Seiten

Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Dienstag, 2. Dezember 2014

Betrogen

„Dieser David Stark ist wahrlich ein vortrefflicher Dozent, finden Sie nicht auch?“
Die angesprochene junge Dame wandte sich dem Sprecher zu. Ein überraschend gutaussehender junger Mann hatte neben ihr Platz genommen und wühlte geschäftig in seiner Ledermappe. Kurz blickte er zu ihr auf und lächelte freundlich.
„Oh ja. Das ist er tatsächlich.“ Sie wusste noch nicht so recht, was sie von dieser Annäherung halten sollte.
Der junge Mann packte einen Block und Stift auf das Klappschreibtischchen. „Ich glaube kürzlich wurde eine seiner Vorlesungen gar mit dem Preis für den besten Unterricht ausgezeichnet.“
„Ja, davon habe ich gehört.“ Sie beäugte den Mann etwas genauer. Er trug ein ziemlich altmodisches Tweedjackett. Darunter vermochten aber der eher weit geschnittene Pullover und die simplen Jeans nicht seinen athletischen Körper zu verbergen. „Sind Sie zum ersten Mal in dieser Vorlesung?“ fragte sie skeptisch. „Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“
„Ja, ich schnuppere nur mal so rein.“ Er lächelte. Dann begann er wieder in seiner Mappe zu kramen. „Um ehrlich zu sein“, fügte er an, während er ein prall gefülltes Mäppchen aus der Tasche holte, „ich bin Journalist. Ich schreibe einen Artikel über den diesjährigen Julius-Held-Preisträger.“
„Ach so. Dacht‘ ich’s mir doch, dass da was faul ist…“ grinste sie ihn an.
Er zwinkerte keck. „Und, können Sie mir etwas über diesen viel gerühmten Mann erzählen, das ich noch nicht weiss?“
„Das bezweifle ich. Ich bin überzeugt, Sie haben gut recherchiert.“
„Natürlich. Aber ich lasse mich gerne überraschen.“ Er rückte seine modische, schwarz umrandete Brille zurecht.
„Ich kenne ihn tatsächlich etwas näher“, gab sie etwas stolz zu, bereute es aber sogleich wieder, da sie sich plötzlich der heiklen Situation bewusst wurde.
„Ach was!“ Er beugte sich zu ihr rüber. „Und inwiefern?“ Seine Augenbrauen hoben sich mehrmals über einem ironisch verführerischen Schlafzimmerblick.
„Nein!“ wehrte sie vehement ab. „Ganz bestimmt nicht auf die Art!“ Ihr wurde die Sache etwas unangenehm. Sie blickte sich ungeduldig um. Der Saal schien gefüllter, als sonst. Ein unruhiges Palaver erfüllte den Raum. „Wo bleibt er denn?“
„War nur ein Scherz“, winkte er beschwichtigend ab. „Nein, im Ernst. Woher kennen Sie sich denn?“
„Ach, nicht wirklich. Hatte ich nur so daher gesagt.“ Sie bemerkte selbst, wie unglaubwürdig das klang, und er bemerkte ihre Skepsis.
„Keine Sorge. Ich bin ihm wohlgesinnt. Wirklich! Ja, ich bin sogar ein grosser Fan seiner Arbeit.“ Er zog ein ziemlich zerfleddertes Buch aus der Tasche. „Ich habe alle seine Bücher gelesen.“ Schnell fügte er an: „Noch bevor ich den Auftrag zu diesem Artikel annahm.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Ich heisse übrigens Jan. Jan Lang.“ Sie zögerte. „Ja, ich weiss. Nein, meine Eltern sind keine Fernostasiaten, sie haben sich nur nicht viel überlegt.“ Er lächelte versöhnlich.
Endlich erwiderte sie das Lachen und reichte ihm die Hand. „Ich heisse Anna.“
„Freut mich, Anna.“ Er blickte sich im Vorlesungssaal um. „Kommt er öfter zu spät?“
„Nein, das ist eigentlich gar nicht seine Art. Er ist normalerweise immer etwas früher da, um sich vorzubereiten.“
„Vielleicht steckt er im Verkehr…“
„Glaub ich nicht. Er kommt immer mit dem Fahrrad.“
„Stimmt. Hatte ich vergessen. Er scheint mir nach meinen Recherchen überhaupt sehr umweltbewusst. Hat kein Auto, ist Mitglied bei Mobility, hat sich ein Minergiehaus gebaut, kauft vorwiegend bei regionalen Bauern ein – vorbildlich!“
„Ja, er ist ein erstaunlicher Mensch. Auch seine Art fasziniert mich. Er ist immer so ausgeglichen und freundlich zu allen. Im Gegensatz zu anderen Dozenten fühlt man sich bei ihm als Student willkommen, er behandelt uns nicht von oben herab. Er nimmt sich auch immer Zeit für seine Studenten. Trotz seines gefüllten Terminplans!“ Sie registrierte seinen fragenden Blick. „Also gut! Er betreut meine Masterarbeit. Dadurch habe ich ab und zu persönlich mit ihm zu tun. Und er ist wirklich ein super Betreuer! Immer erreichbar, offen für Fragen, hilfsbereit, fordernd aber nicht überfordernd. Das ist echt wahnsinnig viel wert, weisst du.“
„Ja absolut. Ich habe auch eine Abschlussarbeit schreiben müssen. Hiess damals noch nicht Master, aber egal.“
„Und auch seine Familie ist einfach traumhaft!“ Wieder dieser Blick. „Ich war mal zum Essen da. Er kennt meinen Vater noch aus dem Studium und nahm die Gelegenheit wahr, ihn wieder mal zu treffen.“
„Dann seid ihr ja fast Familienfreunde!“ bemerkte er entzückt.
„Nein, so dann schon nicht. Wir waren ein einziges Mal zum Essen da. Aber das war wirklich schön. Seine Frau ist ja echt auch ein Traum. Also auch … ich meine … sie ist ein…“ Sie errötete.
Einer seiner Mundwinkel stieg langsam in die Höhe. „Ich verstehe.“ Wieder winkte er ab. „Ach halb so wild! Wer war nicht mal in seinen Dozenten verknallt! Und bei diesem perfekten Allrounder würde sogar ich schwach werden – und das ist sonst gar nicht meine Neigung, wenn du weisst was ich meine…“ fügte er mit einem neckischen Zwinkern an. Die Scham war noch nicht ganz von ihr gewichen. So fuhr er fort: „Er ist ja nicht nur ein Kopfwunder. Wusstest du, dass er mal für ein Jahr mit einem Hilfswerk in Somalia war? Eigentlich war seine Kompetenz als renommierter Psychologe gefragt. Doch schliesslich hat er geholfen, zehn einfache Holzhütten für ein Dorf aufzubauen. Und er hat nicht nur Nägel eingeschlagen. Nein echt, der Typ hat echt was auf dem Kasten! Respekt.“
„Das wusst‘ ich gar nicht, dass er auch noch handwerklich begabt ist! Unglaublich! Musik macht er ja auch noch.“
„Klavier, nicht wahr? Echt, was kann der Kerl eigentlich nicht… Und potent ist er auch noch, der Sack!“ fügte er lachend an. „Kürzlich ist doch sein viertes Kind zur Welt gekommen.“
„Ja, wirklich süsse Kinder hat er. Kein Wunder, bei den Eltern… Und trotzdem ist er immer bescheiden−“
„Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten“, unterbrach eine lautsprecherverstärkte Stimme ihre Schwärmerei. Das Palaver verebbte. Vor dem Rednerpult stand die Dekanin, ungewöhnlich unsicher und sichtlich unbehaglich.
„Krank“, vermutete Jan flüsternd.
„Aber eigenartig, dass die Dekanin deswegen persönlich vorbei kommt.“
„Herr Stark ist leider … er kommt heute nicht mehr. Die Vorlesung fällt bis auf Weiteres aus.“ Mit einer pfeifenden Rückkopplung legte sie das Mikrophon auf den Tisch und ging mit gesenktem Kopf schleunigst davon, sich ein Taschentuch unter die Nase haltend.
Einen kurzen Moment herrschte verwirrtes Schweigen. Alle hatten bemerkt, dass dies nicht die übliche Vorlesungsabsage war, wie bei Grippe, Versäumnis, Lustlosigkeit oder anderen dubiosen Unpässlichkeiten. Anna und Jan blickten sich ratlos an. Dann brandete wildes Gemurmel auf.
„Was war das denn? Bis auf Weiteres?“ fragte Anna konsterniert.
Jan schien äusserst konzentriert und antwortete eher zu sich gerichtet: „Versteh ich auch nicht ganz…“ Er löste sich aus seiner Starre. „Aber das werde ich gleich herausfinden! Komm!“ Er stopfte stürmisch die Papiere zurück in die Mappe und drängte sich eilig aus dem Vorlesungssaal. Anna folgte ihm neugierig. Sie verliessen das Gebäude während er auf seinem Handy eine Nummer suchte. Draussen steuerte Jan zielstrebig ein ruhiges Plätzchen an. „Wenn was Ernstes ist, weiss meine Redaktion bestimmt schon Bescheid.“ Er wartete eine gefühlte Ewigkeit bis endlich das Gespräch entgegengenommen wurde. „Hey, wisst ihr was− … Was denn? … Jetzt sag schon! … Was?! Wie? … Das … das … das glaub ich nicht… … Ja, ja, geht schon. Danke, Mark.“ Mark sagte noch etwas, aber Jan legte geistesabwesend auf. Nach einem spannungsvollen Moment platzte es aus Anna heraus: „Was ist passiert?!“

Jan blickte auf, doch sein Blick ging ins Leere. „Er … er … David Stark hat sich in seinem Büro erhängt.“

Montag, 1. Dezember 2014

Betrug (oder ein Tag in der Adventszeit)

Mensch Leute, es ist unglaublich wie schnell das Jahr nun wieder zu Ende gegangen ist. Schon ist Weihnachten und allerorten entsteht die geschäftige Aufgeregtheit, die jedes Jahr zu dieser Zeit das Leben der meisten Menschen bestimmt.
Es ist aber auch eine Zeit in der, so jedenfalls ist es bei mir, in der man sich nach Geborgenheit und Wärme sehnt, in der man auch mal etwas Gutes tut, aber eben auch Gutes von den Leuten erwartet. 
Schliesslich ist ja Weihnachten! Das Fest der Liebe, das Fest Christi...

Diese Geschichte soll euch etwas von mir erzählen... ein Erlebnisbericht, den man vielleicht auch ganz leicht auf sich selbst beziehen kann.

Ich erwache aus einem tiefen Schlaf, angefüllt von Träumen, über die ich zu diesem Zeitpunkt nicht schreiben möchte. Jedenfalls erwache ich und denke daran, was ich heute alles zu tun habe. Samstag, mein einzig wirklich freier Tag und ich muss wie immer einkaufen, da ich in der Familie der einzige bin, der dies tut - seit Jahren ist es mein Job und eigentlich mag ich es auch. Ich habe mir aber heute vorgenommen, noch in die Stadt und auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Einige Ideen für kleine Geschenke habe ich schon und möchte einfach mal sehen was es in dieser Richtung gibt.

Draussen ist es noch dunkel. Es ist 7:15h und alle im Haus schlafen noch. Ich schlüpfe aus der kuscheligen Wärme meines Bettes und gehe ins Bad. Der Fliessenboden ist kühl und ich freue mich über den flauschigen Vorleger am Waschbecken. Rasieren, Zähne putzen, Haare bürsten, aufs Klo gehen, Hände waschen, rein in die Hose, mein Hemd und ab...
Die Treppen hinunter in den Keller. Durch die Schleusse im Keller gelange ich in die Tiefgarage an meinen Wagen. 

Ich steuere den Wagen durch die dunklen nebligen Strassen Freiburgs - kaum ein Mensch zu sehen... klar, es ist Samstag und die meisten schlafen um diese Zeit noch. Deshalb gehe ich ja auch so früh zum einkaufen - da habe ich am meisten Ruhe und vor den Kassen haben sich noch keine langen Schlangen gebildet.
Mit dem Einkaufswagen voran geht es durch die Regale. Ich habe meine feste Route und weiß genau wo was steht. Lebkuchen und Spekulatius wollte ich noch holen, ach und Dresdner Christstollen aus Dresden - der ohne diesen blöden modernen Marzipan der den Kuchen nur unnötig süß macht. 
Auf einer Palette steht mitten im Weg ein riesiger Stapel Lebkuchen und Spekulatiuskekse. Ich bin sehr preisorientiert, dass heißt, ich kenne die Preise der Produkte die ich gewöhnlich kaufe und so fällt mir auch gleich auf, dass der Preis der Spekulatius um 16 Cent pro Packung höher ist, als letzte Woche. Ich nehme mir eine Packung vom Stapel und sehe sie mir genauer an. Diese Marke mochten wir immer besonders, denn die Kekse sind knusprig aber dennoch zart und die Gewürze darin... hmmm ein Gedicht! Aber jedenfalls, bemerke ich, dass in der Packung nicht wie gewohnt 500g drin sind, sondern nur noch 400! Was? Gibts das? Erst liegt der Preis höher, und dann ist auch noch 100g weniger in der Packung? Das ist Betrug, denke ich und stelle die Spekulatius wieder zurück. Das selbe haben sie mit den Lebkuchen gemacht. Ich bin sauer! Aber ich denke, "naja, egal, es wird bestimmt bald ein Sonderangebot kommen und noch ist ja nicht heilig Abend."
Am Pastaregal möchte ich noch Spaghetti und einige andere Pastasorten kaufen, da steht am Regal ein Schild: "Aktion"! "Wow" denke ich, "ein Sonderangebot, wie cool!" Es gibt eine extra große Pastapackung mit 750g, anstatt nur 500g, und die "Vorratspackung" ist ja bestimmt auch billiger als die normale. Ich schau mir aber dennoch das Kleingedruckte auf dem Preisschild an, auf dem der Kilopreis steht und siehe da: Der Kilopreis der Vorratspackung ist tatsächlich teurer als der Preis der normalen Packung. 
"Das ist echt Betrug! Kann ja wohl nicht wahr sein...!" Ich bin jetzt zeimlich sauer, weil ich denke, dass man sich überhaupt nicht darauf verlassen kann, dass die Leute ehrlich sind. 
Ich komme am Stand mit den Eiern vorbei und denke daran, dass ich hier früher auch immer die Bioeier gekauft habe, bis zu dem Skandal, wo sie genau auch hier in diesem Geschäft, Eier mit dem Biolabel verkauft haben, die in Wahrheit aus einem Legehennenbetrieb aus den Niederlanden stammten. Die Hühner waren dort zu tausenden auf engstem Raum zusammengedrängt eingesperrt, kein bischen Tageslicht, kein grünes Gras und keine frische Luft. Die armen Tiere rupften sich gegenseitig die Federn aus... einfach scheusslich! Jedenfalls haben die solche Eier als Bio für viel Geld verkauft und weil ich denke, dass ich in einem Supermarkt nie kontrollieren kann, woher die Eier wirklich kommen, kauf ich seither die Eier auf dem Bauernhof, wo ich die Hühner sehe, wie sie im Gras scharren und gesund sind. Es ist ein großer Betrug was da mit den Eiern gelaufen ist! Es ärgert mich wieder, wenn ich daran denke... Fleischsdkandal... ein anderes Stichwort. 
Eine Stunde später ist mein Einkaufswagen randvoll mit allem was die Familie in der kommenden Woche benötigt und am Ende des Kassenzettels steht eine sehr hohe Summe. Aber was soll man machen? Man kann die Preise leider nicht selber machen. 

Nach dem Frühstück fahre ich in die Stadt. Auf dem Münsterplatz duftet es nach der "langen Roten", die legendäre Freiburger Münsterbratwurst! Es duftet nach Dill und anderen frischen Kräutern, nach Gemüse und Blumen. Ich liebe diesen Markt, all die frischen, leckeren Produkte, die direkt hier im Umland erzeugt wurden.
Es ist kalt und der Atem macht die kleinen Wölkchen die ich so liebe. Das Pflaster ist nass und die meisten Leute frieren. In einer Ecke weiter hinten sitzt eine traurig aussehnde Gestalt auf einer alten löchrigen Decke auf dem Boden. Beim Näherkommen sehe ich, es ist ein alter Mann, der keine Beine mehr hat, vermutlich gehört er zu den Roma Zigeunern. Er sitzt nur da und hält die Hand auf. Ich schaue absichtlich weg und gehe vorbei. Aber nach ein paar Metern bleibe ich stehen... es reut mich, denn was sind schon für mich ein paar Cent oder ein Euro? Ich geh zurück und gebe ihm einen Euro. Er nickt mir zu und sagt etwas in einer Sprache die ich nicht verstehe - aber es hört sich an wie ein Dankeswort. Ich nicke zurück und sage "Bitte", dann gehe ich weiter. 
Ein Stand an dem ein junges Mädchen frisch gebackenes Brot von einem schwarzwälder Bauernhof verkauft. Ich kaufe ein Kilo davon und scherze ein bischen mit dem Mädchen, bevor ich mit einem Lächeln weiter gehe. Es macht mich irgendwie zufrieden, einem Menschen geholfen zu haben, und das nette Mädchen stimmte mich auch fröhlich. So langsam schien es Weihnachten zu werden.
Als ich auf dem Weihnachtsmarkt ankomme, drängeln sich schon die Massen an den Glühweinständen. Ich drücke mich durch die schwatzenden Menschentrauben und gelange endlich zu den Ständen, wo es die schönen Kerzen gibt. Manche duften nach Zimt und Honig, andere sind bunt und kunstvoll geformt. Sie verströmen herrliche Düfte und zaubern wunderbar weiches warmes Licht. Die Dame aus dem Elsass betont, dass die Kerzen von behinderten Menschen gemacht werden, was mir dann auch den etwas hohen Preis erklärt. Aber egal, eine hat es mir besonders angetan. Es ist eine Kerze, die warme Rot und Orangetöne hat und bezaubernd nach Zimt und Orange duftet. Ich kaufe sie für 7,95 €  Zufrieden stecke ich sie in meine Tasche zum frischen Bauernbrot und gehe weiter. Unterwegs denke ich, vielleicht ist es besser die Kerze nicht bei dem Brot zu transportieren, da sonst das Brot nach der Kerze schmeckt und das wollte ich nun auch nicht. Also holte ich die Kerze aus der Tasche und wollte sie in meinen Rucksack stecken, dabei fällt mein Blick auf den Boden, der in dünne Plastikfolie eingewickelten Kerze; "Product of PRC"  "Hä??? Ich dachte..." 
Ich mag China sehr, liebe meine Freunde dort von ganzem Herzen, aber das geht nun doch zu weit. Sagte die Frau nicht, dass die Kerzen im Elsass von behinderten Menschen  hergestellt werden? Jetzt war ich echt sauer. 7,95€ für eine Kerze, die bestimmt nicht mehr als einen Euro im Einkauf gekostet hat? 

Ich gehe mit der Kerze in meiner Hand zurück zu dem Stand und stelle die Verkäuferin zur Rede. Ich möchte das Wort Betrug und Lüge nicht in den Mund nehmen, und dämpfe meinen Zorn etwas, frage sie: "Ich glaube da ist ihnen wohl ein Fehler unterlaufen, sie sagten doch, die Kerzen wären aus dem Elsass?" "Ja", antwortete sie, "Die Honigkerzen da, die sind von der Behinderteneinrichtung im Elsass, die anderen Kerzen kaufe ich im Großhandel ein, das können sie sich doch denken! Wie sollen behinderte Menschen von Hand solche Kerzen herstellen? Das ist viel zu aufwendig!" Aha... denke ich, bin ich wieder fast über den Tisch gezogen worden und das an Weihnachten auf dem Weihnachtsmarkt - Frechheit! Ich geb ihr die Kerze zurück und verlange mein Geld wieder. 

Mir wird plötzlich kalt und ich beschliesse heim zu gehen, es reicht mir, überall wird man doch nur betrogen. Ich beschleunige meine Schritte und plötzlich sehe ich einen Mann in lumpigen Klamotten daherkommen. Sehr beweglich setzt er sich auf die alte löchrige Decke und klappt seine Beine so geschickt nach hinten, dass man tatsächlich meinen könnte er habe keine Beine mehr... ich erkenne in ihm den Bettler vom Münsterplatz. In mir wallen sehr ärgerliche Gefühle hoch, denn wieder fühle ich mich belogen und betrogen. Ich dachte, er wäre behindert, aber ich musste erkennen, dass dies seine Masche war, um an das Geld der Leute heranzukommen. Ich denke, warum sind die Menschen nur so verlogen? Warum jetzt in dieser Zeit? Ich denke an die falschen Versprechen von Politikern in aller Welt, an die Lügen die uns aufgetischt werden. Ich denke an die Menschen, die vor den im Namen des Islam mordenden Terrortruppen des Islamischen Staates aus Syrien fliehen, die nur noch nackte Angst haben, ihre Kinder und ihr Leben zu verlieren. Ich denke daran, wie verlogen die Politiker des Westens sind, die diese Menschen ihrem Schicksal überlassen. Ich denke an den verlogenen Betrüger der sich Staatspräsident der Türken nennt und die Terroristen unterstützt, damit sie sein "Kurdenproblem" für ihn lösen. 
Es wiedert mich an und ich bemerke wie die Kälte in meinen Körper dringt. Lüge! Betrug! Überall... Ärger, Frustration, Kälte... Hass?
Ich gehe mit gesenktem Kopf die Rathhausgasse hinunter, als ich plötzlich diesen betörenden Duft nach Yasmin, Zimt und Honig wahr nehme. Es ist meine lieblings Duftmischung und ich finde sie sehr erotisch. Ich bleibe stehen. Neben mir ist ein Geschäft in welchem es Seifen und Körperöle, Badezusätze und Pflegemittel aus reinen Naturrohstoffen zu kaufen gibt. Ich kenne diesen Laden, es gibt ihn in Freiburg schon länger, aber noch nie habe ich diesen betörenden Duft so intensiv wahrgenommen. Ich betrete den Laden und versuche zu ergründen welches Produkt so intensiv danach duftet.
An einem Regal steht eine junge Frau in einem schwarzen Gothic-kleid. Sie hat blaue Haare, eine Brille und schneeweiße Haut. Einige Tatoos auf ihren Armen und ihrem Nacken, viele Piercings in den Ohren und ihrer Nase. Sie dreht sich zu mir um. Feuerrote Lippen und schwarzer Eyeliner... die weiße Gesichtshaut steht in krassem Gegesatz zu den feuerroten Lippen, aber ich kann mein Blick nicht von ihr lassen. Ich finde sie wunderschön... Sie lächelt mich an. Strahlende blaue Augen blicken direkt und ohne Scheu in meine, als sie ihren kleinen zarten roten Mund öffnet und mich fragt, ob sie etwas für mich tun könne. "Ja" sage ich, "...ich suche das Produkt, dass hier so verführerisch duftet!" Sie lächelt noch süßer, zwinkert mir zu und kommt mir ganz nah. So nah, dass sie mich mit ihrer wohlgeformten Brust leicht berührt. Dann dreht sie ihren Kopf so, dass ich die rechte Seite ihres Nackens vor meinem Gesicht habe und sie flötet: "Meinst du diesen Duft?" Mir wird plötzlich so heiß... aber ja, sie hatte recht, genau dieser Duft war es... "Ja, genau... das ist es!" entgegne ich mit unsicherer Stimme. Mit einem Ruck dreht sie sich um, so dass der Luftzug ihrer Haare den warmen Duft direkt auf mich wirbelt. "Komm!" Sagt sie und geht zwischen den Auslagen hindurch vor mir her, an ein Regal an der gegenüberliegenden Wand. Sie entnimmt diesem eine kleine Flasche und öffnet sie. Dabei sieht sie mich schelmisch an, nimmt meine rechte Hand in ihre und lässt einige Tropfen der Gelartigen Substanz auf meine Hand tropfen, dann stellt sie die Flasche zur Seite und nimmt meine Hand in ihre beiden Hände, massiert und streichelt die Flüssigkeit in meine Haut. Dann nimmt sie meine Hand und führt sie an ihre Nase, berührt mit ihren Lippen meine Hande und saugt den Duft intensiv ein, danach lässt sie mich an meinen Händen riechen... 
Ich weiß nicht wie mir geschieht... Ist das nur ein ganz billiger Verkaufstrick? Was bezweckt diese junge Frau damit? Soll ich hier verzaubert werden, damit ich möglichst viel kaufe? 
"Ich heisse Janine. Und du?" 
"Meine Freunde nennen mich Mikka!"
"Hmm interessant, und wie findest du den Duft Mikka?"
"Oh... ja ich stehe total da drauf!"
Janine lacht und sagt mit einem unglaublichen Gesichtsausdruck: "Das glaube ich! Und ich denke du stehst auch noch auf andere Dinge!"
Wie bitte??? Denke ich... ist das ein Traum? Eine Männerfantasie? Ich öffne meine Jacke denn es ist mir jetzt richtig heiß. Sie beobachtet mich dabei, dann erzählt sie mir, dass das Gel Flying Fox heißt und man es für die Körperpflege benutzen kann, als Shampoo für die Haare oder einfach nur auf die Haut reiben. Jedenfalls habe es eine betörende Wirkung. Ja das habe ich schon bemerkt und ich glaube schon, dass ich mir aufgrund der Wirkung dieses Zeugs alles nur einbilde.
Ich lächele sie an, und wieder denke ich - sie ist sehr süß! Warum macht sie mich an? Mich?
Irgendwie scheint sie meine Gedanken erraten zu haben, denn sie öffnet wieder ihre Erdbeerlippen: "Du kannst es dir ja gerne noch überlegen, und vielleicht morgen oder so wiederkommen. Ich werde mich auf jeden Fall freuen dich wieder zu sehen!"
"Ähh nee... ich kaufe es!" 
"Du willst es?"
Mann... diese süßen, unverschämten Zweideutigkeiten von ihr... sie muss doch sehen, dass ich ihr Vater sein könnte... was bezweckt sie damit?
"Ok, dann packe ich es dir ein, ja?"
Puhh... "Ja bitte!"
Sie lächelt...
Während sie es einpackt und ihre zarten Hände geschickt mit der Geschenkschleife umgehen, fragt sie plötzlich mit gesenktem Gesicht:
"Kann man dich auch anrufen?"
"wie...?"
"Naja... hast ne Handynummer?"
"Ja klar..."
Sie lächelt
Ich gebe ihr meine Karte, wo ich Werbung als Fotograf mache. Sie nimmt sie interessiert und sieht sie sich aufmerksam an, dann lässt sie die Karte irgendwo zwischen den Spitzen ihres unverschämt schönen schwarzen Kleides verschwinden.
"neun Euro bitte"
Ich geb ihr das Geld und sie legt das kleine Päckchen in meine Hand, nicht ohne dabei über meine Hand zu streicheln.
"Würde mich mal interessieren, ob du auch von mir Fotos machen würdest..."
"Ja, ich denke schon..."
Sie blickt mir direkt in meine Augen, ihre Lippen leicht geöffnet, doch sie lächelt nicht. 
"Mikka, es war wundervoll dich kennen zu lernen, leider muss ich jetzt weiterarbeiten. Aber ich bin immer hier, wenn du mich erreichen möchtest... uuuund..." sagte sie gedehnt "...ich denke, wir sollten uns wiedersehen!"
"Ja ok, Janine, es war auch für mich ein aufregendes Erlebnis..."
Janine lacht, gibt mir ihre Hand, kommt mir näher und drückt mir ein Küsschen auf meine Wange. Ich sage nichts, denn ich geniesse... 
"Also Mikka, am Montag?"
"Ja, gerne!" sage ich und verabschiede mich mit einem Zwinkern. Sie steht noch zwischen "Flying Fox" und "It´s raining men" Fläschchen und winkt mir hinterher...
Ich fühle liebevolle Wärme durch meinen Körper und meine Seele streichen. Egal was das jetzt war, ich habe es sehr genossen und geniesse es noch immer, als ich durch die Rathausgasse zum Stadttheater gehe. Es war wunderschön und ich bereue es gerade nicht.
Einen solchen heißen Flirt hatte ich schon Ewigkeiten nicht mehr.  Doch drängelt sich mit jedem Meter, den ich mich räumlich von Janine entferne, ein Gedanke in meinen Kopf.
Habe ich jetzt gerade meine Frau betrogen? Mit Gefühlen für Janine, mit heißen Gedanken an Janine? Mit körpelichen Berührungen die mir wohlig warme Schauer meinen ganzen Körper fluten lassen?
Betrug... Lüge... wie allgenwärtig sind sie? Wo beginnt Betrug? 
Vielleicht denkt ihr euch auch, "Typisch Mann!" "Alle Männer sind Schweine..."
Ich sehe es jedoch nicht als Betrug, aber eher als Geschenk... jemand hat mir das Gefühl der Liebe wieder zurückgebracht, unverhofft, ungewollt und einfach so... Nachdem ich begann so sehr verärgert über fremde Menschen zu sein.
In diesem Zusammenhang fällt mir ein altes Japanisches Gedicht ein:

"Ich bin gegangen um Brot zu kaufen
und habe rote Rosen geschenkt bekommen.
Wie glücklich bin ich, beides in meinen Händen zu halten!"

Denken wir wenigstens einmal im Jahr daran ehrlich und aufrichtrig zu einander zu sein. Besonders in dieser Zeit. Gefühle und Liebe schenken, anstatt selbstsüchtig zu betrügen und zu lügen.
Was auch immer in Janine vorging, es fühlte sich insbesondere am Ende, als sie mir nachgewunken hat sehr ehrlich an. Es ludt meine Seelenbattarien wieder voll und nun kann ich wieder Energie abgeben, an andere...

Whisky gut, alles gut. Törchen 1

„Ein armer Verwirrter.“, spottete Stefan beim Anblick der Thermosflasche.
‚Ja, ein wahrer Gewinn, diese Leuchte’, dachte Roland genervt.
Vor zwei Wochen stiess Stefan gezwungenermassen zu seinem bisher wunderbar funktionierendem Einmannteam und strapazierte seither Rolands sonst schon gespannte Nerven noch mehr. Theo war der Meinung gewesen, dass ein Team, bestehend aus einem kompetenten Kriminalbeamten weniger effizient wäre, als ein Team aus einem kompetenten Kriminalbeamten und einem...wie sollte Roland einen wie Stefan wohl am besten beschreiben – Blender? Selbstverliebter Socializer? Angeber?
Wieder merkte Roland, wie ihn Stefan innerlich zur Weissglut trieb und griff auf die Taktik zurück, die er sich in den letzten zwei Wochen hatte aneignen müssen: Stefan zu ignorieren.
„Wie ist er gestorben?“, fragte Roland stattdessen Dr. Arnold Stäger, einen Rechtsmediziner, mit dem es sich äusserst gut zusammenarbeiten liess.
„Ohne gründliche Obduktion möchte ich mich ungerne festlegen, Sie kennen mich, Herr Kunz. Aber ich glaube, ich liege nicht allzu falsch, wenn ich Ihnen sage, dass der massive Blutverlust wohl die Todesursache gewesen sein muss.“
„Kein Wunder, wenn man diese Blutlache betrachtet. Das müssen mindestens 3 Liter Blut gewesen sein!“ Stefan hatte die unmögliche Art, sich in jegliche Gespräche, denen er eigentlich nur durch seine passive Präsenz beiwohnen sollte, aktiv integrieren zu wollen. Zu Rolands Ärger lag Stefan mit seinen Vermutungen und Behauptungen häufig richtig. Auch dieses Mal nickte Dr. Stäger beipflichtend: „Ja, das könnte etwa hinkommen. Leider verlor der Verstorbene dieses Blut innert weniger Minuten. Ursächlich hierfür scheint der Defekt hier in der Halsschlagader gewesen zu sein. Eventuell wurde die Luftröhre mitverletzt. Es muss sich um ein spitzes Werkzeug gehandelt haben und dazu noch ein sehr grober Tatvorgang: die grosse Wunde am Hals spricht eher gegen einen sauberen Schnitt mit einem scharfen Messer. Aber wie gesagt, genauere Aussagen möchte ich gerne erst nach einer eingehenden Leichenschau im Rechtsmedizinischen Institut machen.“
„Können Sie den Tat- oder Todeszeitpunkt näher eingrenzen?“, fragte Roland zuversichtlich.
Dr. Stäger nahm sich, wie gewohnt nochmals ein paar Minuten Zeit ob sich seiner Vermutung abzusichern, indem er alle Hinweise, die ihm der Fundort und die Leiche lieferten, musterte.
Schliesslich erwiderte er: „Ich schätze die Tatzeit auf zirka 1-2 Stunden vor Leichenfund und der Todeszeitpunkt wenige Minuten nach der Tat. Wobei natürlich der Umstand, dass die Sauna nach der Tat weiterlief, erschwerend hinzukommt, was meine Schätzung betrifft.“
Roland nickte und schaute auf die Uhr. Wie immer musste Stefan seine Erkenntnis öffentlich kundtun – ,Vermutlich in der Hoffnung, Lob zu bekommen’, dachte Roland hämisch -: „Also wurde er ungefähr zwischen 13.00 und 14.00 Uhr umgebracht mit einem bislang unbekannten Tatwerkzeug.“
Er drehte sich um zu Frau Laura Meili, eine junge Kriminalistin, die mit der Spurensicherung beschäftigt war: „Laura, hast du was Interessantes bezüglich des Tatwerkzeugs? Die Thermoskanne wird’s ja wohl nicht gewesen sein.“, scherzte er.
Laura lächelte: „Nein, bis jetzt habe ich keine Hinweise auf die Mordwaffe. Es gibt aber einige Hinweise für eine Zweitperson. Es handelt sich bei der Leiche übrigens um einen gewissen Herrn Franz Rieder.“
„Draussen wäre jetzt Frau Winkler zu vernehmen, die Sekretärin vom Empfang.“, meldete Gerhard Roth, ein Polizist vom Posten.

„Na, dann schlag ich doch vor, wir hören uns mal an, was die gute Frau zu sagen hat.“, zwinkerte Stefan Roland zu und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter: „Auf, auf!"