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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Donnerstag, 9. Februar 2017

...und ich fragte nach den Habenichtsen

Ich trat in die Spelunke ein, und fragte nach den Habenichtsen.

Was haben wir nicht, Herr Dieckerich?”, missverstand mich der Kellner.
- “Ich fragte nicht danach, was Sie nicht haben, sondern ich wollte wissen, wo die Habenichtse sich treffen.”
Ah, diese seltsame Gruppe. Wie diese verzweifelte Schreiber, die wir letzte Woche hatten - “
- “Wir sind nicht seltsam.”
Also, diese Gruppe finden Sie im ersten Stock.”

Und so stapfte ich die Treppe hoch, und dachte an die letzten Experimente.

'Die Habenichtse' war ein kleines Grüppchen von Leuten, die jeweils für einen Tag auf bestimmte Dinge verzichteten. Die Leute wollten eines erreichen – den Alltag mit anderen Augen sehen, und erkennen, was eigentlich der unverzichtbare Kerngehalt eines schönen Tagesablaufs sei.

Beim letzten Experiment würfelten wir den Sonntag, und zwar war es ein sehr regnerischer Sonntag. Und wir sollten auf den Kontakt mit unseren Haustieren verzichten, von Mitternacht bis Mitternacht.

Während Benjamin einen Tag lang weder die Dusche noch die Toilette benutzen konnte, weil in einer Ecke des Badeszimmers eine Spinne hauste, war Josephine wesentlich schlimmer dran – sie gelangte auf die selbe Weise nicht an ihre Migränetabletten. Ich hingegen versuchte am Montag meiner Katze gestenreich zu erklären, warum ich mich den ganzen Sonntag mit einer Taschenlampe unter der Decke versteckt hatte, um ein Buch zu lesen.

Ein anderes, früheres Experiment bestand darin, einen Tag lang nichts zu lesen. Wieder traf es Josephine am schlimmsten, denn es war der Donnerstag, und sie war Lehrerin. Einer der Schüler musste die Rechtschreibfehler eines Diktats verbessern. Er legte sein Heft Josephine auf den Tisch, und sie gab es ihm ungelesen wieder in die Hände. “Es ist schon gut, du hast dir wirklich Mühe gegeben. Alles tipptopp!”

Der Schüler vermischte jedoch fast nach Belieben “Oktopus” mit “Omnibus”, was seinen Eltern aber auffiel, und Josephine am selben Abend einen Anruf bescherte.

Die Musikstunde war aber problematischer. Als sie das Stück “Papillon” von Jerry Goldsmith abspielen wollte, damit die Schulklasse spielerisch die Melodie nachahmen konnte, durfte sie natürlich den Laptop nicht einschalten. Also musste sie die Melodie aus dem Gedächtnis vorsummen und vorpfeifen. Die Schüler erbrachen in johlendem Gelächter, und schon nach zwanzig Minuten wurden sie von weiteren musischen Bürden erlöst.

Solche Dinge können geschehen, und sie geschehen nun mal in unserem bunten Grüppchen. Reibereien gab es etwa, weil die angehende Pflegerin in unserer Runde aus berufsethischen Gründen strikte dagegen war, auf eines der zwölf “Aktivitäten des täglichen Lebens” zu verzichten. (Josephine warf ihr einen bösen Blick zu.) Oder als ich vorschlug, einen Tag lang darauf zu verzichten, etwas zuzustimmen. (Die Trauung von Benjamin und seiner Liebsten hätte darunter gelitten.)

Im Großen und Ganzen haben wir aber eitel Freude an unserem Projekt, und bei jedem Treffen können wir einander von Erlebnissen berichten, die von mild-amüsant bis zu haarsträubend-katastrophal reichten.

Wir begrüßten uns. “Hallo Josephine, hallo Catharina, hallo Benjamin!”

Ich hörte drei Mal ein “Hallo”, was bedeutete, dass wir vollzählig waren.

Liebe Habenichtse“, begann ich, „wie ging es euch letzte Woche, als wir am Sonntag auf das Schreiben verzichteten?“

Verschiedene Stimmen stöhnten in verschiedenen Lagen. Sie teilten meinen Optimismus nicht.

Es war die Verzweiflung pur“, sagte Josephine, „denn mein Freund textete mich zu, wunderte sich, warum ich nicht zurückschreibe. Ich hoffte bis zuletzt, er würde mich anrufen. Dann könnte ich ihm endlich erklären, bei welcher seltsamen Gruppe ich mitmache. Bislang konnte ich es gut verheimlichen.“

Wieso hast du denn ihn nicht angerufen?“, fragte Benjamin.

Dazu hätte ich ja auf dem Bildschirm herumtippen müssen, eine Schriftsprache, die das Gerät versteht.“

Ehrgeizig“, warf Benjamin ein. „Ehrgeizig.“

Nein, nur der Wahrheit auf der Spur. Unverfälscht spüren, was es heißt, auf etwas zu verzichten. Ein Opfer zu erbringen ist der einzige Weg, sich selbst zu spüren, sich selbst zu erkennen. Das erkennt man auch an verschiedenen Religionen, die Askese voraussetzen.“

Darauf fiel Benjamin keine Antwort ein, und übte Verzicht auf eine Widerrede.

Aber du, Catharina“, fragte ich die andere Frau in der Runde, „wie lief dein Verzicht auf das Schreiben?

Auf eine unerwartete Weise ganz, ganz gut.“

Wir blickten sie erstaunt an. Wir waren ja alles Leute, die ganz und gar nicht zum schreibfaulen Teil der Menschheit gehörten. Mindestens einen Einkaufszettel musste sie ja schreiben.

Ja.“

Mein Gefühl wollte ihr vertrauen, doch mein Verstand war am Zweifeln. Hatte sie das Schreibverbot auf irgendeine Weise hintertreiben können?

Ich und mein Freund hatten schon seit Monaten eine Krise. Wir diskutierten schon seit Langem, ob wir zusammenziehen wollten, ob wir in der selben Mannschaft Sport treiben wollen, wohin wir in die Ferien gehen wollen und so fort. Wir mochten uns, doch über alles legte sich ein schwer durchdringbarer Schleier aus zähen Konflikten, aus Vorstellungen, die nie ganz gegensätzlich und doch völlig unvereinbar schienen, und dazu gesellte sich eine Unlust, überhaupt in die Zukunft zu blicken. Vielleicht kennt ihr das, wenn ihr nur die Hindernisse seht, und nicht die Wege, die darum herum führen.“

Wir anderen sagten alle „Ja“, mehr oder weniger deutlich.

Und dann raffte ich mich und meine Gedanken zusammen, hatte endlich eine ruhige Stunde Zeit dafür, und wollte ihm schreiben. Aber das durfte ich ja nicht. Und so fuhr ich zu ihm, hatte keine Ahnung, ob er denn überhaupt zu Hause war oder Zeit hatte, und ich hatte Glück. Es war, wie ich mich jetzt besinne, das erste Mal, dass wir uns überrascht hatten.“

Wir nicken bedächtig.

Und wir sassen endlich mal zusammen, ein seltsamer Zauber war diesem Moment inne, und wir nur eine halbe Stunde später überfiel uns eine schon fast fanatische Klarheit, wir sahen ein, wo die Probleme lagen und wie unsere Lösungen zusammenfielen, und dieser schwere Schleier verschwand. Jetzt ist alles besser.“

Eine ganze Zeit lang starrten wir bedächtig auf den Tisch, der uns trennte. Catharina unterbrach die Stille und schlug uns vor, doch einfach dieses Experiment zu wiederholen. Nochmals einen Tag lang auf das Schreiben zu verzichten.

Mit tiefer Zufriedenheit verliessen wir das Lokal und erfreuten uns der Einsichten, die da kommen.

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