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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Samstag, 29. November 2014

Wie eine Würgeschlange...

Ich möchte das Label "Angst" gerne nutzen, um euch von einer Furcht zu erzählen, die weder ich noch meine Leidensgenossinnen verstehen, die aber dennoch da ist und das restliche Denken ganz vergiftet. Meine lieben Leserinnen und Leser ich schildere euch nun von einer unergründlichen und tiefsitzenden Angst, die nicht zu meiner Persönlichkeit gehört und trotzdem in meinem Geist sitzt und mich voll und ganz zu ergreifen vermag. Ich gewähre euch hiermit einen tiefen Einblick in eine Psyche die ich einerseits als die meine betrachte, andererseits auch als krank erachte. Aber macht euch selbst ein Bild. Meine lieben verzweifelten Mitschreiber, hiermit stelle ich mich vor:

Wieder stehe ich vor der alltäglichen und mittlerweile leidigen Frage: Soll ich noch mehr essen oder soll ich nicht? Eigentlich weiss ich, ich sollte, ja, muss. Aber ich habe riesige Angst vor dem Mehr.
'Was kann denn schon passieren?', versuche ich  mich schon panisch zu beruhigen. Doch die Furcht hat sich bereits festgebissen. Jegliche rationale Entscheidung wird verunmöglicht. Dennoch versuche ich verzweifelt, mich selbst zu retten: Ich stelle mir vor, nur diesen Apfel mehr zu essen, sehe mich schon abbeissen...
Und bereits wird irgendwo tief erschrocken geschrien: 'Aber dann könntest du ein allfälliges Guetzli am Nachmittag nicht nehmen und heute ist eh Freitag, das heisst am Abend bist du lange auf und wirst mehr als sonst naschen. Ausserdem gehst du morgen auswärts essen, da gibt es auch noch Drinks und du hast bis jetzt noch jedes Mal zugenommen nach so einer Veranstaltung.'
Ich versuche zu kämpfen: 'Aber ich muss zunehmen, ich DARF essen und naschen. Stell dich der Angst. Es kann wirklich überhaupt nichts passieren! Von einem Apfel wird man nicht gleich dick und auch wenn ich heute Abend trotzdem viel verputze, was macht das schon aus? Ich bin immer noch viel zu dürr und ich muss zunehmen! Stell dich dieser Angst. Du MUSST zunehmen.'
Ich betrachte den Apfel, will mich zu einem ersten Bissen zwingen.
Meine Hand wird gestoppt, es wird gekreischt: 'Ok, ok. Wir treffen eine Vereinbarung: Du isst die Ananasscheibe, die zuhause noch im Kühlschrank liegt später, wenn du heim kommst. Dafür lässt du jetzt den Apfel.'
Ich halte inne und höre zu...ein Schmeicheln beginnt: "Das ist ja auch zusätzlich, und am Abend fällt es dir ja eh leichter. Du musst dich nicht so peitschen. Nimm die Ananas später.'
Ich fange an, an meinem Vorhaben zu zweifeln...die Verlockung ist so gross, ich meine schon den sicheren Hafen am Horizont zu sehen. Ich weiss zwar, dass das Verschieben nicht gut ist. Aber verschoben heisst ja nicht aufgehoben und besser als nichts ist die Ananas ja schon. Das ist doch weder ein Schritt in eine gesündere Richtung, oder?
'Also, ich gehe den Kompromiss ein. Aber ich verspreche mir, dass ich die Ananas auch wirklich essen werde!'
'Ja, bestimmt.', höre ich tröstend.
Wohlige Sicherheit macht sich breit: die Verabredung gibt mir wieder Boden unter den Füssen und ich fühle mich beruhigt.
Denn ich MUSS wirklich zunehmen: Am Montag habe ich einen Termin zur Gewichtskontrolle und der Gedanke daran bereitet mir jetzt schon richtig Bauchschmerzen. Ich befinde mich auf einer Gratwanderung, bei der es links und rechts von mir senkrecht felsige Kanten hinabgeht. Ich zittere innerlich erneut vor Angst. Hier will ich eigentlich nicht sein. Dieses ständige Aufpassen, diese unaufhörliche Furcht, einen Fehltritt zu machen, ich halte es kaum mehr aus, es ist so schrecklich. Ich würde mich so gerne fallen lassen.
Woher kommt bloss dieses starke Ich-Will-Nicht-Zunehmen aus meinem Innersten? Ich verspüre eigentlich keine Angst bei dem Gedanken, dass ich wieder dick bin. Nein, im Gegenteil, am liebsten würde ich mit dem Finger schnippen und ich wäre wieder normalgewichtig. Was ist das bloss für eine Furcht? Heimlich, unterschwellig. So etwas kenne ich gar nicht. Ich kann damit nicht umgehen, sie ist nicht greifbar für mich. Ich kann mich diesem Unbekannten einfach nicht stellen, weiss nicht wo anpacken. Wieder öffnet sich der Boden unter meinen Füssen, ich taumle...schwarzes Loch, Panik...wohin soll das Alles noch führen?
'Keine Angst, ich bin da, ich halte dich. Leg jetzt den Apfel weg. Später isst du dann die Ananas und später darfst du dann naschen. Aber jetzt hältst du noch ein bisschen durch. Du bist so stark. Nur keine Furcht, meine liebe Philia. Glaub mir, nur zusammen sind wir stark. Vertrau mir, gib den Kampf auf. Er raubt dir so viel Kraft und ist unnötig. Ich bin ja da, ich stütze dich!'
Aber Philia bleibt verzweifelt. Das ist keine Lösung. Sie legt den Apfel bei Seite. Später wird sie erneut den Kampf gegen das ungeheure Nichts antreten, für diesen Moment sind ihre Kräfte verbraucht.
Sie wird sich in der Angst verlieren, wenn sie nicht bald die Hand nach ein einem rettenden Halm ausstreckt und sich dann wie verrückt daran festklammert. Nur so entkommt sie dem Sog, nur so überwindet sie dieses Grauen, nur so entkommt sie der verführerischen und todbringenden Umschlingung der fremden Furcht.

So, meine lieben, geduldigen Leserinnen und Leser. Ich möchte mich an dieser in aller Form für das Chaos an Worten, Gedanken und Gefühlen entschuldigen und gleichzeitig bedanke ich mich, für euer Durchhalten. Ich verspreche im Gegenzug in naher und ferner Zukunft solcherlei zu unterlassen.

Freitag, 21. November 2014

Eine Saga aus Galdursvig

Schwer lagen die Nebel in den Fjordtälern in der Gegend um Galdursvig. Das tiefgrüne Gras durch das Sæta irrte, troff vor Nässe. Eisig wehte der Wind den Nebel vom Fjord her die Hügel hinauf und blies ihn umbarmherzig in Sætas Gesicht. Die feuchte Kälte drang durch jede Ritze in ihrer Kleidung.
Sæta erinnerte sich an die Wärme im Hause ihres Vaters, die von dem Feuer in der Feuerstelle ausging, die von ihrer Mutter Valdis ständig geschürt wurde. 
Mit weiten schnellen Schritten lief sie die Hügel hinunter zum Fjord. 
Es war still, und ausser ihren raschelnden Schritten im nassen Gras und ihrem gehetzten Atem hörte sie nichts. 
Fürchterliche, unbeschreibliche Schreckensstunden lagen hinter ihr.
Sie lief bereits mehrere Stunden, aber die Wut und die Angst trieb sie voran. Ihre kleinen zarten Füsse schmerzten und bluteten. Doch sie biss sich auf die Unterlippe, jedesmal wenn sie wieder auf einen spitzen Stein trat, oder sie sich einen ihrer Zehen irgendwo anschlug. Aber sie hatte keine Zeit anzuhalten. Nein, sie durfte unter keinen Umständen eine Pause einlegen. 
Sæta hatte Angst! Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Aber sie fühlte auch ohnmächtige Wut, aus der sie jetzt ihre Kraft zog.

Unten am Fjord, da würde sie sie finden... Unten in Galdursvig. Da lagen die Drachenboote von Galdur dem König dem hier die ganze Gegend gehörte. 
Galdur war ein gefürchteter Wikingerkönig und die Bauern in seinem Einflussbereich hatten nichts zu lachen. Wenn Galdur etwas wollte, dann nahm er es sich, ohne zu bitten oder zu fragen. 
Valdis hatte Sæta schon immer vor Galdur gewarnt, besonders seit Sæta das Alter erreicht hatte. Sæta war wunderschön, von graziler Statur, helle weiße Haut und weißgoldene Haare. Ihre Augen leuchteten wie der Himmel im Frühling und ihre Stimme klang wie der Gesang Frejas. 
Valdis sagte an Sætas 12. Geburtstag zu ihr, dass sie nun im Alter war um Beute Galdurs und seiner Krieger zu werden, wenn sie sich nicht vorsah. Sie war zwar jetzt erst 13, aber sie wusste ganz genau, was Galdur oder einer seiner Männer mit Mädchen taten. Schliesslich hatte sie das ganz genau beobachten können. Gestern, als Galdurs Männer wiedereinmal die Höfe besuchten und sich nahmen was sie gebrauchen konnten. 
Sie erinnerte sich angewiedert, als Frakkur einer von Galdurs schlimmsten Kerlen sich Isafold, Sætas Schwester, nahm. Frakkur schleppte Isafold um die Ecke des Hauses von Fridmundur, Sætas Vater und riss ihr dort das luftige Nachtgewand vom Leib. 
Isafold hatte Sæta unter dem Mist der beiden Kühe versteckt, als die betrunkene Meute Galdurs auf Vaters Hof zugestürmt kamen. Nun lag Sæta unter dem stinkenden Kuhmist und sah die weiße makellose Haut ihrer Schwester. Voller panischer Angst musste Sæta mit ansehen, wie Frakkur sie voller Gewalt zu Boden drückte, sich dann auf sie legte und sich an ihr verging. Isafold hatte keine Chance gegen den muskulösen jungen Frakkur, der kampferprobt seine ganze Kraft aufbrachte um sich nun zu nehmen wonach ihm beliebte. Schliesslich war Isafold nur eine Bauerstochter und sie gehörte Galdur und der hatte seinen Kriegern gewisse Freiheiten gelassen. 
Sæta sah alles mit an, hörte die Schreie ihrer geliebten Schwester, sah wie sie Frakkur blutig kratzte und biss, doch all das schien Frakkur nur noch mehr Lust zu machen. Er stöhnte und grunzte wie ein Schwein, während er sich auf Isafold zuckend und ruckelnd austobte. Irgendwann verstummte Isafold und ihre Schreie wurden durch ein Wimmern abgelöst. Sæta weinte, aber sie unterdrückte jegliches Geräusch. 
Als Frakkur fertig war, stand er auf und zog sich seine Hose hoch, lachte dreckig und wischte sich das Blut aus dem Gesicht, dass aus einer tiefen Bisswunde oberhalb seiner Oberlippe rann, die Isafold ihm beigebracht hatte. Dann drehte er sich lachend um, und lief davon als sei gar nichts gewesen. 
Sæta wollte aus ihrem Versteck hervorbrechen, aber eine Handbewegung von der noch am Boden liegenden Isafold gebot ihr eindeutig, dass Sæta sich nicht rühren sollte. 
In diesem Moment sah Sæta wie Gagarr und Hakon, zwei ältere, aber nicht minder fiese Gevolksleute Galdurs, Fridmundur aus dem Haus schleppten. Sie hatten ihn zusammengeschlagen. Zu zweit. Sætas Vater war nackt, sie hatten sich auch seine Kleidung genommen, und ihn dann getreten und geprügelt. Überall blutete er... 
Als die brutale Bande endlich weitergezogen war, lief Sæta rasch ins Haus, wo sie Valdis ihre Mutter auf dem Bett ihrer Eltern liegen sah. Valdis weinte, auch sie war nackt, und Sæta wußte ganz genau was Gagarr und Hakon mit ihrer Mutter gemacht hatten. 
Sæta war klein und grazil, ein wundervolles Blümchen auf einer Frühlingswiese. Aber Sæta hatte Kraft. Sie war es gewohnt ihrem Vater bei der harten Arbeit auf dem Hof zu helfen. Sehr früh, als 5 Jährige lernte sie mit der Axt umzugehen, das war wichtig, denn die Winter waren lang und kalt hier im Nordland oberhalb von Galdursvig. Viel Holz musste jeden Winter gespalten werden, um das wärmende Feuer im Haus zu erhalten. 
Trotz der schockierenden Erlebnisse, die sie gerade hatte, biss sie sich auf die Unterlippe und begann sich um Isafold, Fridmundur und Valdis zu kümmern. Erst half sie ihrer Schwester, damit sie gemeinsam ihrem Vater und ihrer Mutter helfen konnten. Dann hackte Sæta Holz, trug es ins Haus und richtete die zerstörte Feuerstelle wieder her und entzündete ein Feuer. Dann lief sie mit dem großen Kessel hinaus an den Bach um diesen mit frischem Wasser zu füllen. Der Kessel war voll und schwer, aber Sæta wusste wie sehr ihre Familie sie jetzt brauchte. Sie hängte den Kessel an den Haken über dem Feuer, dann ordnete sie die Dinge im Haus. Als das Wasser heiß war wusch sie erst Isafold und dann wuschen die Schwestern ihre gepeinigten Eltern. Vater war sehr schwer verletzt. Die Blutungen konnten die Schwestern nur schwer stillen. 
Als die Schwestern alles getan hatten, was sie tun konnten, legten sie sich zu ihren Eltern unter die letzte verbliebene Decke. Alle klammerten sich an einander.
Irgendwann in der Nacht, wachte Sæta aus einem Traum auf, indem sie geträumt hatte, dass Galdurs Männer irgendwann wieder kommen würden. Sie zitterte... erst jetzt begann sie zu verstehen, dass es mit dieser Gewalt niemals ein Ende haben würde. Nocheinmal zogen die furchtbaren Bilder des Erlebten durch ihre Gedanken, formten die schlimmsten Ängste und Befürchtungen. 
Sæta schlüpfte leise aus dem Bett, griff die alte Streitaxt von Fridmundur, mit der seit vielen Jahren nur noch Holz gespalten wurde und steckte sie in ihren Gürtel ihres Gewands, lief hinaus in die einsame Stille und Kälte der Nacht.

Die Nebel waren mittlerweile so dicht geworden, dass Sæta auch aus nächster Nähe nicht gesehen werden konnte. Ihre Füsse trugen sie leicht und immer schneller den Hang hinunter. Sie konnte das Meer riechen und die Kohlefeuer der Häuser in Galdursvig. 
Ihre Angst war riesengroß und noch immer wusste sie nicht, was sie denn tun sollte. Sie, ein zierliches 13 jähriges Mädchen voller Angst! Sie wusste nur eines, sie musste etwas für ihre Familie tun. 
Plötzlich tauchte aus dem dichten Nebel die hölzerne Palisade von Galdursvig vor ihr auf. Sæta änderte die Laufrichtung, ohne anzuhalten, jetzt immer entlang der Palisade. Sie wusste, dass sie gleich am Eingang des Dorfes war. Sie wusste auch wo Gagarr, Hakon und Frakkur wohnten. Sie wusste auch wo das Herrenhaus von Galdur lag und sie wusste, dass die Krieger nach jedem Raubzug ihren "Sieg" feierten. Als sie an die Pforte kam, sassen vor ihr auf dem Boden 4 Raben. Erst erschrak Sæta, denn sie wusste von ihrer Großmutter Kaldrad, dass es sich um Valravne handelte. Die Raben, die die Seelen der verstorbenen Krieger in das Totenreich unter der kalten Erde holen würden, das von Hel bewacht wurde... 
Als sie an die Pforte trat flog einer der Raben auf und flog vor ihr her, bis an das Haus von Frakkur, welches sie als erstes erreichte. Sæta wusste nicht was zu tun, aber eine ungeheure Kraft durchströmte ihren leichten Mädchenkörper. Sie zog lautlos die Axt aus ihrem Gürtel und öffnete leise die Tür von Frakkurs Haus. In der Mitte brannte ein Feuer und es roch nach Met. Frakkur lag schnarchend auf dem Wolfsfell, dass gestern noch Isafolds Bett bedeckte. Sæta hob die Axt hoch über ihren Kopf und als sie sie mit einem kraftvollen Schlag wie zum Holzspalten, nach unten zog, sah sie die Bilder des auf Isafold liegenden grunzenden Frakkur in ihrem Geist. Ein dumpfes, hohles und knirschendes Geräusch, so ganz anders, als beim Holzspalten, störte für einen kurzen Augenblick die Stille der Nacht. Die Frau von Frakkur, ebenfalls vom Met berauscht, hörte nichts. Sie schlief tief und fest nur einen Meter neben der gewaltigen Blutlache, die sich langsam auf dem getretenen Lehmboden ausbreitete.
Ebenso lautlos wie sie gekommen war, entschlüpfte sie Frakkurs Haus. 
Drausen war alles still und ruhig, noch immer schlief das Dorf... Auf einem Baum neben Frakkurs Haus sassen zwei Raben, einer flog auf, an Sæta vorbei durch die geöffnete Tür in Frakkurs Haus. Der andere flog auf und flog vor Sæta her hinunter zu Gagarrs Haus.

Noch dreimal konnte man, wenn man ganz leise war, das dumpfe, hohle und knirschende Geräusch gespaltener Schädel hören. Noch dreimal flogen Valravne in Häuser... Dann war es totenstill in Galdursvig. 
Kleine geschundene Füsschen eilten den Berg hinauf, vier Valravne erhoben sich in den schwer lastenden Nebel über Galdursvig, flogen hin ins Totenreich zu Hel. 
Eine kleine geschundene Seele die sich nun nichts sehnlicher wünschte als zu ihren Liebsten nach Hause zu kommen um nun ihre ganze Liebe ihnen zu zu wenden. Plötzlich durchbrach die Sonne den dichten Nebel und erwärmte die zarte Sæta, die im Laufen das Blatt der alten Streitaxt im nassen Gras streifen lies. Das Blut vermischte sich mit dem Morgentau und perlte an den Gräsern ab, lief in dicken rötlichen Perlen hinunter in die Erde. Niemand würde es je vermuten, und nicht finden. Niemand würde der kleinen Sæta, das in unserer Sprache "die Süße" heißt zutrauen, dass sie stark genug gewesen wäre, auch nur einen Scheit Holz zu spalten, und niemand der anderen Krieger würde auch nur im Traum daran denken, selbst wenn sie es wüssten, eine kleine "Süße" für den Tot von gleich vier wackeren Kriegern verantwortlich zu machen. Es mussten die Geister der Unterwelt gewesen sein! 
Angst kann Flügel verleihen, dass wussten auch schon die Wikinger und das wussten auch Frakkur, Gagarr, Hakon und Gladur und nun wussten sie auch, dass Angst unbesiegbare Gegener schaffen kann, vor denen man nirgends sicher sein würde... seien sie auch noch so süß und zart.

Dienstag, 18. November 2014

Die rote Sanduhr

„Es ist die Angst, Herr Doktor. Sie beherrscht mein Leben und jenes vieler, die mich umgeben…“ Sie seufzte und lehnte sich im Sessel zurück.
„Ich verstehe. Das muss schwer für Sie sein.“
„Sie können sich das unmöglich vorstellen.“ Sie hob den Schleier über ihr Gesicht und blickte den Psychiater aus ihren dunklen Augen eindringlich an. „Ich fühle mich so missverstanden. Wieso hassen mich denn so viele?“ Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Armen und fing an zu schluchzen.
„Viele Leute wertschätzen eben nicht, was sie leisten…“
Sie horchte auf. „Sie haben recht. Sie haben vollkommen recht!“ Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. „Die wissen einfach nicht, was es bedeutet, sich jeden Tag unter widrigsten Bedingungen sein täglich Brot zu erarbeiten, diese verwöhnten Stubenhocker, Sesselfurzer, Bürostifte! Und ein Obdach gewährt einem ja auch kaum einer. Höchstens im modrigen Keller dulden sie uns noch, diese treulosen Idioten! Dabei: Wo wären die ohne uns?!“ Sie stiess ein verächtliches Lachen aus, lehnte sich wieder im Sessel zurück und schlug ihre langen, schlanken Beine übereinander.
Der Psychiater räusperte sich verlegen und versuchten die Wallung zu unterdrücken, die ihn bei dem verführerischen Anblick überkam. „Wohl wahr! Wohl wahr!“ stimmte er zu.
„Untergehen würden die Narren! Sie wüssten gar nicht, wie ihnen geschieht, das sage ich Ihnen, Herr Doktor! Unsere Arbeit ist essentiell für das Kräftegleichgewicht. Essentiell! Und diese Widerlinge behandeln uns wie Abschaum, wie Dreck. Verjagen − ja quälen uns! Nur weil sie die Macht dazu haben. So glauben sie zumindest. Dabei sind sie in der Unterzahl!“ Sie erhob sich aus ihrem Sessel und reckte die Fäuste in die Höhe. „Wir sollten uns gegen sie erheben! Ja, wahrlich! Wir sollten uns das nicht länger gefallen lassen! Der Sieg ist unser!“ Sie brach in ein irres Gelächter aus, das ihren gesamten Körper durchbebte. Wieder stiegen übermächtige Wallungen in dem armen Psychiater auf. Er konnte seinen Blick nicht von ihr nehmen. Ihre fast unwirklich schlanke Taille und ihr wohlgeformter Unterleib wippten mit dem Lachen rhythmisch auf und ab. Welch betörender Anblick!
Er riss sich gewaltsam aus der Trance. „Wollen wir“, unterbrach er ihr diabolisches Gelächter heiser, „wollen wir uns nicht noch einmal Ihrem anderen Problem widmen, Gnädigste?“ Er wischte sich den Schweiss von der Stirn.
Ein neckisches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Wie Sie wünschen, Herr Doktor“, hauchte sie. „Ich hole mir vorher noch was zu trinken.“ Sie wandte sich um und fragte im davongehen: „Kann ich Ihnen nicht doch etwas anbieten?“
Wieder erstarrt durch den atemberaubenden Anblick dieser davon gleitenden Schönheit war er unfähig zu antworten. Gebannt blickte er auf die feuerrote Sanduhrtätowierung auf ihrem entblössten Rücken.
Sie blickte ihn über ihre Schulter an. „Herr Doktor?“ hauchte sie.
„Oh ja … äh … nein, danke … vielen Dank“, stammelte er und zwang sich erneut zu professioneller Contenance.
„Wie schade…“ Sie kehrte mit einem Drink in einem modernen, seidig umgarnten Gefäss zurück. „Wo waren wir?“
Ihre verführerische Erscheinung gepaart mit dieser geheimnisvoll bedrohlichen Ausstrahlung hypnotisierte ihn förmlich, und es fiel ihm schwer, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. „Wir wollten über Ihr anderes Sorgenkind reden.“
„Ja richtig. Die lieben Männer!“ Sie stiess erneut verächtlich Luft aus. „Ich weiss nicht, Herr Doktor, ich bin scheinbar nicht geschaffen für langanhaltende Beziehungen. Diese anhänglichen Trottel! Sie wollen ja doch alle nur das Eine! Und ich muss ehrlich sagen“, sie lehnte sich zu ihm vor, sodass er ihren Atem in seinem Gesicht spürte, und fügte flüsternd an, „ich will auch gar nicht mehr.“ Dann warf sie sich lachend im Sessel zurück und schlürfte ihren Drink leer. Achtlos schleuderte sie das leere Gefäss zu Boden. „Was soll ich denn mit so einer Klette? Dann müsste ich ja nur mein bescheidenes Zuhause auch noch teilen! Und wofür? Für das Bisschen Vergnügen?! Pah! Dass ich nicht lache!“ Sie hatte sich wieder aufgebäumt und brach wieder in dieses diabolische Lachen aus, das ihn erschauern liess und gleichzeitig so elektrisierend erregte.
„Können Sie denn an nichts denken, was ein Partner Ihnen sonst noch geben könnte, Frau−“
„Aber nicht doch, mein Lieber“, unterbrach sie ihn, während sie sich hingebungsvoll über ihn beugte. Ihr Bein suchte das seine. „Wir kennen uns doch nun schon so lange, Herr Doktor…“ Das zweite Bein, suchte das seine, und gedehnt hauchte sie: „Nennen Sie mich … Vidua.“
Da war es um seine Beherrschung geschehen. Sie fielen wild über einander her und wälzten sich im hemmungslosen Liebesspiel. Die ganze Nacht lang vereinigten sie sich wieder und wieder. Doch auch dieses Feuer erlosch allmählich. Langsam verebbte die Wollust und eine übermächtige Erschöpfung hielt Einzug. Doch noch bevor er sich des Endes ihrer Liebesnacht gewahr wurde, vollzog sich das absehbare und doch unausweichliche Unglück!

Ein letztes Mal bäumte sie sich vor ihm auf. Sie riss ihr Maul auf und entblösste furchteinflössende, messerscharfe Zähne. Sie fuhr auf ihn nieder, umklammerte ihn mit ihren sechs Beinen und biss zu. Er spürte wie das Gift durch seinen Körper strömte und sogleich seine lähmende Wirkung zu entfalten begann. Mit den hintersten beiden Beinen begann sie das tödliche Netz um ihn zu wickeln. Durch die sich in seinem Kopf ausbreitenden Nebelschwaden hörte er ihre sanfte Stimme: „Hab keine Angst, mein Liebling. So ist nun mal der Lauf der Dinge, und selbst dein schlaues Köpfchen – wir haben es ja wahrhaftig versucht – konnte daran nichts ändern.“