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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Donnerstag, 5. November 2009

"Guten Morgen Mr. Dow! Wie haben sie heute Nacht geschlafen?"
"Geht so, ich werde ja alle zwei Stunden aufgeweckt...!"
"Ja, ich weiß, daß tut mir auch sehr leid, aber ich kann ihnen verischern, daß mit dem heutigen Interview diese Versuchsreihe abgeschlossen sein wird!"
"Das bedeutet?"
"Das sie wieder in Ruhe die Nacht durchschlafen können. Die Tests im Schlaf sind abgeschlossen!"
"Na und? Haben sie was herausgefunden?"
"Das kann ich leider noch nicht sagen, die gesammelten Daten müssen erst noch ausgewertet werden, aber vor ab lässt sich schon sagen, daß sie für einen Mann in ihrem Alter sehr ungewöhnliche Werte aufweisen. Naja, jedenfalls sind wir heute hier zu einem abschließenden Interview!"
"Na dann fragen sie...!"
"Ja, also, Mr. Dow - weshalb haben sie versucht sich das Leben zu nehmen?"
"Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder?"
"Doch! Bitte beantworten sie die Frage!"
"Naja...was würden sie tun, an meiner Stelle?"
"Gut Mr. Dow, lassen sie mich mit einer anderen Frage fortfahren: Wann haben sie das erste Mal bemerkt, daß eine Änderung in ihnen vor sich geht?"
"Oh das ist jetzt einige Jahrzehnte her...warten sie, ich denke es war vor 50 Jahren, cirka... hmm... ja es war im Jahre 2003!"
"Wie hat sich die Veränderung bemerkbar gemacht?"
"Ich war unzufrieden mit meinem Leben, wollte mehr, erwartete mehr von mir selbst und wurde auch innerhalb meiner bis dahin gut funktionierenden Ehe immer unzufriedener!"
"Naja, aber das geht ja vielen Menschen so, oder nicht?"
"Sicher, bis dahin war es auch nichts besonderes, erst als es dann anfing offensichtlich zu werden..."
"Das heißt?"
"Als erstes waren es Freunde die bemerkten, daß ich immer jünger aussah als sie selbst, dann meine Frau, aber die sagte nichts - sie wurde nur immer misgelaunter!"
"Warum wurde sie so? Sie könnte doch froh sein, wenn sie einen Mann an ihrer Seite hat der..."
"Das waren die vielen jungen Frauen die plötzlich Interesse an mir zeigten. Sie können sich vorstellen daß das nicht spurlos an einer Ehefrau vorüber geht!"
"Ja sicher. Aber sie lernte damit umzugehen, oder nicht? Schließlich waren sie noch weitere 20 Jahre mit ihr verheiratet!"
"Ja, aber es wurde von jahr zu Jahr schwerer. Sie mistraute mir immer, obwohl sie eigentlich nie Grund dazu hatte, ich habe sie nie betrogen. Wir hatten einfach immer mehr Streit, über alles..."
"Was meinen sie damit?"
"Meine Ansichten änderten sich ebenfalls. Mein Geschmack für Musik und Klamotten... Sehen sie: Meine bisherigen Freunde, die ebenfalls in meinem Alter waren kleideten sich seriös und hörten Musik aus unserer Jugendzeit..."
"Zum Beispiel?"
"Also Sachen wie, Boy George, Eurythmics, Nena, Sting, Yellow...hmm...ja und Van Halen, ZZ Top und so, sie verstehen?"
"Ja, und sie hörten das nicht?"
"Nö, das interessierte mich nicht, ich fands altmodisch, stattdessen hörte ich lieber House, Dance - aber auch R´n´B, Hip Hop und einfach alles Mögliche was cool war!"
"Sie haben dann ja später auch angefangen trotz, daß ihre Frau daheim geblieben war, in die Disco zu gehen, oder?"
"Ja, das war dann eben später, da war sie dann Mitte 50 und ich fühlte mich wie 25. Es war unmöglich daheim zu bleiben am Wochenende. Ich habe ja versucht es zu unterdrücken, aber dann kamen Anrufe von Freundinnen und die wollten daß ich auch komme..."
"Und das tolerierte sie nicht mehr?"
"Sie? Meine Frau fügte sich mehr oder weniger, es waren meine Freunde, die mich als Spinner, als Perversen brandmarkten. Sie warfen mir vor eogistisch zu sein, brachen den Kontakt mit mir ab und zogen sich von mir zurück... heute denke ich, daß ich sie sogar verstehen kann. Denken sie mal, daß die ja auch sahen, daß ich scheinbar immer jünger wurde. Die waren zum teil eifersüchtig und zum Teil angewiedert!"
"Aber sie haben das doch auch genossen, oder nicht?"
"Anfangs ja. Es war schön von jungen Frauen begehrt zu sein. Die wollten doch mit den ganzen jungen Deppen die nichts im Hirn hatten zu tun haben. Meine Lebenserfahrung, meine durch das Alter erlangte Souveränität und dennoch ein jugendliches Aussehen verleihten mir bei den Mädchen ein gewisses Etwas, daß kein Mann in deren Alter aufwies - daher natürlich chancenlos war."
"Verstehe! Und das haben sie dann auch ausgenutzt..."
"Ausgenutzt? Nee, das hab ich nicht! Das dachten ja alle, daß ich der begehrteste Stecher in der Region wäre, aber wie ich schon sagte, ich bin meiner Frau niemals fremd gegangen. Ja, ich hatte viele Dates und Flirts, habe mich unzählige Male verliebt aber nie mehr. Ich habe das ja selber kaum verstanden was mit mir passierte..."
"Und im Job? Wie reagierten die?"
"Oh mein Chef war begeistert, aher die Kollegen, die haben angefangen zu mobben. Ich wurde immer besser in dem was ich tat. Mir unterliefen keine Fehler mehr und ich bildete mich unaufhörlich weiter. Das war für die Firma ja auch immer gut, denn ich war der einzige Mitarbeiter der wirklich jeden Posten in der Firma besetzen konnte. Meine qualitative Attraktivität stieg stetig. Das war den meisten Kollegen selbstverständlich ein Dorn im Auge. Als dann eines Tages Mitarbeiter entlassen werden mussten - wegen der schlimmen Krise 2012 - wurde mir ja nicht gekündigt, im Gegenteil man lies mich zwei entscheidungstragende Posten zur gleichen Zeit besetzen, gewährte mir das eineinhalbfache Gehalt und einen Dienstwagen in der Oberklasse. Das wars dann, von da an wurde das Mobbing dermaßen heftig, daß ich mich kaum retten konnte. Anweisungen wurden nicht befolgt, und man lies mich einfach auflaufen, denunzierte mich mit den übelsten Lügen und jemand frisierte die Konten der Firma mit meinem Password. ich war geliefert, man kündigte mir und das wars..."
"Das war das selbe jahr, in dem sich ihre Frau von ihnen trennte?"
"Ja, 2023... fürchterlich. das werde ich nie vergessen. Wir feierten ihren 75. Geburtstag...das heißt wir wollten es. Ich hatte mir wie immer, all die Jahre, etwas vorgenommen um sie zu überraschen. Für diesen Morgen hatte ich bei einem Traiteur ein Champagner frühstück in Auftrag gegeben. Die haben es dann auch geliefert und ich trug es nach oben, wollte sie am Bett damit überraschen... Als ich die Tür leise öffnete, hörte ich meine Frau schluchzen. Sie saß da, auf der Bettkante - diese gebeugte alte Frau, die ich nie aufgehört habe zu lieben - in ihrer Hand hielt sie einen Brief. Es war ein Liebesbrief einer jungen Frau die ich ein jahr zuvor in einer Disko kennenlernte. Darin schrieb sie mir, daß sie sich in mich verliebt habe und an nichts anderes mehr denken könne als mit mir zu leben. Ich erkannte den Brief an dem farbwechselnden Briefpapier...das war der neueste Schrei im Jahr 2023. Ich bekam einen ganz heißen Kopf...mir wurde plötzlich klar, daß sie dann auch die Fotos von Svenja sehen konnte und dann wußte, wie jung Svenja war."
"Wie alt war sie denn?"
"24! Meine Frau mußte bemerkt haben, daß sie keine Chance mehr hatte...!"
"Zu diesem Zeitpunkt begaben sie sich das erste Mal in einer Ärztliche Behandlung, nicht wahr?"
"Ja, ich ging in die Charité in Berlin - die hatten nach Meinung meines Arztes in Philadelphia die größte Erfahrung auf dem Gebiet der Altersforschung!"
"Sie waren dann in Berlin in Behandlung?"
"Nein, man machte ein paar Tests und nahm Gewebeproben...aber die Befunde müssten ihnen doch bekannt sein!"
"Ja, sicher... Und als sie drei Tage später zurückkamen hatte sich ihre Frau von ihnen getrennt?"
"Ja, ich kam heim und sie war weg - sie war zu unserem Sohn nach Chicago gezogen und wollte mich nicht mehr sehen. Ich hab das nicht verstanden, ich meine sie hatte die ganzen Jahre gesehen wie ich mich langsam aber stetig veränderte. Sie hat niemals mit mir darüber geredet, auch dann nicht, als es immer öfters der fall wurde, daß Fremde uns für Mutter und Sohn hielten..."
"Wie ging es im Bett bei ihnen? Das muß doch unmöglich geworden sein?"
"Nein, daran lag es nicht, wir hatten noch einige Jahre guten Sex. Natürlich alterte sie und sie hatte auch immer wieder Probleme damit. Sie genierte sich und wollte Sex nur noch in Dunkelheit - früher hatten wir gedämpftes Licht oder eine Kerze angemacht, aber nun musste es immer dunkel sein. Ich hatte kein Problem damit, ich liebte sie doch..."
"Aber sie hat sie doch auch geliebt, oder nicht?"
"Ja, aber sie mistraute mir immer mehr. Sie war sich sicher, daß ich auch noch mit anderen Frauen schlafen würde, eben mit jungen Frauen. Sie glaubte, daß ich es mit ihr nur noch aus Pflichtgefühl täte."
"Und dem war nicht so?"
"Nein! Ich habe sie geliebt und es war deshalb sehr schön mit ihr zu schlafen! Ich konnte doch nichts für meine Verjüngung... was sollte ich denn tun? Die Ärzte an die ich mich wand, konnten mir nicht helfen, viele waren sogar der Meinung, ich solle mich doch freuen und es genießen."
"Sie heirateten ein Jahr danach Svenja?"
"Ja"
"Mit ihr waren sie 8 Jahre verheiratet und haben 2 Kinder mit ihr?"
"Ja"
"Warum haben sie sich von ihr getrennt?"
"Sie hat mich rausgeworfen!"
"Weshalb?"
"Weil sie mir mistraute...!"
"Sie auch?"
"Klar, sie wurde älter...ich nicht. Was soll ich dazu sagen?"
"Wieviele Frauen hatten sie bisher?"
"Ach, es waren 4. Meine jetztige Freundin ist 18, wir sind ja gleich altrig..."
"Naja, das stimmt ja so nicht, sie sind 90 Jahre alt!"
"Ja, auf dem Papier... und nach dem was ich erlebt habe auch. Ich habe als Kind den Vietnamkrieg mitbekommen und die sexuelle Revolution in den 70ern. habe Tschernobyl als Zeitzeuge erlebt und die Anfänge des Islamischen Terrors in der ganzen Welt. Mein ältester Sohn wurde drei Tage nach dem Mauerfall in Ostberlin geboren und ich war am 11. September 2001 beruflich in New York, erlebte den Terror als die Twin Towers fielen buchstäblich hautnah mit. Doch vor ihnen sitze ich als 18 Jähriger junger Mann, der keinerlei körperliche Gebrechen hat, der geistig auf einem Niveau ist wie es nie zuvor einen anderen Geist gegeben hat.
Ich denke 24 mal pro Minute an Sex und ich kann kaum still sitzen, weil ich mich einfach ständig bewegen möchte. Ich habe unzählige junge Frauen in meinem Bekanntenkreis, die mit mir eine Familie haben möchten aber ich habe auf der ganzen Welt keinen einzigen Freund. Niemand hält es sehr lange mit mir aus, sie gehen ein - zwei, oder drei jahre mit mir des Weges und dann werden sie älter und interessieren sich nicht mehr für mich. Ich werde immer jünger - niemand kann es aufhalten und eines fernen Tages werde auch ich sterben, aber nicht an Altersschwäche, sondern weil die Lunge in meinem Körper nicht mehr funktionieren wird, weil die Leber nicht betriebsbereit sein wird und weil ich mich nicht mehr selber ernähren kann. man wird mich vielleicht an eine Maschine hängen, weil man mich weiter erforschen will, doch auch die Wissenschaft wird eines Tages die Maschine abschalten, weil sie mit den bloßen DNA auch nicht mehr weiter kommt. Mein leben wird sicher verfilmt und Millionen werden sich gruseln, werden lachen, werden weinen... aber kein Mensch auf dieser Erde wird jemals nachvollziehen können, wie ich mich jetzt in diesem Moment fühle. Sie werden meine Ängste und Sorgen nicht verstehen und meine Depressionen werden sie nicht interessieren.
Genausowenig wie jemand bemerkte, als meine Frau im Alter von 86 jahren einsam verstarb.
Ich will einfach nicht mehr leben, weil ich das Leben und die sogenannte ewige Jugend nicht mehr ertragen kann!"
"Danke Mr. Dow, für ihre Zeit... die Daten die wir über sie gesammelt haben werden uns ja vielleicht doch helfen, ihr Problem zu lösen."

2 Kommentare:

  1. Ha! Das erinnert mich stark an einen Film, wie hiess der nochmals??
    Ach ja:
    'The curious case of Benjamin Button'
    Soll anscheinden gut sein, habe ihn leider nie gesehen, aber nun kann ich mir dank dir vorstellen, wie er sich gefühlt haben muss....
    Schrecklich....
    Die arme Mr.Dow, nicht dein Text ;)

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  2. Eine schier unglaubliche Vorstellung! Diese Idee könnte man wohl endlos weitertreiben!

    Wunderschön formuliert, Mikka! Kompliment! ^-^

    (Mir fehlt momentan die Eingebung für einen Text...)

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