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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Samstag, 2. November 2019

Schloss Reichenstein - Kap. 2

Roberta saß auf der Gartenmauer und leckte sich ihre Vorderpfote. Sie leckte und leckte, bis sie so weiß glänzte wie eine polierte Kloschüssel. 
Ein paar Meter neben ihr, auf der Terrasse, versuchte Tim einen Ball zu jonglieren. Er ließ ihn  auf seinem rechten Fuß tippeln. Gelegentlich schielte Roberta zu ihm hinüber und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er den Ball springen ließ. Manchmal zwei Mal, manchmal drei Mal. Einmal sogar viermal hintereinander. 

«Nicht schlecht», dachte sich Roberta. 

«Wo wohnst du eigentlich», fragte Tim schließlich, nachdem er sich seinen Ball unters T-Shirt geklemmt und neben Roberta aufs Mäuerchen gesetzt hatte. 

«Auf Schloss Reichenstein.»
«Du wohnst in einem Schloss?», fragte Tim ungläubig und mit weit aufgerissenen Augen. «In einem echten Schloss?»

«So ist es, mein Guter. Keine Hundehütte. Kein Vogelhaus. Sondern ein Schloss. Ein echtes Schoss. Eine echtes, prachtvolles Katzenschloss. Das schönste in nordöstlicher bis südwestlicher Richtung».

«Ein Vogelhaus wäre aber auch cool. Nur schade, dass du keine Flügel hast.»
«Au contraire. Ich habe Flügel. An meinem Flugapparat.»

«Kannst du damit fliegen?»

«Darum heißt er ja Flugapparat.»

«Kannst du damit auch Eier legen?» 

«Also manchmal redest du wirklich Käse», sagte Roberta und schüttelte den Kopf. 

«Können wir dich mal im Schloss besuchen?»

«Auf Schloss Reichenstein empfange ich nur selten Besucher. Außerdem ist meine Dienerschaft gerade auf Urlaub. 

«Egal», sagte Tim. «Wir haben ja auch keine Dienerschaft und du kommst uns besuchen».

«Auch wieder wahr», sagte Roberta. «Aber es ist ein Stück. Und Wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s». 

«Macht nichts», sagte Tim. Dann sprang er auf und lief zu Lilly ans Fenster. Er hatte immer noch den Ball unterm T-Shirt. Darum sah es etwas bescheuert aus, als er damit losrannte. Nach ein paar Schritten rutschte ihm der Ball dann auch noch unten raus und er musste aufpassen, dass er nicht drüber stolpert. Ging der aber gerade nochmal gut. Alles Technik. 

«Lilly. Wir gehen auf Schloss Reichenstein!» 

«Wohin?», schallte es aus ihrem Zimmer zurück. Sie war gerade dabei einen neuen Dance Move einzustudieren. Sie versuchte ihn mit einem Move zu kombinieren, den sie schon kannte. Sie übte und übte. So lange bis es flutschte. 

«Wir gehen zu Roberta nach Hause.»

Lilly ging zum Fenster. «Wo ist das?»

«Ein Stück von hier. Und wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s!»

«Darum brauchen wir mindestens drei Käsesandwiches und einen dreiviertel Liter Milch, als Proviant», ergänzte Roberta. «Außerdem ist Schloss Reichenstein nur am Sonntag für Besucher geöffnet.» 

«Morgen ist Sonntag», sagte Lilly.

«Dann gehen wir morgen», freute sich Tim.

«Na gut», antwortete Roberta. Und nach drei weiteren Mal Pfote lecken sagte sie: «Um Zwanzig nach Fünf vor Zehn hole ich euch ab.»

«Zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn», wiederholte Lilly, verwundert über Robertas eigenwillige Ausdrucksweise. «Das ist Viertelelf.» 

«Genau um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn geht's los. Seid pünktlich», gähnte Roberta, während sie sich streckte. Eine Minute früher ist zu früh. Eine Minute später ist zu spät. Das ist wie beim Spaghetti kochen. Wenn man nicht genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, schmeckt es nicht richtig. 

«Spaghetti scheint sie auch zu mögen», dachte sich Lilly. 
«Jetzt habe ich Lust auf Spaghetti», dachte sich Tim. 
Dann hüpfte Roberta von der Mauer und verschwand in der Wiese hinterm Haus. Hinter der Wiese begann ein Getreidefeld. Noch etwas weiter, hinter den Feldern, begann der Wald. Eine Zeit lang konnte man noch beobachten wie Robertas Schwanzspitze aus dem hohen Gras heraus lugte. Inmitten vieler, kleiner bunter Wiesenblüten, aus violett, weiß, rot und blau. Die schwarze Katzenschwanzspitze bewegte sich durch die Farbtupfer hindurch wie das Fernrohr eines Unterseebootes in einem Wiesenblumenmeer. 

Am nächsten Morgen, pünktlich um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn, trafen sich die drei an der Gartenmauer. Lilly schaute noch auf ihre Armbanduhr, bevor sie auf die Terrasse traten. Der Zeiger sprang gerade auf Viertel nach Zehn als sie an der Gartenmauer ankamen. Drei Käsesandwiches, einen dreiviertel Liter Milch und ein passendes Schälchen, hatten sie zusammengepackt und vorsichtig in ihren Rucksäcken verstaut. Vorsichtshalber hatte Lilly noch eine Tafel Schokolade und eine Taschenlampe mit eingepackt. Man kann ja nie wissen.

«Bellissima!, sagte Roberta, als Lilly und Tim zur verabredeten Zeit um die Ecke kamen. «Der Ausflug wird euch schmecken. Bon Appétit!». 

Am Ortsrand begann ein Feldweg. Er führte über sanfte Hügel und zwischen Getreidefeldern hindurch. Die drei folgten dem Feldweg bis zu einer Weggabelung, an der sie rechts abbogen. Ein paar Minuten später kam schon die nächste Weggabelung. Dort gab es ein kleines Treppchen, das zu einer Sitzbank hinaufführte. «Zeit für ein Käsesandwich», sagte Roberta und sprang eilig die fünf Stufen zum Bänkchen hinauf. Es waren noch keine zwanzig Minuten vergangen, seitdem sie losmarschiert sind. «Wir sind doch eben erst losgegangen», sagte Lilly. «Möchtest du wirklich schon Pause machen?». «Dazu ein gutes Schälchen Milch», gab Roberta zur Antwort. Obwohl es im eigentlichen Sinn ja gar keine Antwort war. Tim und Lilly schauten sich nur an und zogen die Schultern nach oben. «Naja, egal», sagte Lilly. Und so setzten sich alle drei auf das Sonnenbänkchen. Tim und Lilly holten die Sandwiches und die Milchflasche aus dem Rucksack. Sie nahmen einen kräftigen Bissen und tranken einen guten Schluck. «Wie lange müssen wir noch gehen?», fragte Tim. 
«Dort hinten steht Schloss Reichenstein.» Roberta machte mit ihrem Kopf eine Bewegung über ihre linke Schulter hinweg und deutete mit ihrer Nasenspitzte in Richtung Waldrand. Lilly und Tim drehten mit vollem Mund ihre Köpfe und suchten angestrengt nach Schloss Reichenstein. Nichts zu sehen. 
«Da ist kein Schloss», sagten die beiden einstimmig. 
«Man kann es nicht leicht erkennen. Es ist ein Tarnschloss.»
«Ein Tarnschloss? Was soll das denn sein?»
«Ein Tarnschloss ist ein Schloss, das getarnt ist», sagte Roberta und schlürfte weiter an ihrer Milch. 
«Ich hab`s geahnt», sagte Lilly und nahm auch einen Schluck Milch. Sie trank direkt aus der Flasche. Nachdem sie getrunken hatte streckte sie die Flasche Tim hin. Aber der sprang stattdessen von der Bank, packte sein angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack und stürmte drauf los. «Taaaaaarnschlooooooss» rief er, während er in Richtung des Wäldchens rannte. 
«Nicht so schnell, Amigo!», rief ihm Roberta hinterher. «Du wirst dich verirren, wenn du den Wegweiser übersiehst.» 
Daraufhin drehte sich Tim um und rannte fast genauso schnell zurück, wie er drauflos gestürmt war. «Weeeeeegweiser!» rief er diesmal. 
Auch Lilly packte ihr angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack. Roberta hatte ihres bereits verputzt und schleckte nur noch das Schälchen aus. Als sie fertig war packte Lilly alle sieben Sachen zusammen und hüpfte auch von der Bank, um mit Tim in Richtung des Wäldchens zu laufen. Hinter der ersten Baumreihe stand tatsächlich etwas, das aussah wie ein Wegweiser. Je näher sie kamen, desto besser konnten sie ihn erkennen.
Als sie ankamen, blieben sie vor ihm stehen. Lilly versuchte zu entziffern, was auf den verwitterten Schildern stand. «Rückseite des Mondes», stand auf dem obersten Schild. Es zeigte in Richtung eines Trampelpfades, der in den Wald hinein führte. «Zeitmaschine», stand auf einem andern. Lilly las laut vor. Auf einem Schild, das von ihnen aus nach rechts zeigte stand «Schloss Reichenstein». Alle drei drehten ihre Köpfe nach rechts. In etwa zehn Meter Entfernung stand ein großer, knorriger Baum, in den eine Baumhütte gebaut war. Es gab noch weitere Schilder, mit seltsamen Bezeichnungen. «Orakel» oder «Flugapparat» stand da drauf, aber Lilly hörte damit auf alle vorzulesen. 
Ein Stück abseits, hinter Schloss Reichenstein, stand ein altes Autowrack. Genau in der Richtung, wo das Schild «Zeitmaschine» hinzeigte. Es war eine alte Schrottkarre, mit platten Reifen, abgeknickter Antenne und abgebrochenen Außenspiegeln. Auf den ersten Blick war gar nicht leicht zu erkennen, dass da ein Auto stand. Es parkte im hohen Gras, umringt von üppigem Gebüsch. Die Schrottlaube könnte früher einmal hellblau gewesen sein. Der Lack war aber schon so stark von der Sonne verblichen, dass man nur noch ahnen konnte, welche Farbe es einmal gehabt haben könnte. 

«Das ist also Schloss Reichenstein?», sagte Lilly und zeigte mit dem Finger in Richtung der Baumhütte. 

«Ausgezeichnete Tarnung, nicht wahr! Geradezu vorzüglich, könnte man sagen.», gab Roberta zur Antwort.

«Geiles Tarnschloss», rief Tim und rannte hinüber.

Sonntag, 6. Oktober 2019

Keine weiteren Bruchstücke

Neira und Felix saßen draussen im Garten. Zwischen den beiden Liegestühlen loderten die Flammen der Feuerstelle. Neira machte sich Gedanken.

«Weißt du, Felix… letzthin hatte mich ein Ex-Freund wieder angeschrieben. Den, mit dem ich von 2010 bis 2012 eine Beziehung hatte. Er hat mir rundheraus geschrieben, er möchte gerne wieder eine Freundschaft genießen, und gerne eine platonische Beziehung führen…»

«Hmmm…», antwortete Felix.

«Ich habe dann nachgeschaut, was denn eine platonische Beziehung ist. In Platons ‹Symposion› schreibt er, die Liebenden sollen sich einander als Philosophen begegnen. Die Wahrheit erkennen, die Wirklichkeit ihrer Beziehung ergründen, höhere und höhere Erkenntnisstufen erklimmen…»

«Hmm…»

«Und da antwortete ich ihm, das sei mir zu viel Aufwand, so eine platonische Beziehung. Und das aufrichtige, tiefgründige Kennenlernen der anderen Person ist mir ohnehin zu intim.»

«Hmm…»

«Aber, Felix, was machen wir eigentlich morgen?»

«Hmm…»

«Felix…»

«Lass mich nachdenken.»

Damit begann sie, einen Teil des Geschirrs in die Wohnung zu räumen. Felix knabberte noch ein wenig, in Gedanken versunken, an einem Pouletschenkel. Und warf den Knochen in die Flammen.

Nach einem kurzen Zischen knackte der Knochen.

Und dann räumte Felix seinen Teil des Geschirrs ab und ging ins Haus.

Neira war schon im Tiefschlaf, als Felix ins Schlafzimmer trat. Seufzend entledigte er sich seiner Kleider, legte sich neben sie, und deckte sich zu.

Und wälzte sich unruhig im Bett.

Er dachte an den Hühnerknochen.

Er zog den Trainingsanzug an, trippelte leise in die Flur hinunter, und verscheuchte die Spinne, die sich in der Ablage gemütlich gemacht hatte und die Stirnlampen beaufsichtigte. Dann trat er in die kühle Nacht hinaus.

«Längs gespalten… keine weiteren Bruchstücke… die Bruchkante ist sehr rau.» Über die physikalische Ursache dieses Bruches machte er sich wenig Gedanken, umso mehr über dessen Form.

Kurz bevor er zu frösteln begann, vergrub er die Knochensplitter im Beet, in welchem die Tomaten wuchsen, und begab sich wieder ins Haus.

Der nächste Tag hatte es in sich. Felix und Neira hatten beide viel zu tun. Neira musste an einer Sitzung über die neue Überstundenregelung teilnehmen, und Felix saß in einer Sitzung über die Umsetzung der neuen Arbeitszeitkontrolle.

Endlich war die Sitzung zu Ende, endlich taumelte Felix müde aus dem Sitzungszimmer hinaus, besuchte die Toilette, wusch sich das Gesicht. Nur nicht müde werden! An die Splitter denken!

Als er endlich draußen war, im Auto saß, notierte er sich eine Einkaufsliste. 600 Gramm Tomaten, zwei Chilischoten – die scharfen, zwei Dosen Bohnen, zwei Zwiebeln, vielleicht noch frischen Knoblauch, Schweinsvoressen, mageren Speck, eine kleine Dose Maiskörner.

Das Kaufhaus hatte noch geöffnet. Und Neira schrieb ihm, es würde noch etwas länger dauern, mit ihrer Sitzung.

Er dachte nochmals an die Knochensplitter. Der längs gespaltene Oberschenkelknochen sagte ihm, dass sich vielleicht eine Trennung anbahnen würde, wenn sie weiterhin so viele Überstunden machen. Wenn sie sich weiterhin so anschweigen, wie gestern abends. Die raue Bruchfläche zeigte ihm: Es würden ebenso raue Zeiten bevorstehen. Er musste handeln. Die ganze Beziehung ist in Gefahr.

Er raste nach Hause, begann zu kochen, fand im Keller den alten Gaskocher, den sie nie gebraucht hatten. Im Garten befanden sich shcon die zwei Liegestühle und die Wolldecken, packte alles ins Auto, und wartete draussen auf dem Sitzplatz.

«Felix…», sagte sie und stolperte in seine Richtung, «Ich bin müde.»

«Wir gehen essen.»

«Essen? Gehen?»

«Ja. Steig ein!»

Am Waldrand kamen sie an, packten den Krempel aus, und konnten dank des vorgekochten Chili con carne – und dank des Camping-Kochgerätes – ziemlich schnell die Mahlzeit genießen. Und, nach einigen Kannen frisch gekochtem Tee, bestaunten sie, wie so oft zu Beginn ihrer Beziehung, den Sternenhimmel. Viele aufgestaute Themen konnten beackert werden, viele neue Ideen erwachten, und sie fanden auch einige Ansätze, um den alltäglichen Sorgentrott einzudämmen.

Einige Wochen später wurden sie unabhängig voneinander von Kollegen angefragt, ob sie für einen sehr guten Freund den Trauzeugen spielen könnten. Die Sache sei streng geheim, wurde ihnen aufgetragen, und für den Nachmittag bräuchten sie ein sehr gutes Alibi.

Sie sagten beide «Ja», als sie sich im Standesamt gegenüber standen.

Nochmals einige Wochen später saß Felix im Garten, mit seinem Laptop, den er anscheinend fast immer dabei hatte.

«Felix, was machst du gerade?»

«Schreiben. Etwas über das Leuchtfeuer. Das ist das Thema dieser, äh, Schreiber. Und ich habe keine Idee, wie ich das umsetzen könnte. Noch gar keine.»

«Aber ich hab dir eine andere Idee.»

«Oh. Welche denn?»

«Schreib doch über diese Hühnerknochen, die bei den Tomaten gefunden habe.»

Samstag, 24. August 2019

Kennenlernen - Kap. 1

Lilly saß an ihren Hausaufgaben. Mathe. Nicht unbedingt ihre Lieblingsbeschäftigung. Zwischendurch tanzte sie den Flow, sortierte Buntstifte und malte kleine, bunte Phantasieblumen, Berglandschaften und Herzchen auf ihre Schreibunterlage. Manchmal legte sich Lilly aber auch einfach mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte und schaute aus dem Fenster. Weil es ein sonniger Sommertag war, stand es weit geöffnet. Durch das Fenster blickte sie direkt in die große, grüne Krone eines Kastanienbaumes, der nicht weit vom Haus entfernt stand. Zwischen seinen Blättern schimmerte der blaue Himmel hindurch. Wenn ein Lüftchen durch seine Krone wehte, verschwanden einige der kleinen blauen Himmelsflecke, die zwischen seinen Blättern hindurchschimmerten. Dafür kamen an andere Stelle neue zum Vorschein.

Auf der Terrasse unter ihrem Fenster hörte sie Tim. Ihr kleiner Bruder trug das Trikot der Golden State Warriors und warf ein paar Körbe. Meistens spielte Tim mit anderen Jungs aus der Nachbarschaft Fußball oder Basketball. Manchmal auch mit Papa. Weil Tim aber den ganzen Tag Lust hatte Ball zu spielen, spielte er auch wenn gerade niemand da war, um mit ihm zu spielen. Das machte Tim nichts aus. So konnte er an seiner "Cristiano Ronaldo"-Schusstechnik oder "James LeBron"-Wurftechnik arbeiten.

Plötzlich hörte Lilly eine Stimme: «Kannst du nicht rechnen, oder warum dauert das so lange?» 

Erstaunt richtete Lilly sich auf und ging zum Fenster, um nachzusehen, wer so frech zu ihr hereinrief. Niemand zu sehen. Sie hörte nur das Bam, Bam des Basketballs, den Tim auf den Terrassenboden knallen ließ.

«Wenn das so weitergeht wirst du nie fertig!» 

Schon wieder. Aber es war eindeutig nicht Tims Stimme. Alles was Lilly sah war ein Katze, die auf einem Ast hockte. Niemand sonst zu sehen, der gerufen haben könnte.

Die Katze hatte ein schwarzes Fell und eine weiße, rechte Vorderpfote. Die Vorderpfote war so leuchtend weiß, dass es aussah, als ob sie versehentlich in einen Topf mit frischer weißer Farbe getreten wäre. 

«Wenn du nicht weiter weißt, musst du den Mond fragen.» 

«Krass», sagte Lilly zu sich selbst. Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. Eigentlich fühlte sie sich schon zu alt, um an sprechende Katzen zu glauben. Aber die Worte kamen eindeutig aus ihrem Maul.

«Wie kann es sein, dass du sprechen kannst?», fragte Lilly verstört. «Sprechende Katzen gibt es doch nur im Märchen.»

Die Katze richtete sich auf, streckte sich und gähnte. Es war ein langes, ausgiebiges Gähnen. Ein Gähnen, das ungefähr so lange dauerte, wie es braucht, um an einer Fußgängerampel auf grün zu warten, nachdem man auf den Knopf gedrückt hat. Noch bevor die Katze aufgehört hatte zu gähnen, sammelte sich Lilly und sagte:

«Ganz abgesehen davon ist es ziemlich verrückt, was du behauptest. Wie sollte mir der Mond bei Mathe helfen können?»

Die Katze rollte mit den Augen, streifte sich mit der weißen Pfote über ihren Schnurrbart und begann erneut zu sprechen: «Soso», sagte sie, «du unterhältst dich mit einer Katze und behauptest, dass Katzen in Wirklichkeit nicht sprechen können. Das solltest du verrückt finden! Und was den Mond betrifft: Der kennt auf alle Fragen die richtige Antwort. So einfach ist das.»

«Naja», sagte Lilly, mit einem Achselzucken. «In einer Sache muss ich dir Recht geben. Ich unterhalte mich mit dir. Und du bist eine Katze. Also gibt es zumindest eine Katze, die reden kann.»

Siehst du. Wenn man dir auf die Sprünge hilft, bist du ja gar nicht so schwerfällig.» 

«Hey! Schon wieder so eine Gemeinheit. Mir ist einfach noch nie eine sprechende Katze begegnet. Und es hat mir auch noch nie jemand gesagt, dass es sprechende Katzen gibt. Verstehst du nicht, dass es darum schwierig für mich ist, das zu glauben?»

«Na gut. Vielleicht sollte ich nicht so streng mit dir sein.»

«Danke», sagte Lilly.

«Keine Ursache», sagte die Katze. «Machst du mir jetzt ein Käse-Sandwich?»

«Ein Käsesandwich?», fragte Lilly ungläubig.

«Ja. Mit Gurken, Tomaten und einem knackigen Salatblatt. Das wäre überaus freundlich von dir.» 

In der Zwischenzeit war Tim aufgefallen, dass Lilly aus dem Fenster schaute und sich mit irgendwem zu unterhalten schien. Für Tim sah es so aus, als ob sie mit dem Baum redet. Weil er neugierig wurde kam er näher heran, um zu sehen was da vor sich geht.

«Du redest ja gar nicht mit dem Baum», rief er schließlich zu Lilly hinauf, «sondern mit der Katze.»

«Natürlich redet sie mit mir», sagte die Katze von oben herab. «Oder hast du schon einmal einen Baum gesehen, der am Mittwoch mit Menschen spricht?»

«Am Mittwoch? Bist du bescheuert? Bäume können überhaupt nicht sprechen!»

«Was bist du doch für ein ungezogener Junge», sagte die Katze empört. «Du weißt wohl nicht mit wem du sprichst. Hat dir noch nie jemand Manieren beigebracht? Zur Strafe schreibst du fünfundzwanzig Mal: Frau Professor Doktor Roberta von Reichenstein ist nicht bescheuert, sondern hat einen Nobelpreis im Rechnen mit Katzenzahlen und ist darüber hinaus eine angesehene Künstlerin. Und dann schreibst du noch weitere fünfundzwanzig Mal: Bäume reden nur mit Menschen, die den Mond schon einmal von hinten gesehen haben. Außer am Mittwoch, da ist Ruhetag.»

«Was?!», entfuhr es Tim. «Das kannst du nicht machen. Das ist viel zu viel. Ich lerne doch gerade erst schreiben. Außerdem weiß ich nicht was ein Noppelpreis ist.»

«Nobelpreis», sagte Roberta von Reichenstein.

«Nobelpreis“, wiederholte Tim - und knallte dabei den Basketball auf den Boden, bevor er ihn sich wieder unter seinen Arm klemmte.

«Na gut», sagte die Katze, «dann bring mir wenigstens ein gute Schale Milch. Nicht zu warm, nicht zu kalt, laktosefrei und fettarm. Das wird ja wohl nicht zu viel verlangt sein.»

«Mist!», sagte Tim, und schoss seinen Basketball mit dem Fuß über die Wiese. «Aber was soll`s. Immer noch besser als eine viel zu lange Strafarbeit mit komplizierten Wörtern.