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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Dienstag, 31. Mai 2016

Meine Welle

Es war ein tolles Gefühl, als die ganze Schulklasse meinem Vorschlag, die Abschlussfahrt auf die Insel Sylt gehen zu lassen, zustimmte.
Ich liebe die Nordsee und auch wenn die meisten Leute ständig irgendwelche Flugzeuge besteigen um immer weiter weg, um an immer entferntere Strände zu gelangen, so gilt meine große Liebe diesem Meer. Warum? Das werde ich sooft gefragt und wisst ihr was? Ich kann es gar nicht genau sagen. Es gibt keine Palmen da, es ist auch nur selten wirklich heiß.... Aber es gibt den feinsten Sand, den man sich nur vorstellen kann und die Nordsee ist wie eine schöne Frau mit Character. Eine Diva? Eine berühmte Schauspielerin... ja so ist sie... unberechenbar, manchmal zickig und launisch, aber immer unglaublich schön!
Nun, jedenfalls hatte meine Präsentation über meinen Vorschlag die meisten Stimmen bekommen und damit stand das Reiseziel fest: Die Nordspitze der Insel Sylt.
Die Reise fand im Zug statt und wir hatten mega viel Spass auf der Fahrt. Es war Frühling - April war es.
Ich hatte im Vorfeld ja viel Werbung gemacht und allen erzählt wie schön die Strände da sind, dass es eins der schönsten und besten Surf und Kitereviere Europas ist und man in richtig hohen Wellen schwimmen gehen kann. Ja hohe Wellen. Die meisten von euch haben ja niemals wirklich schwimmend erlebt, wie mächtig ein zwei Meter hoher Brecher sein kann...
Ich bin schon oft auf Sylt gewesen und ich kenne den ganzen Strand von Hörnum im Süden, bis List im Norden. Es ist nicht ungefährlich dort zu schwimmen, da es mächtige Rip Curl Strömungen dort gibt, die, wenn man sich falsch verhält dich einfach aufs offene Meer hinaus reissen. Da hat kein noch so guter Schwimmer eine Chance dagegen an zu kommen.
Das alles habe ich natürlich auch erzählt und einige Jungs und Mädels meiner Klasse waren sehr beeindruckt von meinen Beschreibungen. Susann, ein Mädchen der Art "Schulschönheit" war total begeistert und ihre Augen und Ohren klebten förmlich an meinen Lippen, was mir natürlich sehr gefiel.
Jedenfalls ging die lange Zugfahrt doch recht schnell vorbei und plötzlich fuhren wir schon in Hamburg ein.
Aber oh je.... die Laune der Klasse sank ins Bodenlose und die Laune kippte. Es goss in Strömen! Und dass nicht nur als ein Schauer, nein, es war ein richtig fettes Sturmtief über der Nordsee aufgezogen. Solche Sturmtiefs mit Windstärken bis zur Orkanstärke, halten sich in der Deutschen Bucht oft recht beständig. Die Aussichten auf einen sonnigen Strandurlaub schwanden dahin, mit jedem Kilometer den wir näher an Sylt heran kamen.
Die Zugfahrt über den Hindenburgdamm war schon ein kleiner Vorgeschmack auf das Wetter und die Sturmstärke am Strand, denn der Zug fuhr nur schrittgeschwindigkeit und wurde dennoch ganz ordentlich geschüttelt, wenn die kurzen scharfen Böen den Zug von der Seite her erfassten.
Wir sassen in einer Gruppe von etwa fünf Jungs und drei Mädels zusammen auf dem Boden, zwischen zwei Wagons. Mathias, einer der coolsten Jungs in der Klasse, guckte Susann mit seinem fiessesten Grinsen an und sagte dann plötzlich: "Hej Susann, findest du nicht auch, dass es seine Schuld ist, dass wir jetzt hier in dieser grauen Suppe rumhängen müssen, mit Mantel und Mütze? Anstatt vielleicht in Spanien in der Sonne zu braten?
Susann nickte, guckte mich dann an und sagte zu Matze: "Ja, schon... aber er kann doch gar nichts dafür, dass es regnet!"
Matze verzog wieder sein Gesicht und stichelte weiter: "Ja klar, aber er hat uns verschwiegen, dass es meistens schlechtes Wetter hier oben hat...!"
Susann blickte mich an und schwieg... Das war hart!
Deswegen versuchte ich die Stimmung zu meinen Gunsten zu drehen, besonders Susanns Aufmerksamkeit wieder für mich zu gewinnen. Also schlug ich vor, etwas zu tun, dass allen als Strafe vorkommen musste.
"Aalso...." hob ich an. Alle blickten zu mir... "Also ich sehe ein, ich habe euch nicht gesagt, dass das hier oben natürlich nicht Spanien ist!"
Obwohl ich das blöd fand, denn schliesslich müssten sie das ja selber wissen, man braucht ja nur mal auf die Landkarte zu gucken.
"Also, ich schlage vor, dass ihr euch etwas aussucht, was ich tun muss, wenn es morgen früh noch stürmt und regnet!"
Puhh ich war doch dumm, nur wegen Susann? Was werden die sich jetzt nur ausdenken?
Die Klasse rätselte herum und kurz bevor wir in Westerland, der Endstation, ankamen, meinte Matze hämisch grinsend: "Du wirst dann morgen in deine hohen Wellen und das eiskalte Wasser springen und darin herumschwimmen. Und wir wollen nur noch deinen Kopf sehen! Klar?"
Erst dachte ich, dass ist nicht schwer für mich, ich liebe hohe Wellen und mit den Temperaturen bin ich auch nicht zimperlich. Erst dachte ich, kein Problem - aber dann, als wir nachts im Bett lagen und der Sturm immer heftiger war - er war so dermaßen heftig, dass die Eingangstüre der Jugendherberge eingedrückt wurde und die Schafe der Insel im Haus Zuflucht suchten - dämmerte mir, dass Matze doch intelligenter war, als ich dachte. ER ahnte, dass es schlimmer würde und er wusste, dass ich es nicht machen würde, was zur Folge hätte, dass ich als Schwätzer hingestellt würde und ich würde mich zum Affen machen. Susann wäre dann sicher wieder an seiner Seite.
Beim Frühstück wurde nur geflüstert und mit mir redete kaum einer. Nur Klaus und Ursula, die hielten noch zu mir. Es waren die Streber der Klasse und sie versuchten mich davon abzubringen. Besonders, weil an der Rezeption der Jugendherberge eine Information der Küstenwache hing, die das Baden in den nächsten Tagen als lebensgefährlich einstufte.
Auch Herr Coers unser Klassenlehrer, der natürlich von der Sache Wind bekommen hatte, untersagte mir ins Wasser zu gehen.
Dennoch durften wir eine "Strandwanderung" nach dem Frühstück machen.
Ich zog mir meine Badehose unter meine Jeans an und packte mein Badetuch ein, dass ein persönliches Geschenk von Björn Dunkerbek war, der damalige Surfmeister, der hier von der Insel stammte und den ich einmal am Strand getroffen hab. Wir haben uns gut verstanden und er war irgendwie mein Idol.
Jedenfalls dachte ich an Björn und was er mir über den Strand hier und seine Tücken und die Wellen und so erzählte. Natürlich auch seine eindringlichen Warnungen vor den Rip Curls.
Als wir über die letzte Dünenreihe kamen und unten der Strand vor uns lag mussten wir uns erst einmal festhalten, denn der Sturm war so heftig, dass einige von den Mädchen Schwierigkeiten hatten sich auf den Beinen zu halten. Der Blick hinaus auf´s Meer flöste mir das erste Mal richtig Furcht ein. Die See kochte! Bis zum Horizont nur schneeweiße Schaumkronen zu sehen. Die Wellenhöhe übertraf alles, was ich jemals erlebt habe. Es war ein ohrenbetäubender Lärm der zu uns herauf schallte, wenn die mächtigen Brecher auf den Strand donnerten. Fast hatte man sogar das Gefühl, als ob der Boden unter unseren Füssen zitterte, aber ich glaube es waren meine Knie.
Nein! Ich wollte nicht mehr schwimmen gehen. Ich wusste, das hier ist kein Spass mehr, bei dem Wetter fahren nicht mal die Fischer hinaus und die sind einiges gewöhnt.
Matze war plötzlich neben mir und grinste... Susann stand hinter seinem breiten Rücken im Windschatten und blickte mich sorgenvoll an.
Ich sah ihr in die Augen! Dachte an Björn, dachte an meine eigene Erfahrung hier an dieser Küste und zog mich aus. Der Wind war schneidend kalt, nur 5 Grad Lufttemperatur und 11 Grad Wassertemperatur.
Ursula und Klaus nahmen meine Klamotten unter ihre Obhut. Zusammen mit den anderen liefen wir zügig die Düne hinab. Es war Arschkalt... ich begann mir die Eier abzufrieren, aber ich wusste, Susann lief hinter mir... und Matze... und alle anderen auch.
Je näher wir der Brandung kamen, desto mächtiger erschienen die Brecher, einige mochten an die drei Meter hoch gewesen sein. Ich wusste, dass immer die siebte Welle die höchste und wuchtigste ist, also versuchte ich mich zu konzentrieren und mit zu zählen. Natürlich musste ich versuchen, eine der kleineren zum Einstieg zu bekommen. Ich musste auch genau die Rip Curl ausmachen, wo war sie? Es war sehr schwer sie zu erkennen, aber an zwei Stellen, etwa 100m auseinander türmten sich die Wellenberge dreieckig und spitz auf. Dort durfte ich unter keinen Umständen hinein gelangen, dort strömte das Wasser zurück... die gefährliche Rip Curl Strömung!
Zu dem Zeitpunkt bemerkte ich nicht, dass ich mich durch die Konzentration auf die Rip Curl bei den Wellen verzählt hatte.
Die letzten Meter nahm ich allen Mut zusammen und rannte los. Im Rennen dachte ich noch, dass mir nichts passieren könnte, zu oft war ich schon bei kabbeliger See in den Wellen geschwommen, das jetzt war vielleicht etwas stärker, aber die Surfer an der Northshore auf Hawaii mussten sogar in 20m hohen Wellen schwimmen.... also, ich beschloss "meine Welle" zu finden.
Ich erreichte das Wasser und im Gegensatz zu sonst wurde es nicht langsam tiefer, nein! Ich lief stattdessen gegen eine grünlich weisse Wand aus Gischt und eiskaltem Salzwasser. Es traf mich wie ein Faustschlag von Klitschko voll ins Gesicht, doch ich schüttelte mich und sprang mit einem riesen Satz in die nächste Welle.
Plötzlich hatte ich keine Angst mehr. Ich hatte zu tun mich zu konzentrieren, und zu sehen, dass ich nicht zu lange unter Wasser gedrückt wurde. Mit einem Mal wurde ich mit aller Gewalt in die Höhe gerissen. Es musste die erste siebte sein, dachte ich und begann innerlich zu zählen.
Dieser Brecher war hoch, sehr hoch, ich blickte kurz zurück, sah die anderen unter mir am Strand stehen, aber ich hatte keine Zeit Susann zu suchen, denn schon war ich über den Kamm und blickte in einen gähnenden Abgrund, das tiefste Wellental, dass ich jemals erlebt hatte. Doch wer glaubt, dass war das schlimmste, der irrt gewaltig, denn das was sich auf der anderen Seite des Wellentals auftürmte lies mich schreien... Ja ich schrie, aber es ging im Tosen des Brechers unter der sich meterhoch über mir auftürmte, ich konnte den Himmel und die grauen Wolken nicht mehr sehen, ich dachte nur scheiße.... ich bin  zu langsam... sie beginnt schon sich zu überschlagen. Ich war auch zu spät um den Tunnel zu bekommen, also entschied ich blitzschnell, es wäre das beste zu versuchen sie zu durchtauchen. Ich nahm einen tiefen Atemzug und tauchte unter. Was dann geschah... war wie Björn mir erklärt hatte, "Die Waschmaschine".
Mit unbändiger Gewalt wurde ich mitgerissen, umhergeschleudert und völlig handlungsunfähig zum Spielzeug eines Riesen. Plötzlich wurde ich heftig auf den Meeresboden geschleudert. Der Aufprall presste die Luft aus meinen  Lungen und ich verlor das Bewusstsein.

Ich blickte in eine süßes Mädchengesicht... sie hatte blondes langes Haar das im Wind wehte und mein Gesicht streichelte. Ihre warmen weichen Lippen pressten sich auf meine und ihre warme weiche Hand streichelte durch mein Haar... Ich wusste gar nicht was hier geschah, wo ich bin und wer sie ist...
Plötzlich sagte sie mit engelsgleicher, weicher, zärtlicher Stimme: "Michi! Michi! Hallo wach auf... bitte komm zurück! Michiii.... bitte!" Dann weinte das Mädchen und ich fing an mich zu erinnern. Es war Susann... Und hinter ihr erblickte ich Ursula und Klaus zu uns her rennen. Susann beugte sich über mich und lächelte mich an, als sie bemerkte, dass ich zu mir gekommen war. Dann warf Klaus ihr ein Handtuch zu und Susann sagte schelmisch grinsend "Michi, hier nimm dein Badetuch... du bist nackt!"
Die Welle hatte mich weit von den anderen an den Strand geworfen, aber meine Badehose als Pfand behalten.
Als die Klasse näher kam, hatte Susann mich liebevoll bedeckt und damit verhindert, dass die anderen in der Klasse mich nackt sehen würden. Alle beglückwünschten mich, und sogar Matze meinte anerkennend "Respekt!"
In dieser Nacht konnte ich aus zwei Gründen nicht schlafen... die Erinnerung an die Wasserwand "meiner" Welle und Susann, die sich irgendwann gegen Mitternacht zu mir in mein Bett geschlichen hatte und sich an mich kuschelte, um mich am "erfrieren" zu hindern.
Ich möchte hier dennoch jeden davor warnen bei Orkan in der Nordsee schwimmen zu gehen. Tut es nicht! Es war Glück, dass ich es überlebt habe - nicht Können!

Sonntag, 22. Mai 2016

Verzaubertes Essen

"Was für schöne Hände" – dachte ich. Dann versanken ihre filigranen Finger in der rötlich-gelben Masse. Sie formte daraus eine nach Kardamom duftende Kugel und schob sie sich genüsslich in ihren halbgeöffneten Mund.

„Weisst du, dass ein Mensch im Durchschnitt etwa dreizehn bis siebzehn Jahre seiner Lebenszeit mit Essen verbringt? – sagte ich, etwas nervös werdend.

„Das ist echt viel.“

„Ja, aber da ist dann alles dabei – vom Austernessen bis zum Leichenschmaus.“

„Ich glaube, dass es eine tiefe Verbindung zwischen Essen und dem Liebesspiel gibt.“

„Ach so?“

„Manche leben keusch; anderen verlieren sich in schamloser Begierde und zügelloser Lust.“

„Das tönt nach Religion“ – versuchte ich das Thema auf ein mir vertrautes Terrain zu lenken, „...aber warum auch nicht – der aufgeklärte Mensch von heute isst ja nicht einfach nur kein Fleisch, sondern er ist Vegetarier, so wie man früher Protestant oder Katholik war.“ 

„Essen. Das ist für mich etwas durch und durch Erotisches. Tisch und Bett stehen bei mir dicht beieinander“, sagte sie, während dem sie lächelnd und mit einem Augenaufschlag in das benachbarte Schlafzimmer blickte.

Durch die weit aufgesperrte Schlafzimmertür sah ich ihr gigantisches Bett, dem ich schon ansehen konnte, dass es gut riecht. Es schien mir wie ein Altar der Lust. Ich konnte kaum glauben, dass ich es je so nah an ihr Allerheiligstes bringen würde – und hätte alles dafür gegeben…

Dann leckte sie sich Daumen, Zeige- und Mittelfinger ab und streckte sie mir direkt unter die Nase.  

„Meine Finger werden noch übermorgen nach diesem Curry duften. Eine ganze Gewürzpalette"  hauchte sie mit einem Lächeln, das mir irgendwie frivol vorkam. „Süßlich, scharf und intensiv.“

„Das kann ich mir gut vorstellen,“ stammelte ich etwas unbeholfen. Meine Handflächen wurden feucht und das Herz schlug mir spürbar bis zum Hals. Während sie sprach konnte ich nicht anders als ihren Mund zu betrachten, der mir geheimnisvoll und einlandend vorkam, wie ein verborgener Garten, voller verbotener Früchte, von denen ich mir sehnlichst wünschte sie zu kosten. 

„Wenn ich esse zweifele ich nicht," fuhr sie fort, "sondern bejahe die Welt, indem ich sie in mich aufnehme – und ich habe Hunger auf die Welt! Ich bin hergestellt aus Essen. Ich habe es aufgenommen und verwandelt. Ich bin verzaubertes Essen!“

„Wow“ – entglitt es mir.

„Ich mag die Feuchtigkeit und die Hitze beim Braten, Kochen und Backen. Ich mag die Küche – diesen magischen Ort der Alchemie. Am meisten liebe ich den Ofen. Er ist wie eine Gebärmutter, der das Fleisch in sich aufnimmt und reif werden lässt. Aber besonders gerne habe ich Spargel in meinem Ofen. Und was hast du gerne?“


„Ich... ich mag Kartoffeln.“

Mittwoch, 18. Mai 2016

Reichtum der Erinnerung


Liebster Tom,
Entschuldige, dass ich Dir erst wieder so spät schreibe. Ich war auf einer längeren Reise.
Auf einer Reise in ferne Länder. Auf einer Reise zu mir selbst.
Ich würde Dir so gerne erzählen, was ich alles erleben durfte. Ich habe so viele schöne, traurige, atemberaubende, faszinierende Bilder in meinem Kopf.
Ich sehe so viele Gesichter von so vielen Menschen in meinem Kopf. Ich sehe wie sie vor mir stehen. Wie sie aussehen. Gross und klein. Und ihr Gesicht. Ich sehe ihre Gesichter. Ihre Augen. Der braungebrannte Teint. Das Lachen. Der traurige Blick spiegelt von mir in ihnen. Die grossen Kinderaugen. Sie schauen nicht traurig. Sie sehen mich verwundert und belustigt an. Sie freuen sich, wenn ich ihnen etwas in die klitzekleinen Hände drücke. Sie lächeln mich an. Ohne, dass ich einen Vorwurf,ohne dass ich ein Urteil spüre. Sie wirken ohne Vorurteile auf mich. Diese Grossen braunen, glänzenden, schmutzigen Kinderaugen. Diese kleine geöffnete bettelnde Hand. Ich halte sie. In meinen beiden Händen umarme ich die kleine Kinderhand. Es bricht mir das Herz. Das Bild brennt sich in meine Netzhaut. Ich kann und möchte sie niemals mehr vergessen.

Sie alle sind meine Reise. Sie alle sind mein Glück. Sie alle sind eins in mir. Ich habe sie in meinem Kopf. In meinen Gedanken.

Und ich sehe die vielen Orte. Ich sehe das Meer. Das Blau in Blau. Ich spüre den heissen Sand. Ich rieche die Luft. Ich sehe das Grün der Wälder. Das Eis der Gletscher. Ich sehe die Berge und die vielen zurückgelegten Kilometer. Ich sehe die Wolken und den Himmel und den Mond.
Ich sehen den Reichtum und die Armut. Ich sehe das sterile, weissgehaltene Wohnzimmer und die Körper die in der Einbuchtung der Strasse im totalem Dreck schlafen. Ich sehe die vielen Tiere. Die vielen toten, überfahrenen Tiere am Strassenrand. Die vielen kranken Hunde die mir nachlaufen und mit denen ich mich so verbunden fühle. Ich sehe die geputzten und gestriegelten Vorstadtköter. Die aussehen als wären sie frisch gebadet. Ihr Fell ganz weiss und das Halsband piekfein. Es scheint als wäre ihr Blick ein anderer.
 Ich sehe die humpelnde Hündin und wie sie aus meiner Hand am heissen Strand das Wasser trinkt. Wie sie mich am Abend wiedererkennt, an der Strandpromenade mir nachläuft und sich neben mich zum schlafen legt.  

Ich sehe die vielen Tempel und Kirchen. Ich sehe die unterschiedlichsten Menschen beten. Ich sehe wie sie glauben. Alle gleich und doch so anders. Ich spüre die gleiche Hoffnung und die Wünsche.  Ich spüre die Stille und höre die schönen Gesänge.

Ich sehe meine drei Reisebegleitungen. Jede besser als die andere. Die blonden langen Haare meiner Schwester. Die vielen schönen Kleider und der übergrosse Rucksack. Die Kippe immer zur Hand und stets die Ansage. Warte ich muss noch zuerst eine Rauchen. 

Die schwarzen, liebevollen Augen von Basil. Die vielen Witze.  Die ständige Abenteuerlust. Immer das Steuerrand in der Hand. Immer ein neuer Flyer irgendwo gehortet.

Und die grünen Augen von Pepe. Die grünen Augen im goldenen untergehenden Sonnenlicht. Der Fotoapparat in der Hand und die Kippe im Mund.  Die Haut jeden Tag ein wenig mehr Milchschokoladenbraun.

Mein Gott lieber Tom. Was habe ich alles gesehen. Was habe ich alles erlebt. Ich kann mich so glücklich schätzen. Ich wünschte mir Du wärst dabei gewesen. Ich wünschte mir Du hättest Dich entschieden noch ein wenig zu bleiben. Ich nimm Dich mit, überall wo ich bin ist auch ein Teil von Dir.
Wir werden uns wiedersehen....

Donnerstag, 12. Mai 2016

Ein Licht?


Ich sitze ihm gegenüber und fühle mich so vollständig wie schon seit Urzeiten nicht mehr. Nur hin und wieder flackert ein böser und ach so bekannter Gedanke in meinem Hinterkopf: „Nicht so viel, sonst musst du nachher nur wieder verzichten.“ oder „Du Vielfrass, dass du dich nicht schämst!“ und Ähnliches. Diese kurzen, immer noch schmerzhaften Tadel sind aber nur blass und hintergründig, denn grösstenteils werde ich abgelenkt von erfüllenden Gesprächen und dem ganz tiefen inneren Wunsch, einfach loszulassen und zu geniessen, welcher duch mein Gegenüber hervorgerufen und intensiviert wird. Bevor ich mich in diese, mir sehr fremde und fast etwas surrealistische Situation begab, habe ich mir gesagt: „Es ist bloss ein Abend, egal was passiert, spiel einfach, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.“ Und es funktioniert! Ich vermag mich beinahe gänzlich in diese Rolle fallen lassen. Kaum mehr erinnern kann ich mich an das Empfinden unbeschwerten (kulinarischen) Schwelgens. Geniesser! Aber das bin ich. Nur ich!

Lange Zeit war mein Lebensmotto: „Geniesse jeden Moment, man lebt nur einmal.“ Diese grundlegende Überzeugung habe ich jedoch über viele Jahre nun bereits immer mehr verabschiedet. Etwas viel Unbefriedigerendes hat ihren Platz eingenommen: „Verzichte jetzt, dann kannst du später umso mehr geniessen.“ Das Später trifft jedoch nie wirklich ein. Wann soll denn später sein? In einer Stunde? Dann gibt es ja wieder eine nächste Stunde! In einem Tag? In einem Jahr? Das Später hat bei mir mittlerweile eine Dimension von über 10 Jahren erhalten - Ende kaum in Sicht.

Kaum! Ja, vor mir sitzt ein Hoffnungsschimmer.  Ein Licht, ganz weit weg, vielleicht auch nur eine Illusion. Möglicherweise ist unser Spiel, das wir (ironischerweise kann ich mich nicht ohne passendes Gegenstück in die oben erwähnte Vorstellung versetzen, leider – ich habe es oft und lange genug versucht) heute hier mimen, tatsächlich nur eine Seifenblase. Egal, was es auch immer ist, ich muss herausfinden, was, denn ich würde so gerne in dieser Rolle bleiben. Darin fühle ich mich wohler, freier und lebendiger, als in meiner Alt- und jedermann bekannten und meiner Meinung nach gesellschaftstauglicheren. Meine Intuition sagt mir, dass genau diese heutige Rolle, jene ist, die ich mir für mich schon immer wünschte. Gäbe es keine Konformitäten, hätte ich mich damit wahrscheinlich voll und ganz identifizieren und zu meinem vollständigen Ich machen können.

Schon öfter habe ich Leute mit Verzücken (und etwas Neid) beobachtet, wie sie einfach hemmungslos und unbeschwert essen und geniessen können. Bisher kam es aber in meiner langen Phase der ich nenne es unbeholfen „Entfremdung“ nur zwei Mal vor, dass das Vorleben von Genuss mich veranlasst hatte, mich ein wenig mehr „gehen zu lassen“ und mich damit meiner „Wohlfühlrolle“ wieder anzunähern. Beides waren Sensationen, die aber leider nicht von Dauer waren. Dennoch habe ich die Hoffnung nie vollends aufgegeben, irgendwann wieder eine solche Erfahrung machen zu dürfen. Sie wurde schwächer und schwächer, aber verschwunden ist sie nie. Und siehe da, vielleicht hat es sich gelohnt. Nein, nicht vielleicht. Es hat sich gelohnt! Auch wenn es nur für diesen einen Abend war. Ich habe erneut und intensiv gespürt: Durch mein jahrelanges Verzichten ist mir das Geniessen nicht abhanden gekommen. Ich kann, wenn ich will! Bedauerlicherweise gibt es nur ganz, ganz, ganz seltene Gelegenheiten, in denen dieser Wille von Innen heraus aufflammt. Leider weiss ich selber nicht, was diese Gelegenheiten ausmacht. Tatsache ist jedoch, und das ist das Entscheidende, dass es sie (wie dieser heutige Abend erneut beweist) gibt und allein das genügt mir (meist), die Zuversicht beizubehalten eines Tages wieder zurück zu meiner Urüberzeugung zu kommen – um Mark Twain noch korrekt zu zitieren –: Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.