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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Dienstag, 18. November 2014

Die rote Sanduhr

„Es ist die Angst, Herr Doktor. Sie beherrscht mein Leben und jenes vieler, die mich umgeben…“ Sie seufzte und lehnte sich im Sessel zurück.
„Ich verstehe. Das muss schwer für Sie sein.“
„Sie können sich das unmöglich vorstellen.“ Sie hob den Schleier über ihr Gesicht und blickte den Psychiater aus ihren dunklen Augen eindringlich an. „Ich fühle mich so missverstanden. Wieso hassen mich denn so viele?“ Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Armen und fing an zu schluchzen.
„Viele Leute wertschätzen eben nicht, was sie leisten…“
Sie horchte auf. „Sie haben recht. Sie haben vollkommen recht!“ Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. „Die wissen einfach nicht, was es bedeutet, sich jeden Tag unter widrigsten Bedingungen sein täglich Brot zu erarbeiten, diese verwöhnten Stubenhocker, Sesselfurzer, Bürostifte! Und ein Obdach gewährt einem ja auch kaum einer. Höchstens im modrigen Keller dulden sie uns noch, diese treulosen Idioten! Dabei: Wo wären die ohne uns?!“ Sie stiess ein verächtliches Lachen aus, lehnte sich wieder im Sessel zurück und schlug ihre langen, schlanken Beine übereinander.
Der Psychiater räusperte sich verlegen und versuchten die Wallung zu unterdrücken, die ihn bei dem verführerischen Anblick überkam. „Wohl wahr! Wohl wahr!“ stimmte er zu.
„Untergehen würden die Narren! Sie wüssten gar nicht, wie ihnen geschieht, das sage ich Ihnen, Herr Doktor! Unsere Arbeit ist essentiell für das Kräftegleichgewicht. Essentiell! Und diese Widerlinge behandeln uns wie Abschaum, wie Dreck. Verjagen − ja quälen uns! Nur weil sie die Macht dazu haben. So glauben sie zumindest. Dabei sind sie in der Unterzahl!“ Sie erhob sich aus ihrem Sessel und reckte die Fäuste in die Höhe. „Wir sollten uns gegen sie erheben! Ja, wahrlich! Wir sollten uns das nicht länger gefallen lassen! Der Sieg ist unser!“ Sie brach in ein irres Gelächter aus, das ihren gesamten Körper durchbebte. Wieder stiegen übermächtige Wallungen in dem armen Psychiater auf. Er konnte seinen Blick nicht von ihr nehmen. Ihre fast unwirklich schlanke Taille und ihr wohlgeformter Unterleib wippten mit dem Lachen rhythmisch auf und ab. Welch betörender Anblick!
Er riss sich gewaltsam aus der Trance. „Wollen wir“, unterbrach er ihr diabolisches Gelächter heiser, „wollen wir uns nicht noch einmal Ihrem anderen Problem widmen, Gnädigste?“ Er wischte sich den Schweiss von der Stirn.
Ein neckisches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Wie Sie wünschen, Herr Doktor“, hauchte sie. „Ich hole mir vorher noch was zu trinken.“ Sie wandte sich um und fragte im davongehen: „Kann ich Ihnen nicht doch etwas anbieten?“
Wieder erstarrt durch den atemberaubenden Anblick dieser davon gleitenden Schönheit war er unfähig zu antworten. Gebannt blickte er auf die feuerrote Sanduhrtätowierung auf ihrem entblössten Rücken.
Sie blickte ihn über ihre Schulter an. „Herr Doktor?“ hauchte sie.
„Oh ja … äh … nein, danke … vielen Dank“, stammelte er und zwang sich erneut zu professioneller Contenance.
„Wie schade…“ Sie kehrte mit einem Drink in einem modernen, seidig umgarnten Gefäss zurück. „Wo waren wir?“
Ihre verführerische Erscheinung gepaart mit dieser geheimnisvoll bedrohlichen Ausstrahlung hypnotisierte ihn förmlich, und es fiel ihm schwer, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. „Wir wollten über Ihr anderes Sorgenkind reden.“
„Ja richtig. Die lieben Männer!“ Sie stiess erneut verächtlich Luft aus. „Ich weiss nicht, Herr Doktor, ich bin scheinbar nicht geschaffen für langanhaltende Beziehungen. Diese anhänglichen Trottel! Sie wollen ja doch alle nur das Eine! Und ich muss ehrlich sagen“, sie lehnte sich zu ihm vor, sodass er ihren Atem in seinem Gesicht spürte, und fügte flüsternd an, „ich will auch gar nicht mehr.“ Dann warf sie sich lachend im Sessel zurück und schlürfte ihren Drink leer. Achtlos schleuderte sie das leere Gefäss zu Boden. „Was soll ich denn mit so einer Klette? Dann müsste ich ja nur mein bescheidenes Zuhause auch noch teilen! Und wofür? Für das Bisschen Vergnügen?! Pah! Dass ich nicht lache!“ Sie hatte sich wieder aufgebäumt und brach wieder in dieses diabolische Lachen aus, das ihn erschauern liess und gleichzeitig so elektrisierend erregte.
„Können Sie denn an nichts denken, was ein Partner Ihnen sonst noch geben könnte, Frau−“
„Aber nicht doch, mein Lieber“, unterbrach sie ihn, während sie sich hingebungsvoll über ihn beugte. Ihr Bein suchte das seine. „Wir kennen uns doch nun schon so lange, Herr Doktor…“ Das zweite Bein, suchte das seine, und gedehnt hauchte sie: „Nennen Sie mich … Vidua.“
Da war es um seine Beherrschung geschehen. Sie fielen wild über einander her und wälzten sich im hemmungslosen Liebesspiel. Die ganze Nacht lang vereinigten sie sich wieder und wieder. Doch auch dieses Feuer erlosch allmählich. Langsam verebbte die Wollust und eine übermächtige Erschöpfung hielt Einzug. Doch noch bevor er sich des Endes ihrer Liebesnacht gewahr wurde, vollzog sich das absehbare und doch unausweichliche Unglück!

Ein letztes Mal bäumte sie sich vor ihm auf. Sie riss ihr Maul auf und entblösste furchteinflössende, messerscharfe Zähne. Sie fuhr auf ihn nieder, umklammerte ihn mit ihren sechs Beinen und biss zu. Er spürte wie das Gift durch seinen Körper strömte und sogleich seine lähmende Wirkung zu entfalten begann. Mit den hintersten beiden Beinen begann sie das tödliche Netz um ihn zu wickeln. Durch die sich in seinem Kopf ausbreitenden Nebelschwaden hörte er ihre sanfte Stimme: „Hab keine Angst, mein Liebling. So ist nun mal der Lauf der Dinge, und selbst dein schlaues Köpfchen – wir haben es ja wahrhaftig versucht – konnte daran nichts ändern.“

1 Kommentar:

  1. ...so kann`s Enden - ganz schön... schlimm...
    still my favorite ;)

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