Erschöpft sank ich aufs Sofa.
Heute habe ich stundenlang geredet und mir fast einen Krampf ins Gesicht
gelächelt. Erst bei der Arbeit und anschließend auf der Feier. Ich kam mir vor
wie ein Schauspieler, der nicht in seine Rolle findet. Wann – so fragte ich mich
– war ich heute eigentlich ich selbst?
Kenn ich. Scheiß Gefühl.
Und manchmal, wenn es ganz
ruhig um mich herum wird, wenn keiner etwas von mir will, dann fange ich an in
mich selbst zu horchen.
Und was hörst du dann?
Gar nichts. Da ist einfach
Leere. Ich denke mir, da muss doch das Eigentliche in mir tönen – aber es tönt
nichts. Mein Gehirn produziert nur einen Haufen sinnlosen Schrott und eine Befindlichkeit
löst die andere ab, aber im Großen und Ganzen ist das Bullshit. Vielleicht, so frage ich mich dann, ist es ja gar nicht da – das Eigentliche?
Das Eigentliche. Heute redet
man sehr viel darüber wie wichtig es ist authentisch zu sein.
Ja.
Ich habe nachgeschlagen, um
herauszufinden was das Wort authentisch ganz eigentlich bedeutet.
Und?
Das kommt vom griechischen
Wort authenticos und heißt ganz einfach „echt“ – im Sinne der Übereinstimmung
vom Schein und Sein einer Sache. Und echt sein meint dann wohl, dass ich meine
wahren Gefühle und Bedürfnisse nicht verstecke, sondern preisgebe, was mich
bewegt; mich selbst offenbare, vorbehaltlos, ohne Rücksicht auf Verluste.
Liegt nicht darin der Kern
menschlicher Aufrichtigkeit?
Ich glaube schon. Und gleichzeitig finde ich es muss auch der Rahmen und die Sprache stimmen. Im Idealfall sollte es
natürlich ein Geben und Nehmen zwischen Freunden sein. Es braucht dazu echte
Wertschätzung für alles, was der Andere von sich preisgibt. Es braucht einen
Raum zwischen den Menschen, in dem nicht verurteilt wird; vielmehr Mitgefühl
herrscht, das wirklich verstehen will. Ein Verstehen, das tiefer geht als das,
was man an der Oberfläche beobachten kann. Es braucht einen angstfreien Raum,
indem wir das Gefühl haben einfach so sein zu dürfen wie wir sind.
Das ist eine schöne
Beschreibung von Freundschaft. Ich glaube so eine Freundschaft ist wie ein
Schatz, den wir – wenn überhaupt – nur ganz selten im Leben finden.
Ja. Im Laufe eines Lebens begegnen
wir nur wenigen Menschen, die in der Lage sind so eine Freundschaft zu leben.
Es braucht viel Wohlwollen und Durchhaltevermögen. Es braucht den Mut zur Ehrlichkeit.
Es braucht den Wunsch miteinander zu wachsen und sich zu entwickeln und sich
wirklich zu begegnen – und nicht nur zu schonen. Auch wenn es manchmal weh tut.
Das Alles wird einem aber nicht
einfach so in die Wiege gelegt.
Da hast du recht. Es ist ja
auch noch kein Meister vom Himmel gefallen.
Und falls doch, dann hat er
sich beim Aufschlag das Genick gebrochen.
Das ist gut. So ist das
wohl. Unsere Freundschaft hat mir übrigens auch schon das ein oder andere Mal
fast das Genick gebrochen. Du hast mir Dinge gesagt, die konnte ich fast nicht
aushalten. Das war mir zu viel.
Ich weiß. Und es tut mir unsäglich
leid, dass ich dir zu schnell, mit zu viel, zu nah gekommen bin. Ich weiß
nicht, welcher Teufel mich geritten hat. In dieser Situation war ich selbst
so frustriert, verletzt und ungeduldig, so gefangen in mir selbst, dass ich
vielleicht gar nicht in der Lage war dich richtig wahrzunehmen; dich so wahrzunehmen wie du bist – wahrzunehmen, was gut für dich ist.
Ich bin trotzdem froh und dankbar, dass wir offen
miteinander sind. Gefühle sind eben so wie sie sind – und sie sind oft stärker
als unsere guten Absichten. So ist das Leben.
Mir fällt eine Geschichte
ein.
Erzähl sie mir.
Zwei Freunde wanderten durch
die Wüste. Während der Wanderung kam es zu einem Streit und der Eine
beschimpfte den Anderen aufs Ärgste.
Der Beschimpfte war gekränkt.
Ohne ein Wort zu sagen, kniete er nieder und schrieb folgende Worte in den
Sand:
„Heute hat mich mein bester
Freund verletzt.“
Sie setzten ihre Wanderung
fort und kamen bald darauf zu einer Oase. Dort beschlossen sie beide ein Bad zu
nehmen. Der Freund, der geschlagen worden war, blieb auf einmal im Schlamm
stecken und drohte zu ertrinken. Aber sein Freund rettete ihm buchstäblich in
letzter Sekunde das Leben.
Nachdem sich der Freund, der
fast ertrunken war, wieder erholt hatte, kniete er sich vor einen großen Stein
und ritzte folgende Worte hinein:
„Heute hat mein bester Freund
mir das Leben gerettet.“
Der Freund, der den anderen
geschlagen und auch gerettet hatte, fragte erstaunt: „Als ich dich gekränkt
hatte, hast du deinen Satz nur in den Sand geschrieben, aber nun ritzt du die
Worte in einen Stein. Warum?“
Der andere Freund antwortete:
„Wenn uns jemand gekränkt oder beleidigt hat, sollten wir es in den Sand
schreiben, damit der Wind des Verzeihens es wieder auslöschen kann. Aber wenn
jemand etwas tut, was gut ist, dann können wir das in einen Stein gravieren,
damit kein Wind und kein Sturm es jemals auslöschen kann.“[1]
Richtig erwärmendes Bild von Freundschaft. Danke!
AntwortenLöschen...Wenn wir doch nur immer Sand zum Schreiben hätten...
...oh ja - so einen Eimer Sand könnte ich gerade auch gut gebrauchen ;)
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