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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Donnerstag, 12. Mai 2016

Ein Licht?


Ich sitze ihm gegenüber und fühle mich so vollständig wie schon seit Urzeiten nicht mehr. Nur hin und wieder flackert ein böser und ach so bekannter Gedanke in meinem Hinterkopf: „Nicht so viel, sonst musst du nachher nur wieder verzichten.“ oder „Du Vielfrass, dass du dich nicht schämst!“ und Ähnliches. Diese kurzen, immer noch schmerzhaften Tadel sind aber nur blass und hintergründig, denn grösstenteils werde ich abgelenkt von erfüllenden Gesprächen und dem ganz tiefen inneren Wunsch, einfach loszulassen und zu geniessen, welcher duch mein Gegenüber hervorgerufen und intensiviert wird. Bevor ich mich in diese, mir sehr fremde und fast etwas surrealistische Situation begab, habe ich mir gesagt: „Es ist bloss ein Abend, egal was passiert, spiel einfach, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.“ Und es funktioniert! Ich vermag mich beinahe gänzlich in diese Rolle fallen lassen. Kaum mehr erinnern kann ich mich an das Empfinden unbeschwerten (kulinarischen) Schwelgens. Geniesser! Aber das bin ich. Nur ich!

Lange Zeit war mein Lebensmotto: „Geniesse jeden Moment, man lebt nur einmal.“ Diese grundlegende Überzeugung habe ich jedoch über viele Jahre nun bereits immer mehr verabschiedet. Etwas viel Unbefriedigerendes hat ihren Platz eingenommen: „Verzichte jetzt, dann kannst du später umso mehr geniessen.“ Das Später trifft jedoch nie wirklich ein. Wann soll denn später sein? In einer Stunde? Dann gibt es ja wieder eine nächste Stunde! In einem Tag? In einem Jahr? Das Später hat bei mir mittlerweile eine Dimension von über 10 Jahren erhalten - Ende kaum in Sicht.

Kaum! Ja, vor mir sitzt ein Hoffnungsschimmer.  Ein Licht, ganz weit weg, vielleicht auch nur eine Illusion. Möglicherweise ist unser Spiel, das wir (ironischerweise kann ich mich nicht ohne passendes Gegenstück in die oben erwähnte Vorstellung versetzen, leider – ich habe es oft und lange genug versucht) heute hier mimen, tatsächlich nur eine Seifenblase. Egal, was es auch immer ist, ich muss herausfinden, was, denn ich würde so gerne in dieser Rolle bleiben. Darin fühle ich mich wohler, freier und lebendiger, als in meiner Alt- und jedermann bekannten und meiner Meinung nach gesellschaftstauglicheren. Meine Intuition sagt mir, dass genau diese heutige Rolle, jene ist, die ich mir für mich schon immer wünschte. Gäbe es keine Konformitäten, hätte ich mich damit wahrscheinlich voll und ganz identifizieren und zu meinem vollständigen Ich machen können.

Schon öfter habe ich Leute mit Verzücken (und etwas Neid) beobachtet, wie sie einfach hemmungslos und unbeschwert essen und geniessen können. Bisher kam es aber in meiner langen Phase der ich nenne es unbeholfen „Entfremdung“ nur zwei Mal vor, dass das Vorleben von Genuss mich veranlasst hatte, mich ein wenig mehr „gehen zu lassen“ und mich damit meiner „Wohlfühlrolle“ wieder anzunähern. Beides waren Sensationen, die aber leider nicht von Dauer waren. Dennoch habe ich die Hoffnung nie vollends aufgegeben, irgendwann wieder eine solche Erfahrung machen zu dürfen. Sie wurde schwächer und schwächer, aber verschwunden ist sie nie. Und siehe da, vielleicht hat es sich gelohnt. Nein, nicht vielleicht. Es hat sich gelohnt! Auch wenn es nur für diesen einen Abend war. Ich habe erneut und intensiv gespürt: Durch mein jahrelanges Verzichten ist mir das Geniessen nicht abhanden gekommen. Ich kann, wenn ich will! Bedauerlicherweise gibt es nur ganz, ganz, ganz seltene Gelegenheiten, in denen dieser Wille von Innen heraus aufflammt. Leider weiss ich selber nicht, was diese Gelegenheiten ausmacht. Tatsache ist jedoch, und das ist das Entscheidende, dass es sie (wie dieser heutige Abend erneut beweist) gibt und allein das genügt mir (meist), die Zuversicht beizubehalten eines Tages wieder zurück zu meiner Urüberzeugung zu kommen – um Mark Twain noch korrekt zu zitieren –: Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

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