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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Mittwoch, 9. September 2009

Stubenhocker

Es war Dreck.

Bestimmt.

Was sollte es sonst sein…

Ich blieb noch eine Weile vor dem Fleck an der Wand stehen und wandte mich dann angewidert ab. Das Wasser im elektrischen Wasserkocher hatte schon längst gekocht und war nun bestimmt schon wieder etwas abgekühlt. Doch das war perfekt. Perfekt für den Tee. Der sollte ohnehin mit nur achtzig Grad heissem Wasser aufgegossen werden. Ich leerte das Wasser über die getrockneten Kräuter, worauf diese sich in einem Wirbel zu drehen begannen, auf- und viel öfter abtauchten. Der frische Duft der Pfefferminze breitete sich aus. Ich stellte den Wasserkocher zurück in seine Halterung und verliess die Küche.

Erneut kam ich an dem Fleck an der Wand vorbei. Es war bestimmt Dreck.

Ich legte mich aufs Bett und begann zu weinen. Ich wusste selbst nicht wieso und kam mir deshalb etwas albern vor. Wäre ER hier, bräuchte ich nicht zu weinen. Dann gäbe es keinen Grund. Und trotzdem war nicht SEIN Fehlen der Grund für mein Weinen. ER hätte es nur verhindert. Ich verscheuchte IHN abermals aus meinen Gedanken. Zum zehnten Mal an diesem Tag. Bestimmt.

Die trällernde, ewig gleiche Popmusik aus dem Radio ging mir allmählich auf die Nerven. Darum schaltete ich den Radio aus. Ich liess mich auf den Fussboden sinken. So sass ich da, auf meinen eigenen Fersen, die Hände auf die Oberschenkel gelegt, das Gesicht mit geschlossenen Augen zur Decke gewandt, als erwarte ich jeden Moment die Erleuchtung. Ich seufzte tief (denn sie kam nicht).

Ich ging zurück in die Küche und brauche kein weiteres Mal zu erwähnen, dass ich noch immer der Überzeugung war, dass der Fleck Dreck war. Ich siebte den Tee ab und gab Zucker in den Krug. Viereinhalb Esslöffel auf eineinhalb Liter Tee. Nicht mehr und nicht weniger. Bestimmt.

Irgendein Bereich zwischen Herz und Magen begann sich leicht zu verkrampfen, was zu einem unangenehmen, aber unbeschreiblichen Gefühl führte. Es war annäherungsweise das Gefühl, das man verspürt, kurz bevor man sich übergeben muss. Keine Übelkeit. Mehr eine intensive, anstrengende Spannung, die man zwar zu unterdrücken versucht, die aber unweigerlich stärker, ja übermächtig wird. Die Spannung entlud sich abrupt in einem erneuten Tränenausbruch.

Ich nahm den Krug – das war ein Fehler. Meine Hände zitterten, sie hatten keine Kraft mehr. Der Krug fiel zu Boden, zerbrach, und der Tee breitete sich auf den Kacheln des Küchenbodens aus. Einige Spritzer erreichten die Wand und liessen Flecken entstehen.

Vielleicht war der Fleck Tee…

Es war Dreck.

Bestimmt.

Oder…? Ich nahm den Waschlappen, tränkte ihn mit dem Tee vom Boden und ging damit zum rätselhaften Fleck. Ich klatschte den Lappen gegen die Wand und beobachtete den entstehenden Fleck. Kein Vergleich. Nicht im Geringsten. Damit war es bewiesen: Der Fleck war kein Tee. Ein bisschen erleichtert liess ich den Lappen zu Boden fallen und begab mich wieder zum Schlafzimmer. Doch auf halbem Weg hielt ich inne. Der Fleck war dunkler als Tee.

Es könnte Kaffee sein…

2 Kommentare:

  1. Spannung, Witz und noch mehr Gefühl... ja es muß Liebe sein, was du da beschreibst... das Gefühl verliebt zu sein und den Geliebten zu vermissen. Interessant, daß dir in diesem Zustand plötzlich die Popmusik auf die Nerven geht, der Fleck jedoch deine Aufmerksamkeit fordert. Nur zu gut kenne ich diese Situation... *seufz*
    So ist es...
    Liebe Grüße, Mikka

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  2. Höchst interessant! Mit dieser Interpretation hätte ich nicht gerechnet! Aber du könntest Recht haben. Ich weiss nämlich gar nicht, mit welchem Hintergedanken ich den Text tatsächlich schrieb. Mir war plötzlich danach, kurz vor dem Zubettgehen. Aber "Liebe" könnte eines der Gefühle gewesen sein, das ich dabei empfunden habe.

    Ich bin wirklich erstaunt! Du bist ein ausgezeichneter Zwischen-den-Zeilen-Leser! ^-°

    Lieber Gruss, Eilean

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