Es blies ein kalter Wind. Bäume raschelten
in der Nähe. Meine Schritte fühlten sich weich an, wie auf Schnee. Genauso
hörte es sich auch an, das bekannte, wohlige Knistern. Ich ging auf die im
Winde rauschenden Bäume zu, da ich mich auf dieser endlosen Weite verloren
fühlte. Ich trug warme Kleider, sodass es mich nur an die Hände und das Gesicht
fror. Ein Käuzchen rief aus der Richtung, in die ich ging. Es musste Nacht
sein, so still es sonst war und so hohl, wie der Wind tönte. Der Klang meiner
Schritte wurde dumpfer, der Wald musste näher rücken. Noch immer blies der
eisige Wind und begann mir nun Schneeflocken in den Nacken zu wehen. Ich
fröstelte.
Doch was war das! Ich blieb alarmiert
stehen. Ich hatte geglaubt, noch ein anderes Geräusch vernommen zu haben. Waren
es Schritte? War es nur ein fallender Ast? Woher waren sie gekommen? Ich hielt
den Atem an und wartete in höchsten Anspannung. Ich wartete gefühlte fünf
Minuten. Da war es wieder! Sie kamen von schräg links aus dem Wald. Es waren
Schritte. Kleine, scheue, zögernde Schritte. Zögernd weil ängstlich, oder
zögernd weil lauernd?
Ich kauerte mich vorsichtig nieder und
tastete den Boden nach einem Stock oder einem Stein zur Verteidigung ab. Doch
ich griff nur in eisig kalten, trockenen Schnee. Wieder die Schritte! Sie waren
etwas nähergekommen. Mich ergriff Panik! Ich rannte entsetzt nach rechts schräg
auf die Bäume zu, um in deren Schutz zu gelangen. Mein Verfolger musste mich
auf dieser weiten Ebene unweigerlich gesehen haben und würde mir folgen. Mit
ausgestreckten Armen rannte ich um mein Leben, jederzeit damit rechnend, gegen
den nächsten Baumstamm zu prallen. Mein Fuss stiess gegen eine Unebenheit im
Boden und ich stürzte in den stäubenden Schnee, der mir sogleich den Atem nahm.
Ich rappelte mich hustend auf und rannte torkelnd weiter. Und endlich trafen
meine Hände auf Widerstand. Doch was sie ertasteten war keine Baumrinde, auch
kein Strauch oder anderes Dickicht, was ich erwartet hatte. Es war weich, wie
flüssiger Gummi, dabei aber nicht klebrig, und es roch süsslich, ja wie
Süssholz. Ich glaubte, die Süsse förmlich auf meiner Zunge zu spüren.
Ich ging rasch der geschwungenen Wand aus
dem eigenartig zähfliessenden Material entlang. Dabei schien diese meine
Kleider zu erfassen und zog sie mir im Gehen kaum merklich vom Leibe. Plötzlich
fühlte ich die zähflüssige, warme Masse auf meinem Körper. Und obgleich ich
weiterging, fing sie an, mich zu umschliessen, sanft und ohne spürbaren
Widerstand, erst kalt und sich dann langsam an meiner Haut erwärmend, bis ich
nicht mehr sagen konnte, ob sie mich überhaupt noch berührte. Schliesslich war
ich vollständig von der Wärme umschlossen. Ich hatte aufgehört zu gehen und
genoss nun nur noch die wohlige Geborgenheit, die sich mir in diesem Cocon aus
schwereloser, körperwarmer Masse bot. Eine leise Melodie begann von fern zu
erklingen, wie von unzähligen Harfen.
Dann begannen mich sanfte Hände am ganzen
Körper zu streicheln, erst nur einzelne, dann immer mehr. Die Berührungen
blieben sanft und waren doch so dicht, und ich ergab mich willenlos in diese
unbeschreiblichen Liebkosungen. Inzwischen konnte ich längst nicht mehr sagen,
ob ich stand, oder lag, wo oben oder unten war. Ich fühlte mich getragen,
schwebend, ohne Orientierung.
Wieder spürte ich Wind auf meiner Haut,
doch diesmal war er warm. Oder war es Wasser? Als hätten sie die vielen Hände
zu Wellen verdichtet. Und es roch nach unberührter Natur, nach feuchtem Gras,
nach Algen und salziger Gischt, nach Nadelwäldern und frischen Kräutern. Nach
herbem Laub, nach Rauch und nassem Tierfell, und dann wieder nach Blumen,
Rosen, Jasmin, Hyazinthen. Gerüche, die nicht zusammenpassten und doch durch die
Natur verbunden waren. Ein olfaktorisches Feuerwerk.
Von den vielen Geruchseindrücken abgelenkt,
hatte ich nicht bemerkt, wie ich auf einem Untergrund zu liegen kam. Meine
Hände tasteten über den Boden und fühlten feinsten Sand. Ich liess ihn
genüsslich durch meine Finger rinnen. Ich erhob mich langsam und begann dem
sanften, warmen Wind entgegen zu gehen. Meine nackten Füsse glitten durch den
warmen Sand, während eine intensive Wärme, wie von der Sonne, mich von hinten bestrahlte.
Langsam begann der angenehme Wind abzuebben,
und in gleichem Masse nahm die Hitzestrahlung langsam zu, bis sie zu einem erdrückenden,
feurigen brennen angewachsen war. Ich wandte mich unwillkürlich um, um meinem Rücken
eine kurze Pause von der sengenden Hitze zu gönnen und ging rückwärts weiter,
mein Gesicht mit den Händen schützend. Doch die Hitze wurde immer erbarmungsloser
und der Wind war vollends zum Stillstand gekommen. Nun wirkte die Luft alles
andere als angenehm, sondern fühlte sich schwer und drückend an, als könne man
sie zerschneiden. Gleichzeitig brannte meine nackte Haut unter der heillosen
Hitzestrahlung. Ich begann wieder zu laufen, langsam erst, dann immer schneller
werdend, in der Hoffnung, bald einen schützenden Unterstand zu finden. Doch ich
hörte von weit und breit keinen Hinweis auf ein Ende der endlosscheinenden
Weite. Ich klatschte laut in die Hände, doch ich vernahm keinen Widerhall. Der
Schall entschwand ohne hörbares Hindernis in alle Richtungen. Mittlerweile rann
mir der Schweiss aus allen Poren, vermochte unter der immensen Hitze jedoch kaum
seinen Zweck zu erfüllen und verdunstete scheinbar wirkungslos. Das Gehen fiel
mir mit jedem Schritt schwerer und der Sand brannte unter meinen Füssen. Jeder
Atemzug fühlte sich wie Feuer in meinen Lungen an und ich hätte am liebsten
aufgehört zu atmen. Ich griff mir keuchend an die Brust und taumelte weiter, um
meine Besinnung kämpfend. ‘Ein bisschen Wind, nur ein bisschen!’ flehte ich innerlich
und meine Kräfte schwanden mit jedem qualvollen Schritt, bis mir schliesslich
meine Beine den Dienst versagten und ich entkräftet auf die Knie fiel. Meine
Hände gruben sich in den brennenden Sand und ich versuchte mich noch ein paar
Meter kriechend weiter zu bewegen. Dann brach ich zusammen und fiel flach auf
den glühenden Untergrund.
Meine Haut drohte unter der mörderischen
Hitze zu verbrennen, welche sowohl von unten vom Sand, als auch von oben durch
die gnadenlose Strahlung.
Ich war gerade dabei, das Bewusstsein zu
verlieren, als ich auf einmal einen stechenden Schmerz, wie von einem
elektrischen Schlag, auf meiner rechten Schulter verspürte. Der Schmerz
wandelte sich jedoch allmählich in eine angenehme Kühle, die zwar nicht lange
anhielt, sich aber wie eine Welle himmlischer Gnade durch meinen ganzen Körper
ausbreitete. Ein weiterer Schmerz – so musste sich ein Pistolenschuss anfühlen –
durchzuckte mich, diesmal vom unteren Rück ausgehend. Und wieder, und nochmals,
und immer häufiger, wie tausende Bleikugeln, die mich von hinten durchsiebten.
Doch von jedem punktuellen Schmerz ging eine kurze Zeit danach eine wohlige
Kühle aus. Und mit jedem vermeintlichen Schuss blieb das Gefühl der Kühle etwas
länger zurück, sodass die kühlende Wirkung bald überhand über den Schmerz
gewann. Auf einmal realisierte ich, was geschehen war. Es hatte begonnen zu
regnen!
Vor Erlösung und unendlicher Freude begann
ich zu lachen und genoss nun jeden Tropfen, der meinen Rücken benetzte. Ich
fühlte sie förmlich auf meiner sengenden Haut zischend verdampfen, bis sie sie
genügend abgekühlt hatten, um auf ihr liegen zu bleiben. In kleinen Rinnsalen
rannen sie nun erst in der Grube zwischen meinen Rückenmuskeln über meine
Wirbelsäule hinunter, dann über meinen ganzen Rücken hinab. Eine nie dagewesene
Wohltat aus kühlem Nass, erst fein, dann immer intensiver, bis ich in strömendem
Regen dalag. Mit jedem Tropfen kehrte auch ein bisschen meiner Kraft zurück und
schaffte es schliesslich, mich auf den Rücken zu kehren und die nasse Gnade des
Himmels auch meiner Körpervorderseite teilwerden zu lassen. Und so lag ich da
und lachte weiter wie von Sinnen, während mir der Regen über die Beine, den
Bauch, die Brust und das Gesicht strömte. Dabei rann mir der Regen auch in den
Mund, und ich drohte mir mehrmals zu verschlucken. Hustend und lachend und
wieder hustend richtete ich mich auf und genoss es. Ich fühle die Lebenskraft
wieder in mich zurückfliessen und erhob mich feierlich, breitete die Arme aus
und richtete das Gesicht mit geschlossenen Augen gen Himmel. Erlöst liess ich den
Regen den Sand von mir abwaschen.
Und wieder lachte ich leise. Doch nicht
mehr im Regen. Denn langsam erwachte ich und fand mich lachend in meinem Bett
wieder, noch vollkommen erfüllt von der alles durchdringenden Erlösung. In der
gewohnten Dunkelheit, was nicht an der Nacht und am fehlenden Licht lag. Doch
heute Nacht hatte ich gesehen!