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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Mittwoch, 25. März 2015

Die richtigen Tasten drücken

Wie jeden Freitag trafen sich Ed, Ned und Fred in der Pianobar des Fünfsternehotels Les trois rois. Auf Hochglanz poliert stellten sie sich in üblicher Reihenfolge an ihren angestammten Platz an der Bar. Unaufgefordert servierte Tobias die gewohnten Drinks. Ein Old Fashioned für Ed, ein Hemingway Special für Ned und ein Whiskey Sour für Fred. Das herrliche Ambiente der luxuriösen Bar und der angenehme Smooth Jazz des Pianos läuteten auch dieses Mal das Wochenende wieder gebührend ein.
Gut gelaunt liessen die drei die Gläser klingen, nahmen einen kräftigen Schluck und stiessen anschliessend synchron einen Seufzer des Wohlgefallens aus, bevor sie die Gläser ebenfalls synchron möglichst männlich zurück auf die Theke stellten. Dann setzten sie sich auf die Barhocker, breitbeinig wohlverstanden, und liessen die geübten Blicke nach den dieswöchigen Opfern schweifen. Daneben führten sie die belanglosen Alibigespräche, um sich ihrer Würde nicht komplett zu entledigen.
„Na, wie läuft’s in der Bude, Ned? Hat sich dein Chef endlich wieder mal blicken lassen?“ fragte Ed.
„Pha! Dieser Vollidiot taucht nur noch sporadisch im Büro auf. Die Woche war er insgesamt vielleicht zwanzig Prozent anwesend, zahlt sich aber natürlich einen dreihundertprozentigen Lohn!“
„Wem sagst du das!“ protzte Fred. „Wir durften heute wieder länger bleiben, weil irgendso‘ne Schickimickikundin noch ne Beratung für ein Soundsystem wollte. Der Chef war natürlich Punkt halbsieben weg. Als er ging, hat er mich doch echt noch in die Seite gestossen und gemeint ‚Der verkauft ihr noch was, Jungs‘, dann hat er noch so blöde gezwinkert, die Flasche – ist das zu glauben!“
„Na, dann kann ich ja echt nicht klagen! Ich durft‘ mich die Woche wieder mit paar netten Ladies abgeben und sie kräftig verbiegen!“ Ed lachte laut auf.
„Ja ja, deine Prahlereien kenne wir“, bremste ihn Ned. „Aber erzähl doch nochmal von den wabbeligen, verschwitzen, stinkenden Fettsäcken, die du anleiten musst. Das vergisst du wohl gerne. Ne du, mein Lieber, mit dir will ich nicht tauschen, egal wie viele heisse Schnecken da auch immer sonst noch rum rennen.“ Er senkte plötzlich die Stimme. „He apropos, Granate auf neun Uhr.“
Die anderen zwei Köpfe wandten sich unauffällig zum gewiesenen Eingang. Zwei elegante junge Frauen traten lachend ein und blickten sich nun offensichtlich nach geeigneten Sitzplätzen um.
„Scharrrrrrf!“ liess sich Ed geistreich vernehmen.
„Hey, Achtung, sie kommen zur Bar“, zischte Fred.
Unauffällig wurden daraufhin an der Bar drei Bäuche eingezogen, drei Brüste geschwellt und drei Frisuren gerichtet. Die beiden attraktiven Frauen setzten sich tatsächlich neben sie an die Bar und bestellten ihre Drinks.
Als der Barkeeper die Drinks servierte, streckte ihm Ned einen Schein hin. „Das übernehmen dann wohl wir“, hauchte er verführerisch und sein Mund verzog sich zu einem gespenstischen, unbequem wirkenden Grinsen, das seine gebleichten Zähne entblösste.
„Soso, tönt nach einem Befehl.“ Dann wandte sich die Brünette dem Barkeeper zu. „Widerstand ist zwecklos, Tobias. Was kann man da machen.“ Sie lächelte und zuckte mit den Schultern. Dann nahmen die beiden Schönheiten ihre Gläser und wandten sich ihren Gönnern zu.
„Na dann vielen Dank, die Herren!“ prostete die Blondine.
Sie stiessen alle miteinander an, dann setzte Ned seinen Frontalangriff fort: „Was führt denn zwei so bezaubernde Frauen alleine ins Trois Rois?“
Die Brünette warf charmant die Haare zurück und ein betörender Geruch stiess Ned entgegen. „Ach, ich wusste gar nicht, dass hier sonst nur abstossende Menschen zugelassen werden.“ Sie stiess ihn sanft gegen den Oberarm. „Scherz!“ lachte sie und kräuselte dabei verspielt die Nase. „Wir arbeiten zusammen hier ganz in der Nähe. Normalerweise kommen wir fürs Feierabendbier nicht hier her“, wieder ein Zwinkern, „aber heute hat’s grad irgendwie gepasst. Und ihr? Seid ihr regelmässig hier?“
Nun ergriff Ed das Wort. „Hin und wieder. Wir arbeiten eben auch alle in der Stadt, da ergibt sich’s ganz gut. Ich leite das Fitnesscenter am Martinsplatz. Kennt ihr das?“
„Ach was! Das ist doch ziemlich nobel, nicht?“
„Kann man wohl sagen.“ Zum Glück hatte Ed noch zwei Ohren, sonst hätte nichts sein Grinsen gestoppt und sein Kopf wäre zweigeteilt worden…
„Wow, schöner Arbeitsplatz! Ihr habt ja Blick auf den Rhein. Beneidenswert!“ Die Brünette nickte anerkennend.
„Wir arbeiten leider in einem sehr alten Gebäude“, ergänzte die Blondine. „Schöne historische Räume zwar, aber super düster.“
„Da kann ich euch echt nachfühlen“, setzte Fred die Parade fort. „Mein Büro hat zwar ein grosses Fenster, das geht aber auf eine enge Gasse hin. Direktes Sonnenlicht seh‘ ich drum auch keines.“
„Wo arbeitest du denn?“
„Ich bin Geschäftsinhaber eines Elektronikgeschäfts am Rheinsprung.“
„Oh Rheinsprung, auch eine gute Adresse!“ Erneut anerkennendes Nicken.
„Ja, wir arbeiten alle ganz in der Nähe, drum eignet sich diese Hotelbar ja so gut als Treffpunkt“, riss nun schliesslich auch Ned das Wort noch an sich. „Ich arbeite am Marktplatz.“
„Ach was! Etwa im Fielmann? Oder was gibt’s dort sonst noch.“
Ned lachte etwas zu laut auf. „Nein. Ich bin Leiter der Baer Bank Filiale dort.“
„Ein Banker!“ lachte die Brünette herzlich. „Das war wohl auch schon eine bessere Visitenkarte als heutzutage, was?“
Ned rang sich ebenfalls ein Lachen ab, was ihm allerdings nicht allzu glaubwürdig gelang.
Die Brünette legte beschwichtigend ihre Hand auf seinen Unterarm, und seine Miene hellte sich augenblicklich auf. „Ich bin überzeugt, du bist ein vorbildlicher Filialleiter“, säuselte sie.
Die Drinks waren mittlerweile geleert und die beiden Damen blickten einander vielsagend an. Dann blickte die Blondine auf ihre imaginäre Uhr und bemerkte: „Huch, es ist ja schon Zeit!“
„Tatsächlich?“ empörte sich die Brünette. „Das ging ja jetzt schnell!“ Und an die verdutzten Herren gewandt fügte sie lächelnd an: „Vielen Dank für das kurzweilige Gespräch. War wirklich nett, euch kennen gelernt zu haben.“
Ned nahm die ihm hingestreckte Hand entgegen und hielt sie fest. „Ihr wollt einfach so gehen? Jetzt wird‘s doch erst lustig!“ Er zwinkerte näckisch.
„Ja, tut uns schrecklich leid, aber wir haben noch eine Verabredung.“
Auch Fred versuchte sein Glück: „Aber wir wissen doch noch nicht mal eure Namen.“
„Erfindet doch einen, darin seid ihr spitze!“
Zum Schluss noch Ed: „Was?“

„Naja… Wir lassen uns nur von ihm was vorspielen.“ Damit wandten sich die beiden ab, küssten den Pianisten auf die Wange und gingen mit ihm davon. Und während sie die Pianobar verliessen, erklang aus den Lautsprechern ein bekannter Schlager: „Man müsste Klavierspielen können. Wer klavierspielt hat Glück bei den Frau’n. Denn nur er kann mit Tönen den lauschenden Schönen ein Luftschloss der Liebe erbau’n…“

Voll auf die Fresse

„Endlich wieder etwas Sonne“ – dachte er sich, während er seine Lieblingsjacke zurecht zog und sich zur Fassade hin umdrehte. „Neue Rauswurfparolen“ – stellte er nüchtern fest. 

Auch entgingen ihm die drei freundlich wirkenden älteren Damen nicht, die ihren Plausch einen Moment lang unterbrachen, als sie ihn von der anderen Straßenseite her betrachteten. Sie schauten sichtbar irritiert drein – irgendwie voller Abscheu, könnte man sagen.

Dies schien ihm jedoch erstaunlich wenig auszumachen und er schlenderte durchaus beschwingt seinen üblichen Weg die Straße hinunter – Richtung Kreuzung, zu dem Kiosk mit den kleinen Stehtischchen davor. 

„Einen großen Braunen zum Mitnehmen – viel Milch, wenig Zucker!“ 

„Schon klar“ – entgegnete ihm die Kioskfrau, die ihm wie üblich den Kaffee mit einer ruppigen Bewegung servierte, so dass ihm die heiße Brühe entgegen schwappte. „Blöde Kuh!“ – dachte er sich, warf das Geld auf den Tresen und ging weiter…

An der Tramhaltestelle angelangt, gerade wollte er an seinem Kaffeebecher nippen, rollte ihm der Briefträger mit seinem gelben Wägelchen direkt über die Füße – ohne sich auch nur ansatzweise dafür zu entschuldigen. 

„Scheiß Post!“ raunzte er und putzte sich die Radspuren von den Schuhen.  

Als er in die Tram stieg und nach einem Sitzplatz in Fahrtrichtung suchte, stolperte er über ein herausgestrecktes Bein. So ungeschickt stürzte er zu Boden, dass ihm der heiße Kaffee über seine rechte Hand schwappte. Die braune Brühe verteilte sich gleichmäßig in den Rillen des PVC-Bodens rund um die verbrannte Hand.

„Rücksichtsloses Dreckspack!“
Noch immer leise vor sich hin schimpfend verließ er bei der nächsten Haltestelle die Tram  inzwischen weit weniger beschwingt...
                                            
Nachdem er eine Zeit lang auf einer Parkbank saß – er hatte gerade sein fünftes Bier getrunken – kam ein junger Mann mit Turnschuhen und Sportjacke bekleidet auf ihn zu. Der sympathisch wirkende Kerl mit Ohrring und einem kleinen Spitzbärtchen am Kinn schlug ihm dann, als er direkt vor ihm stand, ohne zu zögern drei Mal hintereinander voll auf die Fresse. Das Blut quoll in Bächen aus Oberlippe, Mund und Nase. Die Mischung aus stechendem Schmerz und biergetrübter Vernebelung fühlte sich enorm kaputt an und es wurde ihm schlecht. Mit der kleinen Kaffeeserviette, die er sich zuvor am Kiosk eingesteckt hatte, wischte er sich notdürftig das Blut aus dem Gesicht. Etwas zitternd zwar, aber erfolgreich, gelang es ihm ohne fremde Hilfe von der Parkbank aufzustehen und nach Hause zu wanken. 

Endlich daheim angekommen, ließ er mit einem weinerlichen Stöhnen die Tür hinter sich ins Schloss fallen, wischte sich mit einem frischen Feuchtreinigungstuch das eingetrocknete Blut aus seinem etwas aus der Mode gekommenen Oberlippenbärtchen, streifte sich die schweren Stiefel ab und  warf seine Lieblingsjacke kraftlos über einen Stuhl.

Eine ganze Weile lang stellte er sich schließlich vor den großen Wandspiegel, um sich aufmerksam darin zu betrachten. „Um Himmels Willen, was machst du bloß verkehrt?“ – fragte er sich, während ihm nicht entging, dass die Blutspritzer auf seinem Shirt ganz gut zu dem Hakenkreuz passten, das unübersehbar auf seiner Brust prangte.

Samstag, 28. Februar 2015

Klimax


Es war wieder soweit. Friedrich schaukelte bedächtig und in langen und langsamen Bewegungen auf seinem Stuhl hin und her und genoss das massierende Gefühl in seiner Körpermitte. Er freute sich Woche um Woche auf diese Treffen, auf die guten Gespräche, den feuchten Duft von dampfendem Kaffee und frischem Gebäck. Friedrich wusste, dass diese tiefe, unkomplizierte und durch und durch wohlwollende Vertrautheit unter Freunden etwas sehr seltenes und kostbares war. Und er wusste, dass Sören es auch wusste.

Während Sören seinen Croissant in die große gelbe Tasse tauchte und es längst aufgab auch nur den Versuch zu unternehmen sich nicht mit herunterfallenden Bröseln zu bebröseln, räusperte er sich und sagte: „Es sind noch 323 Tage. Meine Zeit läuft ab wie Sand in einem Stundenglas und ich denke darüber nach was ich mit meinem Leben sinnvoller Weise anstellen könnte. Ich versuche die Zeit anzuhalten und wehre mich gegen die Möglichkeit vom Ende aller Möglichkeiten. Ich lehne mich dagegen auf und versuche mich diesem schleichenden Faktum mit aller Kraft entgegenzustellen.“

„Das tönt in der Tat nach einem aussichtslosen Kampf – der Versuch die Zeit anzuhalten.“

„Was wäre – so frage ich mich – der Sinn von Sein, wenn es in ein Nichts hinein ausliefe? Die Zeit vergeht und ich vergehe mit ihr. Warum zum Henker sollte ich nach Selbsterkenntnis streben, wenn nichts davon übrig bliebe? Wozu Glückserlebnisse oder gute Taten anhäufen, wenn sie wie Schall und Rauch in der Zeit verschwänden? Ist es gut eine große Reise zu unternehmen, um andere Kulturen und Kontinente zu entdecken… oder soll ich die Zeit besser nutzen, indem ich möglichst viel davon mit meinen Freunden... meiner Liebsten... meiner Familie verbringe… soll ich das verbleibende Leben so lustvoll wie möglich gestalten… oder besser philosophieren und meditieren, um nach einer Lösung des Lebensrätsels zu suchen …oder – vielleicht noch besser? –  beten,  um mir einen Platz im Himmel zu sichern? Ich fühle mich blockiert zwischen vielen Optionen, weil mir das Kriterium für die richtige Wahl fehlt. Wie ein Esel zwischen Heuhaufen fühle ich mich. Hin und her gerissen zwischen den unterschiedlichsten Möglichkeiten – geradezu entscheidungs- und bewegungsunfähig. Diese Heuhaufen stehen da so nebeneinander rum... zu meiner freien Verfügbarkeit... und viele scheinen mir irgendwie und in gleicher Weise gültig zu sein.“

„All diese Lebensmöglichkeiten und der Mangel an Kriterien für eine richtige Entscheidung. Du kannst mir glauben, Sören. Ich kenne das. Das macht mich bisweilen auch fertig. Will sagen, wenn diese Optionen gleich gültig nebeneinander stehen, dann werden sie doch alle auch irgendwie gleichgültig – oder nicht?“

„Weißt du – eigentlich wollte ich dieses Experiment nutzen, damit es mich empor zieht und ich dadurch meine Tage mit Leben füllen kann. Nun jedoch fühle ich mich wie ein verängstigtes Kaninchen, das erstarrt vor einer großen Schlange hockt und darauf wartet gefressen zu werden. Ich sehe nur noch das drohende Ende. Es gibt kein Entrinnen. Wozu überhaupt irgendwas tun, wenn in absehbarer Zeit sowieso alles vorbei ist?“

„Je länger ich uns zuhöre, Sören, desto mehr kommt mir die Geschichte von der Mörderschlange in den Sinn.“

„Was ist damit?“

„Während Friedrich immer noch auf seinem Küchenstuhl hin und her schaukelte und mit seinen Fingern kaffeegetränkte Brösel aus seinem kolossalen Schnauzbart zupfte, setzte er an die Geschichte von der Mörderschlange zu erzählen:

„Tief im Wald wohnt eine Mörderschlange. Alle Tiere des Waldes haben große Angst vor der Mörderschlange, denn sie hat eine schwarze Liste mit den Namen all jener Tiere darauf, die sie töten wird.

Der Wolf nun hatte diesbezüglich kein gutes Gefühl und entschied sich die Mörderschlange aufzusuchen. Er wollte sich Klarheit verschaffen und fragte die Mörderschlage: »Du Mörderschlange – steht mein Name eigentlich auch auf deiner schwarzen Liste?« Die Mörderschlange antwortete knapp und unmissverständlich mit – »Ja«.  Der arme Wolf war entsetzt und doch auch ein bisschen erleichtert endlich von seiner quälenden Ungewissheit befreit zu sein.

»Mörderschlange« – fragte der Wolf weiter, nachdem sich seine erste Benommenheit etwas gelegt hatte: »Kannst du damit vielleicht noch warten bis ich alle meine Freunde versammelt habe, um mit ihnen ein großes, ein allerletztes Fest zu feiern?«

»Das kann ich schon machen, Wolf. Kein Problem.«

Der Wolf dankte der Mörderschlange und lud seine Freunde zu einem allerletzten großen Fest ein. Am nächsten Morgen aber lag der Wolf mausetot auf dem Boden des Waldes.

Wie auch schon der Wolf ein ungutes Gefühl hatte, so hatte auch der Fuchs seine Befürchtungen. Also ging auch er zur Mörderschlange, um sie zu fragen, ob auch sein Name auf der schwarzen Liste steht. »Ja Fuchs – auch dich werde ich töten« lautete die Antwort der Mörderschlange.

Ermutigt durch die gute Idee seines Schicksalsgenossen fragte auch der Fuchs die Mörderschlange. »Mörderschlange – kannst du noch damit warten bis ich alle meine Freunde des Waldes versammelt habe, um mit ihnen ein allerletztes großes Fest zu feiern?«

»Kein Ding, Fuchs. Auch du sollst deinen Abschied feiern.«

Es kam schließlich wie es kommen musste. Am Morgen nach der letzten großen Feier lag der Fuchs mausetot auf dem Boden des Waldes.

Endlich wollte auch der Hase wissen, wie es um ihn bestellt sei. Und so ging auch er zur Mörderschlange und fragte: »Steht auch mein Name auf der Liste?«

»Ohja, Hase – auch dein Name steht auf der Liste.«

»Mörderschlange« fragte der Hase weiter – wäre es denn möglich, dass du mich von der Liste streichst?«

»Klar doch, Hase. Ich streiche dich von der Liste – kein Problem.«

Sören lachte auf. „Du meinst also ich müsste mit einer anderen Fragestellung einen anderen Zugang zum Problem wählen, damit es seinen bedrohlichen Charakter verliert – weil ja auch alles ganz anders sein könnte?“

„Vielleicht – ich weiß auch nicht genau. Es ist nur eine Geschichte, die mir in den Sinn gekommen ist.“

„Aber wenn wir deiner Intuition folgen, Friedrich – wie könnte jener ganz andere Zugang aussehen? Könnte die Schlange, vor der ich gleichsam erstarrt hocke, womöglich so eine Art Tor zu einem besseren Leben darstellen? Eine Art Trost oder Versprechen für ein besseres Leben, das nach diesem Leben auf mich wartet?“

„Mmh, da bin ich mir nicht sicher – gäbe es dann nicht lediglich einen zweiten Grund nicht schon jetzt wirklich zu leben?“

„Wie das?“

„Ich weiß nicht, ob ich dich richtig verstanden habe – aber sagtest du nicht, dass du dich wie geschlagen fühlst durch eine Art Lebenslähmung, weil alles was du tust in ein bedeutungsloses Nichts hinein auslaufen könnte und dir damit jeder Sinn abhanden zu kommen scheint?“

„Doch ja – so ungefähr.“

„Wenn wir nun die Schlange als eine Art Tor zu einem besseren Leben verstehen, könnte das dann nicht schlicht damit zusammenhängen, dass wir von diesem vergänglichen und dadurch frustrierenden diesseitigen Leben enttäuscht sind und darum Trost und Hoffnung in einem jenseitigen Wolkenkuckucksheim suchen? Dann wäre die Schlange wie das Versprechen einer perfekten Hinterwelt – einer Welt hinter die wir uns flüchten möchten, weil uns diese unperfekte diesseitige Welt ablöscht, verängstigt und frustriert und wir uns deswegen von ihr abwenden.“

„Ich verstehe worauf du hinaus willst, Friedrich… und ja – wenn ich ganz ehrlich bin und diesen Gedanken auf mich wirken lassen, dann ist da wahrscheinlich auch einiges dran. Bei Licht betrachtet muss ich mir nämlich durchaus eingestehen, dass ich ein Ressentiment gegen diese Welt und dieses Leben hege.“

„Ein Ressentiment?“

„Zumindest spüre ich eine seltsame Genugtuung, indem ich mit einer auffallend undankbaren Haltung durchs Leben gehe und all die Geschenke, die mir das Leben bietet, achtlos als Selbstverständlichkeiten hinnehme. Und zwar deswegen, weil mir das Leben ohnehin wieder alles entreißt. Darum lehne ich seine Gaben lieber gleich ab – aus Angst vor Verlust – vielleicht auch aus einer Art Rachsucht, wegen der zahlreichen Frustrationen und Grausamkeiten, die mir das Leben bereits angetan hat... und nicht nur mir, sondern zahllosen anderen Lebewesen in noch viel unerträglicherem Ausmaß... man muss ja nur mit offenen Augen in die Welt hinein schauen oder eine Zeitung lesen – nicht wahr?“

„Du meinst also, dass in deiner Undankbarkeit oder Verweigerung dem Leben gegenüber angestaute Wut und Frustration zum Ausdruck kommen? Frustration darüber, dass das Leben bisweilen doch sehr unsinnig und grausam sein kann und es dir früher oder später alles, was es dir leiht, auch wieder zurückfordern wird?“

„Ja genau, denn offen gesagt fühle ich mich vom Leben immer wieder bitter enttäuscht und betrogen. Ich finde darin keinen stabilen Halt und keine wirkliche Sicherheit. Es reagiert nicht auf meine Nöte und liefert mir auch keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn von allem. Mir kommt es vor als sei das Leben mir gegenüber ganz und gar achtlos. Es macht mir zwar immer wieder Geschenke, aber nur, um sie mir bald schon wieder zu entreißen. Es stattet mich zwar großzügig aus mit Gesundheit; einer unfassbar bunten und vielgestaltigen Umgebung; auch mit noch durchaus jugendlich zu nennendem Tatendrang; und Menschen, die ich recht lieb haben kann – und die auch mich lieben; aber dann, früher oder später... nimmt es mir jäh und je alles wieder weg. Da frage ich mich: »Wer hat mich in das Ganze hineinbetrogen, und lässt mich nun dastehen? Wer bin ich? Wie bin ich in diese Welt hineingekommen; warum hat man mich nicht vorher gefragt, warum hat man mich nicht erst bekannt gemacht mit Sitten und Gewohnheiten, sondern hineingestukt in Reih und Glied als wäre ich gekauft von einem Menschenhändler? Wie bin ich Teilhaber geworden in dem großen Unternehmen, das man Wirklichkeit nennt? Gibt es einen verantwortlichen Leiter?«[1]

„Wozu das Alles?“ sagte Friedrich – mit einem verblüfftem Grinsen im Gesicht das fast so breit war wie sein kolossaler Schnurrbart.

„Ja Friedrich – Wozu das Alles?“ wiederholte Sören, nicht ohne Selbstironie und doch mit der aufwallenden Lust mit dieser Welt, in die er sich hineingeworfen fühlte, endlich abzurechnen. „Dieses frustrierende Miststück kann mir gestohlen bleiben! Und ja – dann muss es sich auch nicht wundern, wenn ich seine Geschenke ausschlage und mich von ihr abwende. Ich bin ja schließlich nicht von ihr abhängig!“ – brach es schallend aus ihm heraus, indem ihm immer klarer wurde, dass es etwas in ihm gab das diesen Unsinn, den er da abließ, tatsächlich für wahr hielt.

Angestachelt durch Friedrichs dionysischen Applaus redete sich Sören förmlich in Rage. „Ich habe schließlich ganz andere Optionen… Ich habe mich schon längst in eine ganz andere und viel bessere Welt verliebt... eine, die richtig sexy ist... die meine Bedürfnisse nicht ignoriert, sondern die sofort und überschwänglich alle meine Nöte erkennt und besänftigt... und darum spucke ich dieser diesseitigen Welt, die mich immerzu so schlecht behandelt und mich regelmäßig mit einem Gefühl des Mangels zurücklässt vor die Füße... und wende mich einer viel Besseren zu... einem richtig geilen, prallen und ewigem Leben, indem alle meine Wünsche schön gestillt werden und nichts mehr einfach gegen meinen Willen zu Ende geht. Dort werden dann alle meine Ansprüche tipptopp befriedigt. Ha – das ist Leben! Und dieses klägliche Diesseits hier wird dann schön enttäuscht sein, wenn ich mich von ihm ab- und meiner neuen und viel besseren und mit allen Vorzügen ausgestatteten perfekten Hinterwelt zuwende; dann endlich weiß sie wie es sich anfühlt ständig frustriert, enttäuscht, verletzt und zurückgelassen zu werden. Das wird mein Triumph, Mann! – sagte Sören, nun voll in Fahrt geraten und kriegte sich über seine unverkennbar durchgeknallten Vorstellungen fast nicht mehr ein; aber nicht weil ihm das so schräg vorkam, sondern weil er das Gefühl hatte endlich einmal einer verqueren Vorstellung Luft machen zu können, die tief und verborgen in seiner Seele wohnt. 

Friedrich hatte längst damit aufgehört sich die Brösel aus seinem Bart zu zupfen und in schwungvollen Bögen durch die Küche zu schnipsen. Vielmehr hatte er Freude an Störens erfrischenden Bekenntnissen. Er lachte und lachte und konnte nicht aufhören zu lachen – so sehr lachte er, bis es ihm Tränen in die Augen trieb... ohne zu wissen, ob ihm die Tränen aus Heiterkeit oder Pein in die Augen stiegen. Klar war ihm nur, dass Sören sich selbst und insgeheim auch ihm die Maske des klugen Philosophen vom Gesicht riss... und dadurch etwas entlarvte, was hinter dieser Maske verborgen  lag – nämlich ein trotziges, tieftrauriges und schutzbedürftiges kleines Kind, das um Halt, Geborgenheit und liebende Fürsorge flehte. Diese Entlarvung war beiden zwar äusserst peinlich und unangenehm, aber sie fühlten sich dadurch auch erleichtert und befreit, endlich auf so eine unzensierte Weise offen und ehrlich miteinander sein zu können. Das fühlte sich gut an. Sie konnten sich einander in ihren verborgensten Seiten zeigen; sie spürten, wie sie sich gegenseitig darin erkannten und einander nicht verurteilen. In dieser aufrichtigen Nähe und Verbundenheit fühlten sie sich gut aufgehoben. Es macht glücklich miteinander ehrlich sein zu dürfen, dachten sie sich. 
 
„Aber genau so ist Leben“ sagte Friedrich schließlich, nachdem auch er sich wieder gefangen hatte und  in der Lage war tief durchzuatmen. „Laufend vergeht, zerfällt und verändert sich Alles. Ein dauerndes Entstehen und auch wieder zu Grunde gehen. Ich sehe darin keinen ewig bleibenden Hort der immerwährende Sicherheit garantiert. Ich erkenne auch nirgends einen Fixpunkt, an dem dieser Strom einmal sein Ende finden könnte. Auch sehe ich in diesen Bewegungen durch die Weltgeschichte kein sinnstiftendes finales Ziel. Heute ist, was gestern noch nicht war und Morgen einmal gewesen sein wird... ein ewiger Fluss, der jeden Augenblick neu macht und nie Dagewesenes zeitigt, aber vielleicht ist es ja genau das – das eigentliche Wesen des Lebens – Entstehen und Vergehen! Leben und Tod! Beides ereignet sich genau jetzt, in diesem Moment. Dieser Augenblick ist immer da... und immer auch schon im Verschwinden begriffen. Stillstand wäre Tod, Wandel hingegen bedeutet Leben. Vielleicht gibt es ja gar kein anderes Leben als genau dieses allgegenwärtige und ewige Werden der Natur... ganz langsam oder blitzschnell – aber immerzu alles verändernd.“

„Und warum sollte das Leben mit dieser fortwährenden Creatio irgendwann einmal damit aufhören Neues hervorzubringen? Könnte das nicht die Frage eines klugen Hasen sein? Kann dieser ewige Fluss des Lebens jemals zu einem Ende kommen – denn wie sollte das geschehen? Die Zeit hält doch unaufhörlich alles in Bewegung. Es bleibt nichts stehen. In jedem Augenblick geschieht Wandel und ereignet sich Neues... und ist das Leben nicht ebengerade dadurch, durch diesen endlos sich vollziehenden schöpferischen Akt erst eigentlich göttlich, zeigt sich das göttliche Wesen des Lebens nicht ebengerade in dieser Allgegenwart, in der in jedem Augenblick nie Dagewesenes neu zur Welt kommt? ...und müssten wir dann nicht, um gut zu leben und Gott wirklich zu lieben, nicht erst JA sagen lernen zu diesem Leben, so wie es ist... ohne Abzug... also das Entstehen und Zugrundegehen vollends akzeptieren und lieben lernen?!“

„Paradoxerweise wäre ja dann ausgerechnet der Tod – also das Vergehen – der eigentliche Garant für Lebendigkeit und Kreativität, weil durch das dauernde Werden der Natur jede Starrheit und jeder Stillstand aufgebrochen wird... und erst durch jene Risse und Brüche in unserer Existenz kann uns wieder Neues und Unvorhergesehenes ein- und zufallen. 

Sogar Sterne prallen aufeinander – und es entstehen neue Welten. So ist das Leben!

Der Tod wäre –  so betrachtet – nicht das Gegenteil des Lebens, sondern vielmehr und viel richtiger das eigentliche Urgesetz allen Lebendigseins!“

„Bravo, Bravo – jubelte Sören! Denn wenn das Leben tatsächlich Werden ist, dann ist auch der Tod – als dessen Grundzug – kein endgültiges und final abgeschlossenes Faktum mehr. Denn das Werden nimmt kein Ende und setzt alles fort – wie könnte es auch anders sein? Kann die Zeit etwa stehen bleiben? Gibt es irgendwo einen Schalter, der das große Getriebe, das wir Leben nennen, zum Stillstand bringt?“

„Wohl kaum! Es gibt gar kein Ende – sondern nur Übergänge zu Neuem!“

„Und ist unser Leben durch diese dauernde Öffnung dann nicht auch durch und durch poetisch angelegt? Denn wenn das Leben Werden ist, dann gibt es darin kein auf ewig begrenztes und abgeschlossenes Ding; dann bleibt sogar unsere Vergangenheit grundsätzlich offen und unabgeschlossen... und kann in dieser Offenheit neu erzählt, wiederholt, verändert und gestaltet werden… und so kann selbst die Vergangenheit durch neue Erfahrungen und neue Erkenntnisse und neue Perspektiven in eine gänzlich neue und sinnstiftende Geschichte umerzählt und verwandelt werden. Dieses dauernd aufbrechende Entstehen und Vergehen eröffnet die Freiheit uns immerzu neu zu erfinden!“

„Das Zu- und Einlassen jener dauernden und unkalkulierbaren Öffnung des Lebens müsste dann als notwendiges Vorspiel eines gelingenden Lebens betrachtet werden – um in Übereinstimmung mit der Realität des ewigen Werdens zu Leben und nicht an ihr vorbei.“

„Das wäre eine lustvolle Annäherung an das Leben... und ein notwendiges Vorspiel, um sich mit dem Leben vermählen zu können... um mit ihm eins werden zu können... ganz in es einzudringen... und sich von dieser Welt und diesem Leben penetrieren lassen und darin aufzugehen...“

„Und fühle ich mich nicht um so lebendiger je näher ich dem Tode komme? Denn je riskanter ich lebe desto vitaler fühle ich mich... wäre ebendieser Akt des leidenschaftlichen und hingebungsvollen Einlassens nicht wie ein kleiner Tod... in dem ich auf- oder untergehe… Klimax?“



[1] Kierkegaard: Die Wiederholung / Drei erbauliche Reden. 1843