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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Dienstag, 12. September 2017

Nichts ist verschwunden

Lili hatte eine Gabe. Nun, sie hat sie immer noch, aber sie benutzt sie nicht mehr. Nie mehr! Denn sie hat eines Abends schmerzlich feststellen müssen, was diese Gabe bewirken kann.
Es war an einem Freitagabend, als ihre Mutter sie zu diesem klassischen Konzert einlud. Was heisst hier ‚einlud‘ … sie ‚zwang‘! Dabei hatte doch gleichzeitig ihr Papa vorgeschlagen, gemeinsam einen Film zu sehen! Aber wie immer hatte sich Mama durchgesetzt.
So gingen sie also an einem Freitagabend, an dem man alle zusammen genauso gut mit Popcorn und Süssigkeiten vor dem Fernseher, oder besser noch, im Kino hätte sitzen können, ins Konzert. Ins klassische Konzert.
Der Konzertsaal war schon ziemlich eindrücklich, mit dem gigantischen Kronleuchter in der Mitte und den vielen Logen in der Galerie, den samtbezogenen, weichen Sitzen und dem glänzenden, eigenartig gemusterten Parkett. Und auch die Konzertgäste waren nicht weniger interessant: Es gab dicke Frauen mit dünnen Kleidern und dünne Frauen mit dicken Pelzmänteln und schicke Herren mit schwarzen Anzügen und plumpe Studenten in Strassenklamotten – und alles auf einem Haufen hier im Konzertsaal. Nur Kinder gab es keine. Lili war die einzige in dieser Vorstellung. Also grössere dann schon, so vierzehn, fünfzehn, aber keine im Primarschulalter, wie sie.
Und Mama schwärmte zu Papa über die guten Plätze! „Du wirst schon sehen Schatz, der Aufpreis für diese Plätze lohnt sich allemal! Hier ist die Akustik so viel besser! Hier stören die Säulen nicht und der Schall wird symmetrisch von beiden Seiten und der Decke des Saals reflektiert. Du wirst schon sehen!“
„Aber sicher, Schatz“, antwortete Papa und zwinkerte zu Lili rüber.
Das Konzert war ausverkauft. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Es handelte sich schliesslich auch um eine Sondervorstellung eines Gastorchesters. Und es war nicht irgendein Orchester, es war das London Philharmonic Orchestra! So hatte es Mama Lili zumindest euphorisch erklärt.
Papa legte seinen Arm um Lily Schulter. „Na, Purzelchen, freust du dich?“
Lili zuckte die Schulter und gab sich kaum Mühe, ihren Unmut zu verbergen. „Ja, ja, geht so…“
Ihr Vater blickte sie mitleidig an. „Ach, Mäuschen! Ist doch halb so wild. Das geht schnell vorbei, und vielleicht wird es dir sogar gefallen! Und wenn’s nicht zu spät wird, können wir uns zuhause ja ausnahmsweise doch noch einen Film anschauen, was meinst du?“
Lili Augen begannen zu leuchten. „Wirklich?!“ hauchte sie.
„Ja, klar“, zwinkerte Papa zurück und boxte sie scherzhaft in die Seite. „Hoffen wir, dass die Pause nicht zu lange dauert.“
‚Die Pause?‘ dachte Lili entsetzt.
In diesem Moment trat ein Herr auf die Bühne. Das Publikum wurde ruhig. „Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich freue mich, dass Sie heute so zahlreich…“ und der Rest ging in Lilis wirbelnden Gedanken unter.
‚Pause? Wer will denn eine Pause? Ja klar, Pausen sind cool, zumindest in der Schule, aber heute Abend können wir deswegen vielleicht keinen Film mehr gucken! Das darf nicht passieren! ICH WILL KEINE PAUSEN!‘ schrie sie innerlich und schnippte dabei kaum hörbar mit dem Finger.
„Leider habe ich noch eine etwas unerfreuliche Nachricht für Sie“, fuhr der Mann auf der Bühne fort. „Aus organisatorischen Gründen müssen wir heute Abend leider auf die Pause verzichten.“ Lili grinste breit. „Wir hoffen sehr auf Ihr Verständnis und wünschen Ihnen trotzdem einen wunderbaren Konzertabend.“ Sofort brandete der Applaus auf, und gleich anschliessend erhob sich das Orchester und der Dirigent kam auf die Bühne. Ohne grosse Umschweife begannen die Streicher zu spielen. Dann setzten die Holzbläser und die Hörner ein. Irgendwie gefiel es Lili ganz gut – doch was war das? Auf einmal tönte etwas komplett falsch. Was die Holzbläser spielten passte überhaupt nicht zu dem, was die Geiger spielten. Und nun klangen auch die Posaunen falsch und die Trompeten tröteten scheinbar unkoordiniert dazwischen. Auf einmal wallten die Trommelschläge der Pauke auf und hörte nicht mehr auf. Es war ein heilloses Durcheinander und schmerzte regelrecht in Lilis Ohren, und offensichtlich war es auch den anderen Gästen im Saal aufgefallen. Viele blickten sich fragend und mit fast schmerzverzerrtem Gesicht umher. Immer mehr begannen mit ihrem Sitznachbarn zu reden. Es kochte eine immer lauter werdenden Unruhe im Publikum auf. Selbst die Musiker auf der Bühne schienen verwirrt und blickten sich gegenseitig fragend an. Da der Dirigent, wenn auch sichtlich verunsichert, weiter dirigierte, spielten sie das immer wirrer werdende Stück weiter. Mittlerweile hatten alle Instrumente auf der Orchesterbühne ins Stück mit eingestimmt – wobei ‚eingestimmt‘ wohl sicherlich der falsche Ausdruck dafür ist, was dabei rauskam. Mit ‚einstimmen‘ hatte das ganz und gar nichts zu tun! Es war inzwischen zu einem infernalischen Klangbrei angeschwollen, das zwar in sich irgendeine nicht erkennbare Dynamik aufwies, insgesamt aber komplett chaotisch und formlos den Saal erbeben liess. Und das Publikum war in eine Art tranceartigen Klage-Sprechgesang übergegangen mit pausenlosem—
Da ging Lili schlagartig ein Licht auf! ‚Pausenlos!‘ dachte sie entsetzt. Sie war an diesem unerträglichen Chaos schuld! Sie kniff konzentriert die Augen zusammen, dachte in sich schreiend: ‚ICH WILL WIEDER PAUSEN!‘ und schnippte wieder mit dem Finger.
„Ruhe! Darf ich um Ruhe bitten!“ rief eine durchdringende Stimme von der Bühne her. Es war wieder der Mann vom Anfang. Er atmete tief durch, als ob er über die eingetretene Ruhe sehr erleichtert wäre. „Bitte entschuldigen Sie die Störung“, jemand im Publikum lachte kurz hysterisch auf, verstummte aber sogleich wieder, „aber ich muss eine dringende Mitteilung machen. Wir konnten umstrukturieren und werden nun in der Mitte des Konzerts doch eine Pause durchführen können. Nun lasse ich Sie wieder dem etwas eigenwilligen“, er warf dabei einen verwirrten Blick zum Dirigenten, „Konzert lauschen.“
Der Mann verschwand von der Bühne. Der Dirigent positionierte sich erhaben mit erhobenen Händen auf dem Dirigentenpodest und hielt kurz Inne.

„Gott sei Dank gibt es Pausen“, dachte Lili erleichtert.

Schweigen

Viel gesagt.
Keiner spricht.
Beide schweigen.

Gedankensturm. Und diese zwei
berühmten Seelen in der Brust.
Das Schweigen drückt, keiner will geh’n.
Das Ende naht schmerzhaft bewusst.

Sie setzt doch an, verstummt erneut.
Er nimmt die Hand, sie zieht sie fort.
Der Blick voll Wut – sag, ist es Angst?
Und beiden fehlt auch jetzt das Wort.

Zuviel gesagt.
Keiner spricht.
Beide schweigen.

Es ist ja nicht das erste Mal,
schon oft hat so die Luft gebrannt.
Dies‘ tiefe Schweigen jedoch ist
den beiden völlig unbekannt.

Es zieht, es reisst, es schmerzt und quält,
die Flüche haben beide satt.
Und es macht Angst, wenn man sich jäh
so gar nichts mehr zu sagen hat.

Alles gesagt.
Keiner spricht.
Beide schweigen.

Und nun ist alles plötzlich klar,
kein Wort braucht dies zu zeigen.
So sage stets nur Dinge, die
noch besser sind als schweigen.

Sonntag, 6. August 2017

Ich bin schuld an diesem Gedicht

Ich bin mir selbst Mühe schuldig,
denn das schubst mich einen Schritt weiter
ich möchte euch eine schöne Geschichte schuldig sein
obwohl wir einander nur Respekt schuldig sind, und Freundschaft, vielleicht.
Die Ideen, die ich alle mal in Stichworten,
auf unzähligen Seiten notiert hatte
lasten auf mir wie eine schwere Schuld:
Der Anspruch, gut zu schreiben, sich selbst zu überraschen
über die Worte, Wendungen und Schicksale
die ich in meinem ganz eigenen Königreich entwerfe
und euch zuwerfe, über die hohen Mauern meiner versunkenen Stadt
zugänglich euch mache, euren Augen, die aber stets anders darauf blicken,
als ich jemals darauf blicken werde.

Schuld ist es, was Menschen knechtet, eng bindet, manchmal so eng
wie es nur Liebe könnte. Sie erdrückt, zerdrückt
und versucht zurückzuerlangen, was ein Mensch schuldhaft
zerstört, entrissen, veruntreut hatte.

So stelle ich mir jetzt zwei Menschen vor,
deren Namen mir noch unbekannt sind.
Sie liegen unter einer Decke, deren Stirne berühren sich sanft
leise kichern sie, mühelos entspannt lächeln sie.

So scheint es.

Doch in der Wahrheit tobt ein Wirbelsturm in des einen Gedanken
Sie hatten einander geschworen: Beistand, Respekt
das übliche Füreinander, doch der eine der beiden
berührte in üblicher Regelmässigkeit
an einer anderen Stelle
die Stellen einer anderen.

In rasender Geschwindigkeit versucht der Geist des Schuldigen zu berechnen:
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Schuld eingefordert wird,
die Unmöglichkeit, dass er die Schuld begleichen kann,
die Gewissheit, dass er es irgendwann nicht mehr ertragen kann
die Last seiner Schuld.

Sanft ergreift er die Halskette, die er Sarah geschenkt hatte
und nun liegt sie prekär über dem Abgrund
der von ihrem Schlüsselbein gebildet wird.

Doch die Schuld, die bleibt.
Und jede Schuld bleibt, bis zur Tilgung oder zur Vergebung,
ein nie versiegender Quell der Argwohn.

Und so verabschiedete sich Michael von Sarah
ohne eine Antwort, ohne eine Zeile, ohne ein Wort
und schüttelte sich von der Schuld frei:
Keine Augen mehr, die in seine starren,
und vielleicht einen Beweis der Untreue aufspiessen.
Keine Ohren mehr, denen er seine,
mehr oder weniger gelogenen Worte einflüstert.
Keine Lippen mehr, die eines Tages
unangenehm fragen könnten.

Die Schuld ist stets eine Gravitationskraft, die anzieht
und nicht abstösst. Von Schulden beladen
ist es doch ziemlich schwer, hochzuspringen,
und einen Stern zu berühren.

Nun ist der Argwohn weg,
ich habe etwas erschaffen,
die Schuld ist gestundet,
mein Anspruch an mich
ist halbwegs erfüllt.

Die lange Geschichte darüber
über grosse Schuld und eine grossartige Vergebung
die bin ich mir und euch immer noch schuldig.
Vergebt mir nicht. Da muss ich durch.