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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Dienstag, 13. Oktober 2009

Maera

Es war einmal an einem verschneiten Winterabend in der Stadtbibliothek einer märchenhaften Kleinstadt. Da sass das scheuste Mädchen, das die Welt je gesehen hat an seinem angestammten Platz zwischen den Bücherregalen der Mären, Sagen und Legenden. Immer, wenn es ihre häusliche Arbeit zuliess, kam es hierher und versank in einem seiner Lieblingsbücher. Es wurde von allen nur das Bücherwürmchen genannt, dabei trug es den wunderschönen Namen Maera. Hier zwischen den Regalen, wo es so vertraut nach altem Papier und Leder roch, wo die Leute kaum ein Wort miteinander wechselten, wo die Welt aus Buchstaben und Satzzeichen bestand und doch Tore zu viel grösseren Welten öffnete, dort fühlte sich Maera wohl. Auch war es hier schön warm, nicht wie in der kalten Stube zuhause, wo ihr böser Stiefvater nur darauf wartete, sie wieder wegen irgendeiner Nichtigkeit auszuschimpfen.

An diesem Abend jedoch geschah etwas Aussergewöhnliches. Als Maera so dasass, mit dem Rücken an eines der Regale gelehnt, ihr Lieblingsbuch in der Hand, blickte sie wieder einmal aus dem Fenster und freute sich, in der behaglichen Wärme zu sitzen, während draussen die Schneeflocken gemächlich vom dunklen Nachthimmel fielen. Zufällig sah sie dabei eine Sternschnuppe, so schön und von so langer Dauer, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Maera war so verzückt von dem Anblick, dass sie sich augenblicklich etwas wünschte, nämlich denselben Wunsch, den sie nicht müde wurde, jede Nacht beim Schlafengehen zu wiederholen.

„Ich wünsche mir“, sprach sie zu sich mit zusammengefalteten Händen und geschlossenen Augen, „dass einmal eines dieser wunderschönen Märchen für mich wahr wird!“

Und noch bevor sie die Augen wieder öffnete, begann der Boden mit ungeheuerlicher Kraft zu beben. Die Erde grollte, wie bei einem gewaltigen Gewitter und die Regale begannen zu schwanken. Schon fielen einzelne Bücher herab. Schrei erhoben sich aus entfernten Teilen des Raumes. Und dann fielen rumpelnd die ersten Gestelle um. Und gerade, als Maera sich unter Angstrufen in Sicherheit bringen wollte, stürzte das Bücherregal hinter ihr um und begrub sie unter einem Berg schwerer Bücher…

Das Gefühl einer rauen Wärme auf ihrer Stirn, wie von einer von harter Arbeit gezeichneten Hand weckte Maera. Sie öffnete schwerfällig die Augen und blickte überrascht in ein besorgtes, runzeliges Gesicht, das am helllichten Tag auf sie herabblickte. Was sie überraschte waren jedoch nicht die unzähligen Runzeln, die knollige Nase, die buschigen Augenbrauen und der lange, spitzige Bart, was sie viel mehr erstaunte, war die lange Zipfelmütze, die dem kleinen Mann vom Kopf hing. Dieser zog überrascht seine Hand zurück.

„Oh!“ rief dieser aus und wandte sich um. „Freut euch, Freunde! Sie lebt!“ rief er hinter sich. Sogleich erhoben sich Jubelrufe und Beifall. Der Zwerg – was der kleine, untersetzte Mann zweifellos war – wandte sich wieder Maera zu. „Kann Sie mich verstehen, holde Jungfer?“ fragte er.

Maera war kurz davor, erneut in Ohnmacht zu fallen. War es denn möglich? Konnte es sein, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war? Befand sie sich in einem Märchen? Maera nickte dem Zwerg zur Antwort zu und verspürte sogleich einen stechenden Schmerz im Nacken.

„Ist Sie verletzt?“ fragte der Zwerg besorgt.

„Ich glaube nicht“, antwortete Maera und richtete sich auf, um sich umzusehen.

„Bitte bleib Sie ruhig sitzen, schöne Maid. Ich werde jemanden rufen, der sich Ihrer annimmt.“ Damit wandte sich der Zwerg hastig um und eilte auf seinen kurzen Beinchen davon.

Bei der Gelegenheit gewahrte Maera, wo sie sich befand. Sie sass mitten auf der Lichtung eines dichten Laubwaldes. Und sie war ganz und gar nicht alleine! In nächster Nähe sass eine Gruppe weiterer solcher kleiner Männer, wie jener, der sie geweckt hatte, und umringte ein aussergewöhnlich schönes Mädchen, nicht viel älter, als Maera selbst. Etwas weiter entfernt am Waldrand sassen, eng aneinander geschmiegt, drei buschige Bären, der eine gross und massig, mit einem Strohhut auf dem Kopf, als ein Mensch, der zweite etwas kleiner, mit einer grossen, blauen Schleife hinter dem Ohr und dazwischen der dritte und kleinste Bär. An einem anderen Ende der Lichtung erblickte Maera eine wunderliche Alte, die inmitten ihres Bettzeugs zu hocken und zu weinen schien. Ein Mädchen ganz bedeckt von Gold versuchte sie liebevoll zu trösten, während ein ganz ähnliches Mädchen ganz und gar bedeckt von Pech mit verschränkten Armen daneben stand und beleidigt gen Himmel blickte. Ausserdem hatte sich eine Gruppe strahlender Jünglinge zusammen gefunden, allesamt reich geschmückt, teils mit Schwertern bewaffnet, teils hoch zu Ross, und einer der stolzen jungen Männer schien gar verletzt.

Eine Unmenge von wundersamen Gestalten tummelte sich auf dieser märchenhaften Lichtung, und sie schienen allesamt etwas verwirrt oder betrübt.

Eine weitere kuriose Gestalt fiel ihr auf. Es war ein ziemlich rundlicher Mann mit nichts als einer Krone auf dem Haupte. Er eilte stolz, jedoch verärgert, quer über die Lichtung, dicht gefolgt von drei unterwürfigen Bediensteten, die irgendetwas Unsichtbares hinter ihm her zu tragen schienen. Im Vorbeigehen erregte er viel Aufmerksamkeit, ja gar Entsetzen. Allerlei Ausruf klangen ihm nach: „Bitte mein Herr, bekleidet Euch!“ „Unverschämtheit, so etwas!“ Und ein kleines Mädchen mit einem grossen Stück Lebkuchen in der Hand fragte den Knaben, den sie mit der anderen an seiner festhielt: „Wieso trägt der Mann keine Kleider, Hänsel?“

„Das verstehe ich auch nicht, Gretel.“

Und da ging Maera endlich ein Lichtlein auf. Dies waren allesamt wohl bekannte Märchenfiguren! Natürlich! Die Alte im Bettzeug war die gute Frau Holle, der nackte Dicke war natürlich der eitle Kaiser, und was ihm seine Diener hinterher trugen waren seine neuen Kleider, die sieben Zwerge umringten natürlich ihr Schneewittchen, und am Waldrand drängte sich Familie Bär aneinander. Jetzt erkannte sie auch das Rumpelstilzchen, welches um ein Feuerchen tanzte, daneben sass der gestiefelte Kater. Auf einem grossen Kiesel sass das schöne Dornröschen und hielt sich ihren blutenden Finger, und irgendwo dazwischen schnallte sich das tapfere Schneiderlein gerade seinen Siegesgürtel um. Der böse Wolf hockte in einem dunklen Winkel und fletschte blutrünstig die Zähne. Gegenüber sassen verängstigt die sieben Geisslein. Das hässliche Entlein gesellte sich zu den sieben Raben und ein kleines Mädchen zählte ihre Schwefelhölzchen.

Maera vermochte die ganze Schar gar nicht überblicken und bevor sie weitere Märchengestalten ausmachen konnte, sprach ein gut gekleideter Herr mit einem Kneifer auf der Nase sie an: „Du bist Maera“, stellte er hochgemut fest.

„Ja, das bin ich.“

„Das war keine Frage, mein Kind. Schliesslich bin ich Doktor Allwissend.“

Maera entsann sich des eher unbekannten Märchens vom Doktor Allwissend, das sie in einer alten, verstaubten Märchensammlung gelesen hatte, und sie erinnerte sich, dass der Doktor gar kein richtiger Gelehrter war, sondern bloss ein einfacher Briefträger, der sich als solcher ausgab und gleichzeitig unheimliches Glück besass, so dass er immer zufällig die richtigen Antworten auf der Leute Fragen gab. Doch bevor sie sich weiter mit dem amüsanten Hochstapler unterhalten konnte, zerriss ein greller Schrei die Luft. Maera blickte in die Richtung, aus der er gekommen war und sah, wie Dornröschen neben dem Kiesel auf dem Grase lag und sich nicht mehr rührte. Daneben kniete ein schmutziges, aber bildhübsches Mädchen und fächelte ihr mir der von Asche befleckten Schürze Luft zu.

Schnell eilte Maera zum Dornröschen hinüber und bald hatte sich eine ganze Schar um den Schauplatz versammelt. Sofort kamen auch die Prinzen hilfsbereit herbei geeilt. Derjenige der auf dem Schimmel sass war natürlich als erster bei ihr und kletterte sogleich geschmeidig von seinem treuen Tier, um sich der schönen Prinzessin anzunehmen.

„Wie geschieht‘s der edlen Prinzessin?“ frug er besorgt.

Maera fiel der blutende Finger auf und es dämmerte ihr. Sie kam einen Schritt vor und sagte mit ruhiger Stimme: „Sie schläft nur, Eure Hoheit.“

„Wie das? Die Prinzessin ist vom Stein gefallen und Sie, junge Fremde, sagt, die Teure schlafe? Verzeih Sie meinen Zweifel, aber der Glaube an Ihre Worte fällt mir schwer.“

„Vertraut mir, Eure Hoheit! Ihr werdet sie mit einem Kuss wieder erwecken.“

Der Prinz blickte Maera verwirrt an, doch als er sah, dass sie im Ernst sprach, wartete er nicht länger zu, kniete sich neben der Schlafenden nieder und küsste sie. Doch wider Erwarten regte sich Dornröschen nicht. Der Prinz erhob sich und wandte sich vorwurfsvoll an Maera.

„Ihr Rat hat nicht geholfen, junge Maid. Hat Sie auch dafür eine Erklärung parat?“

Maera war ehrlich erstaunt. Sie überlegte angestrengt und blickte verlegen in die Runde. Da fiel ihr der verwundete junge Prinz auf, der sich ganz nach vorne gedrängt hatte und bange zu Dornröschen blickte. Er muss von dem Dornengestrüpp um das Dornröschenschloss verletzt worden sein.

„Bitte verzeiht meinen Irrtum, mein Herr.“ Sie verneigte sich tief und wandte sich dann aber dem verwundeten Prinzen zu. „ Ich möchte Euch nun bitten, dasselbe zu tun. Ich glaube, Ihr seid der Richtige!“

Der Angesprochene blickte nicht einmal erstaunt, sonder schritt eilends auf Dornröschen zu, und mit einer herzerweichenden Leidenschaft küsste er sie. Alsbald öffnete Dornröschen die Augen, gewahrte ihren Geliebten und umfasste ihn liebevoll. Danach erstrahlte ein gleissendes Licht, himmlische Klänge tausender goldener Glöckchen ertönten und auf einmal waren Dornröschen und der Prinz verschwunden! An ihrer Statt lag ein ledergebundenes Buch mit vergoldetem Seitenschnitt.

Die Zuschauer erschraken und ein unruhiges Raunen breitete sich aus. „Wo sind sie hin?!“ rief jemand. „Hexe!“ rief eine andere.

Maera erschrak ob diesem Ausruf und wich, in Erwartung eines Angriffs gegen den grossen Kiesel zurück. Doch gerade als sich wütender Beifall erhob, warf die nachdrückliche Wortmeldung eines alten Weibes den Aufstand nieder: „Unsinn!“ rief sie krächzend. „Ich bin diejenige, welche die Leute ganz zu Recht Kräuterfee nennen. Und ich weiss eine echte Hexe von anderen Weibern wohl zu unterscheiden. Dieses Kind, sage ich euch Volk, ist keine Hexe! Aber sie besitzt offenbar ein aussergewöhnliches Wissen. Daher sprich, Mädchen! Wo sind die Herrschaften hin?“

Die Menge schien ihr tatsächlich Gehör zu verleihen. Daher fasste sich Maera Mut, richtete sich auf und stieg auf den Kiesel, um für alle gut hörbar zu sein. Sie durfte nun nichts Falsches sagen, sonst würde sich die aufgebrachte Meute auf sie stürzen. Daher überlegte sie kurz und verkündete dann so überzeugend es ihr möglich war: „Dornröschen und ihr Retter sind nun wieder zuhause!“

Das Erstaunen der Versammelten war deutlich hörbar. Hensel trat plötzlich aus der Menge hervor und fragte: „Kannst du uns alle nach Hause bringen?“

„Ich möchte es versuchen. Dafür müsst ihr tun, wie ich euch heisse.“

„Ich traue dir nicht“, warf das Rumpelstilzchen ein. „Wie kann ich sicher sein, dass ich auch wirklich nach Hause komme und du mich nicht an irgendeinen vermaledeiten Ort schickst?“

„Sicherheit wirst du wohl erst erlangen, wenn du dort angekommen bist. Jedoch haltet ein!“ Sie kletterte vom Felsbrocken und erhob das Buch. Doch als sie es öffnete, fand sie lauter leere Seiten vor. Nur ein paar wenige schienen beschrieben und diese Worte berichteten – ihr habt es bestimmt schon vermutet – von der Maere des Dornröschens. Und auf einem wunderschönen, goldverzierten Holzschnitt war die Prinzessin mit ihrem Retter dem Prinzen zu sehen, wie sie liebevoll umarmt vor dem Schlosse Hochzeit feierten.

Maera hob das Buch hoch und offenbarte: „Seht, ihr Lieben, Dornröschen ist zuhause angekommen.“ Und mit wenigen Worten erklärte sie der Zuhörerschar, woher sie die Lösung des Rätsels gewusst hatte. Alle waren begeistert und fassten neue Hoffnung.

„Dann sind wir nichts als Märchenfiguren?“ fragte auf einmal das Tischlein-Deck-Dich scheu.

„Wieso so bescheiden, liebes Tischlein? Eure Maeren werden von Generation zu Generation weiter gegeben. Ihr seid in vielen Köpfen in besserer Erinnerung, als manch mächtiger Herrscher, der grosse Kriege gefochten und sein Land zu Ruhm und Wohlstand gebracht hat!“

Das Tischlein klapperte freudig mit Geschirr und Besteck.

„Dann hilf uns bitte schnell wieder nachhause, liebe Maera!“ rief Frau Holle und schüttelte ein Kissen. „Sonst haben die Menschen auf der Erde keinen Schnee mehr!“

„Wie wahr!“ stimmte Maera zu. „So sei es denn!“

Und damit begann sie, allen Figuren der Reihe nach ihre Rolle zu erklären. Dem Aschenputtel sollte der Prinz den gläsernen Schuh aufsetzen und – schwupp! – waren sie verschwunden und einige Seiten zusätzlich im goldenen Buche mit der Maere vom Aschenputtel beschrieben. Das Schneewittchen sollte in den roten Apfel beissen und der Prinz mit dem Rappen sie dann vor dem Ersticken erretten – schwupp! Dem Kaiser erklärte Maera, dass er gar nichts anhabe, und als dieser die Wahrheit einsah, verschwanden er und seine Diener langsam – schwupp! Der fliegende Koffer wurde im Feuer des Rumpelstilzchens verbrannt – schwupp! Der Bauerstochter verriet Maera den Namen des Rumpelstilzchens – schwupp! Däumelinchen heiratete den König der Blumen – schwupp! Der Holzfäller verprasste seine drei freien Wünsche blödsinnig – schwupp! Dem Zwerg Nase suchte Maera das Kraut Niesmitlust unter einer Kastanie – schwupp! Allerleirauh wurde als schöne Prinzessin entlarvt und vom König zur Frau genommen – schwupp! Das tapfere Schneiderlein vereitelte den Anschlag und ward König – schwupp! Der gestiefelte Kater überlistete den König, sodass dieser seinem Herrn dem Müllersohn die schöne Prinzessin zur Frau gab – schwupp! Dem Wolf schnitt Maera den Bauch auf, woraus das Rotkäppchen und dessen Grossmutter erstiegen, und die sieben Geisslein füllten den Wolfsbauch an ihrer Statt mit grossen, runden Steinen – schwupp! – schwupp! Auch dem Hans im Glück half sie auf diese Weise. Und dem Mädchen mit den Schwefelhölzern. Dem, der auszog, das Fürchten zu lernen, dem Tischlein-Deck-Dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack, den Geschwistern Schneeweisschen und Rosenrot, dem kleinen Däumling, den drei Bären und den Geschwistern Hänsel und Gretel. Den sieben Raben, dem Mädchen mit dem Nusszweiglein, dem hässlichen jungen Entlein, den Wichtelmännern und Jack mit den Zauberbohnen.

So war die Lichtung bald einsam und menschenleer, und das dicke, goldbeschlagene Buch war bis auf wenige Seiten mit all den schönen Märchen gefüllt. Geblieben waren nur Maera und der Doktor Allwissend.

„Ganz artig hast du das gemacht, liebes Mädchen. Ganz, wie ich es auch getan hätte!“

Maera schenkte dem Eigenlob des selbstgefälligen Doktor Allwissend keine Beachtung und überlegte stattdessen angestrengt, wie sie nun dieses letzte Märchen zu seinem regelrechten Ende bringen sollte. Da kam ihr eine Idee. Sie hoffte sehr, dass ihr Plan klappen würde, denn wenn nicht, könnte dies ebenso gut ihr aller Untergang bedeuten! Denn wenn das erfüllen der Märchen ihre Rettung war, was würde das Gegenteil bewirken? Sie erschauderte bei dem Gedanken, doch sie verlor keine Zeit und bat den Doktor Allwissend: „Lieber Doktor Allwissen, Ihr seid doch so klug, wie sonst keiner, so helft mir, lieber Doktor, damit wir beide wieder zurück nach Hause gehen können! Wie soll ich das anrichten?“

Der Doktor blickte nachdenklich drein, legte seine Stirn schlau in Falten und strich sich über seinen Bart. Natürlich wusste er die Lösung nicht, doch dem Märchen zufolge, – so erinnerte sich Maera – hatte er immer das Glück, trotzdem die richtige Antwort auf alle Fragen zu finden.

In diesem Moment flog ein grosser Zugvogel über den Himmel, und der Doktor sprach, den Vogel bedeutend: „Du fliegst nach Hause, wie du gekommen bist.“

Und als Maera die Worte des Doktors verstand, legte sie sich an die Stelle, wo sie von dem Zwerg geweckt worden war und sprach: „Vielen Dank, lieber Doktor Allwissend! Ihr habt uns beide gerettet! Lebet wohl! Ihr sollt mir ewig in Erinnerung bleiben!“ Und kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, verblasste der winkende Doktor, und Maera schloss die Augen…

Eine sanfte Berührung ihrer Haare weckte Maera erneut. Erstaunt blickte sie in das strahlende Gesicht eines wunderschönen Jünglings.

„Wie gut, Euch lebendig zu wissen, meine Liebe. Euch muss ein ziemlich schweres Buch niedergestreckt haben, dass Ihr so lange ohnmächtig wart. Dies war wohl der Übeltäter!“ Er hob ein schweres, ledergebundenes Buch, mit goldenen Verzierungen und noch goldenerem Schnitt. Auf dem reich verzierten Buchdeckel stand in glänzenden Lettern geschrieben: Maeren für Maera.

„Dieses Buch habe ich aber noch nie gesehen, und ich kenne eigentlich alle Bücher meiner Bibliothek…“ bemerkte der schöne Jüngling verwundert. Da gewahrte er das Strahlen auf dem Gesicht des hübschen Mädchens, worauf er erstaunt fragte: „Heisst Ihr etwa Maera?“

Anstelle einer Antwort sagte Maera: „Dieses Buch mag mich erschlagen haben, jedoch hat es mich damit gerettet!“ Und ohne ein weiteres Wort küssten sie sich.

Drei Tage später feierte die ganze Stadt auf dem grossen Marktplatz vor der Kirche ein fröhliches Fest zur Hochzeit von Maera und dem Bürgermeistersohn. Im Herbst ward ein Sohn geboren und im Sommer darauf ein Mädchen. Und jede Nacht vor dem Einschlafen las Maera ihren Liebsten aus dem wundersamen Märchenbuch vor. Doch am liebsten hörten die Kleinen die Geschichte, wie das Märchenbuch die geheimnisvolle Widmung zu tragen bekam. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ende

2 Kommentare:

  1. Ich bin richtig begeistert. Die Idee ist einfach genial und die Geschichte zwar irgendwie vorhersehbar, dennoch aber spannend geschrieben und besonders, ich finde es auch noch recht witzig wie du schreibst.
    Du hast mein allergrößten Respekt!
    Liebe Grüße, dein Mikka

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