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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Mittwoch, 25. März 2015

Die richtigen Tasten drücken

Wie jeden Freitag trafen sich Ed, Ned und Fred in der Pianobar des Fünfsternehotels Les trois rois. Auf Hochglanz poliert stellten sie sich in üblicher Reihenfolge an ihren angestammten Platz an der Bar. Unaufgefordert servierte Tobias die gewohnten Drinks. Ein Old Fashioned für Ed, ein Hemingway Special für Ned und ein Whiskey Sour für Fred. Das herrliche Ambiente der luxuriösen Bar und der angenehme Smooth Jazz des Pianos läuteten auch dieses Mal das Wochenende wieder gebührend ein.
Gut gelaunt liessen die drei die Gläser klingen, nahmen einen kräftigen Schluck und stiessen anschliessend synchron einen Seufzer des Wohlgefallens aus, bevor sie die Gläser ebenfalls synchron möglichst männlich zurück auf die Theke stellten. Dann setzten sie sich auf die Barhocker, breitbeinig wohlverstanden, und liessen die geübten Blicke nach den dieswöchigen Opfern schweifen. Daneben führten sie die belanglosen Alibigespräche, um sich ihrer Würde nicht komplett zu entledigen.
„Na, wie läuft’s in der Bude, Ned? Hat sich dein Chef endlich wieder mal blicken lassen?“ fragte Ed.
„Pha! Dieser Vollidiot taucht nur noch sporadisch im Büro auf. Die Woche war er insgesamt vielleicht zwanzig Prozent anwesend, zahlt sich aber natürlich einen dreihundertprozentigen Lohn!“
„Wem sagst du das!“ protzte Fred. „Wir durften heute wieder länger bleiben, weil irgendso‘ne Schickimickikundin noch ne Beratung für ein Soundsystem wollte. Der Chef war natürlich Punkt halbsieben weg. Als er ging, hat er mich doch echt noch in die Seite gestossen und gemeint ‚Der verkauft ihr noch was, Jungs‘, dann hat er noch so blöde gezwinkert, die Flasche – ist das zu glauben!“
„Na, dann kann ich ja echt nicht klagen! Ich durft‘ mich die Woche wieder mit paar netten Ladies abgeben und sie kräftig verbiegen!“ Ed lachte laut auf.
„Ja ja, deine Prahlereien kenne wir“, bremste ihn Ned. „Aber erzähl doch nochmal von den wabbeligen, verschwitzen, stinkenden Fettsäcken, die du anleiten musst. Das vergisst du wohl gerne. Ne du, mein Lieber, mit dir will ich nicht tauschen, egal wie viele heisse Schnecken da auch immer sonst noch rum rennen.“ Er senkte plötzlich die Stimme. „He apropos, Granate auf neun Uhr.“
Die anderen zwei Köpfe wandten sich unauffällig zum gewiesenen Eingang. Zwei elegante junge Frauen traten lachend ein und blickten sich nun offensichtlich nach geeigneten Sitzplätzen um.
„Scharrrrrrf!“ liess sich Ed geistreich vernehmen.
„Hey, Achtung, sie kommen zur Bar“, zischte Fred.
Unauffällig wurden daraufhin an der Bar drei Bäuche eingezogen, drei Brüste geschwellt und drei Frisuren gerichtet. Die beiden attraktiven Frauen setzten sich tatsächlich neben sie an die Bar und bestellten ihre Drinks.
Als der Barkeeper die Drinks servierte, streckte ihm Ned einen Schein hin. „Das übernehmen dann wohl wir“, hauchte er verführerisch und sein Mund verzog sich zu einem gespenstischen, unbequem wirkenden Grinsen, das seine gebleichten Zähne entblösste.
„Soso, tönt nach einem Befehl.“ Dann wandte sich die Brünette dem Barkeeper zu. „Widerstand ist zwecklos, Tobias. Was kann man da machen.“ Sie lächelte und zuckte mit den Schultern. Dann nahmen die beiden Schönheiten ihre Gläser und wandten sich ihren Gönnern zu.
„Na dann vielen Dank, die Herren!“ prostete die Blondine.
Sie stiessen alle miteinander an, dann setzte Ned seinen Frontalangriff fort: „Was führt denn zwei so bezaubernde Frauen alleine ins Trois Rois?“
Die Brünette warf charmant die Haare zurück und ein betörender Geruch stiess Ned entgegen. „Ach, ich wusste gar nicht, dass hier sonst nur abstossende Menschen zugelassen werden.“ Sie stiess ihn sanft gegen den Oberarm. „Scherz!“ lachte sie und kräuselte dabei verspielt die Nase. „Wir arbeiten zusammen hier ganz in der Nähe. Normalerweise kommen wir fürs Feierabendbier nicht hier her“, wieder ein Zwinkern, „aber heute hat’s grad irgendwie gepasst. Und ihr? Seid ihr regelmässig hier?“
Nun ergriff Ed das Wort. „Hin und wieder. Wir arbeiten eben auch alle in der Stadt, da ergibt sich’s ganz gut. Ich leite das Fitnesscenter am Martinsplatz. Kennt ihr das?“
„Ach was! Das ist doch ziemlich nobel, nicht?“
„Kann man wohl sagen.“ Zum Glück hatte Ed noch zwei Ohren, sonst hätte nichts sein Grinsen gestoppt und sein Kopf wäre zweigeteilt worden…
„Wow, schöner Arbeitsplatz! Ihr habt ja Blick auf den Rhein. Beneidenswert!“ Die Brünette nickte anerkennend.
„Wir arbeiten leider in einem sehr alten Gebäude“, ergänzte die Blondine. „Schöne historische Räume zwar, aber super düster.“
„Da kann ich euch echt nachfühlen“, setzte Fred die Parade fort. „Mein Büro hat zwar ein grosses Fenster, das geht aber auf eine enge Gasse hin. Direktes Sonnenlicht seh‘ ich drum auch keines.“
„Wo arbeitest du denn?“
„Ich bin Geschäftsinhaber eines Elektronikgeschäfts am Rheinsprung.“
„Oh Rheinsprung, auch eine gute Adresse!“ Erneut anerkennendes Nicken.
„Ja, wir arbeiten alle ganz in der Nähe, drum eignet sich diese Hotelbar ja so gut als Treffpunkt“, riss nun schliesslich auch Ned das Wort noch an sich. „Ich arbeite am Marktplatz.“
„Ach was! Etwa im Fielmann? Oder was gibt’s dort sonst noch.“
Ned lachte etwas zu laut auf. „Nein. Ich bin Leiter der Baer Bank Filiale dort.“
„Ein Banker!“ lachte die Brünette herzlich. „Das war wohl auch schon eine bessere Visitenkarte als heutzutage, was?“
Ned rang sich ebenfalls ein Lachen ab, was ihm allerdings nicht allzu glaubwürdig gelang.
Die Brünette legte beschwichtigend ihre Hand auf seinen Unterarm, und seine Miene hellte sich augenblicklich auf. „Ich bin überzeugt, du bist ein vorbildlicher Filialleiter“, säuselte sie.
Die Drinks waren mittlerweile geleert und die beiden Damen blickten einander vielsagend an. Dann blickte die Blondine auf ihre imaginäre Uhr und bemerkte: „Huch, es ist ja schon Zeit!“
„Tatsächlich?“ empörte sich die Brünette. „Das ging ja jetzt schnell!“ Und an die verdutzten Herren gewandt fügte sie lächelnd an: „Vielen Dank für das kurzweilige Gespräch. War wirklich nett, euch kennen gelernt zu haben.“
Ned nahm die ihm hingestreckte Hand entgegen und hielt sie fest. „Ihr wollt einfach so gehen? Jetzt wird‘s doch erst lustig!“ Er zwinkerte näckisch.
„Ja, tut uns schrecklich leid, aber wir haben noch eine Verabredung.“
Auch Fred versuchte sein Glück: „Aber wir wissen doch noch nicht mal eure Namen.“
„Erfindet doch einen, darin seid ihr spitze!“
Zum Schluss noch Ed: „Was?“

„Naja… Wir lassen uns nur von ihm was vorspielen.“ Damit wandten sich die beiden ab, küssten den Pianisten auf die Wange und gingen mit ihm davon. Und während sie die Pianobar verliessen, erklang aus den Lautsprechern ein bekannter Schlager: „Man müsste Klavierspielen können. Wer klavierspielt hat Glück bei den Frau’n. Denn nur er kann mit Tönen den lauschenden Schönen ein Luftschloss der Liebe erbau’n…“

Voll auf die Fresse

„Endlich wieder etwas Sonne“ – dachte er sich, während er seine Lieblingsjacke zurecht zog und sich zur Fassade hin umdrehte. „Neue Rauswurfparolen“ – stellte er nüchtern fest. 

Auch entgingen ihm die drei freundlich wirkenden älteren Damen nicht, die ihren Plausch einen Moment lang unterbrachen, als sie ihn von der anderen Straßenseite her betrachteten. Sie schauten sichtbar irritiert drein – irgendwie voller Abscheu, könnte man sagen.

Dies schien ihm jedoch erstaunlich wenig auszumachen und er schlenderte durchaus beschwingt seinen üblichen Weg die Straße hinunter – Richtung Kreuzung, zu dem Kiosk mit den kleinen Stehtischchen davor. 

„Einen großen Braunen zum Mitnehmen – viel Milch, wenig Zucker!“ 

„Schon klar“ – entgegnete ihm die Kioskfrau, die ihm wie üblich den Kaffee mit einer ruppigen Bewegung servierte, so dass ihm die heiße Brühe entgegen schwappte. „Blöde Kuh!“ – dachte er sich, warf das Geld auf den Tresen und ging weiter…

An der Tramhaltestelle angelangt, gerade wollte er an seinem Kaffeebecher nippen, rollte ihm der Briefträger mit seinem gelben Wägelchen direkt über die Füße – ohne sich auch nur ansatzweise dafür zu entschuldigen. 

„Scheiß Post!“ raunzte er und putzte sich die Radspuren von den Schuhen.  

Als er in die Tram stieg und nach einem Sitzplatz in Fahrtrichtung suchte, stolperte er über ein herausgestrecktes Bein. So ungeschickt stürzte er zu Boden, dass ihm der heiße Kaffee über seine rechte Hand schwappte. Die braune Brühe verteilte sich gleichmäßig in den Rillen des PVC-Bodens rund um die verbrannte Hand.

„Rücksichtsloses Dreckspack!“
Noch immer leise vor sich hin schimpfend verließ er bei der nächsten Haltestelle die Tram  inzwischen weit weniger beschwingt...
                                            
Nachdem er eine Zeit lang auf einer Parkbank saß – er hatte gerade sein fünftes Bier getrunken – kam ein junger Mann mit Turnschuhen und Sportjacke bekleidet auf ihn zu. Der sympathisch wirkende Kerl mit Ohrring und einem kleinen Spitzbärtchen am Kinn schlug ihm dann, als er direkt vor ihm stand, ohne zu zögern drei Mal hintereinander voll auf die Fresse. Das Blut quoll in Bächen aus Oberlippe, Mund und Nase. Die Mischung aus stechendem Schmerz und biergetrübter Vernebelung fühlte sich enorm kaputt an und es wurde ihm schlecht. Mit der kleinen Kaffeeserviette, die er sich zuvor am Kiosk eingesteckt hatte, wischte er sich notdürftig das Blut aus dem Gesicht. Etwas zitternd zwar, aber erfolgreich, gelang es ihm ohne fremde Hilfe von der Parkbank aufzustehen und nach Hause zu wanken. 

Endlich daheim angekommen, ließ er mit einem weinerlichen Stöhnen die Tür hinter sich ins Schloss fallen, wischte sich mit einem frischen Feuchtreinigungstuch das eingetrocknete Blut aus seinem etwas aus der Mode gekommenen Oberlippenbärtchen, streifte sich die schweren Stiefel ab und  warf seine Lieblingsjacke kraftlos über einen Stuhl.

Eine ganze Weile lang stellte er sich schließlich vor den großen Wandspiegel, um sich aufmerksam darin zu betrachten. „Um Himmels Willen, was machst du bloß verkehrt?“ – fragte er sich, während ihm nicht entging, dass die Blutspritzer auf seinem Shirt ganz gut zu dem Hakenkreuz passten, das unübersehbar auf seiner Brust prangte.