Im Radio läuft Musik. Irgendwas. Was poppiges oder so. Zwar
schon tausendmal gehört, wie alles, was jeden Tag im Radio läuft, aber ich
weiss weder, wer das singt – sofern man das „singen“ nennen kann -, noch wer
das komponiert hat. Vielleicht war’s ja auch derselbe. Also ich nehme an, der
Typ, der ständig rappt, spielt hier die Hauptrolle, nicht die nasal klingende
Afroamerikanerin, die stumpfsinnig repetitiv irgendeinen Quatsch dazu trällert.
Ach, was kratzt’s mich!
Ich sollte mich mal wieder der Arbeit widmen… Genug
geträumt!
Ich nehme den nächsten Umschlag in die Hand – einer von
dreien – und ziehe das Anmeldeformular heraus. Ich kontrolliere die Angaben,
setze mein Visum ans Ende des Formulars und lege es ins Scan-Fach.
Was machen eigentlich diese Arbeiter da draussen vor dem
Fenster? Die reinigen die Bodenluken. Jetzt? Vor dem Winter? Den ganzen
verdammten Sommer lang hat es sie einen feuchten Kehricht interessiert, dass
die Luken total dreckig waren. Und jetzt, kurz bevor der erste Schnee fällt, werden
sie nochmals gereinigt? Was für ein Leerlauf!
Apropos Leerlauf … an die Arbeit, Bienchen!
Nächster Umschlag, kontrolliert, Visum, abgelegt.
Heute fliegen echt viele Flugzeuge! Das ist jetzt bestimmt
schon der dritte heute Morgen. Aber Helikopter sind’s ja nicht – sonst könnten
sie vielleicht vom Spital her kommen. Ein paar Transportflüge mehr oder so.
Vielleicht sind’s Düsenjäger, ich kann’s nicht genau sagen. Das Militär ist ja
hier in—
So, jetzt konzentrier dich mal!! Mach das mal fertig!
Letzter Umschlag, auf, kontroll—
Ach, ja!! Jetzt fällt’s mir ein! Es ist ja demnächst diese
Flugshow! Das sind bestimmt die Übungen dafür.
Ich kann mich einfach nicht konzentrieren! Ich spüre, wie
sich meine Hände zu Fäusten ballen. Meine Finger krallen sich schmerzhaft in
meine Handflächen, doch der Schmerz tut gut! Die Spannung in meiner Magengegend
wird unerträglich und weitet sich immer mehr auf den Brustkorb und den Kopf
aus. Ich merke, wie mein Puls steigt. Ich schwitze. Kalter Schweiss. Wut.
Angst. Gedankenkreisen!
Und dann passiert’s.
Für mich passiert alles in Zeitlupe, alles dauert eine
Ewigkeit, die gesamte Entladung, die Eruption. Ich stehe energisch auf, der schwere
Bürostuhl kippt nach hinten und knallt gegen die Wand. Ich schreie, schlage um
mich, reisse dabei Tastatur, Bildschirm und Telefon vom Schreibtisch. Ich
poltere auf den Tisch, reisse die Ordner aus dem Regal hinter mir. Blätter
fliegen umher, wie im Herbst, fast beruhigend. Ich kriege das Telefonkabel zu
greifen und schmettere den daran hängenden Apparat mit Hörer gegen die Wand.
Plastikteile fliegen umher, ein Kabel reisst, der Hörer fliegt quer durchs Büro
und Franz duckt sich darunter weg. Die Tastatur muss nun dran glauben. Ich
hämmere sie kreischend gegen das Tischbein. Tasten purzeln wie Legosteine über
den Boden. Ich packe die Zimmerpflanze, rupfe sie aus ihrem Kübel und
schleudere sie in die andere Ecke des Zimmers, wo Sandra ihre Arme schützend
über den Kopf reisst, dem Erdregen jedoch nicht ganz entrinnt. Ich stehe kurz
schnaubend da und überblicke den Tatort – ein Bild der Verwüstung.
Ich wende mich auf den Absätzen um und stapfe davon.
„Ich bin zuhause, Schatz!“ ruft Sandra, während sie die
Schuhe von den Füssen streift und den Mantel an die Garderobe hängt.
„Na, Liebes, war heute wieder Flaute im Büro?“
„Schön wär’s! – das ich das mal sage…“
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen