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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Freitag, 30. September 2016

Freundschaft

Erschöpft sank ich aufs Sofa. Heute habe ich stundenlang geredet und mir fast einen Krampf ins Gesicht gelächelt. Erst bei der Arbeit und anschließend auf der Feier. Ich kam mir vor wie ein Schauspieler, der nicht in seine Rolle findet. Wann – so fragte ich mich – war ich heute eigentlich ich selbst?
Kenn ich. Scheiß Gefühl.
Und manchmal, wenn es ganz ruhig um mich herum wird, wenn keiner etwas von mir will, dann fange ich an in mich selbst zu horchen.
Und was hörst du dann?
Gar nichts. Da ist einfach Leere. Ich denke mir, da muss doch das Eigentliche in mir tönen – aber es tönt nichts. Mein Gehirn produziert nur einen Haufen sinnlosen Schrott und eine Befindlichkeit löst die andere ab, aber im Großen und Ganzen ist das Bullshit. Vielleicht, so frage ich mich dann, ist es ja gar nicht da – das Eigentliche?
Das Eigentliche. Heute redet man sehr viel darüber wie wichtig es ist authentisch zu sein.
Ja.
Ich habe nachgeschlagen, um herauszufinden was das Wort authentisch ganz eigentlich bedeutet.
Und?
Das kommt vom griechischen Wort authenticos und heißt ganz einfach „echt“ – im Sinne der Übereinstimmung vom Schein und Sein einer Sache. Und echt sein meint dann wohl, dass ich meine wahren Gefühle und Bedürfnisse nicht verstecke, sondern preisgebe, was mich bewegt; mich selbst offenbare, vorbehaltlos, ohne Rücksicht auf Verluste.
Liegt nicht darin der Kern menschlicher Aufrichtigkeit?
Ich glaube schon.  Und gleichzeitig finde ich es muss auch der Rahmen und die Sprache stimmen. Im Idealfall sollte es natürlich ein Geben und Nehmen zwischen Freunden sein. Es braucht dazu echte Wertschätzung für alles, was der Andere von sich preisgibt. Es braucht einen Raum zwischen den Menschen, in dem nicht verurteilt wird; vielmehr Mitgefühl herrscht, das wirklich verstehen will. Ein Verstehen, das tiefer geht als das, was man an der Oberfläche beobachten kann. Es braucht einen angstfreien Raum, indem wir das Gefühl haben einfach so sein zu dürfen wie wir sind.
Das ist eine schöne Beschreibung von Freundschaft. Ich glaube so eine Freundschaft ist wie ein Schatz, den wir – wenn überhaupt – nur ganz selten im Leben finden.
Ja. Im Laufe eines Lebens begegnen wir nur wenigen Menschen, die in der Lage sind so eine Freundschaft zu leben. Es braucht viel Wohlwollen und Durchhaltevermögen. Es braucht den Mut zur Ehrlichkeit. Es braucht den Wunsch miteinander zu wachsen und sich zu entwickeln und sich wirklich zu begegnen – und nicht nur zu schonen. Auch wenn es manchmal weh tut.
Das Alles wird einem aber nicht einfach so in die Wiege gelegt.
Da hast du recht. Es ist ja auch noch kein Meister vom Himmel gefallen.
Und falls doch, dann hat er sich beim Aufschlag das Genick gebrochen.
Das ist gut. So ist das wohl. Unsere Freundschaft hat mir übrigens auch schon das ein oder andere Mal fast das Genick gebrochen. Du hast mir Dinge gesagt, die konnte ich fast nicht aushalten. Das war mir zu viel.
Ich weiß. Und es tut mir unsäglich leid, dass ich dir zu schnell, mit zu viel, zu nah gekommen bin. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat. In dieser Situation war ich selbst so frustriert, verletzt und ungeduldig, so gefangen in mir selbst, dass ich vielleicht gar nicht in der Lage war dich richtig wahrzunehmen; dich so wahrzunehmen wie du bist – wahrzunehmen, was gut für dich ist.
Ich bin trotzdem froh und dankbar, dass wir offen miteinander sind. Gefühle sind eben so wie sie sind – und sie sind oft stärker als unsere guten Absichten. So ist das Leben.
Mir fällt eine Geschichte ein.
Erzähl sie mir.
Zwei Freunde wanderten durch die Wüste. Während der Wanderung kam es zu einem Streit und der Eine beschimpfte den Anderen aufs Ärgste.
Der Beschimpfte war gekränkt. Ohne ein Wort zu sagen, kniete er nieder und schrieb folgende Worte in den Sand:
„Heute hat mich mein bester Freund verletzt.“
Sie setzten ihre Wanderung fort und kamen bald darauf zu einer Oase. Dort beschlossen sie beide ein Bad zu nehmen. Der Freund, der geschlagen worden war, blieb auf einmal im Schlamm stecken und drohte zu ertrinken. Aber sein Freund rettete ihm buchstäblich in letzter Sekunde das Leben.
Nachdem sich der Freund, der fast ertrunken war, wieder erholt hatte, kniete er sich vor einen großen Stein und ritzte folgende Worte hinein:
„Heute hat mein bester Freund mir das Leben gerettet.“
Der Freund, der den anderen geschlagen und auch gerettet hatte, fragte erstaunt: „Als ich dich gekränkt hatte, hast du deinen Satz nur in den Sand geschrieben, aber nun ritzt du die Worte in einen Stein. Warum?“
Der andere Freund antwortete: „Wenn uns jemand gekränkt oder beleidigt hat, sollten wir es in den Sand schreiben, damit der Wind des Verzeihens es wieder auslöschen kann. Aber wenn jemand etwas tut, was gut ist, dann können wir das in einen Stein gravieren, damit kein Wind und kein Sturm es jemals auslöschen kann.“[1]



[1] Verfasser unbekannt

Dienstag, 6. September 2016

angekommen

Hektisch rennt Daniela zum Gleis und wirft noch einmal einen Blick auf ihr Ticket. Ja, da steht Gleis 2, sie ist richtig, nur noch zwei Minuten, bis der Zug abfahren sollte. Nun steht sie hier, inmitten von Menschen, die ganz anders aussehen als sie. Frauen in Saris drängen sich an ihr vorbei, kleine Kinder mit dichtem schwarzen Haar beäugen sie neugierig und ein Verkäufer neben ihr rückt die Ware in seinem Korb zurecht. Die kleinen Brötchen, die aussehen, als ob sie gefüllt wären, sehen sehr lecker aus. Wie sie wohl schmecken? Sie blickt sich um und entdeckt noch ein anderes europäisch aussehendes Pärchen und eine asiatische Familie, die auch etwas verloren hier am Bahnhof von Colombo stehen und nach dem Zug Ausschau halten. Endlich, ein Zug fährt mit lautem Gedöse in die Bahnhofshalle ein. Menschen strömen heraus, mehr als man erwartet, dass überhaupt in einen Zug reinpassen. Daniela zeigt ihr Ticket zur Sicherheit noch einem älteren Mann, der sie anlächelt und ihr zu verstehen gibt, dass dies noch nicht ihr Zug ist. Unsicher bleibt sie inmitten der Menschen, die um sie strömen, stehen und entschliesst, dem Mann zu vertrauen und zu warten. Es vergeht eine weitere Zeit und Züge fahren ein, Menschenmengen entsteigen dem Zug und mindestens ebenso viele, so scheint es, steigen in den Zug ein. Doch der Mann, der in einiger Distanz zu Daniela steht, zeigt ihr an, zu warten. Sie beschliesst, abzuwarten und nicht herumzueilen, um herauszufinden, wann ihr Zug kommt. Plötzlich wird sie aus ihren Gedanken gerissen, im Eiltempo laufen die Menschen, die mit ihr am Gleis gestanden haben, davon. Sie schaut fragend den Mann an, der ihr in Zeichensprache hektisch zu erklären gibt, dass ihr Zug scheinbar auf einem anderen Gleis fährt. 45 Minuten Verspätung und der Zug schafft es nicht mal, am angesagten Gleis einzufahren! Doch Daniela hat keine Zeit, einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden und drängt mit der Menge zum besagten Gleis, wo gerade der Zug einfährt. Als er mit lautem Gequietsche anhält, realisiert Daniela, dass erst jetzt der richtige Kampf beginnt. Mit Ellbogen am Kopf stolpert sie mit mehr Glück als Verstand in den Zug hinein und bringt sich auf dem erstbesten Sitzplatz in Sicherheit. Puh, geschafft! Nachdem alle Menschen sich in den Zug gedrückt, auf dem Boden und bei der nicht vorhandenen Tür Platz genommen haben, tuckert der Zug los. Die städtische Umgebung weicht bald einer schönen Landschaft, die fortlaufend am Fenster vorbeizieht. Verkäufer drängen sich durch den Zug, was an sich schon fast unmöglich ist, und verkaufen Leckereien, deren Duft angenehm vorbeizieht. „Wadiwadiwadiwadi..“, der asiatische Junge gegenüber Daniela imitiert die anpreisenden Rufe des Verkäufers, woraufhin seine Mutter ihn etwas peinlich berührt tadelt. Der Zug tuckert weiter durch die Terrassen von Grünteeplantagen, wo Frauen mit Körben die Blätter pflückten. Eine gewisse Ruhe ist im Zug eingekehrt, man geniesst die Aussicht, einzelne haben angefangen miteinander zu plaudern und die Ausländer werden neugierig betrachtet. Die Sonne scheint durchs Fenster und Daniela steckt den Kopf raus in den Fahrtwind und winkt einem Kind weiter vorne, das ebenfalls aus dem Fenster lehnt.  Daniela geniesst den Augenblick und versucht den Moment festzuhalten. eine Leichtigkeit und Zufriedenheit durchströmt ihren Körper. Nun hat sie das Gefühl, angekommen zu sein.

Ein Zug verändert die Welt?

06.15: Der Wecker klingelt, müde stellt Mia ihn aus. "Nur noch 2 Minuten liegen bleiben..."
06.20: Sie quält sich aus dem Bett. "Mist, warum schaff ich es nicht pünktlich aufzustehen?"
06.37: Frisch geduscht und etwas fitter. "Ich wollte doch das Duschen kürzer halten!?!"
06.52: Mia föhnt die Haare, wäscht die Brille, parfümiert sich. "Beeil dich, um 07.07 fährt der Zug."
07.00: Sie rennt runter zum Fahrrad. "Jetzt aber ganz schnell, vielleicht fährt der Zug später ab."
07.07: Gerenne durchs Pendlergedränge. "Warum müssen die alle zur gleichen Zeit los!?!"
07.10: Mia sieht gerade noch den Zug abfahren. "Wär' ich nur wirklich 2 Minuten liegen geblieben."


Um 07.09 Uhr verlässt der eigentlich auf 07.07 Uhr geplante ICE den Bahnhof, hätte Mia im Zug gesessen, wäre sie dennoch pünktlich am Zielbahnhof angekommen. Sie hätte ihre Arbeitsstelle rechtzeitig erreicht und man ihr hätte den neuen Chef persönlich vorgestellt. Sie wären einander sofort mehr als nur sympathisch gewesen. Bereits eine Woche später hätte er sie zu einem romantischen Dinner in einem kleinen, unbekannten aber nicht unbedeutenden Restaurant ausserhalb eingeladen. Dort hätten sich hervorragend unterhalten. Es wäre ein so schöner Abend geworden, dass sie die Verabredung wiederholt hätten, eins, zwei, drei, vier und noch viele Male mehr. Erst wäre die Beziehung heimlich gewesen, aber als es für beide ernster geworden wäre, hätten sie beschlossen, alles offen zu legen. Doch eine Beziehung mit dem Chef wäre am Arbeitsplatz nicht geduldet worden, Mia hätte aus freien Stücken die Stelle aufgegeben. Sie hätte stattdessen die seit ihrer Kindheit ersehnten, neue Ausbildung angefangen, in welcher sie völlig aufgeblüht wäre. Sie hätte sich neu erfinden können, hätte eine grossartige Beziehung mit dem Mann ihrer Träume geführt und wäre glücklich geworden...bis zum nächsten Zug, den sie verpasst und alles geändert hätte?


Mia aber steht verärgert am Bahnhof, früh aufstehen und nun auch noch Zeit im Pendlergedränge verplempern, bis dann endlich der 07.34 Uhr Zug fahren würde. Sie kann sich auch einen besseren Tagesbeginn vorstellen. Mia geht zum 20-Minuten-Stand und greift gleichzeitig wie er zur Zeitung. Sie blickt entrüstet auf, sieht den Fremden, der nicht, wie alle andern grummelig die Augen verdreht, sondern sie stattdessen offen anlächelt. Mia findet ihn auf Anhieb so sympathisch, dass sie beschliesst, die Chance zu nutzen. Sie fragt ihn, ob er Zeit für einen Kaffee hat. Hat er. Aus einer halben Stunde auf den Zug warten, werden zwei Stunden Kaffeeklatsch. Bereits am nächsten Abend lädt er sie in eine gemütliche Bar ein. Und auch in der Woche darauf und wieder und wieder...Es entsteht eine leidenschaftliche, romantische Beziehung. Aber er ist nicht von hier und nach zwei Jahren beschliessen sie, gemeinsam auszuwandern. Mia beschliesst, endlich ihren Kindheitstraum zu realisieren, beginnt die neue Ausbildung, in der sie völlig aufblüht. Sie kann sich neu erfinden, hat eine grossartige Beziehung mit dem Mann ihrer Träume und wird glücklich...bis zum nächsten Zug, den sie verpasst und alles ändert?

Montag, 5. September 2016

Stinkendes Stigma

Nancy und Cindy betraten rege tratschend die Personaltoilette. Die neuen Gerüchte gaben wieder einiges her. Sie traten vor die beiden Toilettenkabinen. Als sie bemerkten, dass die eine besetzt war, warfen sie sich gegenseitig warnende Blicke zu und verstummten jäh – man weiss ja nie, wer auf der Toilette sitzt…
Cindy nahm die freie Kabine, und Nancy wartete vor der besetzten. Ein eigenartiges Rascheln war daraus zuhören, dann ein Spülen und die Tür schwang auf. Emma Dickmanns trat heraus und blickte Nancy kurz erschrocken an. Dann nickte sie beschämt zum Gruss und eilte mit gesenktem Blick aus der Toilette.
Nancy blickte ihr misstrauisch nach. „Hey Cindy“, zischte sie, „das war Emma von der Buchhaltung. Sie war total komisch drauf.“
„Wie komisch?“
„Naja…“ Nancy trat in die freigewordene Kabine. „Sie— Iiiiii!“ entfuhr es ihr vor Ekel. „Das ist ja widerlich!“ Sie stürzte wieder rückwärts aus der Kabine.
„Was ist denn?“ rief Cindy erschrocken, spülte und eilte ihrer Freundin zu Hilfe. Diese stand angewidert an die der Kabine gegenüberliegende Wand gelehnt und deutete wortlos auf die Toilette. Cindy konzentrierte sich auf die gewiesene Stelle und ihr entfuhr ebenfalls ein: „Iiiii! Was ist das?!“
Auf dem Toilettenring klebte eine dickliche, braune Masse
„Na was wohl, du Schlaumeier. Das ist Scheisse! Die ist ja echt widerlich, die Frau“, empörte sie sich, während sie sich in die andere Toilettenkabine begab. „Aber weisst du“, fuhr sie von dort aus fort, „ich hab’s mir schon immer gedacht, dass diese fette Kuh nicht ganz sauber ist – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich meine, ist dir aufgefallen, dass sie keine ihrer Blusen je bügelt?
„Ja stimmt, jetzt wo du’s sagst. Und ihre Schuhe trägt sie ja mehrere Tage hinter einander. Den ganzen Tag!“
„Genau. Und sie schafft es nicht, ihren Kaffee zu trinken, ohne sich irgendwo einen Fleck hin zu machen. Die hat einfach keine Manieren!“
„Und bist du mal in ihrem Wagen mitgefahren?“ setzte Cindy nach. „Ich glaube, das hat sie, seit sie es gekauft hat, kein einziges Mal geputzt. Da liegen Papierfetzchen am Boden rum, die Armatur ist ganz staubig und die Fenster sind verschmiert. Keine Ahnung, wie sie aus der Scheibe sieht.“
„Mich erstaunt viel eher, dass sie überhaupt hinter dem Steuer Platz hat“, lästerte Nancy, und beide brachen in schallendes Gelächter aus.
Sie gingen zur Spüle und wuschen sich die Hände.
„Ich werde ihr jetzt echt mal die Meinung geigen! Das ist ja echt nicht zum glauben!“
Sie traten aus der Toilette auf den Gang und schritten zielstrebig auf das Grossraumbüro der Buchhaltungsabteilung zu. Hätte ein Soundtrack diesen Marsch untermalen sollen, wäre es wohl Wagners „Ritt der Walküre“ gewesen. Die Luft knisterte vor Spannung, als die beiden kampfeslustig durch den Raum schritten. Die anderen Mitarbeiter kehrten sich nach ihnen um und verfolgten gespannt, was sich unweigerlich anbahnte.
Schon tauchte der breite Rücken von Emma Dickmanns hinter einer der niedrigen Trennwände auf.
„Emma!“ rief Nancy, als sie noch vier Meter von ihr entfernt war.
Erschrocken kehrte sich Emma um.
„Warst du das auf dem Klo?!“
Emmas Miene wurde blass.
„Das darf ja wohl wirklich nicht wahr sein! Wie alt bist du eigentlich?“ keifte Cindy dazwischen.
Emmas Unterlippe begann zu zittern.
„Ich meine, mag ja schon sein, dass es etwas schwieriger ist, bei deinen Proportionen“, spottete Nancy, „aber so feige davon rennen ist echt erbärmlich!“
Emmas Augen füllten sich mit Wasser.
„Wir hätten echt nicht geglaubt, dass du solch ein Ferkel bist!“ Cindy verschränkte die Arme und wandte sich angewidert ab.
„Ich finde“, fuhr Nancy fort, „und ich nehme an, unsere Kollegen werden uns da beipflichten, zumindest könntest du die Sauerei, die du hinterlassen hast, wieder bereinigen.“
Da brach der Damm und dicke Tränen rannen Emma über die dicken, heissen Backen. Beschämt blickte sie zu Boden und murmelte nur: „Ja, natürlich.“
„Das ist nämlich echt ‘ne Zumutung! Ein Blick zurück ist doch wirklich nicht zu viel verlangt!“
Emma horchte auf.“
„Auf ein dermassen – tut mir leid, ich kann’s nicht anders sagen – verschissenes Klo kann ja kein Mensch mehr gehen!“
„Verschissen?“ fragte Emma leise.
„Jetzt tu nicht so scheinheilig!“ zischte Nancy leicht verunsichert. „Was dachtest du denn?!“
„Ach, nichts“, entgegnete Emma mit einer deutlichen Erleichterung. „Es tut mir nur so schrecklich leid! Tut mir wirklich leid, Leute! Echt! Ihr habt total recht. Ist natürlich unentschuldbar. Ich werde es sofort bereinigen. Wie peinlich! Tut mir leid.“ Während ihrer Entschuldigungsleier hatte sie ihre Massen vom Bürostuhl erhoben und bewegte sich nun eilig, sich weiter entschuldigend, Richtung Toilette. Alle blickten ihr verdutzt nach, denn keinem war das eigenartige Lächeln entgangen, das ihre Lippen zum Schluss umspielt hatte.
Emma warf die Tür zur verräterischen Toilettenkabine auf und erblickte sogleich das Corpus Delicti. Sie nahm ein Toilettenpapier, wischte den braunen, klebrigen Fleck vom Toilettenring und blickte ihn kopfschüttelnd an.
„Scheisse!“ gab sie ihrem Ärger über sich selbst freien Lauf. „Ihr saudämlichen Schnepfen! Das ist Schokolade!“