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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Dienstag, 13. Oktober 2009

Maera

Es war einmal an einem verschneiten Winterabend in der Stadtbibliothek einer märchenhaften Kleinstadt. Da sass das scheuste Mädchen, das die Welt je gesehen hat an seinem angestammten Platz zwischen den Bücherregalen der Mären, Sagen und Legenden. Immer, wenn es ihre häusliche Arbeit zuliess, kam es hierher und versank in einem seiner Lieblingsbücher. Es wurde von allen nur das Bücherwürmchen genannt, dabei trug es den wunderschönen Namen Maera. Hier zwischen den Regalen, wo es so vertraut nach altem Papier und Leder roch, wo die Leute kaum ein Wort miteinander wechselten, wo die Welt aus Buchstaben und Satzzeichen bestand und doch Tore zu viel grösseren Welten öffnete, dort fühlte sich Maera wohl. Auch war es hier schön warm, nicht wie in der kalten Stube zuhause, wo ihr böser Stiefvater nur darauf wartete, sie wieder wegen irgendeiner Nichtigkeit auszuschimpfen.

An diesem Abend jedoch geschah etwas Aussergewöhnliches. Als Maera so dasass, mit dem Rücken an eines der Regale gelehnt, ihr Lieblingsbuch in der Hand, blickte sie wieder einmal aus dem Fenster und freute sich, in der behaglichen Wärme zu sitzen, während draussen die Schneeflocken gemächlich vom dunklen Nachthimmel fielen. Zufällig sah sie dabei eine Sternschnuppe, so schön und von so langer Dauer, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Maera war so verzückt von dem Anblick, dass sie sich augenblicklich etwas wünschte, nämlich denselben Wunsch, den sie nicht müde wurde, jede Nacht beim Schlafengehen zu wiederholen.

„Ich wünsche mir“, sprach sie zu sich mit zusammengefalteten Händen und geschlossenen Augen, „dass einmal eines dieser wunderschönen Märchen für mich wahr wird!“

Und noch bevor sie die Augen wieder öffnete, begann der Boden mit ungeheuerlicher Kraft zu beben. Die Erde grollte, wie bei einem gewaltigen Gewitter und die Regale begannen zu schwanken. Schon fielen einzelne Bücher herab. Schrei erhoben sich aus entfernten Teilen des Raumes. Und dann fielen rumpelnd die ersten Gestelle um. Und gerade, als Maera sich unter Angstrufen in Sicherheit bringen wollte, stürzte das Bücherregal hinter ihr um und begrub sie unter einem Berg schwerer Bücher…

Das Gefühl einer rauen Wärme auf ihrer Stirn, wie von einer von harter Arbeit gezeichneten Hand weckte Maera. Sie öffnete schwerfällig die Augen und blickte überrascht in ein besorgtes, runzeliges Gesicht, das am helllichten Tag auf sie herabblickte. Was sie überraschte waren jedoch nicht die unzähligen Runzeln, die knollige Nase, die buschigen Augenbrauen und der lange, spitzige Bart, was sie viel mehr erstaunte, war die lange Zipfelmütze, die dem kleinen Mann vom Kopf hing. Dieser zog überrascht seine Hand zurück.

„Oh!“ rief dieser aus und wandte sich um. „Freut euch, Freunde! Sie lebt!“ rief er hinter sich. Sogleich erhoben sich Jubelrufe und Beifall. Der Zwerg – was der kleine, untersetzte Mann zweifellos war – wandte sich wieder Maera zu. „Kann Sie mich verstehen, holde Jungfer?“ fragte er.

Maera war kurz davor, erneut in Ohnmacht zu fallen. War es denn möglich? Konnte es sein, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war? Befand sie sich in einem Märchen? Maera nickte dem Zwerg zur Antwort zu und verspürte sogleich einen stechenden Schmerz im Nacken.

„Ist Sie verletzt?“ fragte der Zwerg besorgt.

„Ich glaube nicht“, antwortete Maera und richtete sich auf, um sich umzusehen.

„Bitte bleib Sie ruhig sitzen, schöne Maid. Ich werde jemanden rufen, der sich Ihrer annimmt.“ Damit wandte sich der Zwerg hastig um und eilte auf seinen kurzen Beinchen davon.

Bei der Gelegenheit gewahrte Maera, wo sie sich befand. Sie sass mitten auf der Lichtung eines dichten Laubwaldes. Und sie war ganz und gar nicht alleine! In nächster Nähe sass eine Gruppe weiterer solcher kleiner Männer, wie jener, der sie geweckt hatte, und umringte ein aussergewöhnlich schönes Mädchen, nicht viel älter, als Maera selbst. Etwas weiter entfernt am Waldrand sassen, eng aneinander geschmiegt, drei buschige Bären, der eine gross und massig, mit einem Strohhut auf dem Kopf, als ein Mensch, der zweite etwas kleiner, mit einer grossen, blauen Schleife hinter dem Ohr und dazwischen der dritte und kleinste Bär. An einem anderen Ende der Lichtung erblickte Maera eine wunderliche Alte, die inmitten ihres Bettzeugs zu hocken und zu weinen schien. Ein Mädchen ganz bedeckt von Gold versuchte sie liebevoll zu trösten, während ein ganz ähnliches Mädchen ganz und gar bedeckt von Pech mit verschränkten Armen daneben stand und beleidigt gen Himmel blickte. Ausserdem hatte sich eine Gruppe strahlender Jünglinge zusammen gefunden, allesamt reich geschmückt, teils mit Schwertern bewaffnet, teils hoch zu Ross, und einer der stolzen jungen Männer schien gar verletzt.

Eine Unmenge von wundersamen Gestalten tummelte sich auf dieser märchenhaften Lichtung, und sie schienen allesamt etwas verwirrt oder betrübt.

Eine weitere kuriose Gestalt fiel ihr auf. Es war ein ziemlich rundlicher Mann mit nichts als einer Krone auf dem Haupte. Er eilte stolz, jedoch verärgert, quer über die Lichtung, dicht gefolgt von drei unterwürfigen Bediensteten, die irgendetwas Unsichtbares hinter ihm her zu tragen schienen. Im Vorbeigehen erregte er viel Aufmerksamkeit, ja gar Entsetzen. Allerlei Ausruf klangen ihm nach: „Bitte mein Herr, bekleidet Euch!“ „Unverschämtheit, so etwas!“ Und ein kleines Mädchen mit einem grossen Stück Lebkuchen in der Hand fragte den Knaben, den sie mit der anderen an seiner festhielt: „Wieso trägt der Mann keine Kleider, Hänsel?“

„Das verstehe ich auch nicht, Gretel.“

Und da ging Maera endlich ein Lichtlein auf. Dies waren allesamt wohl bekannte Märchenfiguren! Natürlich! Die Alte im Bettzeug war die gute Frau Holle, der nackte Dicke war natürlich der eitle Kaiser, und was ihm seine Diener hinterher trugen waren seine neuen Kleider, die sieben Zwerge umringten natürlich ihr Schneewittchen, und am Waldrand drängte sich Familie Bär aneinander. Jetzt erkannte sie auch das Rumpelstilzchen, welches um ein Feuerchen tanzte, daneben sass der gestiefelte Kater. Auf einem grossen Kiesel sass das schöne Dornröschen und hielt sich ihren blutenden Finger, und irgendwo dazwischen schnallte sich das tapfere Schneiderlein gerade seinen Siegesgürtel um. Der böse Wolf hockte in einem dunklen Winkel und fletschte blutrünstig die Zähne. Gegenüber sassen verängstigt die sieben Geisslein. Das hässliche Entlein gesellte sich zu den sieben Raben und ein kleines Mädchen zählte ihre Schwefelhölzchen.

Maera vermochte die ganze Schar gar nicht überblicken und bevor sie weitere Märchengestalten ausmachen konnte, sprach ein gut gekleideter Herr mit einem Kneifer auf der Nase sie an: „Du bist Maera“, stellte er hochgemut fest.

„Ja, das bin ich.“

„Das war keine Frage, mein Kind. Schliesslich bin ich Doktor Allwissend.“

Maera entsann sich des eher unbekannten Märchens vom Doktor Allwissend, das sie in einer alten, verstaubten Märchensammlung gelesen hatte, und sie erinnerte sich, dass der Doktor gar kein richtiger Gelehrter war, sondern bloss ein einfacher Briefträger, der sich als solcher ausgab und gleichzeitig unheimliches Glück besass, so dass er immer zufällig die richtigen Antworten auf der Leute Fragen gab. Doch bevor sie sich weiter mit dem amüsanten Hochstapler unterhalten konnte, zerriss ein greller Schrei die Luft. Maera blickte in die Richtung, aus der er gekommen war und sah, wie Dornröschen neben dem Kiesel auf dem Grase lag und sich nicht mehr rührte. Daneben kniete ein schmutziges, aber bildhübsches Mädchen und fächelte ihr mir der von Asche befleckten Schürze Luft zu.

Schnell eilte Maera zum Dornröschen hinüber und bald hatte sich eine ganze Schar um den Schauplatz versammelt. Sofort kamen auch die Prinzen hilfsbereit herbei geeilt. Derjenige der auf dem Schimmel sass war natürlich als erster bei ihr und kletterte sogleich geschmeidig von seinem treuen Tier, um sich der schönen Prinzessin anzunehmen.

„Wie geschieht‘s der edlen Prinzessin?“ frug er besorgt.

Maera fiel der blutende Finger auf und es dämmerte ihr. Sie kam einen Schritt vor und sagte mit ruhiger Stimme: „Sie schläft nur, Eure Hoheit.“

„Wie das? Die Prinzessin ist vom Stein gefallen und Sie, junge Fremde, sagt, die Teure schlafe? Verzeih Sie meinen Zweifel, aber der Glaube an Ihre Worte fällt mir schwer.“

„Vertraut mir, Eure Hoheit! Ihr werdet sie mit einem Kuss wieder erwecken.“

Der Prinz blickte Maera verwirrt an, doch als er sah, dass sie im Ernst sprach, wartete er nicht länger zu, kniete sich neben der Schlafenden nieder und küsste sie. Doch wider Erwarten regte sich Dornröschen nicht. Der Prinz erhob sich und wandte sich vorwurfsvoll an Maera.

„Ihr Rat hat nicht geholfen, junge Maid. Hat Sie auch dafür eine Erklärung parat?“

Maera war ehrlich erstaunt. Sie überlegte angestrengt und blickte verlegen in die Runde. Da fiel ihr der verwundete junge Prinz auf, der sich ganz nach vorne gedrängt hatte und bange zu Dornröschen blickte. Er muss von dem Dornengestrüpp um das Dornröschenschloss verletzt worden sein.

„Bitte verzeiht meinen Irrtum, mein Herr.“ Sie verneigte sich tief und wandte sich dann aber dem verwundeten Prinzen zu. „ Ich möchte Euch nun bitten, dasselbe zu tun. Ich glaube, Ihr seid der Richtige!“

Der Angesprochene blickte nicht einmal erstaunt, sonder schritt eilends auf Dornröschen zu, und mit einer herzerweichenden Leidenschaft küsste er sie. Alsbald öffnete Dornröschen die Augen, gewahrte ihren Geliebten und umfasste ihn liebevoll. Danach erstrahlte ein gleissendes Licht, himmlische Klänge tausender goldener Glöckchen ertönten und auf einmal waren Dornröschen und der Prinz verschwunden! An ihrer Statt lag ein ledergebundenes Buch mit vergoldetem Seitenschnitt.

Die Zuschauer erschraken und ein unruhiges Raunen breitete sich aus. „Wo sind sie hin?!“ rief jemand. „Hexe!“ rief eine andere.

Maera erschrak ob diesem Ausruf und wich, in Erwartung eines Angriffs gegen den grossen Kiesel zurück. Doch gerade als sich wütender Beifall erhob, warf die nachdrückliche Wortmeldung eines alten Weibes den Aufstand nieder: „Unsinn!“ rief sie krächzend. „Ich bin diejenige, welche die Leute ganz zu Recht Kräuterfee nennen. Und ich weiss eine echte Hexe von anderen Weibern wohl zu unterscheiden. Dieses Kind, sage ich euch Volk, ist keine Hexe! Aber sie besitzt offenbar ein aussergewöhnliches Wissen. Daher sprich, Mädchen! Wo sind die Herrschaften hin?“

Die Menge schien ihr tatsächlich Gehör zu verleihen. Daher fasste sich Maera Mut, richtete sich auf und stieg auf den Kiesel, um für alle gut hörbar zu sein. Sie durfte nun nichts Falsches sagen, sonst würde sich die aufgebrachte Meute auf sie stürzen. Daher überlegte sie kurz und verkündete dann so überzeugend es ihr möglich war: „Dornröschen und ihr Retter sind nun wieder zuhause!“

Das Erstaunen der Versammelten war deutlich hörbar. Hensel trat plötzlich aus der Menge hervor und fragte: „Kannst du uns alle nach Hause bringen?“

„Ich möchte es versuchen. Dafür müsst ihr tun, wie ich euch heisse.“

„Ich traue dir nicht“, warf das Rumpelstilzchen ein. „Wie kann ich sicher sein, dass ich auch wirklich nach Hause komme und du mich nicht an irgendeinen vermaledeiten Ort schickst?“

„Sicherheit wirst du wohl erst erlangen, wenn du dort angekommen bist. Jedoch haltet ein!“ Sie kletterte vom Felsbrocken und erhob das Buch. Doch als sie es öffnete, fand sie lauter leere Seiten vor. Nur ein paar wenige schienen beschrieben und diese Worte berichteten – ihr habt es bestimmt schon vermutet – von der Maere des Dornröschens. Und auf einem wunderschönen, goldverzierten Holzschnitt war die Prinzessin mit ihrem Retter dem Prinzen zu sehen, wie sie liebevoll umarmt vor dem Schlosse Hochzeit feierten.

Maera hob das Buch hoch und offenbarte: „Seht, ihr Lieben, Dornröschen ist zuhause angekommen.“ Und mit wenigen Worten erklärte sie der Zuhörerschar, woher sie die Lösung des Rätsels gewusst hatte. Alle waren begeistert und fassten neue Hoffnung.

„Dann sind wir nichts als Märchenfiguren?“ fragte auf einmal das Tischlein-Deck-Dich scheu.

„Wieso so bescheiden, liebes Tischlein? Eure Maeren werden von Generation zu Generation weiter gegeben. Ihr seid in vielen Köpfen in besserer Erinnerung, als manch mächtiger Herrscher, der grosse Kriege gefochten und sein Land zu Ruhm und Wohlstand gebracht hat!“

Das Tischlein klapperte freudig mit Geschirr und Besteck.

„Dann hilf uns bitte schnell wieder nachhause, liebe Maera!“ rief Frau Holle und schüttelte ein Kissen. „Sonst haben die Menschen auf der Erde keinen Schnee mehr!“

„Wie wahr!“ stimmte Maera zu. „So sei es denn!“

Und damit begann sie, allen Figuren der Reihe nach ihre Rolle zu erklären. Dem Aschenputtel sollte der Prinz den gläsernen Schuh aufsetzen und – schwupp! – waren sie verschwunden und einige Seiten zusätzlich im goldenen Buche mit der Maere vom Aschenputtel beschrieben. Das Schneewittchen sollte in den roten Apfel beissen und der Prinz mit dem Rappen sie dann vor dem Ersticken erretten – schwupp! Dem Kaiser erklärte Maera, dass er gar nichts anhabe, und als dieser die Wahrheit einsah, verschwanden er und seine Diener langsam – schwupp! Der fliegende Koffer wurde im Feuer des Rumpelstilzchens verbrannt – schwupp! Der Bauerstochter verriet Maera den Namen des Rumpelstilzchens – schwupp! Däumelinchen heiratete den König der Blumen – schwupp! Der Holzfäller verprasste seine drei freien Wünsche blödsinnig – schwupp! Dem Zwerg Nase suchte Maera das Kraut Niesmitlust unter einer Kastanie – schwupp! Allerleirauh wurde als schöne Prinzessin entlarvt und vom König zur Frau genommen – schwupp! Das tapfere Schneiderlein vereitelte den Anschlag und ward König – schwupp! Der gestiefelte Kater überlistete den König, sodass dieser seinem Herrn dem Müllersohn die schöne Prinzessin zur Frau gab – schwupp! Dem Wolf schnitt Maera den Bauch auf, woraus das Rotkäppchen und dessen Grossmutter erstiegen, und die sieben Geisslein füllten den Wolfsbauch an ihrer Statt mit grossen, runden Steinen – schwupp! – schwupp! Auch dem Hans im Glück half sie auf diese Weise. Und dem Mädchen mit den Schwefelhölzern. Dem, der auszog, das Fürchten zu lernen, dem Tischlein-Deck-Dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack, den Geschwistern Schneeweisschen und Rosenrot, dem kleinen Däumling, den drei Bären und den Geschwistern Hänsel und Gretel. Den sieben Raben, dem Mädchen mit dem Nusszweiglein, dem hässlichen jungen Entlein, den Wichtelmännern und Jack mit den Zauberbohnen.

So war die Lichtung bald einsam und menschenleer, und das dicke, goldbeschlagene Buch war bis auf wenige Seiten mit all den schönen Märchen gefüllt. Geblieben waren nur Maera und der Doktor Allwissend.

„Ganz artig hast du das gemacht, liebes Mädchen. Ganz, wie ich es auch getan hätte!“

Maera schenkte dem Eigenlob des selbstgefälligen Doktor Allwissend keine Beachtung und überlegte stattdessen angestrengt, wie sie nun dieses letzte Märchen zu seinem regelrechten Ende bringen sollte. Da kam ihr eine Idee. Sie hoffte sehr, dass ihr Plan klappen würde, denn wenn nicht, könnte dies ebenso gut ihr aller Untergang bedeuten! Denn wenn das erfüllen der Märchen ihre Rettung war, was würde das Gegenteil bewirken? Sie erschauderte bei dem Gedanken, doch sie verlor keine Zeit und bat den Doktor Allwissend: „Lieber Doktor Allwissen, Ihr seid doch so klug, wie sonst keiner, so helft mir, lieber Doktor, damit wir beide wieder zurück nach Hause gehen können! Wie soll ich das anrichten?“

Der Doktor blickte nachdenklich drein, legte seine Stirn schlau in Falten und strich sich über seinen Bart. Natürlich wusste er die Lösung nicht, doch dem Märchen zufolge, – so erinnerte sich Maera – hatte er immer das Glück, trotzdem die richtige Antwort auf alle Fragen zu finden.

In diesem Moment flog ein grosser Zugvogel über den Himmel, und der Doktor sprach, den Vogel bedeutend: „Du fliegst nach Hause, wie du gekommen bist.“

Und als Maera die Worte des Doktors verstand, legte sie sich an die Stelle, wo sie von dem Zwerg geweckt worden war und sprach: „Vielen Dank, lieber Doktor Allwissend! Ihr habt uns beide gerettet! Lebet wohl! Ihr sollt mir ewig in Erinnerung bleiben!“ Und kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, verblasste der winkende Doktor, und Maera schloss die Augen…

Eine sanfte Berührung ihrer Haare weckte Maera erneut. Erstaunt blickte sie in das strahlende Gesicht eines wunderschönen Jünglings.

„Wie gut, Euch lebendig zu wissen, meine Liebe. Euch muss ein ziemlich schweres Buch niedergestreckt haben, dass Ihr so lange ohnmächtig wart. Dies war wohl der Übeltäter!“ Er hob ein schweres, ledergebundenes Buch, mit goldenen Verzierungen und noch goldenerem Schnitt. Auf dem reich verzierten Buchdeckel stand in glänzenden Lettern geschrieben: Maeren für Maera.

„Dieses Buch habe ich aber noch nie gesehen, und ich kenne eigentlich alle Bücher meiner Bibliothek…“ bemerkte der schöne Jüngling verwundert. Da gewahrte er das Strahlen auf dem Gesicht des hübschen Mädchens, worauf er erstaunt fragte: „Heisst Ihr etwa Maera?“

Anstelle einer Antwort sagte Maera: „Dieses Buch mag mich erschlagen haben, jedoch hat es mich damit gerettet!“ Und ohne ein weiteres Wort küssten sie sich.

Drei Tage später feierte die ganze Stadt auf dem grossen Marktplatz vor der Kirche ein fröhliches Fest zur Hochzeit von Maera und dem Bürgermeistersohn. Im Herbst ward ein Sohn geboren und im Sommer darauf ein Mädchen. Und jede Nacht vor dem Einschlafen las Maera ihren Liebsten aus dem wundersamen Märchenbuch vor. Doch am liebsten hörten die Kleinen die Geschichte, wie das Märchenbuch die geheimnisvolle Widmung zu tragen bekam. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ende

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Märchen?

"Erzählt mir doch keine Märchen..." Wie oft kann man diesen Staz hören? Der Märchenonkel ist einer, der entweder kleinen Kindern eine hübsche Gute Nachtgeschichte erzählt, oder einer der gerne einmal Geschichten erfindet um sich besser, interessanter oder wichtiger zu machen, als er tatsächlich ist.
Neulich habe ich mit einer lieben Freundin geredet und ihr gesagt, daß ich als ich sie kennenlernte niemals das Gefühl hatte, von ihr Märchen aufgetischt zu bekommen. Gleichfalls behandelte ich sie. Ich wollte von Anfang an eine größtmögliche Ehrlichkeit in unserer noch sehr jungen Freundschaft haben. Doch wieviel möchte man von sich preisgeben? Wo ist die Wahrheit an ihren Grenzen und wo sollte man mit einem Märchen anfangen? Wohin führt es, wenn wir anderen Märchen erzählen? Und, sind Märchen nicht eigentlich Lügen? Ist das Lügen uns Christen nicht eingentlich verboten?

"Du sollst nicht lügen", so steht es in den 10 Geboten, die Moses dem Volk Israel in die Wüste brachte. Er erhielt sie, laut Bibel, direkt von Gott der sie ihm auf einem Berg offenbarte. Seit dem zu mindest, ist es der Christenheit untersagt zu lügen. Die 10 Gebote sind das Fundament unserer modernen Rechtsprechung und freiheitlichen Verfassungen. Verfassungen, denen auch ein anderer Grundsatz zu Grunde liegt, den wir von Gott erhalten haben. Trotz aller Gebote, oder für manche auch Verbote, hat Gott uns unsere Entscheidungsfreiheit gegeben. Wir haben das Recht zu lügen, so wie wir das Recht haben die Wahrheit zu sagen.
Nun, es wird also keinen der Schlag treffen, wenn er oder sie uns Märchen auftischen. Auch wird kein Gericht uns verurteilen, wenn wir unserem Freund, Partner oder Kollegen die eine oder andere Lüge auftischen - sofern es keinen Materiellen oder Körperlichen Schaden anrichtet.

Jedoch, ist ein Märchen wirklich das Selbe wie eine Lüge?
Was ist eigentlich ein Märchen? Ein Märchen ist meist eine Geschichte, in der wundersame Dinge geschehen, wie z.b. Tiere die sprechen, Zauberer, Feen und Hexen wirken und Menschen scheinbar übernatürliche Fähigkeiten besitzen oder diesen ausgesetzt sind. Es sind frei erfundene oder mit historischem Hintergrund belegbare Geschichten, die auch zum Teil einer Kultur zu zuordnen sind.
Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Sender (Lügner) weiß oder vermutet, dass sie unwahr ist, und die mit der Absicht geäußert wird, dass der oder die Hörer sie trotzdem glauben.[1] Dies geschieht meist, um einen Vorteil zu erlangen oder um einen Fehler oder eine verbotene Handlung zu verdecken und so Kritik oder Strafe zu entgehen. Gelogen wird aber auch aus Höflichkeit, aus Scham, aus Angst, zum Schutz anderer Personen oder um die Pläne des Gegenübers zu vereiteln. (Zitat aus Wikipedia)

Wenn ich also Märchen über mich erzähle, ist es dann weniger verwerflich als wenn ich über mich lügen würde? Ist es nur eine Wortspielerei über ein und die Selbe Tatsache?
Wer schon einmal in einem Singlechatroom unterwegs gewesen ist, kann ein Lied davon singen wie Menschen Märchen und Lügen über sich erzählen nur um auf sich aufmerksam zu machen.
Ich möchte noch einmal die Frage vom Anfang stellen: Wieviel möchte man von sich preisgeben?

Ich persönlich liebe Geschichten, ich mag auch Märchen und manchmal, möchte ich gerne ein ganz klein bisschen angelogen werden, natürlich nur im Sinne der Definition aus Wikipedia: "Gelogen wird aber auch aus Höflichkeit..." Wenn man selber weiß, daß man nach den Weihnachtsfeierlichkeiten wieder zugenommen hat, und dann sagt einem ein Bekannter nicht "Mann du bist aber dick geworden!" sondern: "Hey du siehst aner gut aus...!"

Lasst mich aber den Zeigefinger mahnend erheben, ein manches Märchen, eine manche Lüge kann sich nach langer Zeit zu einem Fluch auswirken. Überlegen wir uns immer, ist es nicht besser die Wahrheit zu sagen? Ist es nicht gewinnbringender auf Dauer, als wenn man sich von einer Lüge in die nächste verstrickt um am Ende sich selbst im Netz seiner Lügen, Unwahrheiten und Märchen gefangen zu haben?
Gehört es nicht zu den schönsten Dingen die man erleben kann, wenn man von einer Freundin, einem Freund gesagt bekommt: "Ich habe dich lieb!" Wenn man so etwas gesagt bekommt und man weiß daß diese Person absolut vertrauenswürdig und ehrlich ist... niemals möchte man solche Augenblicke vermissen.

Lasst uns also einander immer ehrlich gegenüber bleiben, aber dennoch gute Märchen zu schätzen wissen, als Geschichten und als Anekdoten.
In diesem Sinne, euer Mikka

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Es war einmal ein kleiner komischer Mann, den kaum einer kannte und den die meisten anderen Menschen geflissentlich zu übersehen pflegten. Er war etwa mittleren Alters und hatte eigentlich gar nichts an sich, was ihn auszeichnete. Nennen wir ihn einfach mal TOM.
Tom war in der Stadt um einige Besorgungen zu machen, er hatte es sehr eilig, denn um halb sechs würde im Fernsehen das Fußballspiel seiner Lieblingsmannschaft übertragen.
Tom hatte viel Zeit, denn er war arbeitslos, lebte aber dennoch nicht in Armut, da er gut mit Geld umgehen konnte. Er hätte es sich leisten können eine Eintrittskarte für das Stadion zu kaufen, um seine Mannschaft life erleben zu können, aber er dachte sich, "warum habe ich mir vor 15 jahren einen Fernseher gekauft, wenn ich zum Spiel ins Stadion gehe und noch einmal bezahle?" Also war Tom nun auf dem Weg zum Arbeitsamt um sich seinen Stempel abzuholen und danach noch zu Aldi zu gehen um sich etwas Knabberei zu besorgen. Natürlich wäre auch das eine Ausgabe die sich Tom nicht erlauben würde, denn so Sachen zum Knabbern kosten Geld und ernähren falsch. Aber zum Fußballspiel dachte er sich, wollte er es mal so richtig krachen lassen.
Tom stand an der Kasse bei Aldi und legte eine Tüte Chips mit Paprika, eine Dose Erdnüsse, ein Sixpack Export Bier und einen schweizer Birchermüsli auf das Band. Die gestresste Kassiererin zog die Sachen lust- und lieblos über den Scanner und jedesmal wenn etwas drüber gezogen wurde machte die Kasse monoton "BÜP". Die Erdnüsse - "BÜP", das Bier - "BÜP", das Birchermüsli - "BÜP"... "BÜP" ... "BÜP"...
Die Kassiererin erhob sich elegant und fast schon majestätisch von ihrem Sitz und lächelte Tom an. Mit einer alles durchdringenden, melodischen und warmen Samtstimme erklärte die Kassiererin feierlich:
"Sie sind der Millionste Kunde, der dieses Schweizer Birchermüsli mit echten Kanadischen Rosinen und ganzen Haselnüssli gekauft hat. Der Müslikönig ernennt dich zu seinem Prinzen und gewährt dir drei Wünsche!"
"Was? Wollen sie mich jetzt verarschen?"
Tom war etwas säuerlich, denn er nahm an, daß es sich um einen blöden Scherz handelte, aber die kassiererin lies sich nicht beirren und fuhr fort:
"Sie haben die Möglichkeit sich ihre Wünsche noch zu überlegen, doch warten sie nicht zu lange und wählen sie weise!"
Tom schüttelte seinen Kopf und legte das Geld für seine Sachen auf die Kasse, doch bevor er gehen wollte drückte ihm die Kassiererin noch einen Umschlag in die Hand und sagte:
"Dies ist ihr persönlicher Gutschein, verlieren sie ihn nicht und bringen ihn ausgefüllt innerhalb der nächsten 14 Tage zu diesem Aldimarkt!"

Toms Mannschaft verlor das Match schon wieder und er ärgerte sich sehr. Er begann seinen Wohnzimmertisch aufzuräumen, wobei ihm der Umschlag, den er noch nicht geöffnet hatte, wieder in die Hände fiel. Er betrachtete ihn und fragte sich was es wohl mit dieser komischen Sache auf sich hatte. Er öffnete den Umschlag und entnahm das Schriftstück, auf dem im wesentlichen das Selbe stand, wie das was die Ksssiererin ihm schon gesagt hatte. Er warf den Umschlag, samt Schreiben in den Abfall, doch irgend etwas seltsames passierte. Das Papier fiel immer daneben, es gelang ihm nicht es in den Eimer zu bekommen. Selbst als er es in die Hand nahm und direkt in den Eimersteckte und ganz nach unten drückte, es flog immer wieder hinaus. Plötzlich hörte er wieder die Stimme der Kassiererin, die ihn ermahnte das Schreiben auszufüllen.
Tom war wie im Trance, als er eine Stift in die Hand nahm und die Fragen die seine Person betrafen ausfüllte. Dann kam die Frage 8! "Welches sind ihre drei Wünsche?"
Tom überlegte... es gab vieles was er sich wünschte, einen Job, Geld, eine Frau, Gesundheit, ein Auto, den Meistertitel für seine Mannschaft...und...und einen neuen Körper. Endlich attraktiv sein, beachtet zu werden und beliebt zu sein, ja das wünschte sich Tom am sehnlichsten.
Er schrieb: "Ich möchte attraktiv sein", "Ich möchte genug Geld haben um nie wieder sparen zu müssen." "Ich möchte eine Frau!"
Er überflog noch einmal was er geschrieben hatte. "Ja" sagte er, als er seinen ersten Wunsch laß. Und "Ja" sagte er auch beim zweiten und dritten Wunsch. Er war sich sicher. Er steckte das Blatt zurück in das Kuvert und beschloss es gleich morgen abzugeben.

Er stand vor der Tür des Marktleiters, mußte grinsen und dachte: "Mal sehen wie sie mir hier diese Wünsche erfüllen wollen!"
Die Tür wurde geöffnet und er blickte in ein sehr helles Licht. Fast war er geblendet und dann sah er sie... Die Kassiererin stand ganz nah vor ihm, ihr Duft hüllte ihn ein und er atmete ihren Atem... sie war schön, unglaublich schön und ihr Atem ging regelmässig und schwer, als sie sich ihm näherte. "Verdammt ist das schön, die will mich küssen..." Tom atmete plötzlich heftig. Er fühlte ihre weichen warmen Lippen auf den seinen und fühlte wie wohlig warm und aufregend es seinen ganzen Körper durchströmte. Wie neues weiches Leben, das in ihn gehaucht wurde. Er liebte diese Frau und er freute sich, daß schon einer seiner Träume erfüllt wurde.

Plötzlich entstanden vor seinen Augen viele Gesichter und neben seiner "Liebsten" erschien noch ein anderes. es war Männlich!?
Der Mann war in weiß gekleidet, der Mann grinste, der Mann rief: "Na wieder unter den Lebenden?" Jetzt begann Tom zu sehen, er lag auf dem Fußboden neben der Kasse und die ganzen Leute starrten ihn an. Der Mann war Rettungssanitäter. Wieder ein Wunsch, der sich erfüllt hatte, er wurde plötzlich beachtet, von allen! Und die Frau? Nun sie hatte ihn beatmet, hatte ihre Lippen auf seinen Mund gelegt und ihm ihren Atem eingehaucht, sie hatte ihn mit Leben erfüllt. Das war es was etwas in ihm veränderte. Er fühlte sich dieser fremden Frau verbunden und er sah in ihre Augen. Er verliebte sich in diese Augen.

Als Tom wieder daheim war, stand er vor dem Spiegel und fasst einen Entschluß, der alles verändern würde. Er wollte diese Frau kennenlernen und wollte ihr Herz erobern. Nie zuvor hatte er diese Kraft in sich gefühlt, doch nie würde er das Gefühl vergessen, was er hatte, als sie ihn beatmete.
Tom änderte sein Äußeres, er rasierte sich endlich einmal, duschte mal wieder und kaufte sich bei C&A neue Klamotten. Er ging zum Frisör und dann zu Aldi. Dort kaufte er kein Sixpack Exportbier, sondern einen Strauß rote Rosen zu 5.99€ und einen Prädikat Sekt zu 6.99€. beides legte er auf das Band und als die Kassiererin die Waren zu sich heran fahren ließ, sah sie die Blumen und blickte auf. Sie sah diesen kleinen Mann, der sehr gut aussah und ein warmes Lächeln auf seinem Gesicht trug. Sie erkannte ihn, als er sagte: "Sie haben so viel für mich getan, sie haben mir das schönste Geschenk gemacht, daß man einem Menschen nur schenken kann, sie haben mein armsseliges Leben gerettet und etwas in mir verändert. Darf ich sie fragen ob sie mit mir ausgehen möchten?"
Die Kassierin war sehr überrascht, doch sie sah in seine Augen und erblickte Ehrlichkeit und dann sagte sie: "Ja! Ja ich werde gerne mit ihnen ausgehen!"
Sie verliebten sich in einander und wurden ein Paar. Ein Paar, das so schön zusammen war, daß viele Leute sie ansahen und dachten, wie glücklich die beiden waren. Und weil Tom nun auch nach außen ein ganz neuer Mensch war, strahlte er etwas aus, daß bei seiner nächsten Bewerbung bei einer Firma zum Erfolg führte. Er bekam eine Stelle in der er genug verdiente um nicht mehr Sparen zu müssen.

Ein Märchen?
Vielleicht, aber eines was durchaus so passiert sein könnte und auch eines, was für jeden wahr werden könnte. Ein Märchen, daß keines bleiben muß.