„Nun sind wir über die Grenze“, sagte Asan,
als wir die Pontonbrücke überquerten, die auf den dunkelbraunen Fluten des
Tigris wippte. „Dieser Grenzübergang ist einer der wenigen halbwegs sicheren,
auf dem Weg nach Syrien“, klärte mein Begleiter mich auf.
Am andern Ufer angekommen packte Asan mich
herzlich an der Schulter und rief mir lachend zu: „Willkommen in Rojava, dem
Land des Sonnenuntergangs!“
Das Land des Sonnenuntergangs – so
bezeichnen die Kurden ihr Siedlungsgebiet im Norden Syriens.
Ich hörte das Donnergrollen von Artilleriegeschützen
im umkämpften Grenzgebiet zwischen Syrien, dem Irak und der Türkei. Gestern in
meinem Hotel, in der türkischen Grenzstadt Mardin angekommen, vernahm ich bereits
das Dröhnen der Kampfjets und das Grollen der Geschütze in der Ferne. Zuerst
dachte ich es sei ein aufziehendes Gewitter, aber dann wurde mir klar, dass es
das unheimliche Donnergrollen von Kampfjets und Kanonen ist. Ich hatte mir vor Angst
fast in die Hosen geschissen. Ich war noch nie so nah an einem Kriegsgebiet.
Diese unbestimmte Bedrohung in der Ferne,
gestern in sicherer Entfernung im warmen Hotel, empfand ich jedoch noch viel
schlimmer als jetzt hier zu sein. In der Gegenwart ist alles konkret und wird
schnell zur Normalität. Außerdem hatte Asans scheinbare Unbekümmertheit eine
enorm beruhigende Wirkung auf mich.
„Von hier aus ist es nicht mehr weit nach Al
Qamischli. Nur noch drei, vier Stunden mit dem Jeep, dann sind wir schon da.“ Es
waren genau diese unaufgeregten Sätze, die mich ruhiger werden ließen. Sie
vermittelten mir das Gefühl von Normalität.
Während Asan das sagte, gingen wir
schnurstracks auf einen jungen Mann mit Kalaschnikow, Sonnenbrille und
Muskelshirt zu, der ein Stück weiter die Straße hinunter lässig an einem alten
Pickup lehnte. „Er fährt uns,“ informierte mich Asan knapp. Zur Begrüßung
legten sie sich ihre rechte Hand ans Herz und nickten sich beiläufig zu.
Mir gefällt diese Geste. Darum, aber auch weil
ich mich irgendwie zugehörig fühlen wollte, drückte ich mir ebenfalls die
rechte Hand ans Herz und nickte dem Fahrer kurz zu. Ich hatte den Eindruck,
dass es so rüberkam als würde ich täglich von Partisanenkriegern mit
Sonnenbrille und Kalaschnikow in einem Pickup von illegalen Grenzübergängen abgeholt
werden. Beim Einsteigen lächelte ich selbstzufrieden in mich hinein.
Wir fuhren ab nach Al Qamischli, dem eigentlichen
Ziel unserer Reise.
„Qamischli ist die grösste Stadt der
Region. Etwa 300.000 Einwohner.“ Wieder so ein Satz, für den ich Asan so dankbar
war. Er hatte vermutlich keine Vorstellung davon wie sehr er mich mit solch
nebensächlichen Sachlichkeiten beruhigte.
Während wir die Straßen und Pisten entlang
schaukelten rief mir Asan zu: „Eigentlich haben erst die Kriegswirren Rojava möglich
gemacht!“
„Woher nimmt dieser Mann nur seine
Unbekümmertheit,“ fragte ich mich, während ich, mein ehrliches Interesse
bekundend, aufmerksam mit dem Kopf nickte und die Augenbrauen nachdenklich nach
oben zog.
Kaum beachtet, inmitten der Wirren des
Bürgerkrieges, haben Kurden ein Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht und für
autonom erklärt. Für manche ist Rojava ein Terroristen-Nest der verhassten PKK
– für andere ein Ort, an dem eine Utopie aufgehen könnte. Und wenn es stimmt,
was ich gehört habe, dann findet hier das zurzeit wahrscheinlich spannendste
politische Experiment der Welt statt. In Rojava wird ein Gesellschaftsmodell
erprobt, indem direkte Demokratie, die Gleichberechtigung aller Menschen und
Umweltschutz die Grundpfeiler eines neuen Staatsgebildes sein sollen – und all dies
inmitten dieser verwüsteten Kriegs- und Krisenregion. Ausgerechnet hier soll Utopia
entstehen.
Wir fuhren nun eine lange zerfurchte Straße entlang,
gesäumt von ausgedörrten braunen Hügeln und Bohrtürmen. Im Bemühen die
Fahrgeräusche zu übertönen rief mir der Fahrer in gebrochenem Englisch zu: „In
Rojava gibt es eine Menge Erdöl. Mit den Einnahmen finanzieren wir den Krieg
gegen den IS. Irgendwo da draußen verläuft die Front.“ Er deutete dabei mit der
Zigarette in der Hand in Richtung einer südlich gelegenen Hügelkette.
Mir war mulmig zumute.
Wir fuhren auf sandigen Pisten, vorbei an
Steinhütten und liegengebliebenen Fahrzeugen. Ein staubiger Anblick von
eigenartiger Schönheit. Alles wie gemalt in ocker-, und hellbraunen Farben.
Bevor wir in Qamischli ankamen stellte ich
mir vor, dass es hier viele junge Leute geben wird, weil es ein Ort des
Aufbruchs und des Neubeginns ist. Als wir jedoch in die Stadt fuhren erblickte
ich kaum junge Menschen. Und die wenigen jungen Leute, die ich sah, waren Kriegsinvaliden,
die sich an Krücken, mit fehlenden Gliedmaßen und zerschossenen Körpern, über
die Gehwege schleppten. Mir gefror das Blut in den Adern und mit meiner
Partisanenromantik, die sich vor einigen Stunden noch in mir breit zu machen
begann, war es schnell vorbei. Mir wurde kotzübel.
„Wir fahren nun direkt zur Universität. Dort
ist deine Unterkunft. Morgen geht es ja schon früh los!“
Wieder so ein Satz für den ich ihn hätte umarmen können.
Wieder so ein Satz für den ich ihn hätte umarmen können.
„Schon, dass es die Universität gibt, ist
eine kleine Sensation, schwärmte er. Nur kaum 20 Kilometer entfernt werden
kurdische Frauen und Männer vom IS gefoltert und ermordet. Hier werden sie zu
Akademikern ausgebildet.“
Wir halten vor der Universität. Ein
schmuckloses großes, graues Gebäude, mit ein wenig verstaubtem Garten drum herum und einigen
jungen Leuten auf kleinen Plätzen.
Meine Unterkunft ist ein karger gefliester
Raum mit einer Matte auf dem Boden. „Luxus können wir dir hier nicht bieten,“
sagte Asan lächelnd. Mit einem kräftigen Schlag gegen meine Schulter
verabschiedete er sich. „Schlaf gut. Du wirst müde sein. Es war ein langer Tag.
Morgen früh hole ich dich ab.“
In der Nacht habe ich kaum ein Auge
zugemacht. Die Eindrücke des Tages überschlugen sich in meinem Gehirn. Und
dieses unheimliche Donnerrollen... immer wieder ein dumpfes Krachen, vielleicht
Bombeneinschläge in der Ferne.
Am nächsten Morgen holte mich Asan wie
angekündigt ab und führte mich durch die Gänge der Universität. Mit seinen
gelockten schwarzen Haaren, den gutmütigen Augen und der Armeehose hat er etwas
von einem Teddybären in Uniform. Ich war froh ihn an meiner Seite zu haben.
Asan öffnete die Tür zu einem kargen
Büroraum. Eine junge Frau mit schwarzen Locken saß hinter dem Schreibtisch und
blickte mit wachen Augen über das dicke Buch, das sie in Händen hielt, zu uns
herüber. Sie trat vor den Schreibtisch, reichte mir die Hand und wir stellten
uns kurz vor. "Mein Name ist Delal", sagte sie freundlich. "Ich bin die Dozentin."
Mir gefielen ihre langen dunklen Haare und ihre klugen Augen. Eine Schönheit im
Kampfanzug.
„Gehen wir doch in die Cafeteria bevor es
losgeht“, sagte sie. „Wir haben noch Zeit.“
In der Cafeteria setzte ich mich neben einen jungen Mann mit dunklem, schmalen Gesicht und dicker Brille. Sein Name war Misra. Er erzählte mir,
dass Ramadan ist. „Du wirst aber dennoch den ganzen Tag Leute sehen, die essen –
und das sind nicht nur assyrische Christen oder Jesiden,“ meinte er. „Es sind
auch Muslime. Wir sehen es hier nicht so eng mit der Religion.“
Misra erzählte mir aus seinem Leben, dass
er nicht in Syrien aufgewachsen ist, sondern im Westirak. Ich erfuhr, dass
Misra der Minderheit der Jesiden angehört, die ihre eigene monotheistische
Religion praktizieren. „Vor zwei Jahren“, so erzählte er mir, „überfiel der IS
mein Dorf und ermordete fast alle Einwohner. Männer, Frauen, kleine Kinder.“
Ich merkte wie es mir die Tränen in die Augen trieb. “Mir und ein paar Anderen ist es jedoch gelungen ins Gebirge zu fliehen. Dort saßen wir fest und warteten
auf den Tod. Doch irgendwann, wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, kämpfte sich ein kurdisches Frauenbataillon einen Fluchtkorridor für uns frei
und so konnten wir entkommen.“ Seine feuchten Augen begannen zu leuchten als er
mir davon erzählte. „Ich war ein zum Tode Geweihter und ich habe das Leben
wieder geschenkt bekommen. Seit dieser Schlacht denke ich anders über Frauen“,
sagte er. „Kämpferinnen waren es, die uns gerettet haben.“
„Jetzt kämpfe ich mit ihnen für Rojava. Wenn
du hier ankommst, machst du diese Philosophie zu deiner Herzenssache, weil es
in Deiner Heimat nur Terror, Tod und Verfolgung gibt. Hier aber atmest du den
Duft der Freiheit und der Hoffnung.“
Ich erfuhr von Misra, dass die junge Frau neben uns am Tisch, solch einer kämpfenden Einheit vorsteht. „Ja, wir
Frauen sind mittendrin,“ warf die zierliche Soldatin ein, von der ich mir kaum
vorstellen konnte, dass sie älter als zwanzig war. Als ich meiner Bewunderung für
ihren Mut Ausdruck verlieh, antwortete sie: „Aber es
ist Teil der Philosophie, für die ich kämpfe, dass ich über niemandem in meiner
Einheit stehen möchte. Alle sollen gleichberechtigt sein. Das genaue Gegenteil
der blutigen Ideologie des Islamischen Staats, der gegen jede abweichende Meinung
brutal vorgeht.“
Sie sagte: „Es ist jeder Frau selbst
überlassen, ob sie Kinder haben oder kämpfen will. Manche haben ihren Beruf
aufgegeben, andere gehen ihrer traditionellen Rolle als Mutter und Hausfrau, in
Abstimmung mit ihren Männern, nur noch eingeschränkt nach. Wir wollen frei sein!
Wie könnten wir frei sein, wenn wir anderen vorschreiben, wie sie zu leben
haben?“
Mit schalkhaftem Blick erzählte sie mir,
dass die IS-Krieger nicht sonderlich gerne gegen Frauen in den Krieg ziehen
würden, da Ihnen eingebläut werde, dass sie nicht ins Paradies kämen, wenn sie
von einer Frau getötet werden würden.
„Diese Einstellung dieser hirnamputierten
Schwachköpfe spielt uns natürlich voll in die Karten – ergänzte sie lachend.“
Als ich mit Delal und Asan den Seminarraum betrat,
trafen wir auf etwa zwanzig junge Frauen und Männer. Sie sprangen
auf und standen stramm wie Soldaten neben ihren Stühlen. Nachdem mich Delal
kurz vorgestellt hatte und mir freundliche Gesichter das Gefühl gaben willkommen
zu sein, setzte ich mich auf einen der wenigen freien Stühle.
Delal – eine junge kurdische Kämpferin und Doktorandin
der Philosophie, eröffneten das Seminar, indem sie ein Plakat an die Wand hängte,
das verkündete: „Eine Gesellschaft, die nicht nach Höherem strebt, wird
verfaulen!“
„Dieser Satz trifft ins Schwarze,“ dachte
ich mir sofort. Ich schrieb ihn mir direkt in mein Notizbuch“ und notierte dazu: „Ein
Mensch, der nicht nach Höherem strebt, wird auch verfaulen!“ Zufrieden legte
ich den Stift wieder zur Seite.
Die junge Dozentin sprach darüber, dass
Gesellschaftsformen nichts Naturgegebenes sind. „Das“, so dozierte sie weiter, „ist
die bahnbrechende Erkenntnis der antiken griechischen Philosophie. Seither haben
die Menschen die Möglichkeit zu entscheiden wie sie leben wollen. Denn Gesellschaften
sind soziale Konstruktionen und weil sie konstruiert sind, können sie auch
wieder de-konstruiert werden. Sie können verändert, gestaltet und erneuert
werden.“
Bum!
Wieder so ein Satz, den ich mir in mein Notizbuch schrieb. Zwar hatte ich in
meiner Philosophieausbildung schon einiges in diese Richtung gehört, aber erst
hier wurde mir klar, was für eine enorme Sprengkraft dieser Gedanke hatte. „Gesellschaften
sind nichts Natur- oder Gottgegebenes. Menschen können sich entscheiden wie sie
leben wollen und können die Gesellschaft, in der sie leben möchten, aktiv mitgestalten.
Gesellschaften formen zwar Menschen, aber Menschen formen auch Gesellschaften. Und
genau das passierte hier. Das war es, was mich herführte und was ich als so
inspirierend und belebend empfand. Hier herrscht eine Stimmung des Aufbruchs und es leuchtet ein Licht der Hoffnung. Diese
Menschen haben eine Vision von einer besseren Welt und entfachen ihre Leidenschaft
daran alles dafür zu tun, um diese Vision zur Erfüllung zu bringen.
Da es mit
mir als Gast eine Art interkulturelles Seminar werden sollte, machte Delal
einen Schlenker. „Blicken wir nach Europa,“ sagte sie und schaute dabei über
die Köpfe hinweg aus dem Fenster. „Politische und religiöse Ideologien führten
die Menschen Jahrhundertelang von Krieg zu Krieg, was letztlich in einem Exzess
der Gewalt und Zerstörung endete. Europa war ein rauchender Trümmerhaufen, mit
tausenden Wunden. Doch dann geschah ein Wunder und nach 1000järigen
Feindschaften begann in Europa das größte Projekt seiner Geschichte. Ein neues
Europa entstand. Es wollte Frieden, Wohlstand und Wohlergehen für Alle. Und
unter den unterschiedlichsten Völkern wuchs Solidarität. Das Recht wurde die
Grundlage bei euch, und nicht mehr das Recht des Stärkeren.“ sagte sie nun mir zugewandt, „Ein neues Europa entstand. Es strebte nach einer offenen, freien und
vielfältigen Gesellschaft.“
„Ja,“
sagte ich zögernd, weil ich merkte, dass sie von mir eine Reaktion erwartete.
„Sicher. Doch.“ Ihr Enthusiasmus für mein Land und meinen Kontinent beschämte
mich. Ich kam mir vor wie ein verwöhntes Kind, das nicht gelernt hatte dankbar zu
sein.
„Und nun
seid ihr im Begriff das Alles wieder auf`s Spiel zu setzen – warum?“
Mir
stockte der Atem: „Es sind bei weitem nicht Alle, die das wieder rückgängig
machen wollen,“ entgegnete ich ihr verlegen und spürte wie zwanzig Augenpaare fragend
zu mir hinüberblickten und zwanzig Ohrenpaare auf eine Antwort warteten.
„Vielleicht,“ sagte ich, ja vielleicht sind wir ja solch eine Gesellschaft geworden, die im Begriff ist zu verfaulen, weil wir nach nichts Höherem mehr streben. Wir haben unsere gesellschaftliche Utopie doch größtenteils verwirklicht. Vielleicht wissen wir Menschen in den reichen Ländern Europas nicht mehr wonach wir streben sollen und wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt?“
„Vielleicht,“ sagte ich, ja vielleicht sind wir ja solch eine Gesellschaft geworden, die im Begriff ist zu verfaulen, weil wir nach nichts Höherem mehr streben. Wir haben unsere gesellschaftliche Utopie doch größtenteils verwirklicht. Vielleicht wissen wir Menschen in den reichen Ländern Europas nicht mehr wonach wir streben sollen und wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt?“
„Vielleicht,
ja vielleicht ist es so, dass eine Gesellschaft, wenn sie sich erst einmal Freiheit,
Sicherheit und Wohlstand erkämpft hat – ja,
dass dann die Zeit reif für die Einzelnen geworden ist nach Höherem zu streben, weil sie,
wenn sie das nicht tun, in ihrer einst einmal hart erkämpften Behaglichkeit verfaulen?
Und vielleicht ist dieses Streben nach Höherem dem Großteil der Menschen in unserer
Gesellschaft zu beschwerlich, weil es vielleicht eine zu schwierige
Aufgabe ist? Vielleicht ist es ja sogar leichter Probleme im Außen zu bekämpfen, als
sich dem Inneren zu widmen? Denn für konkrete Probleme im Außen gibt es immer auch
konkrete Lösungen. Vielleicht nutzen wir darum lieber die maßlos vielen
Möglichkeiten unserer liberalen Konsumgesellschaft, um uns zu zerstreuen, um zu
konsumieren und um uns zuzudröhnen, damit wir über diese Dinge nicht nachdenken
müssen? Vielleicht sind wir wirklich schon längst an dem Punkt angelangt, an dem für Viele
von uns die Voraussetzungen erfüllt sind, um nach Höherem streben zu können, weil
für Viele von uns die soziale, gesellschaftliche und materielle Sicherheit gewährleistet
ist? Das Erhalten des äußeren Status quo scheint auf jeden Fall nicht als
Antrieb zu genügen. Stattdessen richtet sich unser Streben auf immer mehr. Mehr
Geld, mehr Sex, mehr Rausch, mehr Ruhm, mehr von Allem.“
Ein junger
Mann meldete sich zu Wort und warf ein, dass ihm dazu etwas einfällt, was Friedrich
Nietzsche einmal über das Europa des 21.Jahrhunderts prognostizierte. Nämlich, dass
der Mensch ein Seil ist, ein Seil geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein
Seil über einem Abgrund… und dass der Mensch im Europa des 21.Jahrhundert sich
entscheiden müsse, ob er sich zurück zum Tier entwickelt oder ob er den
Mut und Entschluss fasst weiter zu gehen... sich selbst zu erkennen und dabei über sich selbst hinaus zu wachsen.“
Ich war
dem jungen Mann dankbar für seinen Einfall. Und Delal nahm diesen Gedanken als Aufhänger, um lächelnd fortzufahren: „Dann müssen wir uns also rechtzeitig die
Frage stellen, was mit den Menschen hier passiert, wenn sich unserer Utopie
bald einmal verwirklicht haben wird?“
Ein
heiteres Lachen erfüllte den Raum. Wieder kam ich mir vor wie ein undankbares
Kind mit einem Luxusproblem.
Aber dann
wurde Delal in ihrer Stimme sehr ernst und verkündete: "So wertvoll ich unser Gesellschaftsexperiment
auch finde, für das ich bereit bin zu kämpfen und zu sterben, aber wenn die äußeren
Bedingungen erfüllt sind, und sich unsere Utopie tatsächlich einmal in weiten Teilen
verwirklicht haben wird, dann müssen auch wir uns die Frage stellen. Was dann?
Denn selbst
vom bestmöglichen wirtschaftlichen und politischen System darf man nicht
erwarten, dass es gut funktioniert, wenn die Menschen darin nach wie vor von
Gier und Aggression getrieben sind und keine Verantwortung für sich selbst
übernehmen. Solange die Menschen keine Sicherheit in sich gefunden haben,
werden sie dieses Sicherheitsgefühl im Außen suchen. Diese Menschen bleiben auf der Suche nach einem Sicherheitsgefühl, das ihnen
niemals nur durch Äußeres befriedigt werden kann. Und so werden sie ihre Feinde
immer weiter ins Außen projizieren. Sie werden immer einen Prügelknaben für ihren
eignen Mangel finden können; und wo sie prügeln können, da werden sie auch
zuschlagen – oder sich bis zur Besinnungslosigkeit betäuben und sich im Konsum und völliger
Dumpfheit verlieren, damit sie sich nicht mehr besinnen müssen, weil sie Angst davor haben sich zu besinnen. Sie wissen nicht, dass das, was ihnen fehlt oder
abhanden gekommen ist nichts Materielles ist, nichts Greifbares.
Für das Wohl des Ganzen zu arbeiten und
daraus den Sinn unseres Lebens zu machen, ist die Antwort auf die allergrößte
aller Fragen, jene nach dem individuellen und kollektiven Sinn des menschlichen
Lebens!
Ich schaute mich um. Niemand im Kurs
starrte auf ein Smartphone oder aus dem Fenster. Alle waren höchst aufmerksam.
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