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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Der Kuckuckskelch

Hoch über der überschwemmten Tiefebene des Pantanals schweiften die Flügel eines Guirakuckucks durch die warme Tropenluft. Die gelbbraunen Federn seiner Krone glitzerten in der Sonne und aus seinem goldenen Schnabel lugten die kleinen schwänze einiger Kauquappen heraus. Sie zappelten nicht, als schienen sie zu ahnen, wie tief sie fallen, wenn sie aus den Fängen des Schnabels gleiten würden. Noch ohne zu wissen, wie ein Tag zu Ende geht, noch ohne zu wissen, wie die Flüsse und Seen sich abends im Licht der untergehenden Sonne rot färben, blickten sie dem Tod ins Auge und ihnen drohte von hungrigen Kuckuckskücken verschlungen zu werden. Doch als der Vogel seinen eleganten Kopf auf der Suche nach seinem Nest zur Seite drehte, glitt eines der Schwänzchen durch die Winkel des Schnabels und ehe dies der Vogel bemerkte, schoss das kleine Wesen in die blaugrüne Tiefe.

Mitten auf einem Novateirobaum wuchs eine Bromelie. Die Kaulquappe fiel genau in ihren Blütenkelch. Am Morgen schien die Sonne durch den grünen Kelch und der Tau füllte ihn mit frischem Wasser. Alles war grün, nur der Himmel über der Blüte war blau.

Eines Tages ist aus unserer kleinen Kauquappe ein grüner Perercasfrosch geworden, klein, grün, nass und glücklich. Täglich labte er sich am süssen Nektar, schwamm im frischen Tauwasser und genoss die Sonnestrahlen die seinen Bauch beim Rückenschwimmen kitzelten. Er war ein schöner Frosch. Denn wenn er sein Spiegelbild im Wasser betrachtete, sah er einen strahlenden, frischen und fröhlichen Frosch. Jeden Morgen freute er sich auf einen neuen Tag, niemals war ein Tag anders als der vorherige. Er kannte nur seinen Kelch, und Alles an seinem Kelch gefiel ihm. Er kannte kein anderes Lebewesen, er wusste nicht einmal was Frösche sind, er kannte nur sein Spiegelbild. Und sein Spiegelbild mochte er sehr. Denn er war ein süsser, feiner Frosch. Oder was auch immer. Und so schön grün. Der Nektar war so süss, die Sonne so warm, der Himmel so blau und das Wasser so frisch.

Eines Tages schmeckte der Nektar nicht mehr so süss. Auch das Wasser war kalt. Und auch sein Spiegelbild hatte sich verändert. Er spürte ein Verlangen. Aber er wusste nicht nach was. Aber das Verlangen war so gross, dass er jeden Morgen unzufriedener wurde. Er verfluchte sich und seinen Kelch. Seine Gefühle schienen ihn innerlich zu zerfressen. Aber was begehrte er? Sein Geist spaltete sich und Tag für Tag wurde er sich selbst fremder. Er versuchte sich selbst treu zu bleiben, doch das Verlangen in ihm war stärker. Sein Magen zog sich zusammen und im wurde schlecht. Alles was vorher grün war, war jetzt grau.

Und dann fing es an zu regnen. Es regnete. Und regnete. Mit jedem Tropfen stieg das Wasser im Blütenkelch. Langsam schien sich die erschöpfte Blume zur Seite zu neigen. Die Blume war müde, müde vom Leben, alles roch nach Tot. Unser Frosch war ohnmächtig vom Gestank, alles schien in ihm zu sterben, was auch immer er tun würde. Das Wasser stieg. Er war am Rand angelangt, am Rand den er noch nie zuvor gesehen hatte, am Rand des Lebens.

Der Stiel knickte und das Wasser schoss aus dem Kelch und riss den Frosch in den Abgrund. Ein Baum, Ameisen, Blätter, Rinde, erneut Blätter, Wasser, braun, grün, blau, gelb, alles hatte er noch nie gesehen. Er fiel schneller. Er war müde. Sein Körper knallte auf einen Ast, er genoss es zu leiden, seine Knochen schauten aus seinem Körper, rot war sein Blut. Noch nie hatte er etwas Rotes gesehen. Es war schön. Und es war grausam. Sein Darm zerriss an einer Dorne, als plötzlich alles weiss wurde, weiss wie seine Träume die er nie träumte. Er war im Schoss seiner Geliebten die er nie kannte, endlich hatte er sein Verlangen gestillt. Doch als die Wollust ihn durchströmte, erwachte er. Er war noch nicht tot. Und die roten Ameisen spritzten ihren Urin in seinen verwesenden Körper und zerschnitten sein Fleisch mit ihren Scheren. Er war taub. Taub vor Ohnmacht. Wäre er sich selbst doch treu geblieben.

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