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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Sonntag, 14. Juni 2015

Die Prüfung

Die Sonne wärmte mich so kräftig, dass ich mir einen Schattenplatz suchte und meine nackten Füße unter den kühlenden Kieseln vergrub. „Löcher in die Luft gucken und nichts tun – ich mag das.“

„Das Gemurmel der Leute und das Rennen und Rufen der Kinder, die kreuz und quer durch den Gastgarten laufen – all das tönte in meinen Ohren wie das Rauschen eines geschwätzigen Bächleins, das fröhlich vor sich hin plätschert."

Als ich meinen Blick über dieses quirlige Gastgartengemurmel und die vielen Leute schweifen ließ, blieb er unvermittelt an einem dunklen Rossschweif hängen und konnte sich nicht mehr fortbewegen. Es waren lange Haare, die wie feine Seide in der Sonne glänzten. „Sie ist unfassbar schön“ – sagte ich zu mir selbst. Und da es mir nicht so vorkam als hätte ich eine andere Wahl, stand ich ohne zu zögern auf und ging direkt zu ihr hin – ganz entgegen meiner Gewohnheit und ohne einen einzigen abwägenden Gedanken.

„Aus der Nähe betrachtet bist du noch schöner“ – hörte ich mich sagen, als ich bereits vor ihr stand.

„Setz dich zu mir!“ entgegnete sie überrascht und mit einem einladenden Lächeln, das ihre feinen Lippen umspielte.

Dann fing sie an Dinge zu erzählen und zu fragen, die ich nicht verstand und mich verwirrt machten. Schon bald bedauerte ich mein beherztes Vorgehen und so machte ich mich daran wieder aufzustehen, um zu gehen.

„Warum willst du fortlaufen? Bleib noch einen Moment! Ich lade dich ein.“ Also blieb ich noch einen Moment und sie lud mich ein. Sie hörte jedoch nicht damit auf mir weitere wirre Dinge zu erzählen – und das ließ mich noch mehr zweifeln.

Ich sagte deshalb: „Vielleicht reut es dich jetzt, dass du mich eingeladen hast, aber ich habe nicht den Eindruck, dass wir uns gut verstehen, weil ich nicht weiß wovon du redest. “ Und während ich das sprach, machte ich mich abermals daran aufzustehen. Aber bevor ich weiterreden und vollends aufstehen konnte, langte sie mit ihrer schlanken Hand quer über den Tisch und griff mit herzlichem Druck nach der Meinen: „Bleib“, sagte sie, „das war ja nur eine Prüfung. Wer nicht versteht, der hat die Prüfung bestanden.“

Samstag, 30. Mai 2015

Elefant


Meine liebe Ana,

nun bin ich ganz am anderen Ort und in der anderen Person angekommen. Es ist erstaunlich, je mehr ich jener Andere bin, desto mehr habe ich bisweilen das Gefühl ich selbst zu sein – ist das nicht paradox?

Mir fällt erst hier auf, dass es in meinem Alltag kaum Zufälle und Überraschungen gibt. Hier hingegen, außerhalb der gewohnten Bahnungen, fällt mir laufend etwas Neues und Unerwartetes zu. Durch diesen Aufbruch scheint etwas in Bewegung zu geraten. Vielleicht braucht das Glück dieses Gelücke… diese Aufbrüche und Zufälle? Es kann dadurch eine Vitalität, Wachheit und Ruhe zu Tage treten, die sonst zugedeckt bleibt unter allzu alltäglichen Gewohnheiten, Verantwortungen und Verpflichtungen.

Meine Arbeitstage und -Wochen sind durchgeplant und durchgetaktet. Effizient, schnell und produktiv; auf Zielvorgaben gerichtet, ergebnisorientiert. Aber: je mehr Zeit ich dadurch einspare, desto weniger Zeit scheine ich zu haben. Und in der Freizeit? Zerstreuung bis zum Abwinken! Manchmal glaube ich unsere Zivilisation und Arbeitswelt macht uns alle verrückt. Und meine Rolle darin? Vielleicht bin ich im Wesentlichen darum bemüht, diejenigen nicht zu enttäuschen, die erwarten, dass ich bin, der ich schon immer gewesen war?

Wie auch immer – das Experiment mit dem Reisepseudonym war aus diesem Grund, so glaube ich, gar keine schlechte Idee, weil es mir hilft einen inneren Abstand herzustellen. Mir ist als wenn da etwas aufbricht… vielleicht jenes selbstgewisse Verharren auf einer bestimmten Auffassung von mir selbst.

Ich bin mir noch nicht sicher was da passiert, aber es kommt etwas ins fließen… Es wird spielerischer… tänzerischer… nimmt sich selbst nicht mehr so ernst. Vielleicht erkennt dieses Ich, dass es auch anders sein kann. Vielleicht gibt es ja gar kein für allemal festgelegtes Ego; keinen fixen Kern einer Persönlichkeit; kein in diesem Sinne „wahres Selbst“, das zu erkennen wir aufgerufen sind.

Vielleicht verhält sich alles ganz anders  und ich habe die Möglichkeit, wenn ich nicht mehr etwas Bestimmtes sein muss, ja dass ich dann alles Mögliche werden kann? Vielleicht. Wenn mich jemand nach der Wahrheit des Selbst fragt, dann weiß ich es nicht; aber wenn dieses Fließen da ist, dann weiß ich es... dann fühlt es sich ganz natürlich, unmittelbar und stark an – so als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre, sich selbstvergessen in der Welt ganz selbstgewiss aufgehoben zu fühlen.

Ich weiß jedoch auch, dass die Klarheit dieser Wahrnehmung nur sehr selten im Wolkenmeer meines Alltags aufscheint. Jetzt aber ist es da. Es ist weich, weit, offen, lebendig und kraftvoll. Ist das Freiheit? bin das Ich? Wenn ja, dann ist es keine Freiheit des Ich, sondern vielmehr Freiheit vom Ich… oder besser – das frei sein vom krampfhaften Festhalten an jenem kleinen privaten Ego, das sich ängstlich an seine Vorstellungen, Wünsche und Meinungen klammert, um sich ja nicht zu verlieren.

Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir immer wieder dieser Elefant in den Sinn. Denn hier in der Nachbarschaft gibt es eine Familie, die einen Elefanten im Garten stehen hat. Es ist ein Arbeitselefant – ein mächtiges Tier. Die schwersten Lasten kann er scheinbar mühelos ziehen oder tragen oder stoßen. Und falls er einmal nicht gut zieht oder trägt oder stößt, dann bekommt er eins mit dem Stock – bisweilen sogar mit einem eisernen Haken. Das passiert aber nur sehr selten. Meistens tut dieses große gefügige Tier treu und brav alles, was es tun muss. Am Abend wird der müde Elefant dann in den Garten vor dem Haus geführt und an seinen Pflock gebunden. Dieser Pflock ist so lächerlich klein, dass ihn der Elefant mit Leichtigkeit herausreißen könnte. Ich stelle mir vor, dass er dann in die Wälder verschwindet, um mit all den wilden Elefanten – von denen es hier eine Menge gibt – durch das weite Land zu streifen. Von Zeit zu Zeit würde er aber wieder am Seeufer auftauchen, um sich mit den anderen Elefanten im Schlamm zu suhlen, zu baden, zu tränken und ausgelassen mit Wasser zu bespritzen.

Die Leute haben den Elefanten schon seit dem er noch ein Babyelefant war. Damals konnte er sich unmöglich von seinem Pflock befreien. Er war noch zu klein. Bestimmt hat er es unzählige Male versucht. Ich denke er hat sich schon früh daran gewöhnt, dass er es gewiss nicht schaffen kann, sich zu befreien. Dabei wäre es für ihn nur ein kleiner Schritt zur Freiheit.

Vielleicht, so frage ich mich, ist genau das der Grund, warum mir dieses brave Tier so seltsam vertraut vorkommt...

In diesem Sinne, meine liebe Ana, bin ich froh über diese Reise und auch darüber bald wieder bei Dir zu sein – und glücklich das zarte Band zu spüren, das uns verbindet...

F.

Montag, 25. Mai 2015

Selbstfindung

Es ging einst ein glücklicher Mann, der Felix hiess, durch die Welt. Er machte sich auf die Reise, um sich selbst zu finden. Er trat vor seine Frau und seine Kinder und sprach: „Meine Liebsten, ich muss euch leider für eine Weile verlassen, um mich selbst zu finden.“
Seine Familie verstand ihn nicht und blickte ihn fragend an. „Wie meinst du das, Liebster?“ fragte schliesslich seine Frau. „Was willst du da denn finden? Ich kann dir sagen, wer du bist: Du bist der liebevollste Vater und Ehemann, den ich mir vorstellen kann. Geduldig, treu und verlässlich. Was mehr willst du finden? Geh nicht!“
Als Felix keine Antwort wusste, küsste er seine Familie zum Abschied und ging.
Dann ging er zu seinem Meister und sprach erneut: „Mein Meister, ich muss Euch leider für eine Weile verlassen, um mich selbst zu finden.“
Wiederum stiess er nur auf Verwirrung und Unverständnis: „Was glaubt Ihr denn zu finden? Ich sage euch, wer Ihr seid: Ihr seid der beste Arbeiter, den ich habe. Aufmerksam, kollegial und präzise. Was mehr wollt Ihr finden? Geht nicht!“
Auch dieses Mal fiel ihm keine Antwort ein und er verabschiedete sich mit einem festen Händedruck.
Dann ging er zu seinem besten Freund und sprach: „Mein lieber Freund, ich muss dich leider für eine Weile verlassen, um mich selbst zu finden.“
„Du armer Tor! Welcher Teufel hat dich nun wieder geritten? Ich sag dir, wer du bist: Du bist der loyalste Freund, den es gibt. Hilfsbereit, humorvoll und schlau. Was mehr willst du finden? Geh nicht!“
Zuletzt ging Felix zu seinem Erzfeind und sprach auch da: „Ich werde für eine Weile fortgehen, um mich selbst zu finden. Ich warne dich, solltest du meinen Liebsten zu nahe kommen…!“
„Was willst du da draussen finden?“ spottete sein Feind. „Ich sage dir, was du bist: Du bist das Letzte. Feige, treulos und simpel. Aber nur zu! Geh hinfort! Auf dass du dich zum Besseren wendest!“
So zog Felix von dannen und liess Familie, Arbeit, Freunde und sogar Feinde hinter sich zurück. Er zog über Berg und Tal, Wald und Wiesen, durch Wind und Wetter. Schliesslich gelangte er ans Ende der Welt und traf dort auf den Teufel. Dieser blickte Felix mitleidig an und fragte: „Was bist denn du für ein armer Tropf?“ Der Reisende wollte antworten, doch ihm fiel sein Name nicht mehr ein. „Lass mich in deine Seele sehen, um zu entscheiden, ob sich die Mühe für dieses Häufchen Elend lohnt.“ Dann griff der Teufel in des Reisenden Brust und holte sein Herz heraus. Er blickte tief hinein und stellte enttäuscht fest: „Du bist ja gar nichts! Du hast weder Familie, noch Arbeit, noch Freunde, ja nicht einmal Feinde hast du! Du bist eine erbärmliche Hülle ohne Inhalt, ohne Namen!“ Damit verfiel er in ein dröhnendes Lachen und liess das arme Herz über den Rand der Welt fallen, wo es in den ewig lodernden Höllenfeuern verbrannte.
Mit blutender Brust fiel der Suchende auf die Knie und weinte. Er war gegangen, sich selbst zu finden, hatte die ganze Erde dabei bereist und hatte stattdessen alles verloren. Verzweifelt legte sich der Elende zum sterben. Da erschien Gott vor ihm und fragte ihn: „Was bist denn du für ein armer Tropf?“ Der Sterbende hatte keine Kraft mehr zu antworten. „Lass mich hinter dich blicken, um zu sehen, wer du bist.“ Erstaunt sah der Todgeweihte hinter sich und erblickte einen langen, erleuchteten Pfad, der sich in weiten Mäandern über die ganze Erde wand. Von ihm stiegen überall farbige Lichter auf. An manchen Orten dichter als an anderen.
Und Gott sprach: „Jedes dieser Lichter ist ein Gedanke an dich. Es sind Gedanken jeder Art, liebevoll, wie auch feindselig. Ohne dich gäbe es all diese Gedanken nicht. Wie viel dunkler wäre die Welt!“
So konnte Felix glücklich sterben – und sein Pfad leuchtete noch lange weiter.