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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Freitag, 24. März 2017

Höhenflug und Tiefenfall


Auf einer Festlichkeit in kleinem Kreise begegnete Tybbke zufällig Reineke. Tybbke von Anfang an eingenommen von Reineke's Weltkenntnis, Wortwitz und Scharfsinn. Leider wusste Tybbke, dass ein Tier wie sie – weder Fisch noch Vogel -, niemals in die feine Gesellschaft und damit die Welt von Reineke passen könnte oder einen Platz darin verdient hätte. Aber Reineke ging Tybbke nicht mehr aus dem Kopf und in einem Anflug aus Grössenwahn und Selbstüberschätzung fragte sie ihn, ob er denn mit ihr etwas unternehmen würde. Und was Tybbke nicht wagte in den kühnsten Träumen sich vorzustellen – zu gross war die Angst vor einer Enttäuschungen – trat ein: Reineke sagte zu. Dies nicht nur gönnerhaft, sondern anscheinend mit Freude. Doch erst als Reineke tatsächlich vor Tybbke stand, glaubte sie, dass es sich nicht um eine Fantasie, sondern wahrhaftige Realität handelte. Das erste Treffen war schlicht perfekt. Tybbke war beflügelt. Das Gefühl blieb sogar nach dem Abschied weiter bestehen und katapultierte sie in den siebten Himmel, wo sie sich langsam ein Luftschloss erbaute. Stein um Stein glaubte sie mehr, dass endlich jemand ihr wahres Innere gesehen hat – eigentlich war sie doch nicht dumm und langweilig, sondern klug und interessant. Ihr Gedanken- und Fantasiekonstrukt wurde von Reineke bestärkt. Er machte sie glauben, dass auch er die Verabredung genossen und ihre Gesellschaft sehr geschätzt hat. Dadurch ermutigt, erbat sich Tybbke ein erneutes Stelldichein. Wieder willigte Reineke euphorisch ein. Nun war Tybbke schon etwas weniger ungläubig und misstrauisch als dies noch beim ersten Mal. Auch die zweite Verabredung war kurzweilig und Tybbke hatte das Gefühl, Reineke etwas näher gekommen zu sein. Sie begann mit dem Gedanken zu spielen, dass sie möglicherweise doch auch zur feinen Gesellschaft, in die Welt des Fuchses, passen könnte. Eine kleine Unsicherheit, ein reibendes Misstrauen blieb aber hartnäckig bestehen. Doch jedes Mal, wenn Tybbke ihre Zweifel vorbrachte, schlug Reineke dieser mit einem charmanten Kompliment aus. So paradox und unverständlich es klingen mag, auf ein zweites Treffen folgte ein drittes, ein schicksalhaftes.
Diese Begegnung begann nicht anders als die beiden zuvor, endete dagegen grundverschieden: Als sie beide an der Kreuzung standen, an der sich jeweils ihre Wege trennten, wurde Tybbke übermütig und fragte: „begleitest du mich?“ „Sehr gerne“, antwortete Reineke. Zuhause angekommen, machten sie es sich gemeinsam gemütlich. Wie sie da so sassen offenbarte Reineke etwas, das Tybbkes Misstrauen wieder neu aufflammen liess. „Es gibt drei Kategorien in unserer Welt: Kröten – langweilig, abstossend, unsympathisch -; Pferde – schön, freundlich, liebenswert,  und Phönixe – betörend, begehrenswert, unnahbar“ „Ja, also ich bin bestimmt eine Kröte“, sagte Tybbke überzeugt. „Aber nein, ich glaube, du bist ein Phönix, oder mindestens ein Pferd.“ Ein kurzer Hoffnungsschimmer flackerte in Tybbkes Herz auf, ob sie sich wohl unterschätzte? Ein erneuter Anflug von Grössenwahn liess sie näher zu Reineke rücken, der sich wider Erwarten ebenso anschmiegte. Immer enger legten sie sich zueinander, näher und näherIrgendwann war Tybbkes Grenze erreicht und sie bekam Angst, dass Reineke durch die Nähe erkannte, dass sie eigentlich eine Kröte war. Aber sie überwand die eigenen Widerstände, redete sich ein, dass sie vielleicht ja doch ein Phönix war und wollte die Beurteilung Reineke überlassen. Verschämt und gehemmt liess sie geschehen, was geschehen sollte…Ängstlich gespannt schaute sie Reineke an, nun da er sie hüllenlos vor sich hatte, wie würde er sie kategorisieren? Aber ohne grosse Worte verabschiedete sich Reineke - entfloh, versicherte Tybbke aber, dass sie sich auf ein Wiedersehen freuen durfte. Diese aber wusste bereits seit dem Federnlassen, dass sie enttarnt worden war. Tybbke war eigentlich eine Kröte. Ertappt, enttarnt, blossgestellt…eine Kröte. Tybbke fiel aus dem eigens konstuierten siebten Himmel hart auf den Boden der Realität. Das Luftschloss brach in sich zusammen. Es fühlte sich an, als würden alle schweren Backsteine auf sie fallen und sie kleiner zu machen als je zuvor.

Aber weil sich der Himmel so schön angefühlt hatte, handelte Tybbke wider besseres Wissen und tat so, als wäre der Fall nicht klar. Wieder und wieder fragte sie Reineke, ob sie denn wieder mal gemeinsam etwas unternehmen würde. Charmant und fürsorglich, aber konsequent schlug dieser jedoch sämtliche Anfragen aus. Irgendwann sah Tybbke ein, dass sie sich nur blamierte und gab resigniert auf. Sie zwang sich sämtliche Hoffnungen in den Wind zu blasen, jene waren nämlich der Ursprung aller Enttäuschungen. Anfänglich schob sie die Schuld auf Reineke, der sie so listig hinter das Licht geführt hatte. Was hat er damit bezweckt? Wollte er ihr schaden oder sich selbst nur beweisen, dass er fähig war, andere zu verführen? Wie blöd sie doch war, schon wieder! Die Zeit verging und Tybbke’s Groll gegen Reineke verklang, ihr wurde bewusst, dass ihn eigentlich keine Schuld traf. Egal, welche Absichten er verfolgt haben mag, sie hatte mitgespielt. Wider besseren Wissens hatte sie sich grösser gemacht als sie war. Nun richtete sich die Enttäuschung gegen sich selbst, sie schämte sich in Grund und Boden, sich so masslos überschätzt zu haben. Zu Beginn eine Aufwärtsspirale begründet in Grössenwahn wurde eine Abwärtsspirale, deren Ursprung die Enttäuschung war.  
Und die Moral von der Geschicht: Das Bauen von Luftschlössern kostet nichts, aber ihre Zerstörung ist teuer.

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