Lili hatte eine Gabe. Nun, sie hat sie immer noch, aber sie
benutzt sie nicht mehr. Nie mehr! Denn sie hat eines Abends schmerzlich
feststellen müssen, was diese Gabe bewirken kann.
Es war an einem Freitagabend, als ihre Mutter sie zu diesem
klassischen Konzert einlud. Was heisst hier ‚einlud‘ … sie ‚zwang‘! Dabei hatte
doch gleichzeitig ihr Papa vorgeschlagen, gemeinsam einen Film zu sehen! Aber
wie immer hatte sich Mama durchgesetzt.
So gingen sie also an einem Freitagabend, an dem man alle zusammen
genauso gut mit Popcorn und Süssigkeiten vor dem Fernseher, oder besser noch,
im Kino hätte sitzen können, ins Konzert. Ins klassische Konzert.
Der Konzertsaal war schon ziemlich eindrücklich, mit dem
gigantischen Kronleuchter in der Mitte und den vielen Logen in der Galerie, den
samtbezogenen, weichen Sitzen und dem glänzenden, eigenartig gemusterten
Parkett. Und auch die Konzertgäste waren nicht weniger interessant: Es gab
dicke Frauen mit dünnen Kleidern und dünne Frauen mit dicken Pelzmänteln und
schicke Herren mit schwarzen Anzügen und plumpe Studenten in Strassenklamotten –
und alles auf einem Haufen hier im Konzertsaal. Nur Kinder gab es keine. Lili
war die einzige in dieser Vorstellung. Also grössere dann schon, so vierzehn,
fünfzehn, aber keine im Primarschulalter, wie sie.
Und Mama schwärmte zu Papa über die guten Plätze! „Du wirst
schon sehen Schatz, der Aufpreis für diese Plätze lohnt sich allemal! Hier ist
die Akustik so viel besser! Hier stören die Säulen nicht und der Schall wird
symmetrisch von beiden Seiten und der Decke des Saals reflektiert. Du wirst
schon sehen!“
„Aber sicher, Schatz“, antwortete Papa und zwinkerte zu Lili
rüber.
Das Konzert war ausverkauft. Der Saal war bis auf den
letzten Platz gefüllt. Es handelte sich schliesslich auch um eine
Sondervorstellung eines Gastorchesters. Und es war nicht irgendein Orchester, es war das London
Philharmonic Orchestra! So hatte es Mama Lili zumindest euphorisch erklärt.
Papa legte seinen Arm um Lily Schulter. „Na, Purzelchen,
freust du dich?“
Lili zuckte die Schulter und gab sich kaum Mühe, ihren Unmut
zu verbergen. „Ja, ja, geht so…“
Ihr Vater blickte sie mitleidig an. „Ach, Mäuschen! Ist doch
halb so wild. Das geht schnell vorbei, und vielleicht wird es dir sogar
gefallen! Und wenn’s nicht zu spät wird, können wir uns zuhause ja
ausnahmsweise doch noch einen Film anschauen, was meinst du?“
Lili Augen begannen zu leuchten. „Wirklich?!“ hauchte sie.
„Ja, klar“, zwinkerte Papa zurück und boxte sie scherzhaft
in die Seite. „Hoffen wir, dass die Pause nicht zu lange dauert.“
‚Die Pause?‘ dachte Lili entsetzt.
In diesem Moment trat ein Herr auf die Bühne. Das Publikum
wurde ruhig. „Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich freue
mich, dass Sie heute so zahlreich…“ und der Rest ging in Lilis wirbelnden
Gedanken unter.
‚Pause? Wer will denn eine Pause? Ja klar, Pausen sind cool,
zumindest in der Schule, aber heute Abend können wir deswegen vielleicht keinen
Film mehr gucken! Das darf nicht passieren! ICH WILL KEINE PAUSEN!‘ schrie sie
innerlich und schnippte dabei kaum hörbar mit dem Finger.
„Leider habe ich noch eine etwas unerfreuliche Nachricht für
Sie“, fuhr der Mann auf der Bühne fort. „Aus organisatorischen Gründen müssen
wir heute Abend leider auf die Pause verzichten.“ Lili grinste breit. „Wir
hoffen sehr auf Ihr Verständnis und wünschen Ihnen trotzdem einen wunderbaren
Konzertabend.“ Sofort brandete der Applaus auf, und gleich anschliessend erhob
sich das Orchester und der Dirigent kam auf die Bühne. Ohne grosse Umschweife
begannen die Streicher zu spielen. Dann setzten die Holzbläser und die Hörner
ein. Irgendwie gefiel es Lili ganz gut – doch was war das? Auf einmal tönte
etwas komplett falsch. Was die Holzbläser spielten passte überhaupt nicht zu
dem, was die Geiger spielten. Und nun klangen auch die Posaunen falsch und die
Trompeten tröteten scheinbar unkoordiniert dazwischen. Auf einmal wallten die
Trommelschläge der Pauke auf und hörte nicht mehr auf. Es war ein heilloses Durcheinander
und schmerzte regelrecht in Lilis Ohren, und offensichtlich war es auch den
anderen Gästen im Saal aufgefallen. Viele blickten sich fragend und mit fast
schmerzverzerrtem Gesicht umher. Immer mehr begannen mit ihrem Sitznachbarn zu
reden. Es kochte eine immer lauter werdenden Unruhe im Publikum auf. Selbst die
Musiker auf der Bühne schienen verwirrt und blickten sich gegenseitig fragend
an. Da der Dirigent, wenn auch sichtlich verunsichert, weiter dirigierte, spielten
sie das immer wirrer werdende Stück weiter. Mittlerweile hatten alle
Instrumente auf der Orchesterbühne ins Stück mit eingestimmt – wobei ‚eingestimmt‘
wohl sicherlich der falsche Ausdruck dafür ist, was dabei rauskam. Mit ‚einstimmen‘
hatte das ganz und gar nichts zu tun! Es war inzwischen zu einem infernalischen
Klangbrei angeschwollen, das zwar in sich irgendeine nicht erkennbare Dynamik
aufwies, insgesamt aber komplett chaotisch und formlos den Saal erbeben liess. Und
das Publikum war in eine Art tranceartigen Klage-Sprechgesang übergegangen mit
pausenlosem—
Da ging Lili schlagartig ein Licht auf! ‚Pausenlos!‘ dachte sie entsetzt. Sie war an diesem unerträglichen Chaos
schuld! Sie kniff konzentriert die Augen zusammen, dachte in sich schreiend: ‚ICH
WILL WIEDER PAUSEN!‘ und schnippte wieder mit dem Finger.
„Ruhe! Darf ich um Ruhe bitten!“ rief eine durchdringende
Stimme von der Bühne her. Es war wieder der Mann vom Anfang. Er atmete tief
durch, als ob er über die eingetretene Ruhe sehr erleichtert wäre. „Bitte
entschuldigen Sie die Störung“, jemand im Publikum lachte kurz hysterisch auf,
verstummte aber sogleich wieder, „aber ich muss eine dringende Mitteilung
machen. Wir konnten umstrukturieren und werden nun in der Mitte des Konzerts
doch eine Pause durchführen können. Nun lasse ich Sie wieder dem etwas
eigenwilligen“, er warf dabei einen verwirrten Blick zum Dirigenten, „Konzert
lauschen.“
Der Mann verschwand von der Bühne. Der Dirigent positionierte
sich erhaben mit erhobenen Händen auf dem Dirigentenpodest und hielt kurz Inne.
„Gott sei Dank gibt es Pausen“, dachte Lili erleichtert.