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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Samstag, 9. Juli 2016

Eine bekennende Nachricht

"Liebe Lucette

Ich hoffe inständig, dass du mir diese Nachricht nicht übel nehmen wirst, denn sie rührt aus meiner Sorge um dich und dein Wohlergehen.

Weisst du, ich kann gut verstehen, dass du mich nicht immer zu dir gehörig wissen möchtest, mich vor anderen Menschen gerne verbirgst und so tust, als würden wir uns nicht kennen.
Die Entscheidung liegt gewiss alleine bei dir, wem du mich vorstellst, wem nicht, und in welchen Situationen. Manchmal, ja das gebe ich zu, da würde ich sogar mit dir übereinstimmen, dass es besser ist, dem Gegenüber eine andere Person anstatt der meinen vorzustellen.

Ich würde mich aber nicht in diese äusserst seltene Position begeben und dir eine direkte Nachricht zukommen lassen, wäre ich nicht ernsthaft um dich besorgt.
Du hast dich regelrecht dazu habituiert, mich gar vor dir selbst zu verstecken und mich aus deinem Bewusstsein zu vebannen. Du hast den Entschluss gefasst, mich nicht kennen zu wollen - obwohl das absurd ist, Lucette!
Du kannst noch so all deine Kräfte gegen mich wenden, mich inbrünstig aus deinem Leben, deinem Alltag verbannen, mich aus deiner Vergangenheit erodieren. Das gelingt dir nur oberflächlich und scheinbar, aber nicht wahrhaftig. Es wird dir niemals, hörst du?, niemals wahrlich gelingen, mich zu verleugnen und mich in eine Fremde zu wandeln.

Es muss nicht so sein, Lucette. Deine Abscheu gegen mich - gegen unsere Beziehung - rührt aus einem einzigen Suppentopf: weil ich nicht deinem Ideal entspreche. Solange mein Sein nicht kongruent mit deiner Vorstellung von mir ist, wirst du dir andauernd Schaden zuführen. Denn das Unterdrücken und Verdrängen unserer Beziehung lässt dich in eine Marionette mutieren, du wirst niemals zufrieden sein.
Deine Scham wird verrückt spielen, bei den nachfolgenden Beispielen, die du einfach nicht wahrhaben willst:

- Ich liebe Nikolas nicht. Er ist ein guter Freund, mehr aber auch nicht. Ich bin unglücklich mit dieser Beziehung. Sehr sogar. 

- Ich hasse das Studium. Ich weiss, dass es von der Gesellschaft geschätzt wird. Aber ich will es gar nicht. 

- Ich habe das Portemonnaie, welches ich auf der Strasse gefunden habe, nicht auf den Polizeiposten gebracht. Ich habe das Geld für mich genommen und den Geldbeutel auf eine Parkbank gelegt.

- Mir ist die Umwelt nicht egal, aber ich spucke Kaugummis auf die Strasse, lasse "aus Versehen" ein Papierchen fallen, schmeisse Pet-Flaschen in den normalen Müll, trenne weder Karton, Papier noch Glas und werfe meinen Hausmüll in die öffentlichen Eimer. Ich bin zu faul.

- Ich habe Vorurteile gegen Ausländer. 

-Ich beneide Menschen, die sehr erfolgreich sind. 

-Ich beneide meine Mitstudennten, weil sie den Anschein haben, mit dem Studium zufrieden zu sein.

-Wenn ich einkaufe, dann entscheidet schlussendlich immer der Preis: ich nehme das günstigere Produkt und kaufe nur dann Bio-, Fairtade-, Wasweissich-Labels ein, wenn ich mit Freunden einkaufe oder für Freunde Abendessen kochen muss.

-Ich putze meine Zähne nur einmal am Tag. Vor dem Schlafengehen.

-Ich lese den Hundehaufen nie auf. Nur, wenn jemand guckt.
 

Lucette, du musst mich endlich akzeptieren, denn nur so gibst du mir auch die Möglichkeit, mich zu ändern und mich zu entfalten. Du musst meiner Wahrhaftigkeit ins Angesicht blicken. 


Nur das Beste für dich wollend,
deine wahrhaftige Lucette"

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