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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Montag, 25. Mai 2015

Selbstfindung

Es ging einst ein glücklicher Mann, der Felix hiess, durch die Welt. Er machte sich auf die Reise, um sich selbst zu finden. Er trat vor seine Frau und seine Kinder und sprach: „Meine Liebsten, ich muss euch leider für eine Weile verlassen, um mich selbst zu finden.“
Seine Familie verstand ihn nicht und blickte ihn fragend an. „Wie meinst du das, Liebster?“ fragte schliesslich seine Frau. „Was willst du da denn finden? Ich kann dir sagen, wer du bist: Du bist der liebevollste Vater und Ehemann, den ich mir vorstellen kann. Geduldig, treu und verlässlich. Was mehr willst du finden? Geh nicht!“
Als Felix keine Antwort wusste, küsste er seine Familie zum Abschied und ging.
Dann ging er zu seinem Meister und sprach erneut: „Mein Meister, ich muss Euch leider für eine Weile verlassen, um mich selbst zu finden.“
Wiederum stiess er nur auf Verwirrung und Unverständnis: „Was glaubt Ihr denn zu finden? Ich sage euch, wer Ihr seid: Ihr seid der beste Arbeiter, den ich habe. Aufmerksam, kollegial und präzise. Was mehr wollt Ihr finden? Geht nicht!“
Auch dieses Mal fiel ihm keine Antwort ein und er verabschiedete sich mit einem festen Händedruck.
Dann ging er zu seinem besten Freund und sprach: „Mein lieber Freund, ich muss dich leider für eine Weile verlassen, um mich selbst zu finden.“
„Du armer Tor! Welcher Teufel hat dich nun wieder geritten? Ich sag dir, wer du bist: Du bist der loyalste Freund, den es gibt. Hilfsbereit, humorvoll und schlau. Was mehr willst du finden? Geh nicht!“
Zuletzt ging Felix zu seinem Erzfeind und sprach auch da: „Ich werde für eine Weile fortgehen, um mich selbst zu finden. Ich warne dich, solltest du meinen Liebsten zu nahe kommen…!“
„Was willst du da draussen finden?“ spottete sein Feind. „Ich sage dir, was du bist: Du bist das Letzte. Feige, treulos und simpel. Aber nur zu! Geh hinfort! Auf dass du dich zum Besseren wendest!“
So zog Felix von dannen und liess Familie, Arbeit, Freunde und sogar Feinde hinter sich zurück. Er zog über Berg und Tal, Wald und Wiesen, durch Wind und Wetter. Schliesslich gelangte er ans Ende der Welt und traf dort auf den Teufel. Dieser blickte Felix mitleidig an und fragte: „Was bist denn du für ein armer Tropf?“ Der Reisende wollte antworten, doch ihm fiel sein Name nicht mehr ein. „Lass mich in deine Seele sehen, um zu entscheiden, ob sich die Mühe für dieses Häufchen Elend lohnt.“ Dann griff der Teufel in des Reisenden Brust und holte sein Herz heraus. Er blickte tief hinein und stellte enttäuscht fest: „Du bist ja gar nichts! Du hast weder Familie, noch Arbeit, noch Freunde, ja nicht einmal Feinde hast du! Du bist eine erbärmliche Hülle ohne Inhalt, ohne Namen!“ Damit verfiel er in ein dröhnendes Lachen und liess das arme Herz über den Rand der Welt fallen, wo es in den ewig lodernden Höllenfeuern verbrannte.
Mit blutender Brust fiel der Suchende auf die Knie und weinte. Er war gegangen, sich selbst zu finden, hatte die ganze Erde dabei bereist und hatte stattdessen alles verloren. Verzweifelt legte sich der Elende zum sterben. Da erschien Gott vor ihm und fragte ihn: „Was bist denn du für ein armer Tropf?“ Der Sterbende hatte keine Kraft mehr zu antworten. „Lass mich hinter dich blicken, um zu sehen, wer du bist.“ Erstaunt sah der Todgeweihte hinter sich und erblickte einen langen, erleuchteten Pfad, der sich in weiten Mäandern über die ganze Erde wand. Von ihm stiegen überall farbige Lichter auf. An manchen Orten dichter als an anderen.
Und Gott sprach: „Jedes dieser Lichter ist ein Gedanke an dich. Es sind Gedanken jeder Art, liebevoll, wie auch feindselig. Ohne dich gäbe es all diese Gedanken nicht. Wie viel dunkler wäre die Welt!“
So konnte Felix glücklich sterben – und sein Pfad leuchtete noch lange weiter.

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