Der gelbe Ballon hängt immer noch an meiner Eingangstür. Ich hatte ihn damals als Jugendliche zum Trotz all jener angeschafft, die ungefragt in mein Haus eingedrungen sind und sich ausgetobt haben, ohne Rücksicht auf Verluste und manchmal auf meine Kosten (auch wenn sie das bestimmt nicht gemerkt haben). Er hat mir damals viel geholfen, war mein Lichtblick, mein Glücksbringer, mein Trost...Anstatt meine Wut, meine Trauer oder mein Frust in mich hineinzufressen (was ich zuvor oft getan hatte) oder ihn an andern auszulassen, konnte ich nun meinem Ärger in den Ballon hinein Luft machen...Anfangs bemerkte ich gar nicht, dass ich ihn damit mehr und mehr aufblies - mein gelber Ballon wurde grösser und grösser und gewann immer mehr an Bedeutung für mich, er wurde immer zentraler in meinem Leben. Und je grösser er war, umso wichtiger wurde er für mich...Es wurde zu meiner Pflicht, ja Lebensaufgabe, ihn in Stand zu halten, indem ich ihm bereits am Morgen etwas von meiner Luft zukommen liess, ihn noch ein bisschen mehr aufblies. Das kostete mich zwar Energie, aber das kam mir gerade gelegen - zu oft war meine überschüssige Kraft gerügt, gebremst oder belächelt worden...Nun hatte ich immer weniger (überschüssige) Energie, ich konnte sie in den Ballon stecken, belästigte oder provozierte niemanden mehr damit. Ja, ohne meinen gelben Ballon wäre ich wohl nicht da, wo ich nun bin, ich habe ihm genauso viel zu verdanken wie ich ihm vorzuwerfen darf.
Die Zeit verging, ich wurde erwachsen, mein gelber Ballon stand mir weiterhin treu zur Seite, doch merkte ich nun, dass es mich viel zu viel Energie und Kraft kostete, den gelben Ballon so prall und gross zu halten. Energie und Kraft, die mittlerweile kaum mehr vorhanden war und wenn, dann wollte ich sie mittlerweile immer weniger in die Instandhaltung meines Ballons investieren. Gleichzeitig hatte/habe ich riesige Angst davor, was passieren würde, wenn mein Glücksbringer, mein Verteidiger, mein Zeitvertreiber, mein Beschützer, mein Begleiter nicht mehr da ist...Daher behielt ich die Routine bei, blies meinen Ballon täglich auf, allerdings nicht mehr mit derselben Inbrunst und Überzeugung mit der ich es noch vor einiger Zeit getan hatte. Dadurch wurde der Ballon stetig ein bisschen kleiner, aber er war immer noch sehr bedeutsam für mich und ich wollte ihn auf keinen Fall von der Tür hängen, geschweige denn wegwerfen.
Immer wenn Freunde zu Besuch kamen, erwähnten sie, dass der Ballon doch gar nicht zu mir und meiner Wohnung passen würde, alles viel besser und schöner wäre, wenn ich mich endlich von meinem gelben Ballon trennen würde. Ich gab ihnen offenkundig recht, aber insgeheim verteidigte ich meinen Ballon und blies ihn am Abend nachdem der Besuch gegangen war, wohl zum Trotz, doppelt auf - niemand hatte das Recht, meinem Ballon zu Schaden oder ihn in Frage zu stellen. Niemand, ausser mir!
Und dann kamen die Ferien. In den vorausgegangenen Urlauben hatte ich meinen gelben Ballon dabei und hatte ihn auch in fernen Ländern stets pflichtbewusst aufgeblasen, dass er ja nicht verkümmerte, während ich weg war. Aber diese Ferien waren anders. Ich hatte meinen Ballon zwar dabei, aber ich war so abgelenkt von dem fernen Land, war so beeindruckt von der neuen Umgebung, dass ich schlicht keine Zeit hatte und auch die Kraft nicht investieren wollte, den Ballon aufzublasen. Er war zwar immer noch mit dabei, ich packte ihn stets wieder in den Koffer und nahm ihn mit von Ort zu Ort, aber ich blies ihn nicht mehr täglich auf. Nur hin und wieder hatte ich dennoch das Bedürfnis, ihm etwas mehr Luft zu geben. Je mehr der Ballon verschrumpelte, umso weniger hatte ich dieses Bedürfnis, vergass es selten sogar ganz und umso öfter kam mir der Gedanke, ich könnte den gelben Ballon doch einfach liegen lassen und ohne ihn nach Hause fliegen...Aber schlussendlich traute ich mich das doch nicht...ich nahm ihn wieder mit und hängte ihn treu wieder an meine Eingangstür. Allerdings war er ganz schön schrumplig geworden und damit hatte er sehr an seinem früheren Wert für mich verloren und ich musste ihn nicht mehr jeden Tag aufblasen, das gab mir wieder mehr Luft zum Atmen, mehr Kraft zum Leben. Trotzdem wollte ich ihn noch nicht wegwerfen. Die Tatsache, dass er immer noch da war, beruhigte mich, mich ganz von ihm zu trennen, machte mir noch zu grosse Angst. Dennoch kam mir immer häufiger der Gedanke, dass er womöglich gar nicht so wichtig war, wie ich dachte und ich ihn eigentlich gerade so gut wegwerfen könnte...Es war nur ein Gedanke, aber bekanntlich kann jeder Gedanke der Same eines grossen Baumes sein.
Aber dann kam ein Mann in meine Wohnung - er drang nicht ein, ich liess ihn ein -, der sich sehr über meinen gelben Ballon ärgerte, sich über ihn lustig machte, ihn beleidigte und alles unternahm, dass ich ihn wegwerfen würde. Er konnte seinen Sinn und Zweck nicht verstehen, fand, der Ballon passte weder zu mir noch zu meiner Wohnung und nervte sich über den Kult, den ich um meinen Ballon betrieb. Er machte den gelben Ballon stets zum Zentrum unserer Treffen und befand es für seine Aufgabe, mir klar zu machen, dass ich den gelben Ballon nicht brauchte, wenn ich ihn hatte. Es entstand ein Konkurrenzkampf zwischen ihm und dem gelben Ballon, der mir unverständlich war. Der Mann hatte keine Ahnung von der Geschichte des Ballons, seiner Bedeutung für mich. Das ärgerte mich wiederum sehr und ich hatte das Bedürfnis, meinen gelben Ballon zu verteidigen. Je mehr er ihn angriff, umso mehr blies ich ihn wieder auf, damit er gross würde und auch ihm imponieren würde. Leider imponierte der aufgeblasene Ballon mehr mir als ihm. Dass ich wieder so angetan war von meinem gelben Ballon, gefiel dem Mann gar nicht und irritierte ihn sehr - wer war ich, dass ich mich von diesem gelben Ballon so beeindrucken liess? So hatte er mich wohl nicht kennen gelernt, so eine war ich doch nicht!?! Er wollte, dass ich den Ballon sofort wegwerfe, aber das liess ich nicht zu, insbesondere jetzt, da er wieder so gross geworden war (was mich insgeheim selber ärgerte, aber ich konnte meinem gelben Ballon nicht in den Rücken fallen, wer weiss, was dann passieren würde!?! Ausserdem wäre es nicht loyal und fair gewesen, nach allem, was er mir gegeben hatte. Und weiterhin wollte ich dem Mann auch nicht die Genugtuung geben).
Ein Teufelskreis ist wieder in Gang gesetzt worden, ein Teufelskreis bei dem der gelbe Ballon im Zentrum steht, was alle Beteiligten eigentlich eben grade nicht wollten...
Und meine Lösung? Nach viel Nachdenken bin ich zur Überzeugung gelangt, dass ich umso weniger Bedürfnis verspüre, den Ballon aufzublasen, je weniger Bedeutung ihm meine Umgebung ihm beimisst. Je weniger wichtig er für meine Freunde ist, je weniger sie ihn angreifen und weghaben wollen, umso eher vergesse ich selbst, ihn aufzublasen, muss ihn nicht verteidigen und wieder grösser machen. Und je weniger ich ihn aufblase, umso mehr verschrumpelt er, umso weniger Wert hat er und ich bin sicher irgendwann werde ich mich von dem verschumpelten Ding trennen können - ihn wegwerfen ohne Angst haben zu müssen, dass mein ganzes Leben auseinanderbricht, ich nichts mehr im Griff habe.
Also lasst mir meinen gelben Ballon, zeigt mir, dass es egal ist, ob er hier ist oder nicht, dann vergesse ich auch, dass ich ihn aufblasen muss oder es ist mir dann sogar müssig, ihn aufzublasen...Und dann, irgendwann werde ich mich von ihm trennen können, davon bin ich überzeugt.
Aber wann ich ihn wegwerfe, entscheide ich und das kann kein Mensch, kein Freund, kein Geliebter sonst entscheiden, beeinflussen oder erzwingen.
Zitat des Monats
Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.
Chinesische Weisheit
Chinesische Weisheit
Willkommen!
Liebe Schreibende
In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.
Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.
Dann also viel Spass beim Schreiben!
Eilean
In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.
Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.
Dann also viel Spass beim Schreiben!
Eilean
Dienstag, 29. Januar 2019
Samstag, 5. Januar 2019
Eindringen
Die Mücke setzte sich dürstend auf die Haut, sie fühlte den vielversprechenden Puls unter ihren Beinen. Zielsicher stach sie zu und traf sofort auf die sprudelnde Quelle, gierig trank sie, bis sie nicht mehr konnte. Befriedigt zog sie ihr stechend-saugendes Mundwerkzeug aus dem Opfer und flog davon.
Zurück blieb eine kleine Wunde, die noch für 3 Tage jucken würde.
Das Vampir setzte sich gierend auf den Rücken und krabbelte bis zu der Stelle, wo die pulsierende Ader vielversprechend deutlich zu spüren war. Bedenkenlos schlug es seine Zähne in das Fleisch, grub sie tiefer in das Gewebe, bis das Blut hervorquoll. Es labte sich satt. Trunken nahm es sein Gebiss aus dem Opfer und flog davon.
Zurück blieb eine Wunde, die noch 2 Wochen schmerzen würde.
Die Spinne umwob begehrlich den Körper im Netz und kam schliesslich an den Ort des geringsten Widerstands. Treffsicher schlug sie ihre Kieferklauen in die Haut, durchbohrte das Gewebe tief und sog, bis sie kraftlos war. Gesättigt liess sie das Opfer los und lief davon.
Zurück blieb ein lebloser Körper, der noch 3 Monate verwesen würde.
Der Mensch umklammerte begierig das Opfer und kam rasch zur Stelle seines Begehrs. Achtlos drang er ein, tiefer und tiefer, bis sein Verlangen gestillt war. Befriedigt liess er von seinem Opfer ab und ging er davon.
Zurück blieb eine innere Verletzung, die ein Leben lang nie verheilen würde.
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