Ich trat in die Spelunke ein,
und fragte nach den Habenichtsen.
“Was haben wir nicht, Herr
Dieckerich?”, missverstand mich der Kellner.
- “Ich fragte nicht danach, was
Sie nicht haben, sondern ich wollte wissen, wo die Habenichtse sich
treffen.”
“Ah, diese seltsame Gruppe. Wie
diese verzweifelte Schreiber, die wir letzte Woche hatten - “
- “Wir sind nicht seltsam.”
“Also, diese Gruppe finden Sie im
ersten Stock.”
Und so stapfte ich die Treppe hoch,
und dachte an die letzten Experimente.
'Die Habenichtse' war ein kleines
Grüppchen von Leuten, die jeweils für einen Tag auf bestimmte Dinge
verzichteten. Die Leute wollten eines erreichen – den Alltag mit
anderen Augen sehen, und erkennen, was eigentlich der unverzichtbare
Kerngehalt eines schönen Tagesablaufs sei.
Beim letzten Experiment würfelten
wir den Sonntag, und zwar war es ein sehr regnerischer Sonntag. Und
wir sollten auf den Kontakt mit unseren Haustieren verzichten, von
Mitternacht bis Mitternacht.
Während Benjamin einen Tag lang
weder die Dusche noch die Toilette benutzen konnte, weil in einer
Ecke des Badeszimmers eine Spinne hauste, war Josephine wesentlich
schlimmer dran – sie gelangte auf die selbe Weise nicht an ihre
Migränetabletten. Ich hingegen versuchte am Montag meiner Katze
gestenreich zu erklären, warum ich mich den ganzen Sonntag mit einer
Taschenlampe unter der Decke versteckt hatte, um ein Buch zu lesen.
Ein anderes, früheres Experiment
bestand darin, einen Tag lang nichts zu lesen. Wieder traf es
Josephine am schlimmsten, denn es war der Donnerstag, und sie war
Lehrerin. Einer der Schüler musste die Rechtschreibfehler eines
Diktats verbessern. Er legte sein Heft Josephine auf den Tisch, und
sie gab es ihm ungelesen wieder in die Hände. “Es ist schon gut,
du hast dir wirklich Mühe gegeben. Alles tipptopp!”
Der Schüler vermischte jedoch fast
nach Belieben “Oktopus” mit “Omnibus”, was seinen Eltern aber
auffiel, und Josephine am selben Abend einen Anruf bescherte.
Die Musikstunde war aber
problematischer. Als sie das Stück “Papillon” von Jerry
Goldsmith abspielen wollte, damit die Schulklasse spielerisch die
Melodie nachahmen konnte, durfte sie natürlich den Laptop nicht
einschalten. Also musste sie die Melodie aus dem Gedächtnis
vorsummen und vorpfeifen. Die Schüler erbrachen in johlendem
Gelächter, und schon nach zwanzig Minuten wurden sie von weiteren
musischen Bürden erlöst.
Solche Dinge können geschehen, und
sie geschehen nun mal in unserem bunten Grüppchen. Reibereien gab es
etwa, weil die angehende Pflegerin in unserer Runde aus
berufsethischen Gründen strikte dagegen war, auf eines der zwölf
“Aktivitäten des täglichen Lebens” zu verzichten. (Josephine
warf ihr einen bösen Blick zu.) Oder als ich vorschlug, einen Tag
lang darauf zu verzichten, etwas zuzustimmen. (Die Trauung von
Benjamin und seiner Liebsten hätte darunter gelitten.)
Im Großen und Ganzen haben wir
aber eitel Freude an unserem Projekt, und bei jedem Treffen können
wir einander von Erlebnissen berichten, die von mild-amüsant bis zu
haarsträubend-katastrophal reichten.
Wir begrüßten uns. “Hallo
Josephine, hallo Catharina, hallo Benjamin!”
Ich hörte drei Mal ein “Hallo”,
was bedeutete, dass wir vollzählig waren.
„Liebe Habenichtse“, begann
ich, „wie ging es euch letzte Woche, als wir am Sonntag auf das
Schreiben verzichteten?“
Verschiedene Stimmen stöhnten in
verschiedenen Lagen. Sie teilten meinen Optimismus nicht.
„Es war die Verzweiflung pur“,
sagte Josephine, „denn mein Freund textete mich zu, wunderte sich,
warum ich nicht zurückschreibe. Ich hoffte bis zuletzt, er würde
mich anrufen. Dann könnte ich ihm endlich erklären, bei welcher
seltsamen Gruppe ich mitmache. Bislang konnte ich es gut
verheimlichen.“
„Wieso hast du denn ihn nicht
angerufen?“, fragte Benjamin.
„Dazu hätte ich ja auf dem
Bildschirm herumtippen müssen, eine Schriftsprache, die das Gerät
versteht.“
„Ehrgeizig“, warf Benjamin ein.
„Ehrgeizig.“
„Nein, nur der Wahrheit auf der
Spur. Unverfälscht spüren, was es heißt, auf etwas zu verzichten.
Ein Opfer zu erbringen ist der einzige Weg, sich selbst zu spüren,
sich selbst zu erkennen. Das erkennt man auch an verschiedenen
Religionen, die Askese voraussetzen.“
Darauf fiel Benjamin keine Antwort
ein, und übte Verzicht auf eine Widerrede.
„Aber du, Catharina“, fragte
ich die andere Frau in der Runde, „wie lief dein Verzicht auf das
Schreiben?
„Auf eine unerwartete Weise ganz,
ganz gut.“
Wir blickten sie erstaunt an. Wir
waren ja alles Leute, die ganz und gar nicht zum schreibfaulen Teil
der Menschheit gehörten. Mindestens einen Einkaufszettel musste sie
ja schreiben.
„Ja.“
Mein Gefühl wollte ihr vertrauen,
doch mein Verstand war am Zweifeln. Hatte sie das Schreibverbot auf
irgendeine Weise hintertreiben können?
„Ich und mein Freund hatten schon
seit Monaten eine Krise. Wir diskutierten schon seit Langem, ob wir
zusammenziehen wollten, ob wir in der selben Mannschaft Sport treiben
wollen, wohin wir in die Ferien gehen wollen und so fort. Wir mochten
uns, doch über alles legte sich ein schwer durchdringbarer Schleier
aus zähen Konflikten, aus Vorstellungen, die nie ganz gegensätzlich
und doch völlig unvereinbar schienen, und dazu gesellte sich eine
Unlust,
überhaupt in die Zukunft zu blicken. Vielleicht kennt ihr das, wenn
ihr nur die Hindernisse seht, und nicht die Wege, die darum herum
führen.“
Wir anderen sagten alle „Ja“,
mehr oder weniger deutlich.
„Und dann raffte ich mich und
meine Gedanken zusammen, hatte endlich eine ruhige Stunde Zeit dafür,
und wollte ihm schreiben. Aber das durfte ich ja nicht. Und so fuhr
ich zu ihm, hatte keine Ahnung, ob er denn überhaupt zu Hause war
oder Zeit hatte, und ich hatte Glück. Es war, wie ich mich jetzt
besinne, das erste Mal, dass wir uns überrascht hatten.“
Wir nicken bedächtig.
„Und wir sassen endlich mal
zusammen, ein seltsamer Zauber war diesem Moment inne, und wir nur
eine halbe Stunde später überfiel uns eine schon fast fanatische
Klarheit, wir sahen ein, wo die Probleme lagen und wie unsere
Lösungen zusammenfielen, und dieser schwere Schleier verschwand.
Jetzt ist alles besser.“
Eine ganze Zeit lang starrten wir
bedächtig auf den Tisch, der uns trennte. Catharina unterbrach die
Stille und schlug uns vor, doch einfach dieses Experiment zu
wiederholen. Nochmals einen Tag lang auf das Schreiben zu verzichten.
Mit tiefer Zufriedenheit verliessen
wir das Lokal und erfreuten uns der Einsichten, die da kommen.
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