Ich sitze ihm gegenüber und fühle mich so
vollständig wie schon seit Urzeiten nicht mehr. Nur hin und wieder flackert ein
böser und ach so bekannter Gedanke in meinem Hinterkopf: „Nicht so viel, sonst
musst du nachher nur wieder verzichten.“ oder „Du Vielfrass, dass du dich nicht
schämst!“ und Ähnliches. Diese kurzen, immer noch schmerzhaften Tadel sind aber
nur blass und hintergründig, denn grösstenteils werde ich abgelenkt von
erfüllenden Gesprächen und dem ganz tiefen inneren Wunsch, einfach loszulassen
und zu geniessen, welcher duch mein Gegenüber hervorgerufen und intensiviert
wird. Bevor ich mich in diese, mir sehr fremde und fast etwas surrealistische
Situation begab, habe ich mir gesagt: „Es ist bloss ein Abend, egal was passiert, spiel einfach, als wäre es das
Selbstverständlichste der Welt.“ Und es funktioniert! Ich vermag mich beinahe
gänzlich in diese Rolle fallen lassen. Kaum mehr erinnern kann ich mich an das
Empfinden unbeschwerten (kulinarischen) Schwelgens. Geniesser! Aber das bin ich.
Nur ich!
Lange Zeit war mein Lebensmotto: „Geniesse
jeden Moment, man lebt nur einmal.“ Diese grundlegende Überzeugung habe ich
jedoch über viele Jahre nun bereits immer mehr verabschiedet. Etwas viel
Unbefriedigerendes hat ihren Platz eingenommen: „Verzichte jetzt, dann kannst
du später umso mehr geniessen.“ Das Später trifft jedoch nie wirklich ein. Wann
soll denn später sein? In einer Stunde? Dann gibt es ja wieder eine nächste
Stunde! In einem Tag? In einem Jahr? Das Später hat bei mir mittlerweile eine
Dimension von über 10 Jahren erhalten - Ende kaum in Sicht.
Kaum! Ja, vor mir sitzt ein
Hoffnungsschimmer. Ein Licht, ganz weit
weg, vielleicht auch nur eine Illusion. Möglicherweise ist unser Spiel, das wir
(ironischerweise kann ich mich nicht ohne passendes Gegenstück in die oben
erwähnte Vorstellung versetzen, leider – ich habe es oft und lange genug
versucht) heute hier mimen, tatsächlich nur eine Seifenblase. Egal, was es auch
immer ist, ich muss herausfinden, was, denn ich würde so gerne in dieser Rolle
bleiben. Darin fühle ich mich wohler, freier und lebendiger, als in meiner Alt-
und jedermann bekannten und meiner Meinung nach gesellschaftstauglicheren.
Meine Intuition sagt mir, dass genau diese heutige Rolle, jene ist, die ich mir
für mich schon immer wünschte. Gäbe es keine Konformitäten, hätte ich mich
damit wahrscheinlich voll und ganz identifizieren und zu meinem vollständigen
Ich machen können.
Schon öfter habe ich Leute mit Verzücken (und
etwas Neid) beobachtet, wie sie einfach hemmungslos und unbeschwert essen und
geniessen können. Bisher kam es aber in meiner langen Phase der ich nenne es unbeholfen
„Entfremdung“ nur zwei Mal vor, dass das Vorleben von Genuss mich veranlasst
hatte, mich ein wenig mehr „gehen zu lassen“ und mich damit meiner
„Wohlfühlrolle“ wieder anzunähern. Beides waren Sensationen, die aber leider
nicht von Dauer waren. Dennoch habe ich die Hoffnung nie vollends aufgegeben,
irgendwann wieder eine solche Erfahrung machen zu dürfen. Sie wurde schwächer
und schwächer, aber verschwunden ist sie nie. Und siehe da, vielleicht hat es
sich gelohnt. Nein, nicht vielleicht. Es hat sich gelohnt! Auch wenn es nur für
diesen einen Abend war. Ich habe erneut und intensiv gespürt: Durch mein jahrelanges
Verzichten ist mir das Geniessen nicht abhanden gekommen. Ich kann, wenn ich
will! Bedauerlicherweise gibt es nur ganz, ganz, ganz seltene Gelegenheiten, in
denen dieser Wille von Innen heraus aufflammt. Leider weiss ich selber nicht, was
diese Gelegenheiten ausmacht. Tatsache ist jedoch, und das ist das
Entscheidende, dass es sie (wie dieser heutige Abend erneut beweist) gibt und
allein das genügt mir (meist), die Zuversicht beizubehalten eines Tages wieder
zurück zu meiner Urüberzeugung zu kommen – um Mark Twain noch korrekt zu
zitieren –: Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.
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