Neira und Felix saßen draussen im Garten. Zwischen den beiden Liegestühlen loderten die Flammen der Feuerstelle. Neira machte sich Gedanken.
«Weißt du, Felix… letzthin hatte mich ein Ex-Freund wieder angeschrieben. Den, mit dem ich von 2010 bis 2012 eine Beziehung hatte. Er hat mir rundheraus geschrieben, er möchte gerne wieder eine Freundschaft genießen, und gerne eine platonische Beziehung führen…»
«Hmmm…», antwortete Felix.
«Ich habe dann nachgeschaut, was denn eine platonische Beziehung ist. In Platons ‹Symposion› schreibt er, die Liebenden sollen sich einander als Philosophen begegnen. Die Wahrheit erkennen, die Wirklichkeit ihrer Beziehung ergründen, höhere und höhere Erkenntnisstufen erklimmen…»
«Hmm…»
«Und da antwortete ich ihm, das sei mir zu viel Aufwand, so eine platonische Beziehung. Und das aufrichtige, tiefgründige Kennenlernen der anderen Person ist mir ohnehin zu intim.»
«Hmm…»
«Aber, Felix, was machen wir eigentlich morgen?»
«Hmm…»
«Felix…»
«Lass mich nachdenken.»
Damit begann sie, einen Teil des Geschirrs in die Wohnung zu räumen. Felix knabberte noch ein wenig, in Gedanken versunken, an einem Pouletschenkel. Und warf den Knochen in die Flammen.
Nach einem kurzen Zischen knackte der Knochen.
Und dann räumte Felix seinen Teil des Geschirrs ab und ging ins Haus.
Neira war schon im Tiefschlaf, als Felix ins Schlafzimmer trat. Seufzend entledigte er sich seiner Kleider, legte sich neben sie, und deckte sich zu.
Und wälzte sich unruhig im Bett.
Er dachte an den Hühnerknochen.
Er zog den Trainingsanzug an, trippelte leise in die Flur hinunter, und verscheuchte die Spinne, die sich in der Ablage gemütlich gemacht hatte und die Stirnlampen beaufsichtigte. Dann trat er in die kühle Nacht hinaus.
«Längs gespalten… keine weiteren Bruchstücke… die Bruchkante ist sehr rau.» Über die physikalische Ursache dieses Bruches machte er sich wenig Gedanken, umso mehr über dessen Form.
Kurz bevor er zu frösteln begann, vergrub er die Knochensplitter im Beet, in welchem die Tomaten wuchsen, und begab sich wieder ins Haus.
Der nächste Tag hatte es in sich. Felix und Neira hatten beide viel zu tun. Neira musste an einer Sitzung über die neue Überstundenregelung teilnehmen, und Felix saß in einer Sitzung über die Umsetzung der neuen Arbeitszeitkontrolle.
Endlich war die Sitzung zu Ende, endlich taumelte Felix müde aus dem Sitzungszimmer hinaus, besuchte die Toilette, wusch sich das Gesicht. Nur nicht müde werden! An die Splitter denken!
Als er endlich draußen war, im Auto saß, notierte er sich eine Einkaufsliste. 600 Gramm Tomaten, zwei Chilischoten – die scharfen, zwei Dosen Bohnen, zwei Zwiebeln, vielleicht noch frischen Knoblauch, Schweinsvoressen, mageren Speck, eine kleine Dose Maiskörner.
Das Kaufhaus hatte noch geöffnet. Und Neira schrieb ihm, es würde noch etwas länger dauern, mit ihrer Sitzung.
Er dachte nochmals an die Knochensplitter. Der längs gespaltene Oberschenkelknochen sagte ihm, dass sich vielleicht eine Trennung anbahnen würde, wenn sie weiterhin so viele Überstunden machen. Wenn sie sich weiterhin so anschweigen, wie gestern abends. Die raue Bruchfläche zeigte ihm: Es würden ebenso raue Zeiten bevorstehen. Er musste handeln. Die ganze Beziehung ist in Gefahr.
Er raste nach Hause, begann zu kochen, fand im Keller den alten Gaskocher, den sie nie gebraucht hatten. Im Garten befanden sich shcon die zwei Liegestühle und die Wolldecken, packte alles ins Auto, und wartete draussen auf dem Sitzplatz.
«Felix…», sagte sie und stolperte in seine Richtung, «Ich bin müde.»
«Wir gehen essen.»
«Essen? Gehen?»
«Ja. Steig ein!»
Am Waldrand kamen sie an, packten den Krempel aus, und konnten dank des vorgekochten Chili con carne – und dank des Camping-Kochgerätes – ziemlich schnell die Mahlzeit genießen. Und, nach einigen Kannen frisch gekochtem Tee, bestaunten sie, wie so oft zu Beginn ihrer Beziehung, den Sternenhimmel. Viele aufgestaute Themen konnten beackert werden, viele neue Ideen erwachten, und sie fanden auch einige Ansätze, um den alltäglichen Sorgentrott einzudämmen.
Einige Wochen später wurden sie unabhängig voneinander von Kollegen angefragt, ob sie für einen sehr guten Freund den Trauzeugen spielen könnten. Die Sache sei streng geheim, wurde ihnen aufgetragen, und für den Nachmittag bräuchten sie ein sehr gutes Alibi.
Sie sagten beide «Ja», als sie sich im Standesamt gegenüber standen.
Nochmals einige Wochen später saß Felix im Garten, mit seinem Laptop, den er anscheinend fast immer dabei hatte.
«Felix, was machst du gerade?»
«Schreiben. Etwas über das Leuchtfeuer. Das ist das Thema dieser, äh, Schreiber. Und ich habe keine Idee, wie ich das umsetzen könnte. Noch gar keine.»
«Aber ich hab dir eine andere Idee.»
«Oh. Welche denn?»
«Schreib doch über diese Hühnerknochen, die bei den Tomaten gefunden habe.»
Zitat des Monats
Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.
Chinesische Weisheit
Chinesische Weisheit
Willkommen!
Liebe Schreibende
In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.
Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.
Dann also viel Spass beim Schreiben!
Eilean
In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.
Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.
Dann also viel Spass beim Schreiben!
Eilean
Sonntag, 6. Oktober 2019
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