„Dieser
David Stark ist wahrlich ein vortrefflicher Dozent, finden Sie nicht auch?“
Die
angesprochene junge Dame wandte sich dem Sprecher zu. Ein überraschend
gutaussehender junger Mann hatte neben ihr Platz genommen und wühlte geschäftig
in seiner Ledermappe. Kurz blickte er zu ihr auf und lächelte freundlich.
„Oh
ja. Das ist er tatsächlich.“ Sie wusste noch nicht so recht, was sie von dieser
Annäherung halten sollte.
Der
junge Mann packte einen Block und Stift auf das Klappschreibtischchen. „Ich
glaube kürzlich wurde eine seiner Vorlesungen gar mit dem Preis für den besten
Unterricht ausgezeichnet.“
„Ja,
davon habe ich gehört.“ Sie beäugte den Mann etwas genauer. Er trug ein ziemlich
altmodisches Tweedjackett. Darunter vermochten aber der eher weit geschnittene Pullover
und die simplen Jeans nicht seinen athletischen Körper zu verbergen. „Sind Sie
zum ersten Mal in dieser Vorlesung?“ fragte sie skeptisch. „Ich habe Sie hier
noch nie gesehen.“
„Ja,
ich schnuppere nur mal so rein.“ Er lächelte. Dann begann er wieder in seiner
Mappe zu kramen. „Um ehrlich zu sein“, fügte er an, während er ein prall
gefülltes Mäppchen aus der Tasche holte, „ich bin Journalist. Ich schreibe
einen Artikel über den diesjährigen Julius-Held-Preisträger.“
„Ach
so. Dacht‘ ich’s mir doch, dass da was faul ist…“ grinste sie ihn an.
Er
zwinkerte keck. „Und, können Sie mir etwas über diesen viel gerühmten Mann
erzählen, das ich noch nicht weiss?“
„Das
bezweifle ich. Ich bin überzeugt, Sie haben gut recherchiert.“
„Natürlich.
Aber ich lasse mich gerne überraschen.“ Er rückte seine modische, schwarz umrandete
Brille zurecht.
„Ich
kenne ihn tatsächlich etwas näher“, gab sie etwas stolz zu, bereute es aber
sogleich wieder, da sie sich plötzlich der heiklen Situation bewusst wurde.
„Ach
was!“ Er beugte sich zu ihr rüber. „Und inwiefern?“ Seine Augenbrauen hoben
sich mehrmals über einem ironisch verführerischen Schlafzimmerblick.
„Nein!“
wehrte sie vehement ab. „Ganz bestimmt nicht auf die Art!“ Ihr wurde die Sache etwas unangenehm. Sie blickte sich
ungeduldig um. Der Saal schien gefüllter, als sonst. Ein unruhiges Palaver
erfüllte den Raum. „Wo bleibt er denn?“
„War
nur ein Scherz“, winkte er beschwichtigend ab. „Nein, im Ernst. Woher kennen
Sie sich denn?“
„Ach,
nicht wirklich. Hatte ich nur so daher gesagt.“ Sie bemerkte selbst, wie
unglaubwürdig das klang, und er bemerkte ihre Skepsis.
„Keine
Sorge. Ich bin ihm wohlgesinnt. Wirklich! Ja, ich bin sogar ein grosser Fan
seiner Arbeit.“ Er zog ein ziemlich zerfleddertes Buch aus der Tasche. „Ich
habe alle seine Bücher gelesen.“ Schnell fügte er an: „Noch bevor ich den
Auftrag zu diesem Artikel annahm.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Ich
heisse übrigens Jan. Jan Lang.“ Sie zögerte. „Ja, ich weiss. Nein, meine Eltern
sind keine Fernostasiaten, sie haben sich nur nicht viel überlegt.“ Er lächelte
versöhnlich.
Endlich
erwiderte sie das Lachen und reichte ihm die Hand. „Ich heisse Anna.“
„Freut
mich, Anna.“ Er blickte sich im Vorlesungssaal um. „Kommt er öfter zu spät?“
„Nein,
das ist eigentlich gar nicht seine Art. Er ist normalerweise immer etwas früher
da, um sich vorzubereiten.“
„Vielleicht
steckt er im Verkehr…“
„Glaub
ich nicht. Er kommt immer mit dem Fahrrad.“
„Stimmt.
Hatte ich vergessen. Er scheint mir nach meinen Recherchen überhaupt sehr
umweltbewusst. Hat kein Auto, ist Mitglied bei Mobility, hat sich ein
Minergiehaus gebaut, kauft vorwiegend bei regionalen Bauern ein – vorbildlich!“
„Ja,
er ist ein erstaunlicher Mensch. Auch seine Art fasziniert mich. Er ist immer
so ausgeglichen und freundlich zu allen. Im Gegensatz zu anderen Dozenten fühlt
man sich bei ihm als Student willkommen, er behandelt uns nicht von oben herab.
Er nimmt sich auch immer Zeit für seine Studenten. Trotz seines gefüllten
Terminplans!“ Sie registrierte seinen fragenden Blick. „Also gut! Er betreut
meine Masterarbeit. Dadurch habe ich ab und zu persönlich mit ihm zu tun. Und
er ist wirklich ein super Betreuer! Immer erreichbar, offen für Fragen,
hilfsbereit, fordernd aber nicht überfordernd. Das ist echt wahnsinnig viel
wert, weisst du.“
„Ja
absolut. Ich habe auch eine Abschlussarbeit schreiben müssen. Hiess damals noch
nicht Master, aber egal.“
„Und
auch seine Familie ist einfach traumhaft!“ Wieder dieser Blick. „Ich war mal
zum Essen da. Er kennt meinen Vater noch aus dem Studium und nahm die Gelegenheit
wahr, ihn wieder mal zu treffen.“
„Dann
seid ihr ja fast Familienfreunde!“ bemerkte er entzückt.
„Nein,
so dann schon nicht. Wir waren ein einziges
Mal zum Essen da. Aber das war wirklich schön. Seine Frau ist ja echt auch ein
Traum. Also auch … ich meine … sie ist
ein…“ Sie errötete.
Einer
seiner Mundwinkel stieg langsam in die Höhe. „Ich verstehe.“ Wieder winkte er
ab. „Ach halb so wild! Wer war nicht mal in seinen Dozenten verknallt! Und bei
diesem perfekten Allrounder würde sogar ich schwach werden – und das ist sonst gar nicht meine Neigung, wenn du weisst
was ich meine…“ fügte er mit einem neckischen Zwinkern an. Die Scham war noch nicht
ganz von ihr gewichen. So fuhr er fort: „Er ist ja nicht nur ein Kopfwunder.
Wusstest du, dass er mal für ein Jahr mit einem Hilfswerk in Somalia war?
Eigentlich war seine Kompetenz als renommierter Psychologe gefragt. Doch
schliesslich hat er geholfen, zehn einfache Holzhütten für ein Dorf aufzubauen.
Und er hat nicht nur Nägel eingeschlagen. Nein echt, der Typ hat echt was auf dem Kasten! Respekt.“
„Das
wusst‘ ich gar nicht, dass er auch noch handwerklich begabt ist! Unglaublich!
Musik macht er ja auch noch.“
„Klavier,
nicht wahr? Echt, was kann der Kerl eigentlich nicht… Und potent ist er auch
noch, der Sack!“ fügte er lachend an. „Kürzlich ist doch sein viertes Kind zur
Welt gekommen.“
„Ja,
wirklich süsse Kinder hat er. Kein Wunder, bei den Eltern… Und trotzdem ist er immer bescheiden−“
„Darf
ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten“, unterbrach eine lautsprecherverstärkte
Stimme ihre Schwärmerei. Das Palaver verebbte. Vor dem Rednerpult stand die
Dekanin, ungewöhnlich unsicher und sichtlich unbehaglich.
„Krank“,
vermutete Jan flüsternd.
„Aber
eigenartig, dass die Dekanin deswegen persönlich vorbei kommt.“
„Herr
Stark ist leider … er kommt heute nicht mehr. Die Vorlesung fällt bis auf
Weiteres aus.“ Mit einer pfeifenden Rückkopplung legte sie das Mikrophon auf
den Tisch und ging mit gesenktem Kopf schleunigst davon, sich ein Taschentuch
unter die Nase haltend.
Einen
kurzen Moment herrschte verwirrtes Schweigen. Alle hatten bemerkt, dass dies
nicht die übliche Vorlesungsabsage war, wie bei Grippe, Versäumnis,
Lustlosigkeit oder anderen dubiosen Unpässlichkeiten. Anna und Jan blickten
sich ratlos an. Dann brandete wildes Gemurmel auf.
„Was
war das denn? Bis auf Weiteres?“ fragte Anna konsterniert.
Jan
schien äusserst konzentriert und antwortete eher zu sich gerichtet: „Versteh
ich auch nicht ganz…“ Er löste sich aus seiner Starre. „Aber das werde ich
gleich herausfinden! Komm!“ Er stopfte stürmisch die Papiere zurück in die
Mappe und drängte sich eilig aus dem Vorlesungssaal. Anna folgte ihm neugierig.
Sie verliessen das Gebäude während er auf seinem Handy eine Nummer suchte.
Draussen steuerte Jan zielstrebig ein ruhiges Plätzchen an. „Wenn was Ernstes
ist, weiss meine Redaktion bestimmt schon Bescheid.“ Er wartete eine gefühlte
Ewigkeit bis endlich das Gespräch entgegengenommen wurde. „Hey, wisst ihr was−
… Was denn? … Jetzt sag schon! … Was?! Wie? … Das … das … das glaub ich nicht…
… Ja, ja, geht schon. Danke, Mark.“ Mark sagte noch etwas, aber Jan legte
geistesabwesend auf. Nach einem spannungsvollen Moment platzte es aus Anna
heraus: „Was ist passiert?!“
Jan
blickte auf, doch sein Blick ging ins Leere. „Er … er … David Stark hat sich in
seinem Büro erhängt.“
Wow! Die Überraschung ist dir gelungen!
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