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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Sonntag, 21. Januar 2018

Traum eines Blinden

Es blies ein kalter Wind. Bäume raschelten in der Nähe. Meine Schritte fühlten sich weich an, wie auf Schnee. Genauso hörte es sich auch an, das bekannte, wohlige Knistern. Ich ging auf die im Winde rauschenden Bäume zu, da ich mich auf dieser endlosen Weite verloren fühlte. Ich trug warme Kleider, sodass es mich nur an die Hände und das Gesicht fror. Ein Käuzchen rief aus der Richtung, in die ich ging. Es musste Nacht sein, so still es sonst war und so hohl, wie der Wind tönte. Der Klang meiner Schritte wurde dumpfer, der Wald musste näher rücken. Noch immer blies der eisige Wind und begann mir nun Schneeflocken in den Nacken zu wehen. Ich fröstelte.
Doch was war das! Ich blieb alarmiert stehen. Ich hatte geglaubt, noch ein anderes Geräusch vernommen zu haben. Waren es Schritte? War es nur ein fallender Ast? Woher waren sie gekommen? Ich hielt den Atem an und wartete in höchsten Anspannung. Ich wartete gefühlte fünf Minuten. Da war es wieder! Sie kamen von schräg links aus dem Wald. Es waren Schritte. Kleine, scheue, zögernde Schritte. Zögernd weil ängstlich, oder zögernd weil lauernd?
Ich kauerte mich vorsichtig nieder und tastete den Boden nach einem Stock oder einem Stein zur Verteidigung ab. Doch ich griff nur in eisig kalten, trockenen Schnee. Wieder die Schritte! Sie waren etwas nähergekommen. Mich ergriff Panik! Ich rannte entsetzt nach rechts schräg auf die Bäume zu, um in deren Schutz zu gelangen. Mein Verfolger musste mich auf dieser weiten Ebene unweigerlich gesehen haben und würde mir folgen. Mit ausgestreckten Armen rannte ich um mein Leben, jederzeit damit rechnend, gegen den nächsten Baumstamm zu prallen. Mein Fuss stiess gegen eine Unebenheit im Boden und ich stürzte in den stäubenden Schnee, der mir sogleich den Atem nahm. Ich rappelte mich hustend auf und rannte torkelnd weiter. Und endlich trafen meine Hände auf Widerstand. Doch was sie ertasteten war keine Baumrinde, auch kein Strauch oder anderes Dickicht, was ich erwartet hatte. Es war weich, wie flüssiger Gummi, dabei aber nicht klebrig, und es roch süsslich, ja wie Süssholz. Ich glaubte, die Süsse förmlich auf meiner Zunge zu spüren.
Ich ging rasch der geschwungenen Wand aus dem eigenartig zähfliessenden Material entlang. Dabei schien diese meine Kleider zu erfassen und zog sie mir im Gehen kaum merklich vom Leibe. Plötzlich fühlte ich die zähflüssige, warme Masse auf meinem Körper. Und obgleich ich weiterging, fing sie an, mich zu umschliessen, sanft und ohne spürbaren Widerstand, erst kalt und sich dann langsam an meiner Haut erwärmend, bis ich nicht mehr sagen konnte, ob sie mich überhaupt noch berührte. Schliesslich war ich vollständig von der Wärme umschlossen. Ich hatte aufgehört zu gehen und genoss nun nur noch die wohlige Geborgenheit, die sich mir in diesem Cocon aus schwereloser, körperwarmer Masse bot. Eine leise Melodie begann von fern zu erklingen, wie von unzähligen Harfen.
Dann begannen mich sanfte Hände am ganzen Körper zu streicheln, erst nur einzelne, dann immer mehr. Die Berührungen blieben sanft und waren doch so dicht, und ich ergab mich willenlos in diese unbeschreiblichen Liebkosungen. Inzwischen konnte ich längst nicht mehr sagen, ob ich stand, oder lag, wo oben oder unten war. Ich fühlte mich getragen, schwebend, ohne Orientierung.
Wieder spürte ich Wind auf meiner Haut, doch diesmal war er warm. Oder war es Wasser? Als hätten sie die vielen Hände zu Wellen verdichtet. Und es roch nach unberührter Natur, nach feuchtem Gras, nach Algen und salziger Gischt, nach Nadelwäldern und frischen Kräutern. Nach herbem Laub, nach Rauch und nassem Tierfell, und dann wieder nach Blumen, Rosen, Jasmin, Hyazinthen. Gerüche, die nicht zusammenpassten und doch durch die Natur verbunden waren. Ein olfaktorisches Feuerwerk.
Von den vielen Geruchseindrücken abgelenkt, hatte ich nicht bemerkt, wie ich auf einem Untergrund zu liegen kam. Meine Hände tasteten über den Boden und fühlten feinsten Sand. Ich liess ihn genüsslich durch meine Finger rinnen. Ich erhob mich langsam und begann dem sanften, warmen Wind entgegen zu gehen. Meine nackten Füsse glitten durch den warmen Sand, während eine intensive Wärme, wie von der Sonne, mich von hinten bestrahlte.
Langsam begann der angenehme Wind abzuebben, und in gleichem Masse nahm die Hitzestrahlung langsam zu, bis sie zu einem erdrückenden, feurigen brennen angewachsen war. Ich wandte mich unwillkürlich um, um meinem Rücken eine kurze Pause von der sengenden Hitze zu gönnen und ging rückwärts weiter, mein Gesicht mit den Händen schützend. Doch die Hitze wurde immer erbarmungsloser und der Wind war vollends zum Stillstand gekommen. Nun wirkte die Luft alles andere als angenehm, sondern fühlte sich schwer und drückend an, als könne man sie zerschneiden. Gleichzeitig brannte meine nackte Haut unter der heillosen Hitzestrahlung. Ich begann wieder zu laufen, langsam erst, dann immer schneller werdend, in der Hoffnung, bald einen schützenden Unterstand zu finden. Doch ich hörte von weit und breit keinen Hinweis auf ein Ende der endlosscheinenden Weite. Ich klatschte laut in die Hände, doch ich vernahm keinen Widerhall. Der Schall entschwand ohne hörbares Hindernis in alle Richtungen. Mittlerweile rann mir der Schweiss aus allen Poren, vermochte unter der immensen Hitze jedoch kaum seinen Zweck zu erfüllen und verdunstete scheinbar wirkungslos. Das Gehen fiel mir mit jedem Schritt schwerer und der Sand brannte unter meinen Füssen. Jeder Atemzug fühlte sich wie Feuer in meinen Lungen an und ich hätte am liebsten aufgehört zu atmen. Ich griff mir keuchend an die Brust und taumelte weiter, um meine Besinnung kämpfend. ‘Ein bisschen Wind, nur ein bisschen!’ flehte ich innerlich und meine Kräfte schwanden mit jedem qualvollen Schritt, bis mir schliesslich meine Beine den Dienst versagten und ich entkräftet auf die Knie fiel. Meine Hände gruben sich in den brennenden Sand und ich versuchte mich noch ein paar Meter kriechend weiter zu bewegen. Dann brach ich zusammen und fiel flach auf den glühenden Untergrund.
Meine Haut drohte unter der mörderischen Hitze zu verbrennen, welche sowohl von unten vom Sand, als auch von oben durch die gnadenlose Strahlung.
Ich war gerade dabei, das Bewusstsein zu verlieren, als ich auf einmal einen stechenden Schmerz, wie von einem elektrischen Schlag, auf meiner rechten Schulter verspürte. Der Schmerz wandelte sich jedoch allmählich in eine angenehme Kühle, die zwar nicht lange anhielt, sich aber wie eine Welle himmlischer Gnade durch meinen ganzen Körper ausbreitete. Ein weiterer Schmerz – so musste sich ein Pistolenschuss anfühlen – durchzuckte mich, diesmal vom unteren Rück ausgehend. Und wieder, und nochmals, und immer häufiger, wie tausende Bleikugeln, die mich von hinten durchsiebten. Doch von jedem punktuellen Schmerz ging eine kurze Zeit danach eine wohlige Kühle aus. Und mit jedem vermeintlichen Schuss blieb das Gefühl der Kühle etwas länger zurück, sodass die kühlende Wirkung bald überhand über den Schmerz gewann. Auf einmal realisierte ich, was geschehen war. Es hatte begonnen zu regnen!
Vor Erlösung und unendlicher Freude begann ich zu lachen und genoss nun jeden Tropfen, der meinen Rücken benetzte. Ich fühlte sie förmlich auf meiner sengenden Haut zischend verdampfen, bis sie sie genügend abgekühlt hatten, um auf ihr liegen zu bleiben. In kleinen Rinnsalen rannen sie nun erst in der Grube zwischen meinen Rückenmuskeln über meine Wirbelsäule hinunter, dann über meinen ganzen Rücken hinab. Eine nie dagewesene Wohltat aus kühlem Nass, erst fein, dann immer intensiver, bis ich in strömendem Regen dalag. Mit jedem Tropfen kehrte auch ein bisschen meiner Kraft zurück und schaffte es schliesslich, mich auf den Rücken zu kehren und die nasse Gnade des Himmels auch meiner Körpervorderseite teilwerden zu lassen. Und so lag ich da und lachte weiter wie von Sinnen, während mir der Regen über die Beine, den Bauch, die Brust und das Gesicht strömte. Dabei rann mir der Regen auch in den Mund, und ich drohte mir mehrmals zu verschlucken. Hustend und lachend und wieder hustend richtete ich mich auf und genoss es. Ich fühle die Lebenskraft wieder in mich zurückfliessen und erhob mich feierlich, breitete die Arme aus und richtete das Gesicht mit geschlossenen Augen gen Himmel. Erlöst liess ich den Regen den Sand von mir abwaschen.

Und wieder lachte ich leise. Doch nicht mehr im Regen. Denn langsam erwachte ich und fand mich lachend in meinem Bett wieder, noch vollkommen erfüllt von der alles durchdringenden Erlösung. In der gewohnten Dunkelheit, was nicht an der Nacht und am fehlenden Licht lag. Doch heute Nacht hatte ich gesehen!

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