Die goldene Herbstsonne schien sanft durch
die leicht verschmutzte Scheibe auf ihre nackten Knie. Sie sass auf der Kante
ihres Spitalbetts, genoss wehmütig die Wärme und strich sich mit ihrer faltigen
Hand über ihre weniger faltigen Beine.
Ein trauriges Lächeln huschte über ihre
Lippen, bevor ihr Gesicht wieder in diese matte Ausdruckslosigkeit fiel.
Gedanken tropften in ihr Hirn, wie aus einem
undichten Wasserhahn und verflüchtigten sich sogleich wieder auf der Oberfläche
ihres Bewusstseins wie ein Wassertropfen auf dem heissen Sand der Wüste. Aufblitzende
Bilder, ein Hauch einst tiefgreifender Erinnerungen und darüber und darunter
ein vollkommene Gefühllosigkeit. Eine von innen herauswachsende Betäubung, die
langsam und endgültig von ihrem einst wachen Geist Besitz ergriff.
Die stärksten Gefühle waren noch nicht
vollständig erstickt und fanden zwischendurch einen Weg durch den Sumpf an die
Oberfläche, jedoch ohne Kontext, erschreckend und hässlich, wie die Hand einer
Moorleiche, die plötzlich aus dem Morast schiesst und ins Leere greift, um
danach, vom letzten Aufbäumen erschöpft, langsam wieder in ewiger Vergessenheit
zu versinken.
Auf dem Nachttisch lag ihre eigene Autobiographie,
die sie, seit das Vergessen begonnen hatte, immer häufiger zu Hand genommen
hatte und schliesslich immer bei sich trug. Inzwischen wusste sie nicht mal
mehr wieso. Es weckte ein vages Gefühl von Vertrautheit, doch selbst ihr
eigenes Abbild auf dem Buchumschlag erkannte sie nicht wieder. Jedes Mal, wenn
sie die Biographie gelesen hatte, war sie ihr fremder, von ihrer eigenen zu
einer unbekannten Geschichte geworden. Gewisse Passagen schafften es noch, Geister
der Vergangenheit in verschwommenen Bildern zu beschwören. Mit dem Verblassen
der Erinnerungen verblasste auch das Bild von sich selbst. Immer mehr verloren
sich ihre eigenen Umrisse in der Welt um sie herum, verschmolzen damit. Ihr
Selbstbildnis, einst ein stolzes, scharf umrissenes Gemälde, verwandeltes sich
langsam in ein abstraktes, fahles Aquarell. Ineinanderfliessende Farbflächen
ohne Tiefe und Kontraste. Sollten die Farben auch noch vollends verloren gehen
– was bliebe dann noch? Ein Bildnis, in dem sie sich selbst und andere sie
nicht mehr wiedererkennen würden… Glücklicherweise hatte der Nebel bereits auch
diese Gedankengänge verhüllt, sodass sie keine Angst mehr spürte. Doch
vielleicht würde sie gerne wieder einmal Angst empfinden – irgendetwas empfinden…
Ihr Blick schweifte zum Fenster, wo eine Wolke
die warme Herbstsonne inzwischen verbarg – jedoch nur vorübergehend.