Es war ein tolles Gefühl, als die ganze Schulklasse meinem Vorschlag, die Abschlussfahrt auf die Insel Sylt gehen zu lassen, zustimmte.
Nun, jedenfalls hatte meine Präsentation über meinen Vorschlag die meisten Stimmen bekommen und damit stand das Reiseziel fest: Die Nordspitze der Insel Sylt.
Die Reise fand im Zug statt und wir hatten mega viel Spass auf der Fahrt. Es war Frühling - April war es.
Ich hatte im Vorfeld ja viel Werbung gemacht und allen erzählt wie schön die Strände da sind, dass es eins der schönsten und besten Surf und Kitereviere Europas ist und man in richtig hohen Wellen schwimmen gehen kann. Ja hohe Wellen. Die meisten von euch haben ja niemals wirklich schwimmend erlebt, wie mächtig ein zwei Meter hoher Brecher sein kann...
Ich bin schon oft auf Sylt gewesen und ich kenne den ganzen Strand von Hörnum im Süden, bis List im Norden. Es ist nicht ungefährlich dort zu schwimmen, da es mächtige Rip Curl Strömungen dort gibt, die, wenn man sich falsch verhält dich einfach aufs offene Meer hinaus reissen. Da hat kein noch so guter Schwimmer eine Chance dagegen an zu kommen.
Das alles habe ich natürlich auch erzählt und einige Jungs und Mädels meiner Klasse waren sehr beeindruckt von meinen Beschreibungen. Susann, ein Mädchen der Art "Schulschönheit" war total begeistert und ihre Augen und Ohren klebten förmlich an meinen Lippen, was mir natürlich sehr gefiel.
Jedenfalls ging die lange Zugfahrt doch recht schnell vorbei und plötzlich fuhren wir schon in Hamburg ein.
Aber oh je.... die Laune der Klasse sank ins Bodenlose und die Laune kippte. Es goss in Strömen! Und dass nicht nur als ein Schauer, nein, es war ein richtig fettes Sturmtief über der Nordsee aufgezogen. Solche Sturmtiefs mit Windstärken bis zur Orkanstärke, halten sich in der Deutschen Bucht oft recht beständig. Die Aussichten auf einen sonnigen Strandurlaub schwanden dahin, mit jedem Kilometer den wir näher an Sylt heran kamen.
Die Zugfahrt über den Hindenburgdamm war schon ein kleiner Vorgeschmack auf das Wetter und die Sturmstärke am Strand, denn der Zug fuhr nur schrittgeschwindigkeit und wurde dennoch ganz ordentlich geschüttelt, wenn die kurzen scharfen Böen den Zug von der Seite her erfassten.
Wir sassen in einer Gruppe von etwa fünf Jungs und drei Mädels zusammen auf dem Boden, zwischen zwei Wagons. Mathias, einer der coolsten Jungs in der Klasse, guckte Susann mit seinem fiessesten Grinsen an und sagte dann plötzlich: "Hej Susann, findest du nicht auch, dass es seine Schuld ist, dass wir jetzt hier in dieser grauen Suppe rumhängen müssen, mit Mantel und Mütze? Anstatt vielleicht in Spanien in der Sonne zu braten?
Susann nickte, guckte mich dann an und sagte zu Matze: "Ja, schon... aber er kann doch gar nichts dafür, dass es regnet!"
Matze verzog wieder sein Gesicht und stichelte weiter: "Ja klar, aber er hat uns verschwiegen, dass es meistens schlechtes Wetter hier oben hat...!"
Susann blickte mich an und schwieg... Das war hart!
Deswegen versuchte ich die Stimmung zu meinen Gunsten zu drehen, besonders Susanns Aufmerksamkeit wieder für mich zu gewinnen. Also schlug ich vor, etwas zu tun, dass allen als Strafe vorkommen musste.
"Aalso...." hob ich an. Alle blickten zu mir... "Also ich sehe ein, ich habe euch nicht gesagt, dass das hier oben natürlich nicht Spanien ist!"
Obwohl ich das blöd fand, denn schliesslich müssten sie das ja selber wissen, man braucht ja nur mal auf die Landkarte zu gucken.
"Also, ich schlage vor, dass ihr euch etwas aussucht, was ich tun muss, wenn es morgen früh noch stürmt und regnet!"
Puhh ich war doch dumm, nur wegen Susann? Was werden die sich jetzt nur ausdenken?
Die Klasse rätselte herum und kurz bevor wir in Westerland, der Endstation, ankamen, meinte Matze hämisch grinsend: "Du wirst dann morgen in deine hohen Wellen und das eiskalte Wasser springen und darin herumschwimmen. Und wir wollen nur noch deinen Kopf sehen! Klar?"
Erst dachte ich, dass ist nicht schwer für mich, ich liebe hohe Wellen und mit den Temperaturen bin ich auch nicht zimperlich. Erst dachte ich, kein Problem - aber dann, als wir nachts im Bett lagen und der Sturm immer heftiger war - er war so dermaßen heftig, dass die Eingangstüre der Jugendherberge eingedrückt wurde und die Schafe der Insel im Haus Zuflucht suchten - dämmerte mir, dass Matze doch intelligenter war, als ich dachte. ER ahnte, dass es schlimmer würde und er wusste, dass ich es nicht machen würde, was zur Folge hätte, dass ich als Schwätzer hingestellt würde und ich würde mich zum Affen machen. Susann wäre dann sicher wieder an seiner Seite.
Beim Frühstück wurde nur geflüstert und mit mir redete kaum einer. Nur Klaus und Ursula, die hielten noch zu mir. Es waren die Streber der Klasse und sie versuchten mich davon abzubringen. Besonders, weil an der Rezeption der Jugendherberge eine Information der Küstenwache hing, die das Baden in den nächsten Tagen als lebensgefährlich einstufte.
Auch Herr Coers unser Klassenlehrer, der natürlich von der Sache Wind bekommen hatte, untersagte mir ins Wasser zu gehen.
Dennoch durften wir eine "Strandwanderung" nach dem Frühstück machen.
Ich zog mir meine Badehose unter meine Jeans an und packte mein Badetuch ein, dass ein persönliches Geschenk von Björn Dunkerbek war, der damalige Surfmeister, der hier von der Insel stammte und den ich einmal am Strand getroffen hab. Wir haben uns gut verstanden und er war irgendwie mein Idol.
Jedenfalls dachte ich an Björn und was er mir über den Strand hier und seine Tücken und die Wellen und so erzählte. Natürlich auch seine eindringlichen Warnungen vor den Rip Curls.
Als wir über die letzte Dünenreihe kamen und unten der Strand vor uns lag mussten wir uns erst einmal festhalten, denn der Sturm war so heftig, dass einige von den Mädchen Schwierigkeiten hatten sich auf den Beinen zu halten. Der Blick hinaus auf´s Meer flöste mir das erste Mal richtig Furcht ein. Die See kochte! Bis zum Horizont nur schneeweiße Schaumkronen zu sehen. Die Wellenhöhe übertraf alles, was ich jemals erlebt habe. Es war ein ohrenbetäubender Lärm der zu uns herauf schallte, wenn die mächtigen Brecher auf den Strand donnerten. Fast hatte man sogar das Gefühl, als ob der Boden unter unseren Füssen zitterte, aber ich glaube es waren meine Knie.
Nein! Ich wollte nicht mehr schwimmen gehen. Ich wusste, das hier ist kein Spass mehr, bei dem Wetter fahren nicht mal die Fischer hinaus und die sind einiges gewöhnt.
Matze war plötzlich neben mir und grinste... Susann stand hinter seinem breiten Rücken im Windschatten und blickte mich sorgenvoll an.
Ich sah ihr in die Augen! Dachte an Björn, dachte an meine eigene Erfahrung hier an dieser Küste und zog mich aus. Der Wind war schneidend kalt, nur 5 Grad Lufttemperatur und 11 Grad Wassertemperatur.
Ursula und Klaus nahmen meine Klamotten unter ihre Obhut. Zusammen mit den anderen liefen wir zügig die Düne hinab. Es war Arschkalt... ich begann mir die Eier abzufrieren, aber ich wusste, Susann lief hinter mir... und Matze... und alle anderen auch.
Je näher wir der Brandung kamen, desto mächtiger erschienen die Brecher, einige mochten an die drei Meter hoch gewesen sein. Ich wusste, dass immer die siebte Welle die höchste und wuchtigste ist, also versuchte ich mich zu konzentrieren und mit zu zählen. Natürlich musste ich versuchen, eine der kleineren zum Einstieg zu bekommen. Ich musste auch genau die Rip Curl ausmachen, wo war sie? Es war sehr schwer sie zu erkennen, aber an zwei Stellen, etwa 100m auseinander türmten sich die Wellenberge dreieckig und spitz auf. Dort durfte ich unter keinen Umständen hinein gelangen, dort strömte das Wasser zurück... die gefährliche Rip Curl Strömung!
Zu dem Zeitpunkt bemerkte ich nicht, dass ich mich durch die Konzentration auf die Rip Curl bei den Wellen verzählt hatte.
Die letzten Meter nahm ich allen Mut zusammen und rannte los. Im Rennen dachte ich noch, dass mir nichts passieren könnte, zu oft war ich schon bei kabbeliger See in den Wellen geschwommen, das jetzt war vielleicht etwas stärker, aber die Surfer an der Northshore auf Hawaii mussten sogar in 20m hohen Wellen schwimmen.... also, ich beschloss "meine Welle" zu finden.
Ich erreichte das Wasser und im Gegensatz zu sonst wurde es nicht langsam tiefer, nein! Ich lief stattdessen gegen eine grünlich weisse Wand aus Gischt und eiskaltem Salzwasser. Es traf mich wie ein Faustschlag von Klitschko voll ins Gesicht, doch ich schüttelte mich und sprang mit einem riesen Satz in die nächste Welle.
Plötzlich hatte ich keine Angst mehr. Ich hatte zu tun mich zu konzentrieren, und zu sehen, dass ich nicht zu lange unter Wasser gedrückt wurde. Mit einem Mal wurde ich mit aller Gewalt in die Höhe gerissen. Es musste die erste siebte sein, dachte ich und begann innerlich zu zählen.
Dieser Brecher war hoch, sehr hoch, ich blickte kurz zurück, sah die anderen unter mir am Strand stehen, aber ich hatte keine Zeit Susann zu suchen, denn schon war ich über den Kamm und blickte in einen gähnenden Abgrund, das tiefste Wellental, dass ich jemals erlebt hatte. Doch wer glaubt, dass war das schlimmste, der irrt gewaltig, denn das was sich auf der anderen Seite des Wellentals auftürmte lies mich schreien... Ja ich schrie, aber es ging im Tosen des Brechers unter der sich meterhoch über mir auftürmte, ich konnte den Himmel und die grauen Wolken nicht mehr sehen, ich dachte nur scheiße.... ich bin zu langsam... sie beginnt schon sich zu überschlagen. Ich war auch zu spät um den Tunnel zu bekommen, also entschied ich blitzschnell, es wäre das beste zu versuchen sie zu durchtauchen. Ich nahm einen tiefen Atemzug und tauchte unter. Was dann geschah... war wie Björn mir erklärt hatte, "Die Waschmaschine".
Mit unbändiger Gewalt wurde ich mitgerissen, umhergeschleudert und völlig handlungsunfähig zum Spielzeug eines Riesen. Plötzlich wurde ich heftig auf den Meeresboden geschleudert. Der Aufprall presste die Luft aus meinen Lungen und ich verlor das Bewusstsein.
Ich blickte in eine süßes Mädchengesicht... sie hatte blondes langes Haar das im Wind wehte und mein Gesicht streichelte. Ihre warmen weichen Lippen pressten sich auf meine und ihre warme weiche Hand streichelte durch mein Haar... Ich wusste gar nicht was hier geschah, wo ich bin und wer sie ist...
Plötzlich sagte sie mit engelsgleicher, weicher, zärtlicher Stimme: "Michi! Michi! Hallo wach auf... bitte komm zurück! Michiii.... bitte!" Dann weinte das Mädchen und ich fing an mich zu erinnern. Es war Susann... Und hinter ihr erblickte ich Ursula und Klaus zu uns her rennen. Susann beugte sich über mich und lächelte mich an, als sie bemerkte, dass ich zu mir gekommen war. Dann warf Klaus ihr ein Handtuch zu und Susann sagte schelmisch grinsend "Michi, hier nimm dein Badetuch... du bist nackt!"
Die Welle hatte mich weit von den anderen an den Strand geworfen, aber meine Badehose als Pfand behalten.
Als die Klasse näher kam, hatte Susann mich liebevoll bedeckt und damit verhindert, dass die anderen in der Klasse mich nackt sehen würden. Alle beglückwünschten mich, und sogar Matze meinte anerkennend "Respekt!"
In dieser Nacht konnte ich aus zwei Gründen nicht schlafen... die Erinnerung an die Wasserwand "meiner" Welle und Susann, die sich irgendwann gegen Mitternacht zu mir in mein Bett geschlichen hatte und sich an mich kuschelte, um mich am "erfrieren" zu hindern.
Ich möchte hier dennoch jeden davor warnen bei Orkan in der Nordsee schwimmen zu gehen. Tut es nicht! Es war Glück, dass ich es überlebt habe - nicht Können!
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