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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Samstag, 25. Juli 2015

Bella Donna

„Gestern Abend lag ich unruhig auf meinem Bett und obwohl ich da lag wie sonst jeden Abend konnte mich der Schlaf nicht finden. Immerzu musste ich an Lara Zeh denken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn. Ich verzehre mich nach ihr.“

„Mmmh“ – summte Eckhart als er dazu ansetzte einen Zweig zwischen einer Astgabel hindurch zu werfen. Er warf ihn kräftig und verfolgte aufmerksam seine Flugbahn, die zwischen Bäumen hindurch und über Büsche hinweg schließlich im grünen Moos endete.

„Nun – als ich endlich einschlafen konnte“, fuhr Friedrich fort, „begann ich zu träumen. Im Traum durchreiste ich fremde Gegenden bis ich schließlich am Fuße eines Berges die Öffnung einer dunklen Spalte entdeckte. Ich drang in sie ein und betrat eine Höhle. In der Höhle befand sich ein Wasserbecken. Ich ließ mich lustvoll in das Wasserbecken hineingleiten und durchschwamm es bis zum anderen Ufer.“

Eckhart spitze die Ohren, denn er mochte Friedrichs träume. Außerdem bemerkte er, dass es hier um etwas ging, das Friedrich ganz besonders am Herzen liegt – weshalb Eckhart seine Ohren auch ganz besonders spitze.

„Was mich dort mit voller Macht anzog“, fuhr Friedrich mit großen Augen fort, „war eine hohe lichtblaue Blume, die mich mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie herum standen unzählige andere Blumen von allen Farben; und der köstliche Geruch erfüllte die ganze Luft im warmen und feuchten Innenraum der Höhle. Ich aber sah nichts als diese blaue Blume und betrachtete sie lange und mit zärtlichen Gefühlen. In dem Moment als ich mich ihr nähern wollte, fing auch sie an sich zu bewegen und ihre Gestalt zu verändern. Ihre Blätter wurden glänzender, ihr Stängel wuchs und ihre Blätter begannen sich zu spreizen. Schließlich neigte sie sich zu mir hin und ihre Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ich Laras Gesicht erkennen konnte. Mein Verlangen nach ihr wurde größer und größer. Aber dann, als wir begannen uns zu küssen und sie ihren Mund öffnete, stellte sich mir der Atem ab. Je länger wir uns küssten je mehr schnürte es mir die Luft ab. Ich versuchte zu atmen – war aber kaum mehr dazu in der Lage. Ich wollte, aber ich konnte nicht. Ich drohte zu ersticken. Schließlich erwachte ich – atemlos und unfassbar betört.“[1]

„Heute habe ich den größten Teil des Tages damit verbracht über diesen Traum und Lara Zeh nachzudenken. Mein Verlangen nach ihr ist schön; aber es ist auch schlimm.“

„Also ganz schön-schlimm“ – fügte Eckhart lächelnd hinzu, weil er sich über diese kleine Stimmigkeit freute.

„Ja Mann“, sagte Friedrich – dem das hübsche Wortspiel zwar auch auffiel, sich aber weniger daran erfreute. „Ich grüble mich noch zu Tode darüber wie ich meine schier unstillbare Sehnsucht nach Lara mit meinem unbändigen Verlangen nach Unabhängigkeit unter einen Hut bekommen kann.“

Darauf sagte Eckhart – wie so oft – erst einmal gar nichts.

Nach einer schönen Weile jedoch – es dämmerte schon – zeigte er auf eine Pflanze am Wegesrand und fragte: „Was ist denn das für ein Gewächs?“

Friedrich, der Eckhart immer wieder damit zum erstaunen bringen konnte, weil es kaum etwas zu geben schien womit er sich nicht auskennt, antwortete: „Das ist eine Bella Donna – die tötet jeden, der ihre Blätter isst.“

„Mmh", summte Eckhart erneut, bevor er langsam und nachdenklich sagte: "...aber sie wird doch bestimmt niemandem schaden, der sie nicht aufessen will. Ich meine, wer sich schlicht an ihrem Duft und ihrem Dasein erfreut; wer gefallen daran findet sie wachsen, gedeihen und erblühen zu sehen; also wer frei ist von dem Wunsch sie sich einzuverleiben und sich ohne Habsucht an ihrer Gegenwart und Schönheit erfreut – dem kann sie doch ganz gewiss nicht schaden.“





[1] In Anlehnung an Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Berlin 1802



Montag, 13. Juli 2015

blau

Ein Stück Himmel in uns


Wir sind Tropfen, du und ich. Ganz klein, ganz leise. Und wenn wir fallen, zerbersten wir in tausend Teile. Lass uns fallen, lass uns zerbersten, lass ein paar unserer tausend Teile einander finden, gemeinsam zerfliessen. Vielleicht. Wir sind Tropfen, du und ich, wir sind so stet, wie die Zeit selbst. 

Lass die anderen. Lass sie rauschen, wüten, schäumen. Lass sie sich aufbäumen, zerbrechen, sich entzweien am harten Stein. 

Wir sind Tropfen du und ich, wir fallen stet. Vom hohen Himmel, (von Blattspitzen) von Luft geküsst, vom Wind geschlagen fallen wir stet und vielleicht, vielleicht finden wir uns ein bisschen, wenn wir zerfliessen.

Tropfen sind wir, du und ich, (wir fallen, und machen leise „Plitsch!“) Wir fallen, jeder für sich, fallen zusammen.

Und wenn wir dann in die Knie zwingen, was all die anderen zerbrach, was dann?

Wir fallen, du und ich, fallen stet, fallen bodenlos. Kein Bersten, kein Fliessen. Keines deiner tausend Teile findet zu mir, kein einziges meiner tausend Teile fliesst zu dir. 


Wir sind doch nur Tropfen, über uns das Himmelblau.