Nancy und Cindy betraten rege tratschend die
Personaltoilette. Die neuen Gerüchte gaben wieder einiges her. Sie traten vor
die beiden Toilettenkabinen. Als sie bemerkten, dass die eine besetzt war,
warfen sie sich gegenseitig warnende Blicke zu und verstummten jäh – man weiss
ja nie, wer auf der Toilette sitzt…
Cindy nahm die freie Kabine, und Nancy wartete vor der
besetzten. Ein eigenartiges Rascheln war daraus zuhören, dann ein Spülen und
die Tür schwang auf. Emma Dickmanns trat heraus und blickte Nancy kurz
erschrocken an. Dann nickte sie beschämt zum Gruss und eilte mit gesenktem
Blick aus der Toilette.
Nancy blickte ihr misstrauisch nach. „Hey Cindy“, zischte
sie, „das war Emma von der Buchhaltung. Sie war total komisch drauf.“
„Wie komisch?“
„Naja…“ Nancy trat in die freigewordene Kabine. „Sie—
Iiiiii!“ entfuhr es ihr vor Ekel. „Das ist ja widerlich!“ Sie stürzte wieder
rückwärts aus der Kabine.
„Was ist denn?“ rief Cindy erschrocken, spülte und eilte
ihrer Freundin zu Hilfe. Diese stand angewidert an die der Kabine
gegenüberliegende Wand gelehnt und deutete wortlos auf die Toilette. Cindy
konzentrierte sich auf die gewiesene Stelle und ihr entfuhr ebenfalls ein:
„Iiiii! Was ist das?!“
Auf dem Toilettenring klebte eine dickliche, braune Masse
„Na was wohl, du Schlaumeier. Das ist Scheisse! Die ist ja
echt widerlich, die Frau“, empörte sie sich, während sie sich in die andere
Toilettenkabine begab. „Aber weisst du“, fuhr sie von dort aus fort, „ich hab’s
mir schon immer gedacht, dass diese fette Kuh nicht ganz sauber ist – im
wahrsten Sinne des Wortes. Ich meine, ist dir aufgefallen, dass sie keine ihrer
Blusen je bügelt?
„Ja stimmt, jetzt wo du’s sagst. Und ihre Schuhe trägt sie
ja mehrere Tage hinter einander. Den ganzen Tag!“
„Genau. Und sie schafft es nicht, ihren Kaffee zu trinken,
ohne sich irgendwo einen Fleck hin zu machen. Die hat einfach keine Manieren!“
„Und bist du mal in ihrem Wagen mitgefahren?“ setzte Cindy
nach. „Ich glaube, das hat sie, seit sie es gekauft hat, kein einziges Mal
geputzt. Da liegen Papierfetzchen am Boden rum, die Armatur ist ganz staubig
und die Fenster sind verschmiert. Keine Ahnung, wie sie aus der Scheibe sieht.“
„Mich erstaunt viel eher, dass sie überhaupt hinter dem
Steuer Platz hat“, lästerte Nancy, und beide brachen in schallendes Gelächter
aus.
Sie gingen zur Spüle und wuschen sich die Hände.
„Ich werde ihr jetzt echt mal die Meinung geigen! Das ist ja
echt nicht zum glauben!“
Sie traten aus der Toilette auf den Gang und schritten
zielstrebig auf das Grossraumbüro der Buchhaltungsabteilung zu. Hätte ein
Soundtrack diesen Marsch untermalen sollen, wäre es wohl Wagners „Ritt der Walküre“
gewesen. Die Luft knisterte vor Spannung, als die beiden kampfeslustig durch
den Raum schritten. Die anderen Mitarbeiter kehrten sich nach ihnen um und
verfolgten gespannt, was sich unweigerlich anbahnte.
Schon tauchte der breite Rücken von Emma Dickmanns hinter
einer der niedrigen Trennwände auf.
„Emma!“ rief Nancy, als sie noch vier Meter von ihr entfernt
war.
Erschrocken kehrte sich Emma um.
„Warst du das auf dem Klo?!“
Emmas Miene wurde blass.
„Das darf ja wohl wirklich nicht wahr sein! Wie alt bist du
eigentlich?“ keifte Cindy dazwischen.
Emmas Unterlippe begann zu zittern.
„Ich meine, mag ja schon sein, dass es etwas schwieriger
ist, bei deinen Proportionen“, spottete Nancy, „aber so feige davon rennen ist
echt erbärmlich!“
Emmas Augen füllten sich mit Wasser.
„Wir hätten echt nicht geglaubt, dass du solch ein Ferkel
bist!“ Cindy verschränkte die Arme und wandte sich angewidert ab.
„Ich finde“, fuhr Nancy fort, „und ich nehme an, unsere Kollegen
werden uns da beipflichten, zumindest könntest du die Sauerei, die du
hinterlassen hast, wieder bereinigen.“
Da brach der Damm und dicke Tränen rannen Emma über die
dicken, heissen Backen. Beschämt blickte sie zu Boden und murmelte nur: „Ja,
natürlich.“
„Das ist nämlich echt ‘ne Zumutung! Ein Blick zurück ist
doch wirklich nicht zu viel verlangt!“
Emma horchte auf.“
„Auf ein dermassen – tut mir leid, ich kann’s nicht anders
sagen – verschissenes Klo kann ja kein Mensch mehr gehen!“
„Verschissen?“ fragte Emma leise.
„Jetzt tu nicht so scheinheilig!“ zischte Nancy leicht verunsichert.
„Was dachtest du denn?!“
„Ach, nichts“, entgegnete Emma mit einer deutlichen Erleichterung.
„Es tut mir nur so schrecklich leid! Tut mir wirklich leid, Leute! Echt! Ihr
habt total recht. Ist natürlich unentschuldbar. Ich werde es sofort bereinigen.
Wie peinlich! Tut mir leid.“ Während ihrer Entschuldigungsleier hatte sie ihre
Massen vom Bürostuhl erhoben und bewegte sich nun eilig, sich weiter
entschuldigend, Richtung Toilette. Alle blickten ihr verdutzt nach, denn keinem
war das eigenartige Lächeln entgangen, das ihre Lippen zum Schluss umspielt
hatte.
Emma warf die Tür zur verräterischen Toilettenkabine auf und
erblickte sogleich das Corpus Delicti. Sie nahm ein Toilettenpapier, wischte
den braunen, klebrigen Fleck vom Toilettenring und blickte ihn kopfschüttelnd
an.
„Scheisse!“ gab sie ihrem Ärger über sich selbst freien
Lauf. „Ihr saudämlichen Schnepfen! Das ist Schokolade!“
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