Ich erscheine gut.
Ich erscheine lachend.
Ich erscheine fröhlich.
Ich erscheine nett.
Ich erscheine intelligent.
Ich erscheine mitfühlend.
Ich erscheine interessiert.
Ich erscheine stark.
Ich erscheine optimistisch.
Ich erscheine gefühlvoll.
Der Sonnenschein.
Aber…
Ich bin schlecht.
Ich bin weinend.
Ich bin traurig.
Ich bin fies.
Ich bin unwissend.
Ich bin rücksichtslos.
Ich bin langweilig.
Ich bin schwach.
Ich bin feige.
Ich bin leer.
Der Sonnenbrand.
Ach, wär' ich doch der Sonnenschein,
ach, könnt' ich nur das Stigma sein.
Aus ich wird du, aus du wird ich,
mein Anschein sein, mehr will ich nicht.
Wie schön und einfach wär das Leben,
müsst' ich nicht nach dem Stigma streben.
Wär' ich nur, was ich scheine zu sein,
wär' ich nur der tolle Sonnenschein.
Aber...
Ich muss euch alle desillusionieren,
am meisten wird's wohl mich frustrieren,
Ich bin, was ich bin und das ist nicht gut,
immerhin hab ich zum Geständnis den Mut.
Das Einzige, was nun noch bleibt,
ist die traurige ewige Ehrlichkeit:
Ich bin ich, das liegt auf der Hand,
ich bin der verdammte Sonnenbrand.
Philia,
AntwortenLöschenein wunderbares Gedicht... Wie sehr kann ich diesem Bedürfnis, so zu sein, wie man "scheint", nur beipflichten!
Was meinst du, wie wär es wohl andersrum? Dass einer nicht danach strebt, seinem "Schein" zu entsprechen, sondern dass das Selbst unverfälscht zum Vorschein kommt?
Manon Nonam
Manon Nonam,
Löschenich denke, das wäre realistischer zu erreichen und würde einen weniger von sich selbst entfernen, als das Streben nach seinem Schein...Was denkst du?
Philia
Wird man nicht erst zum Sonnenbrand, gerade WEIL man nach dem Sonnenschein strebt? Man eifert dem Sonnenschein so sehr nach, dass man nicht merkt, dass er einen verbrennt.
AntwortenLöschenWürde man sich eingestehen, nicht der Sonnenschein zu sein und auch nicht weiter so sehr danach streben, wäre man am Ende weder Sonnenschein noch -brand - dafür, vom Sonnenschein in wohltuendem Masse beschienen, sich selbst.
Und wer liebt nicht den sanften Schein des Mondes!
AntwortenLöschenAn Philia&Eilean:
Interessant - ich weiss nicht, ob überhaupt eine Richtung Schein-->Sein oder Sein-->Schein einfacher, bzw. schwieriger ist.
Stellt sich die Frage, wodurch diese Diskrepanz erst induziert wird?
Wohl durch den Grad der Übereinstimmung von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Überwiegt ersteres, so wünscht man sich mehr "Schein" zu sein, überwiegt letzteres, dann umgekehrt.
Das Mass der Mitte, oder wie Eilean es so schön bezeichnet; der sanfte Mondschein, ist wohl jener Punkt. Also wo Sein (Selbstwahrnehmung) und Schein (Fremdwahrnehmung) sich an die Hand nehmen.
Wahre Worte. Nur, das zu erreichen, einmal mehr einfacher gesagt als getan. Setzt es doch voraus, dass man zuerst ein sicheres Sein findet, um sich dann auch noch von seinem Schein zu distanzieren. Was aber, wenn man gar nicht Sein findet oder Sein will? Was, wenn Schein zu sein das einzige Bestreben ist? Dann verliert man mehr und mehr Sein, erreicht aber auch nicht Schein. Und je mehr einem bewusst wird, nie Sonnenschein sein zu können, desto weiter erscheint einem die Entfernung zu ihm und desto mehr wird das Sein zum Sonnenbrand...Was also, wenn man sich bereits verbrannt hat? Gibt es einen Weg zurück? Bestimmt...die Frage ist, wie, denn man hat sich nicht nur verbrannt, sondern auch verblendet...?
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