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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Sonntag, 20. Dezember 2009

Ich muß zugeben, dass ich wirklich Schwierigkeiten hatte zu dem Thema "grün und nass" etwas zu finden, worüber ich schreiben könnte. Daher dauerte es jetzt auch einen ganzen Monat, bis ich plötzlich eine Erinnerung hatte, die mich nun veranlsst etwas über genau dieses Thema zu schreiben.

Erinnerung 1:
Als ich ein Kind war, ich denke ich war 7 Jahre alt, machten meine Familie und ich gemeinsam Campingferien mit Freunden meiner Eltern, die aus der DDR waren. Damals gab es ja noch diesen Staat und es war den Menschen in der DDR verboten in westliche Länder zu reisen. Deshalb mussten wir uns quasi auf sozialistischem Boden treffen, wo es aber auch schön und warm war. Mit den heutigen klassischen Reisezielen für Campingurlauber, Spanien, Griechenland und Italien, konnten die Trabbifahrer nichts anfangen. Also war das Reiseziel klar: Ungarn!
Ungarn ist ein wirklich sehr schönes Land, ich fühlte mich sehr wohl dort, es war warm und sonnig, die Leute waren richtig nett und die Landschaft wahnsinnig toll, ach ja... das Essen... außer Goulasz, den die meisten Leute mit Ungarn verbinden gabs da noch was! Langosz...hmmm so unglaublich lecker und am besten mit Koukuritza... schmacht, naja ich wollte ja auch nicht übers Essen erzählen.
Um wieder auf das Thema zurückzukommen, das Wetter war herrlich. Jeden Tag schien die Sonne und die langen Sommerabende vor dem Zelt mit frischen Paprika und leckeren Würsten...jetzt bin ich schon wieder beim Essen...waren einfach schön, zumal die anderen Kinder auf dem Campingplatz bald meine Freunde waren und es kein Abend verging, an dem wir uns nicht irgendwo traffen um die Umgebung unsicher zu machen. Tagsüber gingen wir stundenlang im Balaton schwimmen.
Der Balaton, also zu Deutsch, der Plattensee verdankt seinen Namen seiner sehr geringen Tiefe, denn er ist maximal 12 - 13m tief, meist kaum tiefer als 3m. Der Balaton ist ein Steppensee, der an die Puszta angrenzt und zuweilen sehr sumpfige Ufer aufweist, daher auch der Name, der sich aus dem Slawischen "Platna" ableitet, was soviel bedeutet wie, Sumpf. Wir waren in Balaton Boglar, und da gab es keinen Sumpf, aber herrliche weiche Sandstrände und das Wasser war sehr warm. Weil der See so flach ist, kann sich das Wasser sehr gut erwärmen und so kann man bei 27°C wie in der Südsee baden gehen.
Aufgrund der warmen Wassertemperaturen, der landschaftlichen Gegebenheiten können sich dort aber auch sehr schwere Hurrikanähnliche Stürme bilden.
Eines Tages, die Sonne strahlte mit unseren Gesichtern um die Wette, wurde plötzlich an der nebenan liegenden Marina Sturmwarnung Stufe drei ausgegeben, das hieß "Erhöhte Sturmgefahr". Niemand von uns verstand weshalb, da keine Wolke zu sehen war. Die Sturm warnung aber blieb die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen aufrecht. Nach dem Frühstück sind wir Kinder wieder bei schönstem Sonnenschein runter zum See, der friedlich und glitzernd vor uns lag. Kaum waren wir im Wasser ertönte eine Sirene vom Leuchtturm an der Marina und wir sahen, wie die Sturmwarnung auf Stufe zwei angehoben wurde, was für uns bedeutete, daß alle Badenden das Wasser verlassen mussten. Wir waren enttäuscht und sauer, weil wir gar nicht verstehen konnten warum hier einer Sturmwarnung gibt, wo es doch am ganzen Himmel keine Wolke zu sehen gab.
Es war heiß! Und es war langweilig... den ganzen Tag im Zelt zu verbringen und nicht ins Wasser zu dürfen war für uns Kinder das schlimmste, was wir uns bis zu diesem Moment vorstellen konnten. Die Freunde meiner Eltern entschieden deshalb, um die Stimmung zu heben, daß wir doch an diesem Tag nach Siofok fahren könnten um dort die Stadt und den Markt zu sehen.
Siofok war damals zu sozialistischen Zeiten eine sehr schmutzige und kaputte Stadt, aber der Markt war ein Paradies, denn es gab ewig viele Stände mit Spielsachen, die für uns aus Westdeutschland sau billig waren.
Am Abend kamen wir wieder zurück auf den Campingplatz und freuten uns schon auf das Abendessen, die Erwachsenen hatten beschlossen zu grillen. Dazu schickte mich meine Mutter zu dem Gemüsehändler am Rand des Campingplatzes um Paprika, Zucchini und Tomaten für einen leckeren Salat zu kaufen. Es war früher Abend und als ich zu der kleinen Bretterbude des Händlers kam, war dieser gerade damit beschäftigt, seine Fenster und Türen mit Brettern zuzunageln. Ich wunderte mich und lief wieder zurück. Auf dem Weg zurück, kam ich an der Marina vorbei, wo die ganzen Segelboote und Yachten der Einheimischen und Touristen lagen. Ich ging immer dort spazieren, weil ich davon träumte eines Tages ein eigenes Segelboot zu besitzen. Aber auch hier war etwas komisch, die Skipper zurrten alles fest, was nicht niet und nagelfest war, legten Masten um und vertäuten ihre Boote drei und vierfach. Manche die einen Anhänger dabei hatten, holten ihre Yachten gar ganz aus dem Wasser. Es war ein sehr geschäftiges Treiben, was gar nicht zu den bisherigen Erlebnissen an diesem gemütlichen Urlaubsort passte.
Irgendwie bekam ich Angst, denn es war alles so ungewöhnlich hektisch und niemand sprach mit einem, jeder war mit irgendwas beschäftigt. Die Einheimischen wirkten gar ein wenig barsch und unfreundlich. Plötzlich fiel mein Blick auf den Leuchtturm, an dem mit den aufgezogenen Bällen signalisiert wurde, daß die Sturmwarnung auf höchste Stufe gesetzt worden war. Das bedeutete, daß auch die Boote und Schiffe den See zu meiden haben und angewiesen waren in den Häfen zu bleiben.
Beim Abendessen, ohne Paprikasalat, unterhielten sich die Erwachsenen über einen angekündigten Sturm der wohl in der Nacht oder gegen Morgen bei uns eintreffen sollte. Die Stimmung war angespannt und ich erinnerte mich an den Freund meines Vaters, ein Typ, von dem ich immer glaubte, den kann gar nichts erschrecken. Ein Typ wie ein Wikinger, 2m groß und breit wie ein Schrank, blonde Haare und leuchtend blaue Augen - und Muskeln! Als Junge war er für mich das Ideal, so wollte ich auch mal werden. Aber an diesem Abend schien er gar nicht so mächtig, eher ängstlich, besorgt. Auch er war nevös und als die Dämmerung anbrach gingen er, mein Vater und wir Kinder nocheinmal runter zum See um zu sehen, was es denn mit dem Sturm auf sich hatte.
Der Balaton ist knapp 80 km lang aber nur etwa 13km breit und so konnte man gut bis hinüber zum anderen Ufer blicken. Da war ein riesiger Tafelberg und über dem braute sich böses zusammen. Schwarz und unheilvoll türmte sich eine riesige Gewitterwolke auf, aber der Wikinger meinte, dass es ja wohl kaum dieses Gewitter sein könne, daß die Ursache für diese oberste Sturmwarnung ist. Und sonst war nichts zu sehen. Das Wasser war glatt und friedlich, wie immer.
Das es noch schlimmer kommen sollte, als alles was ich in meinem Leben je erlebte, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand, auch der Wikinger nicht.
Gegen 2 Uhr in der Nacht wurde ich unsanft aus einem tiefen Schlaf gerissen. Erst schrie einer, dann hörte ich ein fürchterliches Krachen und es schien als ob die Erde bebte. Mein großer Bruder heulte und meine Schwester neben mir schrie um Hilfe. Ich verstand gar nicht was los war, erst als ich von meiner Luftmatratze aufstehen wollte und bemerkte, dass ich mit meiner Matratze auf dem Wasser trieb, bekam ich richtig Angst. Ein wahrer Strom strömte durch unser Zelt hindurch und jetzt wurde ich auch auf das heulen und brausen aufmerksam, daß die ganze Szene mit grauenvoller und ohrenbetäubender Musik erfüllte. Plötzlich erschien mein Vater, völlig durchnässt und mit zerzausten Haaren. Er watete fast knietief durchs Wasser und zog uns Kinder aus der Schlafkabine unseres grünen Zeltes. Im Vorzelt wo es ebenfalls dunkel war konnten wir unsere Mutter erkennen, die mit beiden Armen an der Firststange des Zeltes hing. Mir war völlig rätselhaft was sie da tat, nur dass ich auch einen fremden Mann sah, der ebenfalls in unserem zelt an einer Stange hing. Mein Vater rief dann plötzlich in den ganzen Lärm hinein, daß wir alle uns an die Stange hängen sollten, was ich wiederrum schon fast lustig fand. Die Erwachsenen aber konnten nicht lachen, besonders als plötzlich eine Zeltwand durch den Wind zerrissen wurde und wir íns freie blicken konnten. Draussen sahen wir, wie der Wikinger aus der DDR, sein Zelt mit einem Autoabschleppseil an seinen Trabbi knotete und ihm dabei Äste, Blätter und allerlei kleine unbekannte Gegenstände um die Ohren flogen. Von irgendwoher mischten sich Irrlichter von Taschenlampen zuckend und huschend in die Szenerie. Ich hing an meiner Zeltstange und spürte wie der Sturm versuchte unser Zelt zu stehlen. Ich hatte Angst, jeder hatte Angst... auch die Leute, die wir plötzlich draussen mit Taschenlampen sahen, wie sie mit einiger Habe unter den Armen weg vom Seeufer flüchteten. Der Wikinger trat in unser Zelt und er hatte ein starkes Seil dabei. Er band es mehrmal um die große Firststange an der meine Mutter hing und zog das Seil stramm, dann band er das andere Ende um die Anhängerkupplung seines Trabant und schrie meine Mutter an, sie solle jetzt mit allem was sie greifen konnte das zelt verlassen. Mein Vater half ihr dabei uns Kinder zu greifen, dann kam ich das erste Mal richtig ins Freie. Unser grünes Zelt war auf einer Seite, da wo wir geschlafen hatten völlig zerfetzt und die andere Seite blähte sich steinhart wie ein Segel auf.
Irgendwo rief ein Mann und eine Frau immer einen Namen, "Thooooomas! Thooooomas!" Und dann sahen wir sie. Eine Familie kam mit einer Petroleumlampe den Weg zu unserem Zelt herauf und sie fragten angsterfüllt ob wir ihren 4 jährigen Sohn gesehen hätten. Ein riesiger Baum war auf ihren Wohnwagen gefallen und habe genau den Teil des Wohnwagens zerschmettert an dem der Junge geschlafen hatte, aber der Junge war eigenartiger Weise nicht in seinem Bett. Mein Blick fiel hinunter auf das Seeufer, und es wunderte mich, da man von unserem Zelt normalerweise das Seeufer nicht sehen konnte. Mein großer Bruder teilte die Verwunderung mit mir, doch verstand er im Gegensatz zu mir, sofort, was die Ursache dafür war. Der See kam zu uns! Da sahen wir Schemenhaft viele Wohnwagen, die auf dem Wasser trieben und breits die ersten Zelte mitrissen, dahinter erkannten wir riesige Wellen die sich schwarz mit leuchtenden Schaumkronen auf uns zubewegten. Ich heulte, meine Schwester machte sich in die Hosen und die Erwachsenen versuchten vergeblich uns Kinder zu beruhigen.
Das Brausen des Sturms wurde noch stärker und das Blitzen und Krachen des Donners und der abbrechenden Bäume um uns herum verhinderte beruhigende Worte unserer Eltern.
Das Tosen der Wellen war auch für den Wikinger furchteinflösend und plötzlich schrei dieser zu meinem Vater: "Es regnet gar nicht, das Wasser ist die Gischt der Wellen!"

Ich erinnere mich nicht, wie wir die restlichen 2 Stunden überlebten, aber als es hell wurde sahen wir die Zerstörung, die der Sturm und der friedliche Balaton angerichtet hatten. Es war kaum mehr ein Baum heil geblieben, sie waren fast alle wie Streichhölzer abgeknickt oder mit samt den Wurzeln umgeworfen. Vorher war der ganze Campingplatz wie in einem lichten Wald, überall gab es Schatten, nun nichts mehr. Kein einziges Zelt stand mehr oder war unbeschadet, der ganze Platz um uns herum sah aus wie eine Müllkippe. Überall lagen Kleider, geschirr, Campingmöbel, Plastiktüten, Lebensmittel und Teile von Zelten und Wohnwagen. Der Trabbi von dem Wikinger stand zwar noch aber er war um gut zwei Meter von seinem ursprünglichen Parkplatz verschoben, unsere Zelte jedoch waren noch da. Anders als bei vielen anderen Leuten, die nichts mehr hatten, als die durchnässten Kleider und ein demoliertes Auto.
Beim Gang über den verwüsteten Platz sahen wir auch die Leute von der Nacht wieder, die nach ihrem Thomas gesucht hatten. Sie standen vor den Trümmern ihres Wohnwagens, ein mächtiger Baumstamm wurde gerade mit einem Kranwagen von den Überresten des Wohnwagens gehievt. Thomas war unversehrt, er hatte kurz bevor der Baum umgefallen war Angst bekommen und war aus dem Wohnwagen hinaus gelaufen, dort hatte ihn der Platzbesitzer gefunden und mit zu sich nach Hause genommen.
Unten am Strand schwammen etwa 30 Wohnwagen im Wasser. Die Spur der Wellen waren bis 20m weit ins Innere des Campingplatzes zu sehen. An der Marina waren viele Boote und Segelyachten zu einer Art Bootssalat in einer Ecke an einer Steinmauer zusammengetrieben. Einige waren gekentert, trieben kieloben im Hafenbecken. Irgendwo lief Öl aus, alles schillerte in bunten Farben, dazwischen trieb ein Wohnwagen bis zur Hälfte unter Wasser. Die Bretterbude des Gemüsehändlers war unversehrt geblieben und auch die Waschhäuser, wo man sich duschen und auf WC gehen konnte. Mein Vater meinte, dass das ein Glück sei...
Wir waren relativ glimpflich davon gekommen, denn wir hatten die meisten unserer Sachen in unseren Zelten wieder gefunden. Alles war nass, und sehr schmutzig aber dadurch, dass der Wikinger die Zelte an seinem Trabbi festgebunden hatte, und wir die halbe Nacht an den Stangen hingen, verhinderten wir, daß das Zelt wie die anderen davon geweht wurde.
Wir hörten davon, dass es in dieser Nacht 3 Tote gegeben hatte. Einer wurde von einem Baum erschlagen und zwei wurden mitsamt ihres Wohnwagens in den See gerissen und ertranken dort.
Ich weiß noch, wie wir hastig den Urlaub abbrachen. Der Tag war wieder sonnig und warm und meine Mutter spannte eine Leine zwischen zwei abgebrochenen Bäumen und hängte die nassen Kleider und das nasse grüne Zelt dort auf. Wir wollten am Abend nach Hause fahren. Meine Mutter...sie besass in dieser schrecklichen Situation die Ruhe, auch die wieder getrockneten Sachen fein säuberlich zusammenzulegen. Wahrscheinlich konnte sie das, trotz allem, weil sie in ihrer Kindheit die Bombenangriffe in Leipzig überlebt hatte. Sie fand sogar noch den Humor und machte Witze über das nasse grüne Zelt, daß am Trabbi hing und so der Vernichtung entgang.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Der Kuckuckskelch

Hoch über der überschwemmten Tiefebene des Pantanals schweiften die Flügel eines Guirakuckucks durch die warme Tropenluft. Die gelbbraunen Federn seiner Krone glitzerten in der Sonne und aus seinem goldenen Schnabel lugten die kleinen schwänze einiger Kauquappen heraus. Sie zappelten nicht, als schienen sie zu ahnen, wie tief sie fallen, wenn sie aus den Fängen des Schnabels gleiten würden. Noch ohne zu wissen, wie ein Tag zu Ende geht, noch ohne zu wissen, wie die Flüsse und Seen sich abends im Licht der untergehenden Sonne rot färben, blickten sie dem Tod ins Auge und ihnen drohte von hungrigen Kuckuckskücken verschlungen zu werden. Doch als der Vogel seinen eleganten Kopf auf der Suche nach seinem Nest zur Seite drehte, glitt eines der Schwänzchen durch die Winkel des Schnabels und ehe dies der Vogel bemerkte, schoss das kleine Wesen in die blaugrüne Tiefe.

Mitten auf einem Novateirobaum wuchs eine Bromelie. Die Kaulquappe fiel genau in ihren Blütenkelch. Am Morgen schien die Sonne durch den grünen Kelch und der Tau füllte ihn mit frischem Wasser. Alles war grün, nur der Himmel über der Blüte war blau.

Eines Tages ist aus unserer kleinen Kauquappe ein grüner Perercasfrosch geworden, klein, grün, nass und glücklich. Täglich labte er sich am süssen Nektar, schwamm im frischen Tauwasser und genoss die Sonnestrahlen die seinen Bauch beim Rückenschwimmen kitzelten. Er war ein schöner Frosch. Denn wenn er sein Spiegelbild im Wasser betrachtete, sah er einen strahlenden, frischen und fröhlichen Frosch. Jeden Morgen freute er sich auf einen neuen Tag, niemals war ein Tag anders als der vorherige. Er kannte nur seinen Kelch, und Alles an seinem Kelch gefiel ihm. Er kannte kein anderes Lebewesen, er wusste nicht einmal was Frösche sind, er kannte nur sein Spiegelbild. Und sein Spiegelbild mochte er sehr. Denn er war ein süsser, feiner Frosch. Oder was auch immer. Und so schön grün. Der Nektar war so süss, die Sonne so warm, der Himmel so blau und das Wasser so frisch.

Eines Tages schmeckte der Nektar nicht mehr so süss. Auch das Wasser war kalt. Und auch sein Spiegelbild hatte sich verändert. Er spürte ein Verlangen. Aber er wusste nicht nach was. Aber das Verlangen war so gross, dass er jeden Morgen unzufriedener wurde. Er verfluchte sich und seinen Kelch. Seine Gefühle schienen ihn innerlich zu zerfressen. Aber was begehrte er? Sein Geist spaltete sich und Tag für Tag wurde er sich selbst fremder. Er versuchte sich selbst treu zu bleiben, doch das Verlangen in ihm war stärker. Sein Magen zog sich zusammen und im wurde schlecht. Alles was vorher grün war, war jetzt grau.

Und dann fing es an zu regnen. Es regnete. Und regnete. Mit jedem Tropfen stieg das Wasser im Blütenkelch. Langsam schien sich die erschöpfte Blume zur Seite zu neigen. Die Blume war müde, müde vom Leben, alles roch nach Tot. Unser Frosch war ohnmächtig vom Gestank, alles schien in ihm zu sterben, was auch immer er tun würde. Das Wasser stieg. Er war am Rand angelangt, am Rand den er noch nie zuvor gesehen hatte, am Rand des Lebens.

Der Stiel knickte und das Wasser schoss aus dem Kelch und riss den Frosch in den Abgrund. Ein Baum, Ameisen, Blätter, Rinde, erneut Blätter, Wasser, braun, grün, blau, gelb, alles hatte er noch nie gesehen. Er fiel schneller. Er war müde. Sein Körper knallte auf einen Ast, er genoss es zu leiden, seine Knochen schauten aus seinem Körper, rot war sein Blut. Noch nie hatte er etwas Rotes gesehen. Es war schön. Und es war grausam. Sein Darm zerriss an einer Dorne, als plötzlich alles weiss wurde, weiss wie seine Träume die er nie träumte. Er war im Schoss seiner Geliebten die er nie kannte, endlich hatte er sein Verlangen gestillt. Doch als die Wollust ihn durchströmte, erwachte er. Er war noch nicht tot. Und die roten Ameisen spritzten ihren Urin in seinen verwesenden Körper und zerschnitten sein Fleisch mit ihren Scheren. Er war taub. Taub vor Ohnmacht. Wäre er sich selbst doch treu geblieben.