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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Mittwoch, 25. März 2015

Voll auf die Fresse

„Endlich wieder etwas Sonne“ – dachte er sich, während er seine Lieblingsjacke zurecht zog und sich zur Fassade hin umdrehte. „Neue Rauswurfparolen“ – stellte er nüchtern fest. 

Auch entgingen ihm die drei freundlich wirkenden älteren Damen nicht, die ihren Plausch einen Moment lang unterbrachen, als sie ihn von der anderen Straßenseite her betrachteten. Sie schauten sichtbar irritiert drein – irgendwie voller Abscheu, könnte man sagen.

Dies schien ihm jedoch erstaunlich wenig auszumachen und er schlenderte durchaus beschwingt seinen üblichen Weg die Straße hinunter – Richtung Kreuzung, zu dem Kiosk mit den kleinen Stehtischchen davor. 

„Einen großen Braunen zum Mitnehmen – viel Milch, wenig Zucker!“ 

„Schon klar“ – entgegnete ihm die Kioskfrau, die ihm wie üblich den Kaffee mit einer ruppigen Bewegung servierte, so dass ihm die heiße Brühe entgegen schwappte. „Blöde Kuh!“ – dachte er sich, warf das Geld auf den Tresen und ging weiter…

An der Tramhaltestelle angelangt, gerade wollte er an seinem Kaffeebecher nippen, rollte ihm der Briefträger mit seinem gelben Wägelchen direkt über die Füße – ohne sich auch nur ansatzweise dafür zu entschuldigen. 

„Scheiß Post!“ raunzte er und putzte sich die Radspuren von den Schuhen.  

Als er in die Tram stieg und nach einem Sitzplatz in Fahrtrichtung suchte, stolperte er über ein herausgestrecktes Bein. So ungeschickt stürzte er zu Boden, dass ihm der heiße Kaffee über seine rechte Hand schwappte. Die braune Brühe verteilte sich gleichmäßig in den Rillen des PVC-Bodens rund um die verbrannte Hand.

„Rücksichtsloses Dreckspack!“
Noch immer leise vor sich hin schimpfend verließ er bei der nächsten Haltestelle die Tram  inzwischen weit weniger beschwingt...
                                            
Nachdem er eine Zeit lang auf einer Parkbank saß – er hatte gerade sein fünftes Bier getrunken – kam ein junger Mann mit Turnschuhen und Sportjacke bekleidet auf ihn zu. Der sympathisch wirkende Kerl mit Ohrring und einem kleinen Spitzbärtchen am Kinn schlug ihm dann, als er direkt vor ihm stand, ohne zu zögern drei Mal hintereinander voll auf die Fresse. Das Blut quoll in Bächen aus Oberlippe, Mund und Nase. Die Mischung aus stechendem Schmerz und biergetrübter Vernebelung fühlte sich enorm kaputt an und es wurde ihm schlecht. Mit der kleinen Kaffeeserviette, die er sich zuvor am Kiosk eingesteckt hatte, wischte er sich notdürftig das Blut aus dem Gesicht. Etwas zitternd zwar, aber erfolgreich, gelang es ihm ohne fremde Hilfe von der Parkbank aufzustehen und nach Hause zu wanken. 

Endlich daheim angekommen, ließ er mit einem weinerlichen Stöhnen die Tür hinter sich ins Schloss fallen, wischte sich mit einem frischen Feuchtreinigungstuch das eingetrocknete Blut aus seinem etwas aus der Mode gekommenen Oberlippenbärtchen, streifte sich die schweren Stiefel ab und  warf seine Lieblingsjacke kraftlos über einen Stuhl.

Eine ganze Weile lang stellte er sich schließlich vor den großen Wandspiegel, um sich aufmerksam darin zu betrachten. „Um Himmels Willen, was machst du bloß verkehrt?“ – fragte er sich, während ihm nicht entging, dass die Blutspritzer auf seinem Shirt ganz gut zu dem Hakenkreuz passten, das unübersehbar auf seiner Brust prangte.

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