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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Freitag, 14. Februar 2020

Entgeisterung


Die goldene Herbstsonne schien sanft durch die leicht verschmutzte Scheibe auf ihre nackten Knie. Sie sass auf der Kante ihres Spitalbetts, genoss wehmütig die Wärme und strich sich mit ihrer faltigen Hand über ihre weniger faltigen Beine.

Ein trauriges Lächeln huschte über ihre Lippen, bevor ihr Gesicht wieder in diese matte Ausdruckslosigkeit fiel.

Gedanken tropften in ihr Hirn, wie aus einem undichten Wasserhahn und verflüchtigten sich sogleich wieder auf der Oberfläche ihres Bewusstseins wie ein Wassertropfen auf dem heissen Sand der Wüste. Aufblitzende Bilder, ein Hauch einst tiefgreifender Erinnerungen und darüber und darunter ein vollkommene Gefühllosigkeit. Eine von innen herauswachsende Betäubung, die langsam und endgültig von ihrem einst wachen Geist Besitz ergriff.

Die stärksten Gefühle waren noch nicht vollständig erstickt und fanden zwischendurch einen Weg durch den Sumpf an die Oberfläche, jedoch ohne Kontext, erschreckend und hässlich, wie die Hand einer Moorleiche, die plötzlich aus dem Morast schiesst und ins Leere greift, um danach, vom letzten Aufbäumen erschöpft, langsam wieder in ewiger Vergessenheit zu versinken.

Auf dem Nachttisch lag ihre eigene Autobiographie, die sie, seit das Vergessen begonnen hatte, immer häufiger zu Hand genommen hatte und schliesslich immer bei sich trug. Inzwischen wusste sie nicht mal mehr wieso. Es weckte ein vages Gefühl von Vertrautheit, doch selbst ihr eigenes Abbild auf dem Buchumschlag erkannte sie nicht wieder. Jedes Mal, wenn sie die Biographie gelesen hatte, war sie ihr fremder, von ihrer eigenen zu einer unbekannten Geschichte geworden. Gewisse Passagen schafften es noch, Geister der Vergangenheit in verschwommenen Bildern zu beschwören. Mit dem Verblassen der Erinnerungen verblasste auch das Bild von sich selbst. Immer mehr verloren sich ihre eigenen Umrisse in der Welt um sie herum, verschmolzen damit. Ihr Selbstbildnis, einst ein stolzes, scharf umrissenes Gemälde, verwandeltes sich langsam in ein abstraktes, fahles Aquarell. Ineinanderfliessende Farbflächen ohne Tiefe und Kontraste. Sollten die Farben auch noch vollends verloren gehen – was bliebe dann noch? Ein Bildnis, in dem sie sich selbst und andere sie nicht mehr wiedererkennen würden… Glücklicherweise hatte der Nebel bereits auch diese Gedankengänge verhüllt, sodass sie keine Angst mehr spürte. Doch vielleicht würde sie gerne wieder einmal Angst empfinden – irgendetwas empfinden…

Ihr Blick schweifte zum Fenster, wo eine Wolke die warme Herbstsonne inzwischen verbarg – jedoch nur vorübergehend.

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