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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Freitag, 26. Februar 2010

Dreimal fliehen

Eine Welle von Wut brach über ihr zusammen und ihre Hand traf seine Wange mit so überwältigender Wucht, dass er zurücktaumelte und ins Laub zurückfiel. Und bevor er sich versah, war sie zwischen den Bäumen davon gerannt.



Eine unbegründete Angst packte das träumende Ich. Ich stürmte die sich im Gegenuhrzeigersinn hinabwindende Treppe hinunter und stürzte aus der Eingangstüre auf unsere Strasse hinaus. Unerwartet fand ich mich knietief in fliessendem Wasser wieder. Die Ruhe, die von mir Besitz ergriffen hatte, ermöglichte es mir, pragmatisch nach einer Lösung zu suchen. Und tatsächlich erblickte ich in der Parkierzone auf der gegenüberliegenden Strassenseite ein Floss. Mit einem Sprung war ich auf dem Gefährt und trieb die Strasse hinab auf eine unübersichtliche Kante zu, hinter der das Wasser tosend hinabfiel und sich Hunderte Meter weiter unten aus einem Delta in unzählige kleine Rinnsale aufteilte. Von der Kante aus überblickte ich eine saftig grüne Landschaft mit grossen Waldgebieten, durchzogen von den vielen kleinen Flüssen, die vom Delta zu meinen Füssen ausgingen, während am Horizont eine goldgelbe Sonne hinter sanften Hügeln versank.

Als auch der letzte Sonnenstrahl hinter den Hügeln zurückblieb, kam Alice angerannt und packte mich bei den Schultern. „Er kommt, Sogna! Er kommt!“ keuchte sie, und aus ihren Augen schrie blankes Entsetzen. Sie machte einen grossen Satz über die Kante hinab und riss mich mit sich. Im Fall rief sie mir zu: „So wird er uns nicht kriegen!“ Ich nickte zustimmend und blickte rückwärts dem Wasserfall entlang nach oben zur Kante, die sich immer weiter und immer schneller von uns entfernte. Dort erkannte ich stolz aufrecht stehend eine dunkle Figur mit einem breitkrempigen Hut, die sich gegen den dämmrigen Himmel abhob. Die Erleichterung, dieser Kreatur entkommen zu sein, beflügelte mich und liess mich sanft hinabgleiten, während mich feine Wassertropfen glitzernd umspielten. Alices weisse Haare wehten sanft im Aufwind des Falls und ihre Gewänder umhüllten ihren Körper wie feenhafte Schleier. Das Flussdelta und der Urwald schwebten zu uns herauf, während wir uns gegenseitig verträumt zulächelten. Als unsere Zehenspitzen die Wasseroberfläche des tiefen Sees am Fusse des Wasserfalls berührten, breiteten sich filigrane Ringe über die spiegelglatte Wasseroberfläche aus, immer weiter, unaufhaltsam, bis hin zum Kiesufer vor dem dichten, schützenden Saum des Waldes, zu den Nebelwolken des lautlos tosenden Wasserfalls. Erstaunt über die absolute Ruhe blickte ich mich um. Werder der Wind, noch die Blätter, die in ihm zitterten, noch die Vögel, die über den Himmel zogen, noch das Wasser mit seiner ungeheuren Wucht waren hörbar. Es herrschte eine so intensive Stille, dass mein Trommelfell zu bersten drohte. Ich presste meine Hände gegen meine Ohren, um das erdrückende Gefühl der Taubheit zu verbannen. Doch selbst meine eigenen Bewegungen waren vollkommen lautlos. Als ich mit den Händen meine Ohren zuhielt, hörte ich nichts, als ich mich in Qualen wand und auf den Boden warf, hörte ich nichts, und ich hörte noch immer nichts, als ich vor Schmerzen zu schreien begann.

Dann plötzlich waren alle Töne, Geräusche und Klänge auf einmal wieder da. Mein Schrei flammte auf aus dem akustischen Nichts, sodass es mir wiederum fast den Schädel zerriss, und ich schreckte auf aus einem fiebrigen Schlaf, der weder körperliche, noch geistige Erholung gebracht hatte. Ein schlaffer Körper gehorchte meinen Befehlen kaum und lag wie gelähmt. Um mich herum hing ein weisser Vorhang, und fahles Licht fiel von einer Sparlampe auf das Leintuch herab, das über mir lag. Der beengende Raum war von einer sterilen Sauberkeit. Von irgendwo hinter den Vorhängen hörte man regelmässige Piepstöne und ein stetige Geräuschekulisse aus Rascheln, Klappern, Schlürfen, Husten, Röcheln, Schnarchen und leisen Gesprächen. Langsam lichtete sich auch der Nebel der Benommenheit und ich wagte mich zu regen. Erschöpft richtete ich mich auf einem schmalen Bett auf und spürte sogleich die Verspanntheit meines ganzen Körpers. Doch es blieb mir kaum Zeit, mich zu strecken: Mit einer stürmischen Wucht wurde der Vorhang zur Seite gerissen und ein Arzt, eingerahmt von zwei Krankenschwestern, ähnlich wie Fotokopien, trat besorgt an mein Bett.

„Geht es Ihnen gut?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, klatschte der in weissen Mantel und Stethoskop gekleidete Arzt in die Hände, worauf die beiden Schwestern sich synchron abwandten und verschwanden. Der Arzt zog hinter ihnen den Vorhang zu und trat dann vertraulich nah an mein Bett heran. Er nahm meine Hand, küsste sie höflich und begann dann in ernstem Ton: „Gnädigste. Ich wünsche Euch keinesfalls zu beunruhigen, doch wie es der Hippokratische Eid von mir verlangt—.“

„Reden Sie nicht weiter, Herr Doktor. Ich weiss worum es geht.“ Meine Worte klangen bedrückter, als ich es beabsichtigte. „Sagen Sie nichts mehr…“ Und ich zog ihn an seiner feuerroten, feuerheissen Krawatte zu mir heran und sah ihm auffordernd in die Augen. Daraus leuchteten mir zwei hellgraue, dunkel umrandete Iriden entgegen. Er hob seinen linken Mundwinkel neckisch an und fuhr mit der Zunge über eine makellose obere Zahnreihe. Dann warf er sich unvermittelt auf mich und küsste mich feurig. Seine Leidenschaftlichkeit überrumpelte mich vollkommen und liess mich willenlos in seine Arme sinken. Sein wallendes, weisses Haar wehte im Sturm unseres Berührungen, seine Hände strichen sanft über meine Beine, Arme, Brust und Wange, er sog gierig den Duft meines Körpers ein, und seine Küsse betäubten mich hin zu einer hypnotischen Trance. Mit einer einzigen Bewegung riss er seine Kleidung in Fetzen und enthüllte einen muskulösen Oberkörper. Meine Hand fuhr über seine glatte Brust, während seine meine Taille hinab strich, meinen Hintern in Leidenschaft ergriff, meine Brust sanft umspielte und mit leichten Fingerspitzenberührungen mir einen erotischen Schauer unter die Haut fahren liess.

Abrupt beendete ich jedoch unser Winden, da ich mich von meinem Verlobten beobachtet fürchtete.

„Sorgt Euch nicht, Gnädigste. Diese Sorge werde ich von Euch nehmen.“ Und unter aufbrausendem hysterischen Lachen band er mich mit eiskalten Lederriemen am Schragen fest. Im tieffinsteren, endlosen Raum flammten plötzlich kreisförmig angeordnete Scheinwerfer auf, deren flutendes Licht mich schmerzhaft blendete. Seine schrill lachende Silhouette bäumte sich vor mir auf, ein blitzendes Skalpell schwingend, und rauschte sogleich wieder zu mir nieder, sodass seine Nasenspitze die meine berührte und sein fauliger Atem mir die Galle hochtrieb. Sein pechschwarzes Haar hing in fettigen Strähnen über seine schweissige Stirn und eine unerträgliche Hitze ging von seinem Körper aus. Mit einem malignen Grinsen entblösste er seine gelb-schwarzen Reste von Zähnen. Er schleckte mir mit der gespaltenen Zunge einer Schlange das Gesicht, und der Blick aus seinen roten, flammenden Augen drohte mich von innen zu versengen. Ich wollte Schreien, doch meine Kehle war wie zugeschnürt. Das teuflische Lachen, das seinem Maul entwich, während er das Skalpell noch einmal anhob, jagte mir Tränen in die Augen. Er spreizte seine Arme in massloser Selbstverehrung und ballte seine krallenbesetzten Klauen zu mächtigen Fäusten. Die feuerrote, ledrige Haut bekam unter der grossen Spannung Risse, aus denen gleissendes Licht austrat. Und als sein massiger Körper in abertausend Fetzen zersprang, schien es Asche zu regnen und der durchdringende Gestank konzentrierten Schwefels breitete sich aus.



Kaum hatte ich das Gebäude gefunden und betreten, lief diese Bekannte meiner Mutter aufgebracht auf mich zu und fuchtelte mit einem Blatt Papier vor sich her. Sie stolperte, fing sich jedoch wieder, taumelte einige Schritte und eilte dann weiter. „Sogna! Sogna, du bist gleich an der Reihe. Du hast nun ebenfalls einen Auftritt!“

Ich spürte, wie mir die plötzliche Nervosität das Blut in den Kopf trieb. Ich hatte doch mein Lied noch gar nicht geprobt. Ich versuchte mich zwanghaft an den Liedtext zu erinnern. Die Melodie hatte ich noch halbwegs in den Ohren, doch der Text… Even on an ocean deep and clear, I never feel lonely…

Hastig ging ich über den dunkelgrauen Spannteppich die Treppe hinauf. Meine Hände zitterten und mein Gehirn suchte in seinen tiefsten Windungen nach der Fortsetzung des Verses. Die Wände des Treppenhauses waren mit einem groben Verputz ausgekleidet. An der Decke hing auf jeder Zwischenetage eine kreisrunde Zylinderleuchte, welche ein schwaches Licht ausstrahlte. Das Geländer bestand aus mehreren Metallbahnen, die dem Treppenverlauf folgten und in regelmässigen Abständen von Streben zusammengehalten wurden. Als Handlauf diente eine schwarz lackierte Stange, die sich ebenfalls wie eine eckige Schlange durchs Treppenhaus wand. Zwei Stockwerke höher trat ich durch eine schwere, beschlagene Metalltüre mit einem Bullauge auf Augenhöhe. Ich trat auf einen breiten Gang hinaus, ebenfalls mit demselben Spannteppich ausgelegt und durch dieselben Leuchten schwach erhellt. Die rauen Verputzwände waren mit hohen Spiegeln und schweren Samtvorhängen geschmückt, welche durch goldene Kordeln zu dekorativem Faltenwurf zurückgebunden waren. Durch eine der edlen Holz-Glas-Türen trat ich in den Zuschauerraum und fand mich verloren inmitten einer erschreckend gigantischen Tribüne. Abertausend Zuschauer erfüllten die Halle mit erwartungsvollem Gemurmel, bis plötzlich sämtliche Scheinwerfer aufblitzen und die Bühne beleuchteten. Nur noch wenige Minuten bis zu meinem Auftritt, und ich zitterte hinter der Bühne wie Espenlaub. Noch ein letztes Mal äugte ich zwischen den schweren Vorhängen hindurch und vergewisserte mich der immensen Zuschauerzahl. Noch immer grübelte ich an der Fortsetzung des Liedtextes herum. Even on an ocean deep and clear, I never feel lonely. For everywhere I am you’re near, and…

So konnte ich nicht auftreten. Auf keinen Fall! Ich musste Mel nach dem Liedtext fragen. Auf dem schnellsten Weg verliess ich das Gebäude und ging durch den Garten auf den Wald zu. Es war in der Zwischenzeit bereits dunkel geworden, und das Schilf schimmerte schwach im Mondlicht. Die vielen, kleinen Teiche geschmückt mit Pfeifenputzerschilf auf den verschiedenen Gartenterrassen lagen wie Spiegel zwischen dem Gras und den Bäumen, worin Tausende Sterne als Spiegelbild ihrer selbst zu schwimmen schienen. Ich lief über die gewundenen Pfade und kleine Treppchen durch die vielen Terrassen, bis zur untersten Ebene hinunter, wo mich ein Pfad direkt in den Wald führte. Grillen zirpten schon und zwischendurch quakte ein Frosch.

Kaum war ich in den Wald eingedrungen, umgab mich eine Finsternis, dass ich meine Hand kaum vor Augen sah. Durch das dichte Blätterdach war für den Mondschein kein Durchkommen. Der Pfad war schmal und die Äste, die ihn säumten, zupften an meiner Kleidung. Bald war es nicht länger ein blosses Zupfen, sondern ein Reissen und Zerren, ein Klemmen und Schneiden. Bald hing meine Kleidung in Fetzen an mir herab. Die Wunden bluteten dermassen, dass sie kaum mehr schmerzten, sondern mich nur noch wie ein warmer, fast brennender Mantel einhüllten. Auch war da längst kein Pfad mehr, sondern nur dichtes Gestrüpp aus Dornenbüschen und Brennnesseln.

Doch bevor ich vor Erschöpfung und als Folge des Blutverlusts zusammenbrach, gab das Unterholz nach und ich torkelte auf eine Lichtung, fiel natürlich sogleich und landete keuchend auf allen Vieren. Die Sonne brannte auf meiner zerfetzten Haut. Brannte das Blut zu einer harten Kruste fest. Mein Atem ging schwer und schmeckte nach Blut.

Auf einmal hoben mich zwei starke Hände sanft in die Luft, und ich fand mich in den Armen meines Retters wieder.

„Ich wusste, dass du kommst, Thorn.“

Er blickte mich nur lächelnd an und ging, einen Arm um meine Schultern, einer unter meinen Knien, sodass er den langen Schleier meines seidenen Kleides auf dem Rasen hinter sich her zog, weiter den Hügel zur stolzen Burg hinauf. Von weitem sah man seine Ritterrüstung in der Sonne glänzen.

In einem der Burggemächer legte er mich in ein seidenbezogenes Bett und sich daneben. Er strich mir eine glänzende Haarsträhne aus dem Gesicht, während eine blonde Locke über seines fiel. Mit den tiefen schwarzen Augen eines bis zum Innersten reinen Gewissens blickte er mich an und sagte kein Wort – denn alles war bereits gesagt.

Und wir küssten uns. Und sein Oberkörper unter dem leinenen Hemd war straff und strotzte nur so vor Kampferfahrung. Sein Atem fiel über mich, wie ein sämtliche Sinne betäubender Schleier, so betörend, dass ich um mein Bewusstsein rang. Seine Hand streifte meinen Oberschenkel entlang unter mein Kleid bis zur Hüfte. Sanfte Berührungen, kaum spürbar und doch so bestimmt.

Dann kam diese Angst. Ich blickte zur Tür. –Und wenn er kommt? Sanft schob ich seine Hand zurück. Doch sein Feuer loderte. Er liess sich nicht so leicht bändigen. –Er könnte jeden Moment kommen… Ich wand mich unter seinen Küssen, presste mit beiden Händen gegen seinen makellosen Oberkörper. –Es ist nicht Rechtens, was wir tun! Seine Hand aus meinem Schritt. –Gleich steht er hier. Ich sehe schon sein Gesicht, vor Wut errötend. Wahrscheinlich wird er ausser sich geraten. Er wird etwas werfen. Seine Küsse wollten nicht enden. Er umfasste mich wild aber noch immer sanft und rücksichtsvoll. –Das reicht! Mit aller Kraft stiess ich Thorn von mir ab. Dieser prallte gegen einen der Bettpfosten und blieb bestürzt sitzen.

„Was ist mit dir?“ fragte Thorn verwirrt.

„Bitte, versteh mich nicht falsch, aber mein Verlobter—.“

Die Türe wurde aufgestossen und krachte gegen die Mauer. Ein in Überwurf und Kapuze gehüllter Mann, gefolgt von drei Lanzenträgern stürzte herein und verbeugte sich vor uns ehrerbietend.

„Es bleibt keine Zeit, eure Hoheit. Bitte folgt mir. Euer Pferd steht bereit.“

Verwirrt blickte ich zu Thorn. Traurig senkte dieser den Blick und küsste meine Hand.

„Dann soll es wohl nicht heute sein, meine Liebste.“ Ich wollte widersprechen, doch Thorn liess mir keine Zeit. „So geht. Aber gebt auf Euch Acht, Gnädigste. Ich verspreche, Euch zu folgen, sobald es mir die Umstände erlauben. Doch meine Begleitung wäre hierzulande zu auffällig. Vertraut mir.“ Er wandte sich an den Vermummten. „Gebt gut Acht auf sie. Ihr Leben liegt nun in Euren Händen, Sir Lancelot.“ Und damit erhob er sich vom Bett und eilte aus der Raum in die Dunkelheit der verwinkelten Gänge.

Ebenfalls in einen Umhang gekleidet, folgte ich Sir Lancelot durch die Gänge. Alsbald ertönten wilde Rufe hinter uns, und das Klappern eiserner Rüstungen wurde vernehmbar. Panisch rannte ich durch die Gänge, sich steil in die Tiefe windende Treppen hinab, durch Türen und Portale hindurch, welche in unzählige weiter Räume führten. Die drei Lanzenträger blieben bald zurück, um unsere Verfolger aufzuhalten. Sir Lancelot führte mich immer weiter hinein in das Labyrinth dieser Gemäuer. Schnell bog er in eine Abzweigung, bald sah ich nur noch einen Zipfel seines Umhangs hinter einer Ecke verschwinden und dann war da nur noch das immer leiser werdende Tappen seiner Schritte, das sich langsam in der Dunkelheit verlor.

„Sir Lancelot“, hisste ich. „Wo seid Ihr?“ Die Gänge waren still geworden. Ich blieb schnaufend stehen und drückte mich an eine Wand. Verloren blickte ich in die Dunkelheit. Beide Seiten des Ganges sahen gleich aus – tatsächlich wusste ich nicht einmal mehr genau, aus welcher Richtung ich gekommen war. Doch ein riesiger Schreck liess mir keine Zeit mehr zum denken. Völlig unvermittelt war ein wutentbrannter Wachmann aus der Dunkelheit gesprungen und hatte nach mir gegriffen. Instinktiv hatte ich mich herumgeschleudert. Doch der Wachmann hatte im Sturze seines Angriffs meinen Umhang zu fassen gekriegt. So hing ich an dem Umhang, der mich erbärmlich würgte. Schell öffnete ich die Brosche, die den Umhang befestigte und stürzte aus der Umfesselung vorwärts. Panisch rappelte ich mich auf und begann zu rennen, zerriss dabei meinen Unterrock und schürfte den Ellbogen an der rauen Mauer auf. Der Wachmann war mir dicht auf den Fersen – ich konnte gar sein animalisches Schnauben hören, während er mich verfolgte. Dann prallte ich unsanft auf eine Türe, die plötzlich in der Dunkelheit vor mir aufgetaucht war. Verzweifelt suchte ich den Türgriff, fand ihn und drückte ihn runter. Die Türe war versperrt.

Ein greller Lichtblitz tauchte alles in weiss. Dann schwarz.

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