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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Mittwoch, 21. Juni 2017

Psychopathologisch: Seenot in der Flaute






Sie erinnert sich...

Geschockt sitzen sie in der Runde und schauen gebannt die dürre, kleine, mittelalterliche Frau an. Sie hat sich vorgestellt und kommt nun zu dem Teil, wo sie erklärt, warum sie hier ist. Nüchtern, ja schlicht emotionslos berichtet sie von ihrem Nahtoderlebnis, bzw. von dem, woran sie sich davon noch erinnern kann. Sie berichtet, als sei das Geschehene bei ihr gar noch nicht, oder überhaupt nicht, angekommen. Genauso inadäquat ist die Reaktion der Zuhörenden darauf: perplex, erschüttert, aber nicht wachgerüttelt, nicht bekehrt, weiter einsichtslos. Die Mutter zweier jugendlicher Töchter wirkt hart, kantig, stur, doch spürt man auch eine grosse Sensibilität, Verletzbarkeit und Traurigkeit. Körperlich sieht man ihr Schwäche an, doch mental umgibt sie eine Aura der Stärke und Kompromisslosigkeit. Intensivstation, die Ausschöpfung der spitzenmedizinischen Leistungen fürs Überleben - was, wenn nicht das, soll der beste Motivator für eine Änderung, eine Kehrtwendung sein? Was, wenn nicht das, ist das beste Zeichen dafür, dass man sich auf dem Holzweg befindet und schleunigst umdrehen sollte? Anfänglich war sie überzeugt, dass diese Frau den stärksten Ansporn von allen aus der Gruppe hatte, den beschwerlichen, aber doch in die rettende Gesundheit führenden Weg zurück zu gehen. Sie hatte sich getäuscht: dieses neue Gruppenmitglied stellte sich quer, konnte dies nicht, befolgte jenen Rat nicht. Sie versuchte, sagte sie, sie gäbe ihr Bestes, beteuerte sie, aber sie gestand auch ihre Ambivalenz ein. Wie kann man nach so einer Erfahrung noch ambivalent sein?

 

Sie wird geschüttelt…

Bereits beim Öffnen der Nachricht macht sich Unbehagen in ihr breit. „Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen der Mitmenschen.“ Die böse Vorahnung bewahrheitet sich. „Traurig, jedoch mit vielen Erinnerungen und schönen Erlebnissen nehmen wir Abschied…“ Sie schluckt leer. „…kämpfte tapfer und immer hoffnungsvoll. Wir danken für alles, was sie uns gegeben hat…“ Ihr Kopf ist leer. Eine zweite Chance bekommen wohl die meisten, aber dabei scheint es dann zu bleiben. Eine dritte hat sie jedenfalls nicht gekriegt. Der Weckruf durch die Intensivstation damals war wohl nicht ausreichend. Doch statt darüber zu urteilen sieht sie die vielen Parallelen zu ihr selbst. Auch sie hatte doch doch die eine oder andere einschneidende Erfahrung gemacht, die sie hätte bekehren sollen. Diese hier gehört - genau genommen - eigentlich doch auch dazu! Wie viel muss noch passieren?  

 

Sie denkt nach…

„Gekämpft?“, „Gegeben?“ Aufgegeben wohl eher und genommen – Lebensqualität und Kraft der Freunde und Familie – dies ihr erstes Urteil…Doch halt: Wäre dies auch ihre Ansicht hätte es sich um eine Krebserkrankung gehandelt, der die Patientin schlussendlich erlegen wäre? Nein, Mitleid und Respekt hätte sie gespürt: Mitleid mit den Hinterbliebenen, Respekt für das tapfere Durchstehen/Annehmen der Krankheit. Ist ihre Verurteilung gegenüber allen Betroffenen trotzdem gerechtfertigt? Sind sie diejenigen, welche die Segel hissen müssen, um den Wind, der ihnen von allen Seiten vehement zugeblasen wird zum Vorwärtskommen auch nutzen zu können? Oder haben sie die Genesung/das Sterben genauso wenig in der Hand wie ein Krebskranker? Falls sie der Maat auf meinem kleinen Boot ist, was soll denn alles noch passieren, bis sie endlich ihre Segel setzt? Falls sie das Boot ist, kann jemand mal den Maat wecken?

 

Wind ohne Segel … Flaute, aber trotzdem Seenot


Freitag, 16. Juni 2017

entscheidungssünde

es gibt ein büchlein, das die geschichte unsrer geburt erzählt.

da gab es einen garten, prachtvoll und wunderbar, heisst es, mit prachtvollen bäumen, saftig grünen pflanzen und sträuchern, leuchtenden blüten und honigsüssen früchten.
es war frieden, und für tier und mensch war reichlich da. 

in des gartens mitte wuchsen zwei bäume, deren früchte ganz besonders leuchteten. diese zu essen war das einz'ge verbot, das in dem paradiesischen garten herrschte. 

als nun eines tages der mensch,wie gewohnt durch den garten streifte, um sich von den früchten zu sättigen, traf es auf ein reptil, das sagte: 
"iss doch die früchte des prachtvollsten baumes, die schmecken am saftigsten". 

der mensch war verwirrt, und fragte: "aber es ist doch verboten, denn sonst muss ich sterben"
und das reptil rief: 
"was! bestimmt nicht - erkennen wirst du! gewiss nimm nur davon, und du wirst sehen können."

zögerlich war der mensch, wo doch der gärtnermeister ausdrücklich warnung sprach. und doch waren die früchte so prächtig, und der mensch verstand ohnehin die gebote des meisters nicht. sterben, was war das für ein wort? ehrlicherweise war sich der mensch nicht mal sicher, was ein verbot denn wirklich sei. so griff er zu einer leuchtend gelbrötlichen frucht in herzensform, trug ihn mit sich zu seinem ebenbürtigen gespan, und beide teilten sie des verbotnen baumes frucht.

verscheucht und verjagt wurden die menschen vom gärtner, weil sie vom baume der erkenntnis assen. wie aber hätte der mensch sich anders entscheiden können, wo er doch bis dahin nicht wusste, was gut, was böse war? wie hätte er wissen sollen, dass eine entscheidung falsch oder richtig, gut oder schlecht sein kann, solange ihm die augen verschlossen waren? kann man überhaupt entscheiden, ohne zu wissen? wäre dies nicht nur ein blosses tun?

ist dies nicht vielleicht die schönste entscheidung, die einst nicht entschieden wurde?
würden wir uns alle ja sonst diese geschichte nicht erzählen...




Sonntag, 14. Mai 2017

Im Rad



Das Bäumchen traute seinen Wurzeln nicht, als es die wohlbekannten Schritte wahrnahm. War es möglich? Kam da der Gärtner zurück?


Es war noch nicht allzu lange her, da hatten sich die zwei nämlich im gemeinsamen Einvernehmen getrennt. Das Bäumchen hatte nämlich jegliches Gedeihen verweigert und der Gärtner konnte das einfach nicht verstehen. Anfänglich hatte er noch alles daran gesetzt, das Bäumchen zum Wachsen zu bringen: hatte ihm liebevoll und ermunternd zugeredet, hatte ihm zornig gedroht und es verzweifelt beleidigt. Sie hatten Abmachungen vereinbart, die das Bäumchen jedoch niemals einhielt. Im Laufe der Zeit hatte dann auch der Gärtner erkannt, dass jegliche wohlgemeinten Ratschläge und sämtliches liebevolles Zusprechen in den Wind geschlagen wurden - hoffnungslos hatte er resigniert. Das Zusammensein hatte beide mehr frustriert, als das Alleinsein traurig gemacht.


Natürlich konnte das Bäumchen den gutmütigen Gärtner bisher nicht ganz vergessen: solch treue Zuneigung war ihm nur selten begegnet. Es tat ihm leid, dass es den Gärtner verletzt und vertrieben hatte. Niemals hätte es gedacht, dass der ehemalige Freund je zurückkehren würde.


Doch da waren sie, die Schritte, der Duft, die Aura...und dann stand er wahrhaftig da: der Gärtner. Liebevoll und vergebend streichelte er das Bäumchen und meinte:


"Ich habe dich einfach nicht aufgeben können und jetzt werde ich alles unternehmen, dass du wächst und mir erhalten bleibst. Und auch wenn du das nicht tust, ich bleibe trotzdem und sei es nur, um dich mit eigenen Händen vergraben zu können. Und dass du verkümmerst nicht allein. Du kannst machen was du willst, dieses Mal lasse ich mich nicht mehr vertreiben. Ich will nicht mehr ohne dich!"


Im ersten Moment war das Bäumchen sprachlos. Diese neue Bestimmtheit kannte es nicht vom Gärtner überhaupt nicht. Aber dieser neue Plan passte ihm so gar nicht: Mittlerweile hatte es nämlich den Entschluss gefasst alleine, still, möglichst unbemerkt und rasch einzugehen. Zu aufreibend war das ewige Hin und Her, das Ringen mit sich selbst ob nun Wachstum oder Verfall - einmal erschien ihm das Gedeihen verheissungsvoll, mal war es das Verkümmern. Dieses innere zermürbende Zerwürfnis hatte das Bäumchen kürzlich ein für alle Mal beenden wollen: Es hatte sich aus einer Laune heraus für das Verwelken und Verdorren entschieden. Und prinzipientreu wie es war, wollte es nun unbedingt bei diesem entlastenden Entscheid bleiben. Doch nun kam der Gärtner und wollte ihm mit aller Vehemenz einen Strich durch die Rechnung machen? Das Bäumchen machte dem Gärtner klar, dass es definitiv nicht wachsen werde und den Weg des Zerfalls auch alleine machen wolle, um so wenig zu verletzen und Schaden anzurichten wie möglich. Aber der Gärtner blieb hartnäckig und setzte sich demonstrativ neben das Bäumchen. "Ich werde hier bleiben und wir werden unsere gemeinsame Zeit geniessen. Ich erwarte nichts und fordere nichts, ausser, dass du mich bei dir sein lässt."


Damit war das innere Zerwürfnis neu entflammt: Alleine verkümmern konnte es nun nicht mehr. Wollte es das denn überhaupt? Könnte das Leben als grosser Baum nicht sogar schöner sein? Hin und her, her und hin, hin und her... Wieder musste die Entscheidung gefällt werden, die das Bäumchen doch bereits gemeint und gehofft hatte  getroffen zu haben. Aber jetzt erschien ihm wieder alles anders und doch so gleich. Der Gärtner hatte sich eigentlich nicht verändert und doch war da eine neue Entschlossenheit in ihm zu spüren, die das Bäumchen nicht kannte…War das der Beginn einer neuen Geschichte oder bloss das Ende? Wachstum oder Verfall? Hoffnung oder Resignation? Entscheiden, entscheiden, entscheiden…