Er drehte sich so lange um die eigen Achse nach rechts, bis seine Rückseite zum Vorschein kam. Die Hinterseite des Mondes sah anders aus als die Vorderseite. Sie sah aus wie ein helles Loch im Himmel. Wie ein großes, rundes Fenster könnte man sagen. Weit geöffnet.
Lilly und Tim stockte der Atem. So etwas haben sie noch nie erlebt. Aber mit ihren eigenen Augen konnten sie klar und deutlich sehen, was passierte. Indem der Mond sich drehte war es sogar als würde ihnen ein Schleier von den Augen gezogen, von dem sie zuvor gar nicht wussten, dass er da war.
Nach einer Weile mussten sich Lilly und Tim die Augen reiben, weil es ihnen das Leuchten und Strahlen fast schon zu viel wurde. Ihre Augen mussten sich erst daran gewöhnen. Lilly blickte an sich herab, weil sie bemerkte, dass auch mit ihr etwas passierte. Auf ihrem Hoodie beobachte sie, wie der goldene Puma auf dem weißen Stoff glitzerte wie aus purem Gold und pulsiere als ob er zum Leben erwacht wäre. Lilly spürte seine Lebendigkeit. Sie fing selbst an, sich wie ein goldener Puma zu fühlen. Stark und furchtlos, wie ein strahlender, goldener Puma. Um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte, kniff sich Lilly mit ihrer rechten Hand in die Linke. «Fühlt sich normal an», dachte sie sich. Dann schaute sie auf ihre Armbanduhr. Die Zeiger standen auf kurz vor 18:00 Uhr. «Haut auch hin!». Aber eigentlich war es ihr vollkommen egal wie spät es ist. Viel interessanter fand sie, dass auch ihre Uhr sich veränderte. Sie war nicht mehr nur kleines, hübsches Ding am Arm, was die Zeit anzeigt. Lilly konnte sehen und spüren, dass ihre Armbanduhr eine mit Liebe gefüllte Seele hat. Sie zeigte ihr nicht nur die Zeit an, sondern dass die ganze Welt mit Seele und mit Liebe gefüllt. Lilly wurde mollig warm ums Herz, weil sie so angerührt war von der schönen Seele, die alles um sie herum mit Leben und mit Liebe füllte. Sie schaute ihren kleinen Bruder an.
Tim stand direkt neben ihr. Er strahlte vor Freude und war vergnügt wie ein Honigkuchenpferd. Vor Staunen bekam er fast den Mund nicht mehr zu. Dann blickte auch Tim an sich herab. Mit von seinem Körper weggestreckten Armen schaute er auf sein Trikot und das Zeichen der Golden State Warriors, das auf seiner Brust prangte. Das Wappen leuchtete wie die Sonne. Der blaue Ozean rundherum erstrahlte in herrlichem Blau. Die Sonne, das funkelnde Meer, die strahlende Golden Gate Bridge. Alles, wie in echt. Tim war mittendrin und fühlte sich sauwohl. Er spürte die kalifornische Sonne und das Meer und verstand, was es heißt ein Golden State Warrior zu sein. Er konnte springen und abheben und fliegen, wie ein echter Champion. Ein waschechter Golden State Warrior.
Lilly und Tim schauten sich an. Sie sagten kein Wort, aber wussten genau Bescheid. Denn wenn man so etwas erklären will, dann hilft es nichts, wenn man darüber redet. Entweder man versteht es ohne Worte oder man versteht es gar nicht. Stattdessen lachten sie. Sie lachten so lange und so herzhaft, wie sie nur lachen konnten. Man muss sich wundern, wie man überhaupt nur so lange und so herzhaft lachen kann.
«Wo ist eigentlich Roberta?», fragte Tim schließlich, noch immer lachend und schon ordentlich aus der Puste. «Da!», rief Lilly verblüfft, indem sie mit dem Finger in den Himmel zeigte.
Roberta segelte in weiten Kurven durch die Luft. Sie Hüpfte dabei wie ein kleines Kätzchen. So gar nicht wie die strenge Frau Professor Doktor von Reichenstein, die weltweit angesehene Künstlerin und Inhaberin des Nobelpreises im Rechnen mit Katzenzahlen.
«Na kommt schon!» rief sie ihnen verspielt zu. «Mach es wie ich! ist ganz leicht! Am Anfang geht es einfacher, wenn man die Arme ausbreitet und flattert wie ein Vögelchen. Dann nach vorne beugen und segeln wie ein Adler.»
Gesagt getan. Tim flatterte mit seinen Armen wie ein Vögelchen und hob wirklich vom Boden ab. «Sieh nur, Roberta, es klappt», rief er begeistert. Er schwebte fast zwei Meter über dem Boden. Auch Lilly flatterte mit ihren Armen und hing in der Luft wie ein Schmetterling. Die beiden konnten kaum glauben, was da gerade passierte.
«Woher kommt nur diese schöne Musik?», rief Lilly erstaunt, nachdem sie sich schon ein wenig an die Fliegerei gewöhnt hatte. Schon nach wenigen Minuten zog sie eine Achterschleife nach der anderen und es klappte ausgezeichnet.
«Die Natur macht die Musik», erwiderte Roberta, ohne dass sie sich darüber zu wundern schien. «Voll normal! Wir hören es nur meistens nicht.»
«Ach sooooooo!», entfuhr es Lilly – und noch während sie das rief, schraubte sie sich in die Höhe wie eine Silvesterrakete. Die Bäume und die Wolken machten einen richtig coolen Beat dazu. De Fluss, das Gras, die Steine – alle machten Musik. Der Bass hämmerte und es ging voll ab. Auf einer krassen Welle aus himmlischer Musik und leuchtenden Farben, surften alle drei drauf los. Sie lachten, surften und machten Kunststücke, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten. Tim und Lilly fanden im Nu heraus, wie es funktioniert. Sie rauschten unbeschwert dahin. Mitten hindurch, durch die Tür am Himmel, in die Welt hinterm Mond. «Meeeega!» hatte Tim noch getrillert, als er durch das Tor zur anderen Seite flog.
In der Welt hinterm Mond waren Oben und Unten; Vorne und Hinten, Draußen und Drinnen, nicht so unterschiedlich wie wir bei uns auf der Erde kennen. «Das ist schwer zu erklären», hatte Roberta gesagt, die sonst für alles eine Erklärung hatte. «Irgendwie ist immer alles gleichzeitig da.»
«Seht nur!», rief Tim: «rote Kühe»
«Schööööööööön!», entfuhr es Lilly. Und noch ehe sie sich versahen, waren sie mittendrin, umringt von fliegenden roten Kühen. Sie sahen noch viel schöner aus, als die auf dem Bild, in Robertas Wohnzimmer. Alles an ihnen strahlte. Sie sahen so niedlich aus, dass man gar nicht anders konnte als sie lieb zu haben. Am meisten strahlten ihre Zähne.
«Herzlich willkommen – ihr lieben Kinder und Katzen!» riefen ihnen die Kühe zu. «Ich hoffe ihr bleibt mindestens eine halbe Ewigkeit!», sagte eine Kuh, die ganz in ihrer Nähe tanzte. Sie sah der roten Kuh auf Robertas Gemälde am ähnlichsten. Außer natürlich, dass sie mehr leuchtete. Aber das muss wohl nicht extra erwähnt werden.
«Haltet euch an mir fest. Ich will euch meine Welt zeigen». Ohne zu zögern schnappten sich Lilly und Tim einen ihrer beiden roten Schwänze. Und ab ging die Post.
«Ich bin übrigens Greta!», sagte die nette, rote Kuh, mit den leuchtenden gelben Flecken und dem strahlend weißen Gebiss.
«Ich bin der Tim.»
«Und ich bin die Lilly.»
«Jetzt zeige ich euch meine Welt.»
Sie glitten durch die Lüfte, über eine Landschaft, die aussah wie ein großer Paradiesgarten. Mit vielen unterschiedlichen Bäumen und Sträuchern, bunten Blumen, schmalen Wegen, kleinen quirligen Bächlein, einem See zum Baden und Wasserfällen zum Duschen. Der Park war nicht endlos groß, aber auch nicht winzig klein. Klein genug, dass sie in wenigen Momenten jeden Winkel besuchen konnten. Groß genug, dass sie niemals damit fertig werden würden immer wieder etwas Neues zu entdecken. Als sie eine leuchtende, blaue Mondblume besuchten, haben sie eine kleine Ewigkeit damit verbracht sie zu bewundern. Als Lilly und Tim sie besuchten und bestaunten, war es als ob sie durch ein magisches Schlüsselloch blickten, durch das man das ganze Leben auf einmal sehen konnte. Und wenn sie mit Greta so hoch flogen, dass sie die ganze Rückseite des Mondes auf einmal überblicken konnten, kam sie ihnen nur ein wenig größer vor als die Blumenwiese hinterm Haus.
Greta führte Lilly und Tim noch zu vielen anderen Mondbewohnern. Die Mondmännchen und Mondmädchen zum Beispiel. Sie hatten leuchtend Strickpullis an, in bunten Farben. Und immer, wenn Greta, Lilly und Tim an ihnen vorbei flogen, hüpften sie fröhlich auf und ab und winkten freudestrahlend zu ihnen hinüber.
Hinterm Mond gab es außerdem noch viele Tiere: Füchse und Hasen. Wölfe und Schafe. Löwen und Zebras. Giraffen und Flamingos. Und alle lebten friedlich miteinander. Naschten gemeinsam von den Früchten, tranken aus den Bächlein und ließen sich von der Sonne den Bauch streicheln.
Dann segelten sie zu einer Gruppe von tanzenden Mondkühen. «Wir Mondkühe tanzen ziemlich viel», hatte Greta gesagt. Roberta surfte vergnügt zu ihnen, um mit ihnen das Tanzbein zu schwingen. Musik war überall und die Bewegungen, die sie machten, sahen drollig aus.
«Bist du lesbisch?», wollte Roberta von einer Kuh wissen, die besonders drollig tanzte.
«Nein, ich glaube nicht», gab sie kichernd zur Antwort. «Warum fragst du?»
«Weil ich gehört, dass lesbische Mondkühe nicht gut tanzen können.
Als die Kuh das hörte, mussten sie zusammen mit Roberta, Greta, Tim und Lilly so fest Loslachen, bis ihnen vor Lachen der Bauch weh tat.
«Gibt es eigentlich etwas, wovor ihr besonders große Angst habt?», fragte Greta schließlich, nachdem sie sich fast kaputtgelacht hatte.
«Oh ja. Spinnen», sagte Lilly, spontan.
«Wenn’s ganz dunkel ist», gab Tim prompt zur Antwort.
Dann geschah etwas sonderbares. Lilly und Tim surften aus der gerieten in einen unsichtbaren Strudel. Die Musik wurde leiser und es entstanden unheimliche Geräusche. Es wurde immer dunkler. Lilly und Tim begannen sich zu fürchten und zu frieren Sie wurden von einem großen, schwarzen Loch angezogen. Für die beiden sah es aus, als ob sie in das dunkle Maul einer grässlichen Riesenspinne gezogen würden. «Neeeeiiiiiin!», riefen Lilly und Tim, voller Schrecken. Das Rauschen wurde immer lauter und gruseliger. Die unsichtbare Strömung zog sie tiefer in das große dunkle Maul der Spinne.
«Denkt schnell an was anderes!», rief Roberta ihnen laut zu.
Lilly und Tim schauten sich verwirrt zu Roberta und Greta um. Die beiden lächelten zu ihnen herüber und Greta sagte: «Hinterm Mond müsst ihr immer gut acht geben, was ihr denkt. Denn was ihr euch ausdenkt und vorstellt, das passiert dann in Wirklichkeit.
«Wie krass ist das denn!», antwortete Lilly, mit weit aufgerissenen Augen.
«Wenn das so ist», sagte Tim, «dann weiß ich schon, wo ich hin will!».
«Super Idee!, sagte Lilly – weil sie genau wusste, woran Tim denkt.
«Na dann los!», ermunterte Roberta die beiden. «Los geht’s!»
Sofort griffen Lilly und Tim nach Gretas leuchtend roten Kuhschwänzen und – Huiiiii ... sausten sie wieder zurück in die Welt aus Musik, leuchtenden Farben und drollig tanzenden Mondkühen, mitten hinein in einen kunterbunten Süßigkeitenladen, mit Gummibärchenschlangen, Gummibärchenschnecken, Kaubonbons, Früchten umhüllt mit brauner Schokolade und allen Köstlichkeiten, die sich die beiden nur vorstellen konnten.