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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Montag, 30. Oktober 2017

Ich mag mich noch gut an das schellende Rasseln der alten Schulglocken erinnern, wie jenes dieser Weckern mit den zwei angebrachten runden Metallkugeln.

Es erinnert mich an die Zeit, in der die Uhren noch im Schlendergang liefen.

-Papa, wann sind wir endlich daaaa?
-Wir sind doch erst vor 10 Minuten losgefahren!
-Und wie lange müssen wir noch fahren?
-Anderthalb Stunden.
-😱

Eine Stunde heute war damals zwei, ein halber Tag heute ein ganzer, ein Jahr - puh! - ein Drittel der Zeit, seit dem ich mit denken begonnen hatte.
Jeder Schritt, jede Bewegung habe ich ganz genau wahrgenommen, gespürt - jeder Gedanke beinhaltete das damalige Jetzt.

Die Weltuhr lief in Slow Motion. Oder läuft jetzt in High Speed.
Vielleicht liegt es daran, dass im Wachstum die innere Uhr schnell läuft, viel schneller als die Weltuhr - und dann, mit dem Erwachsenwerden, sich verlangsamt ...?
Dass sich die Uhr einer sich entwickelnden, wachsenden Einheit von jener der Umwelt abspaltet, und relativ schneller tickt?

Denn; wie lange habe ich das Wort, das Gefühl "Langeweile" nicht mehr erlebt, nicht mehr empfunden? Die Weltzeit scheint zu rasen, zu drehen wie ein Karussell, gerade jetzt in einem Zeitalter, wo sich so vieles in stetiger Entwicklung wiederfindet! 

Ich fühle mich ohnmächtig, habe Angst, dass mir keine Zeit mehr bleibt... 
Panisch und verzweifelt suche ich nach ⏯, möchte durchatmen, mich wiederfinden, das Gedankenkarrussell anhalten... mir schwindelt beinahe!

Das Jetzt halten können, ohne dass es gleich ins Gewesene vergeht... 
Einfach. Pause.








ist ein Hexagramm für "Stillstand".





Dienstag, 17. Oktober 2017

Laute Flaute

Im Radio läuft Musik. Irgendwas. Was poppiges oder so. Zwar schon tausendmal gehört, wie alles, was jeden Tag im Radio läuft, aber ich weiss weder, wer das singt – sofern man das „singen“ nennen kann -, noch wer das komponiert hat. Vielleicht war’s ja auch derselbe. Also ich nehme an, der Typ, der ständig rappt, spielt hier die Hauptrolle, nicht die nasal klingende Afroamerikanerin, die stumpfsinnig repetitiv irgendeinen Quatsch dazu trällert. Ach, was kratzt’s mich!
Ich sollte mich mal wieder der Arbeit widmen… Genug geträumt!
Ich nehme den nächsten Umschlag in die Hand – einer von dreien – und ziehe das Anmeldeformular heraus. Ich kontrolliere die Angaben, setze mein Visum ans Ende des Formulars und lege es ins Scan-Fach.
Was machen eigentlich diese Arbeiter da draussen vor dem Fenster? Die reinigen die Bodenluken. Jetzt? Vor dem Winter? Den ganzen verdammten Sommer lang hat es sie einen feuchten Kehricht interessiert, dass die Luken total dreckig waren. Und jetzt, kurz bevor der erste Schnee fällt, werden sie nochmals gereinigt? Was für ein Leerlauf!
Apropos Leerlauf … an die Arbeit, Bienchen!
Nächster Umschlag, kontrolliert, Visum, abgelegt.
Heute fliegen echt viele Flugzeuge! Das ist jetzt bestimmt schon der dritte heute Morgen. Aber Helikopter sind’s ja nicht – sonst könnten sie vielleicht vom Spital her kommen. Ein paar Transportflüge mehr oder so. Vielleicht sind’s Düsenjäger, ich kann’s nicht genau sagen. Das Militär ist ja hier in—
So, jetzt konzentrier dich mal!! Mach das mal fertig!
Letzter Umschlag, auf, kontroll—
Ach, ja!! Jetzt fällt’s mir ein! Es ist ja demnächst diese Flugshow! Das sind bestimmt die Übungen dafür.
Ich kann mich einfach nicht konzentrieren! Ich spüre, wie sich meine Hände zu Fäusten ballen. Meine Finger krallen sich schmerzhaft in meine Handflächen, doch der Schmerz tut gut! Die Spannung in meiner Magengegend wird unerträglich und weitet sich immer mehr auf den Brustkorb und den Kopf aus. Ich merke, wie mein Puls steigt. Ich schwitze. Kalter Schweiss. Wut. Angst. Gedankenkreisen!
Und dann passiert’s.
Für mich passiert alles in Zeitlupe, alles dauert eine Ewigkeit, die gesamte Entladung, die Eruption. Ich stehe energisch auf, der schwere Bürostuhl kippt nach hinten und knallt gegen die Wand. Ich schreie, schlage um mich, reisse dabei Tastatur, Bildschirm und Telefon vom Schreibtisch. Ich poltere auf den Tisch, reisse die Ordner aus dem Regal hinter mir. Blätter fliegen umher, wie im Herbst, fast beruhigend. Ich kriege das Telefonkabel zu greifen und schmettere den daran hängenden Apparat mit Hörer gegen die Wand. Plastikteile fliegen umher, ein Kabel reisst, der Hörer fliegt quer durchs Büro und Franz duckt sich darunter weg. Die Tastatur muss nun dran glauben. Ich hämmere sie kreischend gegen das Tischbein. Tasten purzeln wie Legosteine über den Boden. Ich packe die Zimmerpflanze, rupfe sie aus ihrem Kübel und schleudere sie in die andere Ecke des Zimmers, wo Sandra ihre Arme schützend über den Kopf reisst, dem Erdregen jedoch nicht ganz entrinnt. Ich stehe kurz schnaubend da und überblicke den Tatort – ein Bild der Verwüstung.
Ich wende mich auf den Absätzen um und stapfe davon.

„Ich bin zuhause, Schatz!“ ruft Sandra, während sie die Schuhe von den Füssen streift und den Mantel an die Garderobe hängt.
„Na, Liebes, war heute wieder Flaute im Büro?“

„Schön wär’s! – das ich das mal sage…“

Montag, 16. Oktober 2017

Verflechtungen






Neubeginn als Sinnbild, als ordnende, erlösende Metapher in der Wirniss der Verflechtung von Ende und Anfang im Fluss der Dinge.
Wann endet etwas, wann beginnt etwas von Neuem in der Struktur der Zeit in der nichts endet ohne das etwas von Neuem beginnt, etwas weiterläuft, etwas auf immer verloren geht?


Neubeginn als Chance um abschliessen zu können, mit Enttäuschungen, Erwartungen oder verlorenen Träumen. Ein zeitlicher Spiegel als Reflektion meiner eigenen Entwicklung in dieser Welt, als Spiegel meiner Identität, dynamische Muster durch die ich mich definiere.

Oder Neubeginn als Verzweiflung, Erlebtes zu vergessen, Traumata in den Tiefen meines Verstandes verschwinden zu lassen um irgendwann zu realisieren, dass sie nicht enden, sondern Teil meiner Identität sind, sich verkörperlichen in Empfindungen, aus den Tiefen meines Verstandes in die dynamischen Muster meiner Identität einwirken.


Neubeginn als Hoffnung in all diesen unendlichen Zeitmetaphern Ordnung zu finden.
Jeder Tag ein Neubeginn, jede Nacht ein Ende. Die Sonne als Anhaltspunkt, als Zeitmesser. So auch Tod, Geburt, Schlaf, Regen, das Auftauchen und Verschwinden von Dingen, Menschen, Freundschaften und Feindschaften, Beziehungen.
Gibt es ein Ende, einen Anfang, einen Neubeginn, ein Déjà-Vu ohne den Einfluss der externen Welt? Kann ich irgendeinen zeitlichen Anhaltspunkt finden, nur bei mir, ohne Impulse, ohne Reize meiner Umwelt?


Neubeginn als Sinnbild in der Struktur der Zeit, der Verflechtung von Vergangenem und Zukünftigem im Chaos der Gegenwart, in der immer Ordnung ist, aber Chaos herrscht solange die Verflechtung meine Ängste mobilisert.