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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Donnerstag, 11. August 2016

Utopia

„Nun sind wir über die Grenze“, sagte Asan, als wir die Pontonbrücke überquerten, die auf den dunkelbraunen Fluten des Tigris wippte. „Dieser Grenzübergang ist einer der wenigen halbwegs sicheren, auf dem Weg nach Syrien“, klärte mein Begleiter mich auf.

Am andern Ufer angekommen packte Asan mich herzlich an der Schulter und rief mir lachend zu: „Willkommen in Rojava, dem Land des Sonnenuntergangs!“

Das Land des Sonnenuntergangs – so bezeichnen die Kurden ihr Siedlungsgebiet im Norden Syriens.

Ich hörte das Donnergrollen von Artilleriegeschützen im umkämpften Grenzgebiet zwischen Syrien, dem Irak und der Türkei. Gestern in meinem Hotel, in der türkischen Grenzstadt Mardin angekommen, vernahm ich bereits das Dröhnen der Kampfjets und das Grollen der Geschütze in der Ferne. Zuerst dachte ich es sei ein aufziehendes Gewitter, aber dann wurde mir klar, dass es das unheimliche Donnergrollen von Kampfjets und Kanonen ist. Ich hatte mir vor Angst fast in die Hosen geschissen. Ich war noch nie so nah an einem Kriegsgebiet.

Diese unbestimmte Bedrohung in der Ferne, gestern in sicherer Entfernung im warmen Hotel, empfand ich jedoch noch viel schlimmer als jetzt hier zu sein. In der Gegenwart ist alles konkret und wird schnell zur Normalität. Außerdem hatte Asans scheinbare Unbekümmertheit eine enorm beruhigende Wirkung auf mich. 

„Von hier aus ist es nicht mehr weit nach Al Qamischli. Nur noch drei, vier Stunden mit dem Jeep, dann sind wir schon da.“ Es waren genau diese unaufgeregten Sätze, die mich ruhiger werden ließen. Sie vermittelten mir das Gefühl von Normalität.

Während Asan das sagte, gingen wir schnurstracks auf einen jungen Mann mit Kalaschnikow, Sonnenbrille und Muskelshirt zu, der ein Stück weiter die Straße hinunter lässig an einem alten Pickup lehnte. „Er fährt uns,“ informierte mich Asan knapp. Zur Begrüßung legten sie sich ihre rechte Hand ans Herz und nickten sich beiläufig zu.

Mir gefällt diese Geste. Darum, aber auch weil ich mich irgendwie zugehörig fühlen wollte, drückte ich mir ebenfalls die rechte Hand ans Herz und nickte dem Fahrer kurz zu. Ich hatte den Eindruck, dass es so rüberkam als würde ich täglich von Partisanenkriegern mit Sonnenbrille und Kalaschnikow in einem Pickup von illegalen Grenzübergängen abgeholt werden. Beim Einsteigen lächelte ich selbstzufrieden in mich hinein.

Wir fuhren ab nach Al Qamischli, dem eigentlichen Ziel unserer Reise.

„Qamischli ist die grösste Stadt der Region. Etwa 300.000 Einwohner.“ Wieder so ein Satz, für den ich Asan so dankbar war. Er hatte vermutlich keine Vorstellung davon wie sehr er mich mit solch nebensächlichen Sachlichkeiten beruhigte.

Während wir die Straßen und Pisten entlang schaukelten rief mir Asan zu: „Eigentlich haben erst die Kriegswirren Rojava möglich gemacht!“

„Woher nimmt dieser Mann nur seine Unbekümmertheit,“ fragte ich mich, während ich, mein ehrliches Interesse bekundend, aufmerksam mit dem Kopf nickte und die Augenbrauen nachdenklich nach oben zog.

Kaum beachtet, inmitten der Wirren des Bürgerkrieges, haben Kurden ein Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht und für autonom erklärt. Für manche ist Rojava ein Terroristen-Nest der verhassten PKK – für andere ein Ort, an dem eine Utopie aufgehen könnte. Und wenn es stimmt, was ich gehört habe, dann findet hier das zurzeit wahrscheinlich spannendste politische Experiment der Welt statt. In Rojava wird ein Gesellschaftsmodell erprobt, indem direkte Demokratie, die Gleichberechtigung aller Menschen und Umweltschutz die Grundpfeiler eines neuen Staatsgebildes sein sollen – und all dies inmitten dieser verwüsteten Kriegs- und Krisenregion. Ausgerechnet hier soll Utopia entstehen.

Wir fuhren nun eine lange zerfurchte Straße entlang, gesäumt von ausgedörrten braunen Hügeln und Bohrtürmen. Im Bemühen die Fahrgeräusche zu übertönen rief mir der Fahrer in gebrochenem Englisch zu: „In Rojava gibt es eine Menge Erdöl. Mit den Einnahmen finanzieren wir den Krieg gegen den IS. Irgendwo da draußen verläuft die Front.“ Er deutete dabei mit der Zigarette in der Hand in Richtung einer südlich gelegenen Hügelkette.

Mir war mulmig zumute.

Wir fuhren auf sandigen Pisten, vorbei an Steinhütten und liegengebliebenen Fahrzeugen. Ein staubiger Anblick von eigenartiger Schönheit. Alles wie gemalt in ocker-, und hellbraunen Farben.

Bevor wir in Qamischli ankamen stellte ich mir vor, dass es hier viele junge Leute geben wird, weil es ein Ort des Aufbruchs und des Neubeginns ist. Als wir jedoch in die Stadt fuhren erblickte ich kaum junge Menschen. Und die wenigen jungen Leute, die ich sah, waren Kriegsinvaliden, die sich an Krücken, mit fehlenden Gliedmaßen und zerschossenen Körpern, über die Gehwege schleppten. Mir gefror das Blut in den Adern und mit meiner Partisanenromantik, die sich vor einigen Stunden noch in mir breit zu machen begann, war es schnell vorbei. Mir wurde kotzübel.

„Wir fahren nun direkt zur Universität. Dort ist deine Unterkunft. Morgen geht es ja schon früh los!“ 

Wieder so ein Satz für den ich ihn hätte umarmen können.

„Schon, dass es die Universität gibt, ist eine kleine Sensation, schwärmte er. Nur kaum 20 Kilometer entfernt werden kurdische Frauen und Männer vom IS gefoltert und ermordet. Hier werden sie zu Akademikern ausgebildet.“

Wir halten vor der Universität. Ein schmuckloses großes, graues Gebäude, mit ein wenig verstaubtem Garten drum herum und einigen jungen Leuten auf kleinen Plätzen.

Meine Unterkunft ist ein karger gefliester Raum mit einer Matte auf dem Boden. „Luxus können wir dir hier nicht bieten,“ sagte Asan lächelnd. Mit einem kräftigen Schlag gegen meine Schulter verabschiedete er sich. „Schlaf gut. Du wirst müde sein. Es war ein langer Tag. Morgen früh hole ich dich ab.“ 

In der Nacht habe ich kaum ein Auge zugemacht. Die Eindrücke des Tages überschlugen sich in meinem Gehirn. Und dieses unheimliche Donnerrollen... immer wieder ein dumpfes Krachen, vielleicht Bombeneinschläge in der Ferne.

Am nächsten Morgen holte mich Asan wie angekündigt ab und führte mich durch die Gänge der Universität. Mit seinen gelockten schwarzen Haaren, den gutmütigen Augen und der Armeehose hat er etwas von einem Teddybären in Uniform. Ich war froh ihn an meiner Seite zu haben.

Asan öffnete die Tür zu einem kargen Büroraum. Eine junge Frau mit schwarzen Locken saß hinter dem Schreibtisch und blickte mit wachen Augen über das dicke Buch, das sie in Händen hielt, zu uns herüber. Sie trat vor den Schreibtisch, reichte mir die Hand und wir stellten uns kurz vor. "Mein Name ist Delal", sagte sie freundlich. "Ich bin die Dozentin." Mir gefielen ihre langen dunklen Haare und ihre klugen Augen. Eine Schönheit im Kampfanzug.

„Gehen wir doch in die Cafeteria bevor es losgeht“, sagte sie. „Wir haben noch Zeit.“

In der Cafeteria setzte ich mich neben einen jungen Mann mit dunklem, schmalen Gesicht und dicker Brille. Sein Name war Misra. Er erzählte mir, dass Ramadan ist. „Du wirst aber dennoch den ganzen Tag Leute sehen, die essen – und das sind nicht nur assyrische Christen oder Jesiden,“ meinte er. „Es sind auch Muslime. Wir sehen es hier nicht so eng mit der Religion.“

Misra erzählte mir aus seinem Leben, dass er nicht in Syrien aufgewachsen ist, sondern im Westirak. Ich erfuhr, dass Misra der Minderheit der Jesiden angehört, die ihre eigene monotheistische Religion praktizieren. „Vor zwei Jahren“, so erzählte er mir, „überfiel der IS mein Dorf und ermordete fast alle Einwohner. Männer, Frauen, kleine Kinder.“ Ich merkte wie es mir die Tränen in die Augen trieb. “Mir und ein paar Anderen ist es jedoch gelungen ins Gebirge zu fliehen. Dort saßen wir fest und warteten auf den Tod. Doch irgendwann, wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, kämpfte sich ein kurdisches Frauenbataillon einen Fluchtkorridor für uns frei und so konnten wir entkommen.“ Seine feuchten Augen begannen zu leuchten als er mir davon erzählte. „Ich war ein zum Tode Geweihter und ich habe das Leben wieder geschenkt bekommen. Seit dieser Schlacht denke ich anders über Frauen“, sagte er. „Kämpferinnen waren es, die uns gerettet haben.“

„Jetzt kämpfe ich mit ihnen für Rojava. Wenn du hier ankommst, machst du diese Philosophie zu deiner Herzenssache, weil es in Deiner Heimat nur Terror, Tod und Verfolgung gibt. Hier aber atmest du den Duft der Freiheit und der Hoffnung.“

Ich erfuhr von Misra, dass die junge Frau neben uns am Tisch, solch einer kämpfenden Einheit vorsteht. „Ja, wir Frauen sind mittendrin,“ warf die zierliche Soldatin ein, von der ich mir kaum vorstellen konnte, dass sie älter als zwanzig war. Als ich meiner Bewunderung für ihren Mut Ausdruck verlieh, antwortete sie: „Aber es ist Teil der Philosophie, für die ich kämpfe, dass ich über niemandem in meiner Einheit stehen möchte. Alle sollen gleichberechtigt sein. Das genaue Gegenteil der blutigen Ideologie des Islamischen Staats, der gegen jede abweichende Meinung brutal vorgeht.“

Sie sagte: „Es ist jeder Frau selbst überlassen, ob sie Kinder haben oder kämpfen will. Manche haben ihren Beruf aufgegeben, andere gehen ihrer traditionellen Rolle als Mutter und Hausfrau, in Abstimmung mit ihren Männern, nur noch eingeschränkt nach. Wir wollen frei sein! Wie könnten wir frei sein, wenn wir anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben?“

Mit schalkhaftem Blick erzählte sie mir, dass die IS-Krieger nicht sonderlich gerne gegen Frauen in den Krieg ziehen würden, da Ihnen eingebläut werde, dass sie nicht ins Paradies kämen, wenn sie von einer Frau getötet werden würden.

„Diese Einstellung dieser hirnamputierten Schwachköpfe spielt uns natürlich voll in die Karten – ergänzte sie lachend.“

Als ich mit Delal und Asan den Seminarraum betrat, trafen wir auf etwa zwanzig junge Frauen und Männer. Sie sprangen auf und standen stramm wie Soldaten neben ihren Stühlen. Nachdem mich Delal kurz vorgestellt hatte und mir freundliche Gesichter das Gefühl gaben willkommen zu sein, setzte ich mich auf einen der wenigen freien Stühle.

Delal – eine junge kurdische Kämpferin und Doktorandin der Philosophie, eröffneten das Seminar, indem sie ein Plakat an die Wand hängte, das verkündete: „Eine Gesellschaft, die nicht nach Höherem strebt, wird verfaulen!“

„Dieser Satz trifft ins Schwarze,“ dachte ich mir sofort. Ich schrieb ihn mir direkt in mein Notizbuch“ und notierte dazu: „Ein Mensch, der nicht nach Höherem strebt, wird auch verfaulen!“ Zufrieden legte ich den Stift wieder zur Seite.

Die junge Dozentin sprach darüber, dass Gesellschaftsformen nichts Naturgegebenes sind. „Das“, so dozierte sie weiter, „ist die bahnbrechende Erkenntnis der antiken griechischen Philosophie. Seither haben die Menschen die Möglichkeit zu entscheiden wie sie leben wollen. Denn Gesellschaften sind soziale Konstruktionen und weil sie konstruiert sind, können sie auch wieder de-konstruiert werden. Sie können verändert, gestaltet und erneuert werden.“

Bum! Wieder so ein Satz, den ich mir in mein Notizbuch schrieb. Zwar hatte ich in meiner Philosophieausbildung schon einiges in diese Richtung gehört, aber erst hier wurde mir klar, was für eine enorme Sprengkraft dieser Gedanke hatte. „Gesellschaften sind nichts Natur- oder Gottgegebenes. Menschen können sich entscheiden wie sie leben wollen und können die Gesellschaft, in der sie leben möchten, aktiv mitgestalten. Gesellschaften formen zwar Menschen, aber Menschen formen auch Gesellschaften. Und genau das passierte hier. Das war es, was mich herführte und was ich als so inspirierend und belebend empfand. Hier herrscht eine Stimmung des Aufbruchs und es leuchtet ein Licht der Hoffnung. Diese Menschen haben eine Vision von einer besseren Welt und entfachen ihre Leidenschaft daran alles dafür zu tun, um diese Vision zur Erfüllung zu bringen.

Da es mit mir als Gast eine Art interkulturelles Seminar werden sollte, machte Delal einen Schlenker. „Blicken wir nach Europa,“ sagte sie und schaute dabei über die Köpfe hinweg aus dem Fenster. „Politische und religiöse Ideologien führten die Menschen Jahrhundertelang von Krieg zu Krieg, was letztlich in einem Exzess der Gewalt und Zerstörung endete. Europa war ein rauchender Trümmerhaufen, mit tausenden Wunden. Doch dann geschah ein Wunder und nach 1000järigen Feindschaften begann in Europa das größte Projekt seiner Geschichte. Ein neues Europa entstand. Es wollte Frieden, Wohlstand und Wohlergehen für Alle. Und unter den unterschiedlichsten Völkern wuchs Solidarität. Das Recht wurde die Grundlage bei euch, und nicht mehr das Recht des Stärkeren.“ sagte sie nun mir zugewandt, „Ein neues Europa entstand. Es strebte nach einer offenen, freien und vielfältigen Gesellschaft.“

„Ja,“ sagte ich zögernd, weil ich merkte, dass sie von mir eine Reaktion erwartete. „Sicher. Doch.“ Ihr Enthusiasmus für mein Land und meinen Kontinent beschämte mich. Ich kam mir vor wie ein verwöhntes Kind, das nicht gelernt hatte dankbar zu sein.

„Und nun seid ihr im Begriff das Alles wieder auf`s Spiel zu setzen – warum?“

Mir stockte der Atem: „Es sind bei weitem nicht Alle, die das wieder rückgängig machen wollen,“ entgegnete ich ihr verlegen und spürte wie zwanzig Augenpaare fragend zu mir hinüberblickten und zwanzig Ohrenpaare auf eine Antwort warteten. 

„Vielleicht,“ sagte ich, ja vielleicht sind wir ja solch eine Gesellschaft geworden, die im Begriff ist zu verfaulen, weil wir nach nichts Höherem mehr streben. Wir haben unsere gesellschaftliche Utopie doch größtenteils verwirklicht. Vielleicht wissen wir Menschen in den reichen Ländern Europas nicht mehr wonach wir streben sollen und wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt?“
„Vielleicht, ja vielleicht ist es so, dass eine Gesellschaft, wenn sie sich erst einmal Freiheit, Sicherheit und Wohlstand erkämpft hat –  ja, dass dann die Zeit reif für die Einzelnen geworden ist nach Höherem zu streben, weil sie, wenn sie das nicht tun, in ihrer einst einmal hart erkämpften Behaglichkeit verfaulen? Und vielleicht ist dieses Streben nach Höherem dem Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft zu beschwerlich, weil es vielleicht eine zu schwierige Aufgabe ist? Vielleicht ist es ja sogar leichter Probleme im Außen zu bekämpfen, als sich dem Inneren zu widmen? Denn für konkrete Probleme im Außen gibt es immer auch konkrete Lösungen. Vielleicht nutzen wir darum lieber die maßlos vielen Möglichkeiten unserer liberalen Konsumgesellschaft, um uns zu zerstreuen, um zu konsumieren und um uns zuzudröhnen, damit wir über diese Dinge nicht nachdenken müssen? Vielleicht sind wir wirklich schon längst an dem Punkt angelangt, an dem für Viele von uns die Voraussetzungen erfüllt sind, um nach Höherem streben zu können, weil für Viele von uns die soziale, gesellschaftliche und materielle Sicherheit gewährleistet ist? Das Erhalten des äußeren Status quo scheint auf jeden Fall nicht als Antrieb zu genügen. Stattdessen richtet sich unser Streben auf immer mehr. Mehr Geld, mehr Sex, mehr Rausch, mehr Ruhm, mehr von Allem.“

Ein junger Mann meldete sich zu Wort und warf ein, dass ihm dazu etwas einfällt, was Friedrich Nietzsche einmal über das Europa des 21.Jahrhunderts prognostizierte. Nämlich, dass der Mensch ein Seil ist, ein Seil geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrund… und dass der Mensch im Europa des 21.Jahrhundert sich entscheiden müsse, ob er sich zurück zum Tier entwickelt oder ob er den Mut und Entschluss fasst weiter zu gehen... sich selbst zu erkennen und dabei über sich selbst hinaus zu wachsen.“

Ich war dem jungen Mann dankbar für seinen Einfall. Und Delal nahm diesen Gedanken als Aufhänger, um lächelnd fortzufahren: „Dann müssen wir uns also rechtzeitig die Frage stellen, was mit den Menschen hier passiert, wenn sich unserer Utopie bald einmal verwirklicht haben wird?“

Ein heiteres Lachen erfüllte den Raum. Wieder kam ich mir vor wie ein undankbares Kind mit einem Luxusproblem.

Aber dann wurde Delal in ihrer Stimme sehr ernst und verkündete: "So wertvoll ich unser Gesellschaftsexperiment auch finde, für das ich bereit bin zu kämpfen und zu sterben, aber wenn die äußeren Bedingungen erfüllt sind, und sich unsere Utopie tatsächlich einmal in weiten Teilen verwirklicht haben wird, dann müssen auch wir uns die Frage stellen. Was dann?
Denn selbst vom bestmöglichen wirtschaftlichen und politischen System darf man nicht erwarten, dass es gut funktioniert, wenn die Menschen darin nach wie vor von Gier und Aggression getrieben sind und keine Verantwortung für sich selbst übernehmen. Solange die Menschen keine Sicherheit in sich gefunden haben, werden sie dieses Sicherheitsgefühl im Außen suchen. Diese Menschen bleiben auf der Suche nach einem Sicherheitsgefühl, das ihnen niemals nur durch Äußeres befriedigt werden kann. Und so werden sie ihre Feinde immer weiter ins Außen projizieren. Sie werden immer einen Prügelknaben für ihren eignen Mangel finden können; und wo sie prügeln können, da werden sie auch zuschlagen – oder sich bis zur Besinnungslosigkeit betäuben und sich im Konsum und völliger Dumpfheit verlieren, damit sie sich nicht mehr besinnen müssen, weil sie Angst davor haben sich zu besinnen. Sie wissen nicht, dass das, was ihnen fehlt oder abhanden gekommen ist nichts Materielles ist, nichts Greifbares.

Für das Wohl des Ganzen zu arbeiten und daraus den Sinn unseres Lebens zu machen, ist die Antwort auf die allergrößte aller Fragen, jene nach dem individuellen und kollektiven Sinn des menschlichen Lebens!

Ich schaute mich um. Niemand im Kurs starrte auf ein Smartphone oder aus dem Fenster. Alle waren höchst aufmerksam.

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