Es regnete einen warmen Sommerregen. Die Türglocke läutete. Eckhart ging und
öffnete. Friedrich stand tropfnass vor ihm. Eckhart bat ihn herein. Die beiden gingen auf die Terrasse hinaus.
Friedrich steckte sich eine Zigarette an. Eckhart tat es ihm gleich. Sie setzten sich auf hölzerne Stühle und Eckhart schaute Friedrich fragend an.
„Ich will dir lieber nicht meine Leidensgeschichte
erzählen.“
Wenn jemand so etwas sagt, das wusste Eckhart genau,
dann führt er genau das im Schilde. Aber das machte Eckhart nichts aus – und
daher sagte er:
„Das macht mir nichts aus.“
Friedrich lächelte – weil er merkte, dass Eckhart es auch
so meinte.
„Ich sage dir – zurzeit setzt mir das Leben ordentlich
zu. Es ist als ob ein Fluch auf mir lastet. Alltagswidrigkeiten und Pech an
allen Fronten. Seit bald drei Wochen habe ich einen enorm schlechten Lauf.“
„Das ist blöd.“
„Allerdings! Aber die Enttäuschungen auf der
zwischenmenschlichen Seite machen mir am meisten zu schaffen. Das setzt mir
mehr zu als alles andere.“
„Kann ich mir gut vorstellen. Was ist passiert?“
„Wie du weißt hatte ich bis vor kurzem noch das Gefühl
in einem Pool sozialer Möglichkeiten zu baden. Das war schön. Ich war fest im
Glauben Freunde zu haben die für mich da sind wenn ich in Not gerate und dass
ich sogar noch Neue dazu gewinne. Ich fühlte mich gesegnet von den vielen
intensiven, heiteren, spannenden und inspirierenden Begegnungen. Dann trat Lara
Zeh in mein Leben und es wurde noch besser. Sie ist mir recht ans Herz
gewachsen. Sie ist mein Lieblingsmensch.“
„Noch einer?“
„Ja – sie ist mein Lieblingsmensch.“
„Alles klar.“
„Es passiert mir so gut wie nie, dass mich Menschen so
tief berühren. Es wurde immer näher... vertrauter... aber dann, auf einen Schlag –
gleichsam über Nacht – hat sich alles gewandelt. Und für Lara Zeh war ich nur
noch Plan B.“
„Ah!“ – fügte Eckhart hinzu, weil er es sich nicht
nehmen lassen wollte dieser kleinen Witzigkeit noch etwas dranzugeben.
Friedrich rollte mit den Augen und bemerkte
gleichzeitig wie es ihm gut tat mit Eckhart darüber zu sprechen. „Aber was ganz
übel ist“, so fuhr er fort, „von einem Tag auf den anderen schien sich auch kein
anderer Mensch mehr für mich zu interessieren. Mein Hochgefühl hat sich in Luft
aufgelöst und ich fühlte mich stehengelassen wie ein Aussätziger. Ich war wirklich
ein armer Tropf. Sogar du konntest nicht für mich da sein. Aus gutem Grund
zwar, das weiß ich – aber so hat es sich halt ergeben. Und ich sage Dir – so
geht es mir seit Wochen. Am laufenden Band. Es ist unfassbar.“
„Das tönt wie verhext. Aber ich kenne das. Oft kommt eins zum anderen. Doch es ist nichts weiter als eine ungute
Verkettung saublöder Umstände. Eine Phase, die auch wieder vorüber gehen wird.“
„Gewiss. Ich weiß auch, dass es vermutlich niemand böse
mit mir meint. Und doch hat es mir enorm zugesetzt."
„Vor allem die Sache
mit Lara – nicht wahr? Ich weiß ja was sie dir bedeutet."
„Lara Zeh tut weh“, sagte Friedrich mit zartbitterem
Klang in seiner Stimme – und fuhr fort: „In der Nacht in der mein
unglückseliger Lauf seinen Anfang nahm träumte ich von ihr. Einen Traum, der im
Grunde bloß widerspiegelt was ohnehin passiert ist – indem aber vielleicht auch
noch mehr steckt. Ich weiß nicht genau.“
„Erzähl mir davon!“
„In diesem Traum habe ich wieder einmal die blaue
Blume besucht. Ich bin die Stadt hinaus bis in die Berge gegangen. Dort stieg
ich wiederum in die Höhle hinab. Ich versenkte mich in ihren Abgrund. Wiederum habe ich mich in das Wasserbecken gleiten
lassen und wiederum durchschwamm ich es bis zum anderen Ufer. Und als ich dann vor
der ersehnten lichtblauen Blume stand spürte ich in meinem Herzen viel Liebe
für die Blume. Dieses Mal jedoch stand ich nicht alleine vor ihr. Denn bald
schon trat ein Anderer hinzu. Er kam aus der Dunkelheit und war auf einmal da. Ich
erinnere mich daran, dass seine Bewegungen kraftlos waren und ich konnte erkennen,
dass er an einer verborgenen inneren Krankheit litt – und doch war er
ungewöhnlich zielstrebig. Denn als jene Gestalt näher kam, begann er sogleich sich
der blauen Blume anzunähern. Er streckte seine langen Finger nach ihr aus; und
seine Berührungen waren zärtlich gemeint; und die blaue Blume ließ es zu; er
drehte und wendete sich um sie herum und berührte sie unentwegt mit einer
nahezu beiläufigen Selbstverständlichkeit; er wollte einfach nicht damit
aufhören nach ihr zu greifen und sie zu liebkosen.
Ich beobachtete das Geschehen und sah wie sich die
blaue Blume ein wenig zu zieren schien. Ganz so als ob es ihr allzu zudringlich
war. Vielleicht jedoch war er ihr auch nicht zudringlich und es war ihr aus
einem anderen Grund nicht recht. Irgendetwas stimmte auf jeden Fall nicht – oder
wünschte ich mir das nur? Ich kann es nicht sagen. Sie ließ ihn jedenfalls gewähren
und begann damit auch ihn zärtlich zu berühren...
Obwohl es mich schmerzte zu sehen wie die blaue Blume
nicht mir sondern ihm zugeneigt war... und sich von ihm liebkosen ließ und
nicht von mir... und sie seine zärtlichen Berührungen gar noch erwiderte… ja trotzdem
fühlte ich mich der blauen Blume verbunden. Ich fühlte mich sogar beiden nah – dem Honk und der Blume.
Als es in der Höhle dunkler wurde begann er schließlich
– für mich ganz überraschend – an ihr zu ziehen. Ich traute meinen Augen kaum,
weil er, ohne dass ich je damit gerechnet hätte, tatsächlich und ganz
selbstverständlich damit begann an ihr zu ziehen. Und zu meiner großen
Überraschung ließ sie an sich ziehen. Sie ließ sich tatsächlich von ihm
ziehen... und sie bewegte sich empor... sie bewegten sich beide empor... und er
zog weiter und weiter... und ich war nicht mehr imstande zu sagen, ob sie nun
an ihm zog oder er an ihr... und ich glaube auch sie wäre nicht imstande gewesen
zu sagen was da geschah und wer an wem zog. Es geschah einfach... und sie
stiegen immer höher und höher... bis sie mit ihm in der Höhe ihrer Höhle
verschwand, wo ganz hoch oben ein Lichtstrahl den Fels durchbrach.
Noch kurz vor ihrem Aufstieg lächelte sie mir zu. Das Gesicht
von Lara Zeh, das im Blütenkranz schwebte lächelte mir noch einmal zu... und
ich spürte wie die blaue Blume mich ein wenig mit ihren Blättern berührte bevor
sie aufstieg und in der Höhe ihrer Höhle verschwand. Letztlich jedoch stand ich
alleine am dunklen Grund der kalt gewordenen Höhle.
Ein tiefer Schmerz und eine bittere Traurigkeit breiteten
sich in mir aus. Und als ich mich daran machte die Höhle wieder zu verlassen konnte
ich den Ausgang aus der kalten und dunkel gewordenen Höhle nicht mehr finden. Dann erwachte ich – aber die Verwirrung und Enttäuschung und der Schmerz
und die Trauer waren noch immer da... und auch meine Ungewissheit, ob ich je
wieder den Ausgang aus der Höhle finden würde... und ob die blaue Blume sich mir
je wieder zuneigen wird... all das verflog mit dem Erlöschen des Traums nicht,
sondern blieb bei mir.“
„Mmh – summte Eckhart anteilnehmend. Und nach einer langen Pause atmete er tief ein und sagte: „Ich frage mich
ernsthaft, ob dein »unguter Lauf« nicht vielmehr ein Segen ist als ein Fluch.“
„Was? Wie könnte das ein Segen sein und kein Fluch?“
„Nun, ich kann natürlich gut nachempfinden und
verstehen, wie mies es dir geht.“
„Saumäßig mies!“
„Schon klar – aber ich bin mir echt nicht
sicher, ob du den Traum gut
verstehst wenn du darin nicht mehr als ein blumige Nacherzählung deiner Erlebnisse
mit Lara Zeh erkennst. Ich meine es ist freilich nicht verkehrt darüber
nachzudenken, was das mit der äußeren Lara Zeh zu tun hat und welche Schlüsse
du daraus ziehen solltest; aber mir kommt in den Sinn, dass der Traum auch in
eine andere Richtung weist – nämlich nach innen. Es ist eindeutig ein Produkt
deiner Seele und im Traum steigst du tief in sie hinab.“
„Das finde ich jetzt interessant – was du da sagst. In
meinem Leben hatte ich tatsächlich schon oft den Eindruck zu vielen wichtigen
Fragen in der falschen Richtung zu suchen. Also im Außen anstatt im Innen. Auch
bei der Suche nach Antworten auf die großen Fragen – wie die nach der Wahrheit und dem
ewigen Leben – suchte ich allein mit nach außen gerichteten Sinnen. Ich suchte
lange Zeit nach einer Lösung, die sich als ein objektives Ding der Erkenntnis,
mit meinem Verstand begreifen lässt. Immerzu suchte ich in dieser Richtung; aus
Gewohnheit, aus Tradition, aus Unwissen oder einfach nur weil es Alle so machen.
Und nun meinst du, dass ich auch in Liebesangelegenheiten in der falschen
Richtung suche?“
„Ich meine damit natürlich nicht, dass du dich nicht
mehr für andere Menschen interessieren sollst. Das wäre großer Unfug. Aber ich
denke die wirklich tiefe und sichere Geborgenheit und Erfüllung, nach der du
dich sehnst, die wird sich kaum im Außen finden lassen. Höchstens
punktuell. Aber es wird dort immer mehr oder wenig brüchig und mangelhaft bleiben. Das kann dir kein anderer Mensch dauerhaft bieten. Jeder Mensch wäre damit heillos
überfordert... und dieser Anspruch an eine Frau ist eine unzumutbare Zumutung – und über kurz oder lang ein Todesurteil für jede Beziehung.“
„Ok – im Kopf hab ich das. Die Liebesbeziehung ist keine
Religion, die Erlösung garantiert. Es käme mir absurd vor dem zu widersprechen.
Aber wenn ich ehrlich bin, ganz tief in mir drin, da wohnt diese Sehnsucht und
Hoffnung, dass die gewünschte Glückseligkeit eintritt, wenn ich nur erst die
»Richtige« gefunden habe.“
„Ja – kenn ich. Das ist auch mir vertraut –
vermutlich eine Erwartung die viele Lieben zerstört. Schließlich hat jeder
Mensch seine eigenen Ängsten, Nöte und Bedürfnissen und ist darin gefangen und
versucht damit klar zu kommen. Wir können nicht erwarten, dass eine andere
Person uns befreit oder erlöst oder was auch immer. Niemand kann das – selbst
wenn er oder sie das möchte. Und wenn wir uns ganz von Anderen abhängig machen
und aufgehört haben Halt in uns selbst zu suchen – dann sind wir verloren. Dann
sind wir nicht gewappnet für die wichtigen Entscheidungen und Übergänge in
unserem Leben – die kann uns keiner abnehmen. Denn es gibt Wege, die kann keiner
für uns gehen… und sei es der Letzte… spätestens diesen müssen wir alleine gehen
– und gnade Gott dem, der diese Lektion bis dahin nicht gelernt hat.“
„So gesehen besteht mein Problem also darin, dass ich
immer eine Göttin gesucht habe und stets enttäuscht feststellen musste, wieder
nur eine Frau gefunden zu haben?“
„Das tönt nicht unwitzig“, sagte Eckhart – aber da könnte
vielleicht echt was dran sein.“
„Doch, das denke ich auch. Denn natürlich habe ich
diese Sehnsucht nach Geborgenheit, Glück oder meinetwegen Erlösung; und
natürlich entzieht sich alles Äußere letztlich meiner Kontrolle. Die Frau,
die ich liebe kann mir natürlich keine letztendliche Sicherheit garantieren – das weiß
ich. Niemand kann mir versprechen, dass sie sich nicht in einen anderen
verliebt; dass sie mir nicht wegstirbt oder mir irgendwann ihre Zuneigung entzieht... überhaupt sind Gefühle sehr unberechenbar und können sich schnell wandeln.
Auch mein Geld wird vielleicht schon morgen
nichts mehr wert sein... und mein Arbeitgeber könnte pleite gehen... und über
Jugend und Schönheit oder Anerkennung brauchen wir gar nicht erst zu
reden – alles sehr fragil. Ich kann ja nicht einmal behaupten,
dass mir mein eigener Körper so richtig gehört. Er altert und wird krank ohne
meine Einwilligung... ja nicht einmal über meinen eigenen Geist kann ich
vollends verfügen – Gedanken, die mich gegen meinen Willen plagen... am
Schlaf hindern… oder traurig oder wütend machen. Alles, ohne dass ich es will. Gedanken und Gefühle breiten sich ohne mein willentliches Zutun aus und versetzen mich in Unruhe
und Verwirrung. Sie gehören mir scheint`s gar nicht wirklich. Sie führen ein
Eigenleben.“
„Das ist alles richtig Friedrich, aber trotzdem – bitte
versteh mich nicht falsch. Ich finde es vollkommen in Ordnung reich zu sein und
eine tolle Frau und gute Freundschaften und alles drum und dran zu haben. Das
Arm sein und das Alleine sein als solches hat ja keinen Wert an sich – daran ist nichts Gutes. Wir sollten uns bestimmt nicht von der Welt abwenden – ganz im
Gegenteil: wir sollten intensiv leben und das Mark des Lebens in uns aufsaugen. Aber wir sollten immer wissen – in Tat und Wahrheit gehören uns
die Dinge, die wir haben, und die Menschen, die wir lieben, nicht. Wir können
dankbar dafür sein, dass sie da sind und alles dafür tun, dass sie da bleiben, aber wir können nicht endgültig darüber verfügen, auch wenn wir es uns noch so
sehr wünschen. “
„Nun gut – aber sag mir doch bitte noch, was genau
soll denn nun der Segen dieser Erfahrung sein, den du mir in Aussicht gestellt
hast?“
„Dass du gerade jetzt die Chance hast genau das zu kapieren. Ich
meine wirklich zu verstehen – dass du bis in die Eingeweide hinein erfährst und
erkennst, dass es wahr ist.“
„Hau ab!“
„Doch echt – jetzt weißt du wirklich, wie wenig du in
der Hand hast. Du kannst es bis in die Knochen und den Schlaf hinein erfahren.
Vielleicht ist es jetzt erst ein richtiges Wissen, ein Wissen, das nicht nur im
Kopf ist, sondern ein Wissen das dein Leben verändern kann.“
„Mmh – kann sein. Denn daherreden konnte ich diese Kalendersprüche vorher schon – das stimmt. Das
kann ja jeder Psychologe – jedoch in die Tiefe hinein begriffen... das habe ich
vermutlich wirklich noch nicht. Aber soll das jetzt echt ein Segen sein?“
„Also – ich sage dir: Dieser Gedanke, dass wir
letztendlich nichts in der Hand haben, der hat eine ungeheure Sprengkraft.
Dieser Gedanke kann dein Leben verändern!“
„Soll das die gute Nachricht sein –
dass ich nichts in der Hand habe?“
„Die eigentlich gute Nachricht ist, dass sich hierin
die Erkenntnis bahn brechen kann, dass das Glück nicht als ein Ding draußen in der Welt herum steht, über das
wir verfügen können, sondern dass wir durch
diese Erfahrungen darauf kommen können auch noch in einer anderen Richtung nach
der blauen Blume zu suchen. Will sagen – es könnte doch sein, dass deine blaue Traumblume gar nicht die äußere Lara Zeh ist, sondern dass sie in deinem Innern
wächst, im tiefen Grund deines Daseins.“
„Und sich dort mit diesem Spacko davonmacht?“
„Scheint so – ja“
„Scheiße“
„Vielleicht gar nicht so scheiße. Schau doch genau
hin. Wenn die blaue Blume tatsächlich den Ort der Erlösung in deinem Inneren markiert,
dann bist du immerhin schon ziemlich nah dran – und sie ist dir ja auch zugewandt.
Direkt offen und einladend könnte man sagen.“
„Und das Weichei – das bin dann wahrscheinlich auch
ich, oder was?“
„Könnte möglich sein...“
„Hau nochmal ab!“
„Aber warum nicht – der ist doch offenbar auch ein Bild,
das deine Seele hervorgebracht hat – oder etwa nicht? Der ist doch nicht von Außen in deinen Traum hereinspaziert, um an deiner Blume zu ziehen. Das kommt
doch alles von dir. Aus deinem Unbewussten, wie man so sagt.“
„Aber mit diesem Typ stimmt was nicht. Er ist verletzt
und verwirrt und hat so was waschlappiges an sich. Und außerdem hat er bei all
seiner schwächlichen Verdruxtheit auch was Gewalttätiges – in gewisser Weise hat
er ja auch mich verletzt.“
„Spannend – dann wäre es ja interessant
herauszufinden, warum du dir selbst so etwas antust. Wo und warum du dich selbst
betrügst. Warum du dich abwertest und dir Schmerzen zufügst?“
„Du meinst warum der Spacko mir das Leben schwer macht
und ich ihn scheiße finde – aber ich gleichzeitig irgendwie er bin?“
„Ja. Genau so.“
„Du meinst also wirklich diese armselige Kreatur wäre so
eine Art abgelehnter Teil von mir, von dem ich nichts wissen will, weil er ein aufgeweichtes
Knäckebrot ist und ich keins sein will?“
"Tönt plausibel!“
„Also ein Teil von mir, den ich immer irgendwie
mitziehe – wie meinen Schatten, dem ich einfach nicht entkommen kann, aber
trotzdem versuche ihn abzuschütteln, weil er nicht zu dem Bild passt, das ich von mir selbst habe – weil es mich anpisst verletzlich und schwach und sensibel
zu sein, das aber doch auch zu mir gehört?“
„Klingt für mich nach einer ziemlich guten
Beschreibung.“
„So gesehen repräsentiert er also meine
Waschlappen-Seite – die ich nicht leiden mag und wovon ich nichts wissen
will.“
„…und die dir offenbar das Leben schwer macht, störend
dazwischen funkt und dir den Weg zum Glück verbaut.“
„Das also ist des Pudels Kern. So wie der Typ im Traum. Scheint mir schrecklich einleuchtend.“
„Ja – aber wer weiß, wie er sich verwandelt und zu
was er noch fähig werden wird, wenn er nicht mehr abgelehnt wird. Ich sage dir,
das ist wie Alchemie – da kann aus Kacke Gold werden.“
„Insofern wäre es dann wohl mein Job diesem
unliebsamen Schatten erst mal etwas freundlicher zu begegnen. Er repräsentiert
ja sozusagen meine eigene Verletzlichkeit und Schwäche. Und dann könnte es zu
so einer Art Versöhnung oder sogar Heilung kommen – im Raum meiner geschundenen Seele?“
„Warum nicht. Man könnte sogar geneigt sein zu
sagen, dass die blaue Blume dir zeigt, dass du, also deine ungeliebte Weichei-Seite – ja dass die auch was Attraktives an sich hat. Ich meine immerhin darf er,
trotz all seiner Schwäche und Verletzlichkeit, mit der blauen Blume rummachen. Sie lässt es ja zu, lädt ihn ein, holt ihn ab, nimmt ihn mit nach oben.“
„Dann könnte es also eine Lehre des Traums sein diesen
Typen – der ja irgendwie ein Teil von mir ist – nicht länger abzulehnen, sondern
ihn hineinzulassen. Ihn anzuerkennen und mich mit ihm zu versöhnen. Das klingt so als ob es auf einen Dreier hinausläuft.“
„Ein flotter Dreier im Zentrum deiner Seele. Nicht schlecht!“
„Und so betrachtet wäre es ein verhängnisvolles
Missverständnis zu glauben die äußere Lara Zeh wäre die blaue Blume auf die es
ganz eigentlich ankommt. Denn würde ich allein ihr hinterher laufen, dann wäre
ich wieder in der falschen Richtung unterwegs, dann würde ich sie mit meinen
Hoffnungen und Sehnsüchten komplett stressen und überfordern... und früher oder
später würde ich wieder im Tal der Tränen landen, weil ich die entscheidende
Lektion nicht geschnallt habe. Denn die äußere blaue Blume kann mich niemals
erlösen. Allein die innere Blume kann das.“
„Vielleicht so was in der Art – ja...“ füge Eckhart
zögerlich hinzu, „aber offen gesagt bekomme ich allmählich das Gefühl, dass wir
langsam in das andere Extrem abdriften. Ich meine beides ist doch wichtig. Das Innen ist wichtig – und das Außen ist auch wichtig. Letztlich hat doch
auch die äußere Lara diese starken Gefühle und vitalisierende Sehnsucht in dir ausgelöst und mobilisiert. Verheerend ist ja bloß, wenn wir ausschließlich auf
das Außen hin orientiert bleiben und unsere innere, im Verborgenen stattfindende
Wirklichkeit, ganz aus den Augen verlieren.“
„Was aber weit verbreitet ist!“
„Kann schon sein – aber wenn Viele das Verkehrte tun
wird es dadurch nicht richtiger.“
„Mmh – vielleicht geht es mit der Wechselseitigkeit von Innen und Außen sogar soweit, dass ich nur dann mit einer
äußeren blauen Blume glücklich werden, wenn ich es auch schon mit der
Inneren bin? Vielleicht gibt es da eine direkte Synchronizität
zwischen Außen und Innen?“
„Vielleicht. Weiß auch nicht wie direkt oder
indirekt, aber wenn du diese innere Liebesverbindung eingehst, dann wird das
gewiss eine Wirkung im Außen haben, da bin ich mir sicher. Denn indem du
für deine innere blaue Blume Sorge trägst und dich mit ihr vermählst und
Verantwortung für dein Innerstes übernimmst – ja dann befreist
du auf jeden Fall schon mal die äußere Blume von deinen fehlgeleiteten Erwartungen
und Ansprüchen, die sie ja überhaupt nicht erfüllen kann. Ja, dann kann deine Lara
einfach Lara sein, wenn du sie entlässt aus dem Käfig deiner Erwartungen. Dann wirst du schon sehen was passiert. Vielleicht fliegt sie davon. Vielleicht auch nicht; aber wenn sie bei dir bleibt, dann weißt du, dass sie wenigstens aus Freiheit bei dir bleibt – und nicht aus Angst, Pflichtgefühl oder irgendwann aus bloßer Konvention. Das gehört zum Wesen der Freiheit – Freiwilligkeit.
Und wenn du deine Liebessehnsucht nicht mehr zwanghaft
auf ein äußeres Objekt der Begierde richten musst… und diese Liebe
nicht mehr allein für sie reserviert halten musst; ja dann wirst du auch damit
klar kommen, wenn sie davonfliegt. Übernimm einfach die Verantwortung für den
Bereich deiner inneren blauen Blume... und kümmere dich gut um sie... und verlass
dich drauf... dann kommt das mit dieser oder vielleicht auch jener äußeren Blume früher oder später auch gut. Wenn die Liebe erst einmal in dir ihre Statt gefunden hat... ja dann
wird sie überall stattfinden können... und jede und jeden erreichen... dann umgibt sie dich einfach.“
„Uuahh – das klingt echt gurumäßig... und eigentlich zu
schön um wahr zu sein... und darum kommt es mir ehrlich gesagt auch ziemlich unmöglich
vor diesen Dreier im Zentrum meines Seins hinzubekommen. Ich
kann zwar alles gut nachvollziehen, was du da sagst, aber es kommt mir halt
enorm abgehoben vor. Gradezu übermenschlich. Wie soll ich all die Gewohnheiten überschreiten, die allzu menschlich sind? An die nach außen gerichteten Impulse und Reflexe ist doch unser aller Leben gekettet. Wie sollte ich diese Ketten sprengen können? Damit trenne ich mich doch auch von der Herde – wenn ich ihre tiefsten Gewohnheiten und Bräuche missachte. kann oder will ich mich davon überhaupt losreißen?“
„In der Tat – es ist schwierig bis unmöglich. Ich ringe auch schon
lange mit dieser Frage. Sie beschäftigt mich sogar so sehr, dass sie auch mich
bis in die Träume hinein verfolgt.“
„Raus damit!“
„Nun, in diesen Träumen begegne ich regelmäßig einem alten Mann –
natürlich mit weißen Haaren und Rauschebart – und ich frage ihn nach dem Weg
zur Wahrheit und zur Liebe und zum ewigen Leben. Der weise Alte weist mir dann den
Weg und sagt, dass ich – wenn ich den Weg gefunden hätte – ihn daran erkennen
würde, dass er zu einer geschlossenen Tür führt, an der ein Schild angebracht
ist mit der Aufschrift: „Es ist unmöglich“.
„Na bravo…“
„Der Traum ist ja noch
nicht vorbei...“
„Ja dann mach!“
„Also, ich ging im Traum
drauf los und als ich diese Türe mit dem Schild entdeckte, so wie er es mir vorhergesagt hatte, machte ich
kehrt und berichtete dem alten Weisen von dem Weg und der geschlossenen Tür und
dem Schild. Nun wies er mich aber an meine fragwürdige Gewohnheit vor geschlossenen
Türen und offiziellen Hinweisen stehen zu bleiben endlich zu überwinden und noch einmal
bis zu dieser Türe zu gehen – aber dieses Mal sollte ich sie
fest aufstoßen. Ich folgte seiner Anweisung und ging abermals den Weg bis zu
dieser Tür und stieß sie auf, mit einem kräftigen Stoße, so dass sie weit aufsprang –
und siehe da: das Schild mit der Aufschrift „Es ist unmöglich“ verschwand aus
meinem Sichtfeld und vor mir breitete sich ein weiter Weg aus… und ich konnte ungehindert durch die geöffnete Tür hindurch gehen – dem leuchtenden, vollen Mond entgegen."