Es ging einst
ein glücklicher Mann, der Felix hiess, durch die Welt. Er machte sich auf die
Reise, um sich selbst zu finden. Er trat vor seine Frau und seine Kinder und
sprach: „Meine Liebsten, ich muss euch leider für eine Weile verlassen, um mich
selbst zu finden.“
Seine Familie
verstand ihn nicht und blickte ihn fragend an. „Wie meinst du das, Liebster?“
fragte schliesslich seine Frau. „Was willst du da denn finden? Ich kann dir
sagen, wer du bist: Du bist der liebevollste Vater und Ehemann, den ich mir
vorstellen kann. Geduldig, treu und verlässlich. Was mehr willst du finden? Geh
nicht!“
Als Felix
keine Antwort wusste, küsste er seine Familie zum Abschied und ging.
Dann ging er
zu seinem Meister und sprach erneut: „Mein Meister, ich muss Euch leider für
eine Weile verlassen, um mich selbst zu finden.“
Wiederum
stiess er nur auf Verwirrung und Unverständnis: „Was glaubt Ihr denn zu finden?
Ich sage euch, wer Ihr seid: Ihr seid der beste Arbeiter, den ich habe.
Aufmerksam, kollegial und präzise. Was mehr wollt Ihr finden? Geht nicht!“
Auch dieses Mal
fiel ihm keine Antwort ein und er verabschiedete sich mit einem festen
Händedruck.
Dann ging er
zu seinem besten Freund und sprach: „Mein lieber Freund, ich muss dich leider
für eine Weile verlassen, um mich selbst zu finden.“
„Du armer Tor!
Welcher Teufel hat dich nun wieder geritten? Ich sag dir, wer du bist: Du bist
der loyalste Freund, den es gibt. Hilfsbereit, humorvoll und schlau. Was mehr
willst du finden? Geh nicht!“
Zuletzt ging
Felix zu seinem Erzfeind und sprach auch da: „Ich werde für eine Weile
fortgehen, um mich selbst zu finden. Ich warne dich, solltest du meinen
Liebsten zu nahe kommen…!“
„Was willst du
da draussen finden?“ spottete sein Feind. „Ich sage dir, was du bist: Du bist das
Letzte. Feige, treulos und simpel. Aber nur zu! Geh hinfort! Auf dass du dich
zum Besseren wendest!“
So zog Felix von
dannen und liess Familie, Arbeit, Freunde und sogar Feinde hinter sich zurück. Er
zog über Berg und Tal, Wald und Wiesen, durch Wind und Wetter. Schliesslich
gelangte er ans Ende der Welt und traf dort auf den Teufel. Dieser blickte
Felix mitleidig an und fragte: „Was bist denn du für ein armer Tropf?“ Der
Reisende wollte antworten, doch ihm fiel sein Name nicht mehr ein. „Lass mich in
deine Seele sehen, um zu entscheiden, ob sich die Mühe für dieses Häufchen
Elend lohnt.“ Dann griff der Teufel in des Reisenden Brust und holte sein Herz
heraus. Er blickte tief hinein und stellte enttäuscht fest: „Du bist ja gar
nichts! Du hast weder Familie, noch Arbeit, noch Freunde, ja nicht einmal
Feinde hast du! Du bist eine erbärmliche Hülle ohne Inhalt, ohne Namen!“ Damit
verfiel er in ein dröhnendes Lachen und liess das arme Herz über den Rand der
Welt fallen, wo es in den ewig lodernden Höllenfeuern verbrannte.
Mit blutender
Brust fiel der Suchende auf die Knie und weinte. Er war gegangen, sich selbst
zu finden, hatte die ganze Erde dabei bereist und hatte stattdessen alles
verloren. Verzweifelt legte sich der Elende zum sterben. Da erschien Gott vor
ihm und fragte ihn: „Was bist denn du für ein armer Tropf?“ Der Sterbende hatte
keine Kraft mehr zu antworten. „Lass mich hinter dich blicken, um zu sehen, wer
du bist.“ Erstaunt sah der Todgeweihte hinter sich und erblickte einen langen,
erleuchteten Pfad, der sich in weiten Mäandern über die ganze Erde wand. Von
ihm stiegen überall farbige Lichter auf. An manchen Orten dichter als an
anderen.
Und Gott
sprach: „Jedes dieser Lichter ist ein Gedanke an dich. Es sind Gedanken jeder
Art, liebevoll, wie auch feindselig. Ohne dich gäbe es all diese Gedanken
nicht. Wie viel dunkler wäre die Welt!“
So konnte
Felix glücklich sterben – und sein Pfad leuchtete noch lange weiter.
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