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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Samstag, 29. November 2014

Wie eine Würgeschlange...

Ich möchte das Label "Angst" gerne nutzen, um euch von einer Furcht zu erzählen, die weder ich noch meine Leidensgenossinnen verstehen, die aber dennoch da ist und das restliche Denken ganz vergiftet. Meine lieben Leserinnen und Leser ich schildere euch nun von einer unergründlichen und tiefsitzenden Angst, die nicht zu meiner Persönlichkeit gehört und trotzdem in meinem Geist sitzt und mich voll und ganz zu ergreifen vermag. Ich gewähre euch hiermit einen tiefen Einblick in eine Psyche die ich einerseits als die meine betrachte, andererseits auch als krank erachte. Aber macht euch selbst ein Bild. Meine lieben verzweifelten Mitschreiber, hiermit stelle ich mich vor:

Wieder stehe ich vor der alltäglichen und mittlerweile leidigen Frage: Soll ich noch mehr essen oder soll ich nicht? Eigentlich weiss ich, ich sollte, ja, muss. Aber ich habe riesige Angst vor dem Mehr.
'Was kann denn schon passieren?', versuche ich  mich schon panisch zu beruhigen. Doch die Furcht hat sich bereits festgebissen. Jegliche rationale Entscheidung wird verunmöglicht. Dennoch versuche ich verzweifelt, mich selbst zu retten: Ich stelle mir vor, nur diesen Apfel mehr zu essen, sehe mich schon abbeissen...
Und bereits wird irgendwo tief erschrocken geschrien: 'Aber dann könntest du ein allfälliges Guetzli am Nachmittag nicht nehmen und heute ist eh Freitag, das heisst am Abend bist du lange auf und wirst mehr als sonst naschen. Ausserdem gehst du morgen auswärts essen, da gibt es auch noch Drinks und du hast bis jetzt noch jedes Mal zugenommen nach so einer Veranstaltung.'
Ich versuche zu kämpfen: 'Aber ich muss zunehmen, ich DARF essen und naschen. Stell dich der Angst. Es kann wirklich überhaupt nichts passieren! Von einem Apfel wird man nicht gleich dick und auch wenn ich heute Abend trotzdem viel verputze, was macht das schon aus? Ich bin immer noch viel zu dürr und ich muss zunehmen! Stell dich dieser Angst. Du MUSST zunehmen.'
Ich betrachte den Apfel, will mich zu einem ersten Bissen zwingen.
Meine Hand wird gestoppt, es wird gekreischt: 'Ok, ok. Wir treffen eine Vereinbarung: Du isst die Ananasscheibe, die zuhause noch im Kühlschrank liegt später, wenn du heim kommst. Dafür lässt du jetzt den Apfel.'
Ich halte inne und höre zu...ein Schmeicheln beginnt: "Das ist ja auch zusätzlich, und am Abend fällt es dir ja eh leichter. Du musst dich nicht so peitschen. Nimm die Ananas später.'
Ich fange an, an meinem Vorhaben zu zweifeln...die Verlockung ist so gross, ich meine schon den sicheren Hafen am Horizont zu sehen. Ich weiss zwar, dass das Verschieben nicht gut ist. Aber verschoben heisst ja nicht aufgehoben und besser als nichts ist die Ananas ja schon. Das ist doch weder ein Schritt in eine gesündere Richtung, oder?
'Also, ich gehe den Kompromiss ein. Aber ich verspreche mir, dass ich die Ananas auch wirklich essen werde!'
'Ja, bestimmt.', höre ich tröstend.
Wohlige Sicherheit macht sich breit: die Verabredung gibt mir wieder Boden unter den Füssen und ich fühle mich beruhigt.
Denn ich MUSS wirklich zunehmen: Am Montag habe ich einen Termin zur Gewichtskontrolle und der Gedanke daran bereitet mir jetzt schon richtig Bauchschmerzen. Ich befinde mich auf einer Gratwanderung, bei der es links und rechts von mir senkrecht felsige Kanten hinabgeht. Ich zittere innerlich erneut vor Angst. Hier will ich eigentlich nicht sein. Dieses ständige Aufpassen, diese unaufhörliche Furcht, einen Fehltritt zu machen, ich halte es kaum mehr aus, es ist so schrecklich. Ich würde mich so gerne fallen lassen.
Woher kommt bloss dieses starke Ich-Will-Nicht-Zunehmen aus meinem Innersten? Ich verspüre eigentlich keine Angst bei dem Gedanken, dass ich wieder dick bin. Nein, im Gegenteil, am liebsten würde ich mit dem Finger schnippen und ich wäre wieder normalgewichtig. Was ist das bloss für eine Furcht? Heimlich, unterschwellig. So etwas kenne ich gar nicht. Ich kann damit nicht umgehen, sie ist nicht greifbar für mich. Ich kann mich diesem Unbekannten einfach nicht stellen, weiss nicht wo anpacken. Wieder öffnet sich der Boden unter meinen Füssen, ich taumle...schwarzes Loch, Panik...wohin soll das Alles noch führen?
'Keine Angst, ich bin da, ich halte dich. Leg jetzt den Apfel weg. Später isst du dann die Ananas und später darfst du dann naschen. Aber jetzt hältst du noch ein bisschen durch. Du bist so stark. Nur keine Furcht, meine liebe Philia. Glaub mir, nur zusammen sind wir stark. Vertrau mir, gib den Kampf auf. Er raubt dir so viel Kraft und ist unnötig. Ich bin ja da, ich stütze dich!'
Aber Philia bleibt verzweifelt. Das ist keine Lösung. Sie legt den Apfel bei Seite. Später wird sie erneut den Kampf gegen das ungeheure Nichts antreten, für diesen Moment sind ihre Kräfte verbraucht.
Sie wird sich in der Angst verlieren, wenn sie nicht bald die Hand nach ein einem rettenden Halm ausstreckt und sich dann wie verrückt daran festklammert. Nur so entkommt sie dem Sog, nur so überwindet sie dieses Grauen, nur so entkommt sie der verführerischen und todbringenden Umschlingung der fremden Furcht.

So, meine lieben, geduldigen Leserinnen und Leser. Ich möchte mich an dieser in aller Form für das Chaos an Worten, Gedanken und Gefühlen entschuldigen und gleichzeitig bedanke ich mich, für euer Durchhalten. Ich verspreche im Gegenzug in naher und ferner Zukunft solcherlei zu unterlassen.

3 Kommentare:

  1. Ergreifende Einblick in eine Gedankenwelt, beherrscht von einer für die allermeisten von uns wohl so fremden und unvorstellbaren Angst. Eine wichtige Hilfe zum wahren Verstehen dieser Krankheit. Vielen Dank für die Offenbarung!

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  2. Das ist ein sehr offenes und mutiges Bekenntnis - berührend... bewegend... Danke für deinen Mut, Philia - Hut ab!

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