Roberta saß auf der Gartenmauer und leckte sich ihre Vorderpfote. Sie leckte und leckte, bis sie so weiß glänzte wie eine polierte Kloschüssel.
Ein paar Meter neben ihr, auf der Terrasse, versuchte Tim einen Ball zu jonglieren. Er ließ ihn auf seinem rechten Fuß tippeln. Gelegentlich schielte Roberta zu ihm hinüber und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er den Ball springen ließ. Manchmal zwei Mal, manchmal drei Mal. Einmal sogar viermal hintereinander.
«Nicht schlecht», dachte sich Roberta.
«Wo wohnst du eigentlich», fragte Tim schließlich, nachdem er sich seinen Ball unters T-Shirt geklemmt und neben Roberta aufs Mäuerchen gesetzt hatte.
«Auf Schloss Reichenstein.»
«Du wohnst in einem Schloss?», fragte Tim ungläubig und mit weit aufgerissenen Augen. «In einem echten Schloss? »
«So ist es, mein Guter. Keine Hundehütte. Kein Vogelhaus. Sondern ein Schloss. Ein echtes Schoss. Eine echtes, prachtvolles Katzenschloss. Das schönste in nordöstlicher bis südwestlicher Richtung».
«Ein Vogelhaus wäre aber auch cool. Nur schade, dass du keine Flügel hast.»
«Au contraire. Ich habe Flügel. An meinem Flugapparat.»
«Kannst du damit fliegen?»
«Darum heißt er ja Flugapparat.»
«Kannst du damit auch Eier legen?»
«Also manchmal redest du wirklich Käse», sagte Roberta und schüttelte den Kopf.
«Können wir dich mal im Schloss besuchen?»
«Auf Schloss Reichenstein empfange ich nur selten Besucher. Außerdem ist meine Dienerschaft gerade auf Urlaub.
«Egal», sagte Tim. «Wir haben ja auch keine Dienerschaft und du kommst uns besuchen».
«Auch wieder wahr», sagte Roberta. «Aber es ist ein Stück. Und Wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s».
«Macht nichts», sagte Tim. Dann sprang er auf und lief zu Lilly ans Fenster. Er hatte immer noch den Ball unterm T-Shirt. Darum sah es etwas bescheuert aus, als er damit losrannte. Nach ein paar Schritten rutschte ihm der Ball dann auch noch unten raus und er musste aufpassen, dass er nicht drüber stolpert. Ging der aber gerade nochmal gut. Alles Technik.
«Lilly. Wir gehen auf Schloss Reichenstein!»
«Wohin?», schallte es aus ihrem Zimmer zurück. Sie war gerade dabei einen neuen Dance Move einzustudieren. Sie versuchte ihn mit einem Move zu kombinieren, den sie schon kannte. Sie übte und übte. So lange bis es flutschte.
«Wir gehen zu Roberta nach Hause.»
Lilly ging zum Fenster. «Wo ist das?»
«Ein Stück von hier. Und wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s!»
«Darum brauchen wir mindestens drei Käsesandwiches und einen dreiviertel Liter Milch, als Proviant», ergänzte Roberta. «Außerdem ist Schloss Reichenstein nur am Sonntag für Besucher geöffnet.»
«Morgen ist Sonntag», sagte Lilly.
«Dann gehen wir morgen», freute sich Tim.
«Na gut», antwortete Roberta. Und nach drei weiteren Mal Pfote lecken sagte sie: «Um Zwanzig nach Fünf vor Zehn hole ich euch ab.»
«Zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn», wiederholte Lilly, verwundert über Robertas eigenwillige Ausdrucksweise. «Das ist Viertelelf.»
«Genau um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn geht's los. Seid pünktlich», gähnte Roberta, während sie sich streckte. Eine Minute früher ist zu früh. Eine Minute später ist zu spät. Das ist wie beim Spaghetti kochen. Wenn man nicht genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, schmeckt es nicht richtig.
«Spaghetti scheint sie auch zu mögen», dachte sich Lilly.
«Jetzt habe ich Lust auf Spaghetti», dachte sich Tim.
Dann hüpfte Roberta von der Mauer und verschwand in der Wiese hinterm Haus. Hinter der Wiese begann ein Getreidefeld. Noch etwas weiter, hinter den Feldern, begann der Wald. Eine Zeit lang konnte man noch beobachten wie Robertas Schwanzspitze aus dem hohen Gras heraus lugte. Inmitten vieler, kleiner bunter Wiesenblüten, aus violett, weiß, rot und blau. Die schwarze Katzenschwanzspitze bewegte sich durch die Farbtupfer hindurch wie das Fernrohr eines Unterseebootes in einem Wiesenblumenmeer.
Am nächsten Morgen, pünktlich um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn, trafen sich die drei an der Gartenmauer. Lilly schaute noch auf ihre Armbanduhr, bevor sie auf die Terrasse traten. Der Zeiger sprang gerade auf Viertel nach Zehn als sie an der Gartenmauer ankamen. Drei Käsesandwiches, einen dreiviertel Liter Milch und ein passendes Schälchen, hatten sie zusammengepackt und vorsichtig in ihren Rucksäcken verstaut. Vorsichtshalber hatte Lilly noch eine Tafel Schokolade und eine Taschenlampe mit eingepackt. Man kann ja nie wissen.
«Bellissima!, sagte Roberta, als Lilly und Tim zur verabredeten Zeit um die Ecke kamen. «Der Ausflug wird euch schmecken. Bon Appétit!».
Am Ortsrand begann ein Feldweg. Er führte über sanfte Hügel und zwischen Getreidefeldern hindurch. Die drei folgten dem Feldweg bis zu einer Weggabelung, an der sie rechts abbogen. Ein paar Minuten später kam schon die nächste Weggabelung. Dort gab es ein kleines Treppchen, das zu einer Sitzbank hinaufführte. «Zeit für ein Käsesandwich», sagte Roberta und sprang eilig die fünf Stufen zum Bänkchen hinauf. Es waren noch keine zwanzig Minuten vergangen, seitdem sie losmarschiert sind. «Wir sind doch eben erst losgegangen», sagte Lilly. «Möchtest du wirklich schon Pause machen?». «Dazu ein gutes Schälchen Milch», gab Roberta zur Antwort. Obwohl es im eigentlichen Sinn ja gar keine Antwort war. Tim und Lilly schauten sich nur an und zogen die Schultern nach oben. «Naja, egal», sagte Lilly. Und so setzten sich alle drei auf das Sonnenbänkchen. Tim und Lilly holten die Sandwiches und die Milchflasche aus dem Rucksack. Sie nahmen einen kräftigen Bissen und tranken einen guten Schluck. «Wie lange müssen wir noch gehen?», fragte Tim.
«Dort hinten steht Schloss Reichenstein.» Roberta machte mit ihrem Kopf eine Bewegung über ihre linke Schulter hinweg und deutete mit ihrer Nasenspitzte in Richtung Waldrand. Lilly und Tim drehten mit vollem Mund ihre Köpfe und suchten angestrengt nach Schloss Reichenstein. Nichts zu sehen.
«Da ist kein Schloss», sagten die beiden einstimmig.
«Man kann es nicht leicht erkennen. Es ist ein Tarnschloss.»
«Ein Tarnschloss? Was soll das denn sein?»
«Ein Tarnschloss ist ein Schloss, das getarnt ist», sagte Roberta und schlürfte weiter an ihrer Milch.
«Ich hab`s geahnt», sagte Lilly und nahm auch einen Schluck Milch. Sie trank direkt aus der Flasche. Nachdem sie getrunken hatte streckte sie die Flasche Tim hin. Aber der sprang stattdessen von der Bank, packte sein angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack und stürmte drauf los. «Taaaaaarnschlooooooss» rief er, während er in Richtung des Wäldchens rannte.
«Nicht so schnell, Amigo!», rief ihm Roberta hinterher. «Du wirst dich verirren, wenn du den Wegweiser übersiehst.»
Daraufhin drehte sich Tim um und rannte fast genauso schnell zurück, wie er drauflos gestürmt war. «Weeeeeegweiser!» rief er diesmal.
Auch Lilly packte ihr angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack. Roberta hatte ihres bereits verputzt und schleckte nur noch das Schälchen aus. Als sie fertig war packte Lilly alle sieben Sachen zusammen und hüpfte auch von der Bank, um mit Tim in Richtung des Wäldchens zu laufen. Hinter der ersten Baumreihe stand tatsächlich etwas, das aussah wie ein Wegweiser. Je näher sie kamen, desto besser konnten sie ihn erkennen.
Als sie ankamen, blieben sie vor ihm stehen. Lilly versuchte zu entziffern, was auf den verwitterten Schildern stand. «Rückseite des Mondes», stand auf dem obersten Schild. Es zeigte in Richtung eines Trampelpfades, der in den Wald hinein führte. «Zeitmaschine», stand auf einem andern. Lilly las laut vor. Auf einem Schild, das von ihnen aus nach rechts zeigte stand «Schloss Reichenstein». Alle drei drehten ihre Köpfe nach rechts. In etwa zehn Meter Entfernung stand ein großer, knorriger Baum, in den eine Baumhütte gebaut war. Es gab noch weitere Schilder, mit seltsamen Bezeichnungen. «Orakel» oder «Flugapparat» stand da drauf, aber Lilly hörte damit auf alle vorzulesen.
Ein Stück abseits, hinter Schloss Reichenstein, stand ein altes Autowrack. Genau in der Richtung, wo das Schild «Zeitmaschine» hinzeigte. Es war eine alte Schrottkarre, mit platten Reifen, abgeknickter Antenne und abgebrochenen Außenspiegeln. Auf den ersten Blick war gar nicht leicht zu erkennen, dass da ein Auto stand. Es parkte im hohen Gras, umringt von üppigem Gebüsch. Die Schrottlaube könnte früher einmal hellblau gewesen sein. Der Lack war aber schon so stark von der Sonne verblichen, dass man nur noch ahnen konnte, welche Farbe es einmal gehabt haben könnte.
«Das ist also Schloss Reichenstein?», sagte Lilly und zeigte mit dem Finger in Richtung der Baumhütte.
«Ausgezeichnete Tarnung, nicht wahr! Geradezu vorzüglich, könnte man sagen.», gab Roberta zur Antwort.
«Geiles Tarnschloss», rief Tim und rannte hinüber.
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