Lilly saß an ihren Hausaufgaben. Mathe. Nicht unbedingt ihre Lieblingsbeschäftigung. Zwischendurch tanzte sie den Flow,
sortierte Buntstifte und malte kleine, bunte Phantasieblumen, Berglandschaften und Herzchen
auf ihre Schreibunterlage. Manchmal legte sich Lilly aber auch einfach mit
dem Kopf auf die Schreibtischplatte und schaute aus dem Fenster. Weil es ein sonniger
Sommertag war, stand es weit geöffnet. Durch das Fenster blickte sie direkt in
die große, grüne Krone eines Kastanienbaumes, der nicht weit vom Haus entfernt
stand. Zwischen seinen Blättern schimmerte der blaue Himmel hindurch. Wenn
ein Lüftchen durch seine Krone wehte, verschwanden einige der kleinen blauen Himmelsflecke, die zwischen seinen Blättern hindurchschimmerten. Dafür
kamen an andere Stelle neue zum Vorschein.
Auf der Terrasse unter ihrem Fenster hörte sie Tim. Ihr kleiner Bruder trug
das Trikot der Golden State Warriors und warf ein paar Körbe. Meistens spielte
Tim mit anderen Jungs aus der Nachbarschaft Fußball oder Basketball. Manchmal
auch mit Papa. Weil Tim aber den ganzen Tag Lust hatte Ball zu
spielen, spielte er auch wenn gerade niemand da war, um mit ihm zu spielen. Das machte Tim nichts aus. So konnte er an seiner "Cristiano Ronaldo"-Schusstechnik oder "James
LeBron"-Wurftechnik arbeiten.
Plötzlich hörte Lilly eine Stimme: «Kannst du nicht rechnen, oder
warum dauert das so lange?»
Erstaunt richtete Lilly sich auf und ging zum Fenster, um nachzusehen,
wer so frech zu ihr hereinrief. Niemand zu sehen. Sie hörte nur das Bam, Bam
des Basketballs, den Tim auf den Terrassenboden knallen ließ.
«Wenn das so weitergeht wirst du nie fertig!»
Schon wieder. Aber es war eindeutig nicht Tims Stimme. Alles was Lilly sah war ein Katze, die auf einem Ast hockte. Niemand sonst zu sehen, der gerufen haben könnte.
Die Katze hatte ein schwarzes Fell und eine weiße, rechte Vorderpfote.
Die Vorderpfote war so leuchtend weiß, dass es aussah, als ob sie versehentlich
in einen Topf mit frischer weißer Farbe getreten wäre.
«Wenn du nicht weiter weißt, musst du den Mond fragen.»
«Krass», sagte Lilly zu sich selbst. Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. Eigentlich fühlte sie sich
schon zu alt, um an sprechende Katzen zu glauben. Aber die Worte kamen
eindeutig aus ihrem Maul.
«Wie kann es sein, dass du sprechen kannst?», fragte Lilly verstört.
«Sprechende Katzen gibt es doch nur im Märchen.»
Die Katze richtete sich auf, streckte sich und
gähnte. Es war ein langes, ausgiebiges Gähnen. Ein Gähnen, das ungefähr so lange dauerte, wie es braucht, um an einer Fußgängerampel auf grün zu warten, nachdem man auf den Knopf gedrückt hat. Noch bevor die Katze aufgehört hatte zu gähnen, sammelte sich Lilly und sagte:
«Ganz abgesehen davon ist es ziemlich verrückt, was du behauptest. Wie
sollte mir der Mond bei Mathe helfen können?»
Die Katze rollte mit den Augen, streifte sich mit der weißen Pfote über ihren Schnurrbart und begann erneut zu sprechen: «Soso», sagte sie, «du
unterhältst dich mit einer Katze und behauptest, dass Katzen in Wirklichkeit
nicht sprechen können. Das solltest du verrückt finden! Und was den Mond
betrifft: Der kennt auf alle Fragen die richtige Antwort. So einfach ist das.»
«Naja», sagte Lilly, mit einem Achselzucken. «In einer Sache muss ich
dir Recht geben. Ich unterhalte mich mit dir. Und du bist eine Katze. Also gibt
es zumindest eine Katze, die reden kann.»
Siehst du. Wenn man dir auf die Sprünge hilft, bist du ja gar nicht so
schwerfällig.»
«Hey! Schon wieder so eine Gemeinheit. Mir ist einfach noch nie eine
sprechende Katze begegnet. Und es hat mir auch noch nie jemand gesagt, dass es
sprechende Katzen gibt. Verstehst du nicht, dass es darum schwierig für mich
ist, das zu glauben?»
«Na gut. Vielleicht sollte ich nicht so streng mit dir sein.»
«Danke», sagte Lilly.
«Keine Ursache», sagte die Katze. «Machst du mir jetzt ein
Käse-Sandwich?»
«Ein Käsesandwich?», fragte Lilly ungläubig.
«Ja. Mit Gurken, Tomaten und einem knackigen Salatblatt. Das wäre
überaus freundlich von dir.»
In der Zwischenzeit war Tim aufgefallen, dass Lilly aus
dem Fenster schaute und sich mit irgendwem zu unterhalten schien. Für Tim sah es
so aus, als ob sie mit dem Baum redet. Weil er neugierig wurde kam er näher heran, um zu sehen was da vor sich geht.
«Du redest ja gar nicht mit dem Baum», rief er
schließlich zu Lilly hinauf, «sondern mit der Katze.»
«Natürlich redet sie mit mir», sagte die Katze von oben herab. «Oder hast du
schon einmal einen Baum gesehen, der am Mittwoch mit Menschen spricht?»
«Am Mittwoch? Bist du bescheuert? Bäume können überhaupt nicht
sprechen!»
«Was bist du doch für ein ungezogener Junge», sagte die Katze empört. «Du weißt wohl nicht mit wem du sprichst. Hat dir noch nie jemand Manieren beigebracht? Zur Strafe
schreibst du fünfundzwanzig Mal: Frau Professor Doktor Roberta von
Reichenstein ist nicht bescheuert, sondern hat einen Nobelpreis im Rechnen mit
Katzenzahlen und ist darüber hinaus eine angesehene Künstlerin. Und
dann schreibst du noch weitere fünfundzwanzig Mal: Bäume reden nur mit Menschen,
die den Mond schon einmal von hinten gesehen haben. Außer am Mittwoch, da ist Ruhetag.»
«Was?!», entfuhr es Tim. «Das kannst du nicht machen. Das ist viel zu
viel. Ich lerne doch gerade erst schreiben. Außerdem weiß ich nicht was ein
Noppelpreis ist.»
«Nobelpreis», sagte Roberta von Reichenstein.
«Nobelpreis“, wiederholte Tim - und knallte dabei den Basketball auf den
Boden, bevor er ihn sich wieder unter seinen Arm klemmte.
«Na gut», sagte die Katze, «dann bring mir wenigstens ein gute Schale
Milch. Nicht zu warm, nicht zu kalt, laktosefrei und fettarm. Das wird ja wohl nicht zu viel verlangt sein.»
«Mist!», sagte Tim, und schoss seinen Basketball mit dem Fuß über die
Wiese. «Aber was soll`s. Immer noch besser als eine viel zu lange Strafarbeit
mit komplizierten Wörtern.