Da stehe ich vor dieser Tür
Sie aufzumachen ist recht schwer
Ich gebe auf und setz mich hin
Lehn mich dagegen
Treu-Ergeben
Frag mich:
Wo soll ich hin?
Wo komm ich her?
Und vor allem auch Wofür?
Zu zweifeln ist ein leichtes Ding
aber dann aufzustehen und zu gehen
durch diese Tür
durch dieses Tor
zu deiner Seele
deinem Leben
Nicht vielversprechend
-sondern leise-
aber echt und wahr
auf ihre ganz eigene
ART und WEISE
das fordert ALLES von DIR und MIR
Zitat des Monats
Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.
Chinesische Weisheit
Chinesische Weisheit
Willkommen!
Liebe Schreibende
In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.
Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.
Dann also viel Spass beim Schreiben!
Eilean
In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.
Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.
Dann also viel Spass beim Schreiben!
Eilean
Mittwoch, 26. April 2017
Donnerstag, 6. April 2017
Entscheide dich
Ich tippe langsam das Wort bei
Amazon’s Suchmaschine ein: «E-N-T-S-C-H-E-I-D-U-N-G». 24'592 Resultate!
Scheinbar bin ich nicht die einzige, die manchmal mit Entscheidungen hadert.
Jeder Tag besteht aber auch aus so vielen Entscheidungen. Vor allem als
Student, habe ich das Gefühl. Soll ich zuerst an die Uni und dann mein Zimmer
putzen? Soll ich zuerst einkaufen gehen, oder etwa noch die liegengebliebene
Handy-Rechnung bezahlen, oder lieber mal ausschlafen, weil ich mir etwas gönnen
sollte, oder doch lieber mal früh aufstehen, um an meiner Masterarbeit zu
schreiben, wie ich es mir vorgenommen habe oder vorher noch joggen gehen, weil
es mir guttun würde? Eigentlich könnte ich mich ja auch mit einer Freundin zum
Brunch treffen, soziale Kontakte zu pflegen ist ja auch wichtig. Nun ja, ich
gebe zu, wahrscheinlich stellen sich diese Fragen nicht nur Studenten. Aber mit
mehr Freiheit ergeben sich mehr Entscheidungsmöglichkeiten. Eigentlich absurd,
Freiheit bedeutet doch, dass man das tun kann, was man möchte. Und wenn man
sich zu lange überlegt, was man tun könnte, sich also sozusagen in seiner
Freiheit suhlt, bleibt am Ende aber keine Freiheit übrig, sondern man ist
wieder mal zu spät aufgestanden, da man abends nicht von Netflix weggekommen
ist, stolpert aus dem Haus und hat natürlich vergessen, sich etwas Gesundes als
Mittagessen vorzubereiten und kommt dann mit einem etwas schlechten Gewissen
ziemlich spät in die Bibliothek. Aufgrund dieser Gegebenheiten und da es wohl
oft egal ist, wofür man sich entscheidet und es nur wichtig ist, dass man sich
überhaupt entscheidet, da man sich sonst vom Leben treiben lassen lässt und
nicht selbstbestimmt seinen Weg gehen kann, beherzige ich seit einiger Zeit bei
Entscheidungssituationen folgenden einfach anzuwendenden Grundsatz, über den
ich mal gestolpert bin, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht und mir
Entscheidungen in kürzester Zeit möglich macht: Wenn du dich nicht entscheiden kannst, werfe eine
Münze. Wie sie landet ist dabei völlig egal. Beim hochwerfen wirst du merken,
auf was du hoffst.
Mittwoch, 5. April 2017
Entscheidung
„Setz dich mal, Liebes. Mama und Papa müssen etwas mit dir besprechen.“
„Du hast bestimmt bemerkt, dass sich die Mama und ich uns schon
seit einiger Zeit nicht immer so gut verstehen…“
− Wer hätte das nicht gemerkt…?
„Das heisst natürlich nicht, dass der Papa und ich uns nicht
mehr lieb haben…“
− Ach ja? Ihr würdet euch doch am liebsten an die Gurgel
gehen!
„Es gibt im Leben eben manchmal Veränderungen, Menschen
ändern sich, Umstände ändern sich. Das ist normal und oft auch gut so.“
„Genau. Und der Papa hat sich in die eine Richtung
verändert, und ich mich in die andere Richtung. Und nun sind wir ziemlich weit voneinander
entfernt. Verstehst du, was wir sagen wollen?“
− Wart ihr euch jemals nah?
„Nun sag doch mal was, Liebes.“
„Ja, ich verstehe.“
„Da sind wir aber froh, mein Schatz, und wir sind mächtig
stolz auf dich, wie du das alles wie eine Erwachsene trägst.“
− Ich bin offensichtlich erwachsener, als ihr beide
zusammen!
„Das ist überhaupt das Wichtigste an allem: Wir lieben dich
genauso sehr, wie immer! Zwischen dir und Papa, und zwischen dir und mir wird
sich überhaupt nichts ändern.“
− Wieso?! Das muss es aber! So kann das nicht weiter gehen!
„Du wirst uns auch beide weiterhin sehen können. Wir bleiben
beide in der Stadt. Du kannst also jederzeit, Mama und mich besuchen. Das ist
doch super, findest du nicht?“
− Immerhin Schadensbegrenzung…
„Wieso sagst du denn nichts, Liebling?“
„Ja, find ich super.“
„Toll! Du bist so ein starkes Mädchen! Wir sind unendlich
stolz auf dich!“
− Das sagtest du bereits…
„Und der Papa wird auch etwas mehr Zeit für dich haben, das
hat er versprochen.“
− Uuuh… Das gefällt Papa aber gar nicht, was du da sagst… Ich
hab das Zucken in seinem Mundwinkel genau gesehen…
„Und Mama wird auch bestimmt nicht mehr so viel trinken, das
hat sie ebenfalls versprochen.“
− Oje, jetzt geht’s los…
„Zumindest hat sich die Mama nie mit anderen Männern herum
getrieben und dabei behauptet, sie sei so hart am arbeiten, während du daheim
auf sie gewartet hast, nicht wahr?“
− Nicht schon wieder…
„Jetzt komm nicht wieder mit dieser Geschichte! Das war ein
einziges Mal! Und was hätte ich auch zu dir nach Hause kommen sollen, du
hättest es in deinem Alkohol-Koma ja ohnehin nicht mitgekriegt.“
„Deine Parfümfahne hätte mich selbst von den Toten wieder
zurück geholt, keine Sorge!“
„Wir wollen jetzt mal nicht Fahnen vergleichen…“
„Du widerlicher—!“
„Du nutzlose—!“
„Hallo-o! Ihr wolltet mir damit sagen…?“
„Oh, entschuldige Liebes! Du siehst, wie viele Emotionen da
noch im Spiel sind… Das zeigt doch, wie lieb sich der Papa und die Mama im
Grunde noch haben.“
− Ein Spiel ist es schon lange nicht mehr. Und wenn das
Liebe ist, na dann Prost Mahlzeit!
„Und trotzdem könne wir nun mal kein Paar mehr sein. Das
verstehst du doch, mein Sonnenschein. Mama und ich müssen nun getrennte Wege
gehen. Das ist für alle von uns wahrscheinlich das Beste…“
− Das erste wahre Wort an diesem Abend! Aber kommt doch
endlich zum Punkt!
„Und deswegen haben der Papa und die Mama sich schweren
Herzens entschieden, dass wir uns scheiden lassen müssen… Verstehst du das,
Engelchen?“
„Ja, natürlich…“
− Aber kann man da noch von ENT-SCHEIDUNG sprechen…?
Dienstag, 4. April 2017
Neues Leben
Herbert Nörgel war ein Nörgler. Ein Nörgler sondergleichen.
Er war ständig unzufrieden mit allem. Es begann meist bereits am Morgen kurz
vor dem Aufstehen. Seinem Wohnhaus gegenüber befand sich ein kleiner
Lebensmittelladen, der morgens um sechs seine Lieferung erhielt. Das Geräusch
des anfahrenden Lieferwagens und des Herablassens der Ladefläche und des
Ausladens und Einräumens der Waren und der Gespräche zwischen dem Lieferanten
und Fräulein Poot, der Ladenbesitzerin, weckten Herrn Nörgel kurz vor dem
Läuten seines Weckers. Und das ärgerte ihn.
Dann stieg er murrend aus dem Bett und begab sich ins Bad.
Dort fand er den tropfenden Wasserhahn vor, was ihn ärgerte, und er putzte sich
leise fluchend die Zähne.
Der Morgenkaffe war dann sein erster Genuss des Tage, der
ihn etwas zu beruhigen vermochte. Danach begab er sich zu seinem Wagen, um ins
Geschäft zu fahren. Dabei fiel ihm jedes Mal wieder das quietschende Geräusch
des Motors auf, welches trotz mehrfacher Prüfung durch den Garagisten nicht
wegzukriegen war. Und das ärgerte ihn. Er biss die Zähne zusammen und fluchte auf
dem gesamten Weg ins Büro leise vor sich hin.
Natürlich fing dort das grosse Ärgernis erst richtig an. Die
Sekretärin ärgerte ihn, weil sie den Kaffee schon wieder mit zu wenig Milch
brachte, der Drucker ärgerte ihn, weil er noch immer diese schwarzen Schlieren
auf den Ausdrucken machte, das Telefon ärgerte ihn, weil es garantiert immer
zum ungelegensten Zeitpunkt läutete, das Mittagessen ärgerte ihn, da es wie
immer zu wenig gesalzen war und deswegen fad schmeckte, der Büronachbar ärgerte
ihn, weil er wieder einmal lauthals mit Kollegen lachte, als sei man hier auf
dem Jahrmarkt! – und so ging es in einem fort.
Nach der Arbeit war er dann in der Regel so erschöpft von
den vielen Ärgernissen, dass er in den kleinen Lebensmittelladen seinem Haus gegenüber
ging, um sich seinen Eierlikör zu holen. Dort ärgerte er sich jedes Mal über
das Fräulein Poot, das ihn wie ein verblödeter Roboter mit aufgesetzter
Höflichkeit fragte: „Was darf’s denn sein, der Herr?“ und sich offenbar
weigerte, sich zu merken, dass er jedes Mal denselben Eierlikör kaufte. Und
dann war da noch diese lästige Katze, die ihm beim Bezahlen im Laden stets um
die Beine strich.
Zähneknirschend stieg er dann in den Lift in seinem Wohnhaus
und ärgerte sich dabei aufs Neue darüber, dass der Knopf für den vierten Stock
noch immer nicht repariert worden war und als einziger nicht leuchtete.
So ging es noch den ganzen Abend weiter, das nervige
Fernsehprogramm, das nur hirnlose Unterhaltung bot, die egoistische Nachbarin,
die ihn mit ihrer ständigen Kocherei olfaktorisch belästigte, der Wasserhahn,
der noch immer tropfte… Und manchmal kam am Ende des Tages noch ein weiteres
Ärgernis hinzu, dass ihn seine Tochter anrief oder ihm gar einen Besuch
abstattete und ihn mit ihren lästigen Fragen zu seinem Wohlbefinden und
Tätigkeiten bedrängte.
„Was soll das Tina, hast du kein eigenes Leben, um das du
dich kümmern musst?“ fauchte er sie dann regelmässig an. Sie entgegnete nur ein
mitleidiges Lächeln und tätschelte ihm zu allem Übel manchmal sogar den Kopf –
wie einem Hund!
Doch eines Abends sollte sich alles verändern. Herr Nörgel kam
auch an diesem besagten Abend von der Arbeit nach Hause und ging in den
Lebensmittelladen von Fräulein Poot, um seinen Eierlikör zu kaufen. Das alte
Mütterchen sass bucklig wie immer hinter der Ladentheke und blitzte ihn aus
wachen Augen an, als er eintrat. Bereits zu diesem Zeitpunkt war es Herrn
Nörgel irgendwie nicht ganz geheuer. Etwas an dem Blitzen in ihren Augen war
anders als sonst – ahnend!
„Was darf’s denn sein, der Herr?“ fragte Fräulein Poot, und
Herr Nörgel wollte sich gerade wieder über ihre Sturheit ärgern, als ihm das kaum
erkennbare, herausfordernde Lächeln auffiel. Das gefiel ihm gar nicht.
Verunsichert antwortete er wie immer: „Einen Verpoorten,
bitte.“
Während sie ihm den Eierlikör aus dem Regal reichte, fragte
sie beiläufig und weiterhin mit diesem unheimlichen, verschmitzten Lächeln:
„Wissen Sie, welcher Tag heute ist?“
Verwirrt blickte Herr Nörgel das alte Weib an. „Es ist …
Mittwoch“, antwortete er naiv.
„Es ist der Tag des Verzichts. Wollen Sie heute nicht mal
auf den Verpoorten verzichten? Es würde bestimmt auch Ihrer Herzen gut tun.“
Das wurde Herrn Nörgel nun aber zu bunt. Er knallte das Geld
auf die Theke und zerrte dem Fräulein Poot die Flasche aus der Hand. „Ich
wüsste nicht, was mein Herz Sie angeht! Und was hat das überhaupt mit dem
Verpoorten zu tun! Pha! Lächerlich!“ Er wandte sich zum gehen.
„Geben Sie gut acht auf sich und Ihren Schatz!“ rief ihm das
alte Weib nach. „Sonst müssen Sie eher darauf verzichten, als Ihnen lieb ist…“
Zornig und zugleich verwirrt blickte Herr Nörgel im gehen
zur alten Hexe zurück. Diese funkelte ihn weiter schelmisch mit ihren
lebendigen, dunklen Augen an und schien vielsagend leicht zu nicken. An der
Ladentür, während er noch immer unheimlich berührt zu ihr blickte, stiess Herr
Nörgel plötzlich mit dem Fuss gegen die Katze, diese kreischte laut auf, Herr
Nörgel stolperte, ruderte mit den Armen um sein Gleichgewicht, fiel trotzdem
vornüber und landete mit einem lauten Ausruf auf dem Bauch, während die Flasche
mit dem Eierlikör in hohem Bogen davon flog und einige Meter vor seinem
entsetzten Besitzer zerschellte und sich seine wohlriechende, gelbe Pracht
zwischen den Scherben auf dem Boden ausbreitete. Fluchend erhob sich Herr
Nörgel. „Dieses verfluchte, hässliche Katzenvieh! Halten Sie ihre zerzauste
Flohschleuder gefälligst im Zaum, Sie—“
„Ich sagte Ihnen doch, Herr Nörgel“, unterbrach sie ihn, und
dass sie zum ersten Mal seinen Namen aussprach, brachte ihn abrupt zum
Schweigen, „Geben Sie gut acht auf sich und Ihren Schatz… Und ich sprach nicht
von Ihrer Flasche…“ Das unheimliche Grinsen wurde immer breiter und schien bald
ihr ganzes Gesicht einzunehmen.
Entsetzt torkelte Herr Nörgel rückwärts aus dem Laden und
das letzte was er sah, waren die zu einem grotesken Grinsen gefletschten Zähne
der alten Hexe, unwirklich und bedrohlich.
Er flüchtete so schnell er konnte in die vermeintliche
Sicherheit seiner Wohnung im vierten Stock, verkroch sich dort, ohne auch nur
die Kleider abzulegen, in sein Bett und fiel in einen tiefen, unruhigen Schlaf.
Im Traum erschienen ihm die furchteinflössendsten Gestalten
mit messerscharfen Zähnen und widerlichen, gelblichen oder schwarzen, zähen
Flüssigkeiten, die ihnen aus diversen Körperöffnungen rannen. Einige der Wesen
hatten gewisse Ähnlichkeiten mit Personen, die er kannte. Er glaubte
beispielsweise, seine Sekretärin in der kreischenden Spinnenfrau zu erkennen,
oder seine Nachbarin in den Zügen der schlammbedeckten Moorleiche, oder den
Fernsehmoderator in der grausigen Vogelscheuche. Und alle kamen bedrohlich auf
ihn zu. Und dann war da noch dieses unheimliche kleine Mädchen mit den langen,
dunklen Haaren, die ihr Gesicht bedeckten. Ihr Kleid war blutverschmiert und
ihr Beinchen war unnatürlich verformt, als wäre es gebrochen. Doch es ging
unbehelligt, wenn auch hinkend, ebenfalls auf ihn zu. Und immer, kurz bevor
eines der Wesen seine Krallen oder Zähne in sein Fleisch graben konnte,
zerplatzte es mit einem ohrenbetäubenden Knall und zerstieb in tausend
schleimig-blutige Fetzen. Doch er erwachte nicht aus diesem Albtraum. Obwohl er
wusste, dass er träumte, blieb er in dieser grauenhaften Welt gefangen und
durchlebte ein Schreckensmoment nach dem anderen. Zuletzt war noch das
langhaarige Mädchen übrig, das mit ihrem gebrochenen Beinchen auf ihn zuwankte.
Als sie endlich bei ihm angelangt war, zog sie ein riesiges, blutüberströmtes
Messer aus seinem Mäntelchen und kreischte während es auf ihn niederstach. Was
ihn jedoch zuletzt doch noch schweissgebadet aus dem Albtraum erwachen liess,
war nicht der Messerstich, sondern der schrille Ruf des Mädchens, der irgendwie
nach „Vater“ tönte.
Herr Nörgel sass aufrecht im Bett, schweissnass und schwer
atmend und sein Herz hämmerte fast schmerzhaft in seiner Brust. Was war
geschehen? Hatte er im Fieber halluziniert? Hatte ihn die scheussliche Hexe mit
einem Fluch belegt?
Langsam beruhigte sich Herr Nörgel wieder. Als er wieder
einen klaren Gedanken fassen konnte, fragte er sich, was für Zeit es war. Er
blickte auf den Wecker auf seinem Nachttisch: viertel nach sechs. Er lauschte.
Und lauschte.
Nichts. Es war totenstill. Was war mit der täglichen
Lieferung für den Lebensmittelladen der irren Poot? Er stand auf und ging zum
Fenster. Die Strasse war menschenleer. Ein einzelner Frühaufsteher eilte der
Arbeit entgegen. Doch vom Lieferwagen fehlte jede Spur. Auch Fräulein Poot war
nirgends zu sehen.
„Herrlich!“ jubilierte Herr Nörgel für sich selbst.
Vielleicht war dies der Lohn für diese elende Nacht, die er hatte durchleben
müssen.
Fast heiter ging Herr Nörgel ins Bad, wo seine Freude nochmals
unerwartet verstärkt wurde: der Wasserhahn tropfte nicht mehr! ‚Welch
glückliche Fügung!‘ dachte Herr Nörgel. Doch der frisch gewonnene Enthusiasmus fand
bereits wieder ein jähes Ende, als er den Hahn aufdrehte und kein Wasser kam.
„Aber was soll jetzt das?“ rief er aus. „Und wie soll ich
mich, zum Teufel nochmal, jetzt waschen?“
Er versuchte es gleich in der Küche, und dort kam
glücklicherweise noch Wasser. So wusch er sich eben in der Küche.
Der Morgenkaffe schmeckte nach diesem Gefühlschaos besonders
köstlich, und er konnte sich wieder etwas beruhigen.
Doch bereits in seinem Wagen erwartete ihn die nächste
Strapaze. Der Motor sprang nicht an. Nach mehrmaligem Versuch stieg er, ausser
sich vor Wut, wieder aus dem Wagen. „Elendige Drecks-Karre!“ rief Herr Nörgel und
trat gegen die Fahrertür. So machte er sich laut fluchend zu Fuss auf den Weg
zur Arbeit.
Dort angekommen warf er seinen Mantel und die Aktentasche
auf den Sessel und warf sich erschöpft in seinen Bürostuhl. Und schon begann er
sich wieder zu ärgern.
„Wo bleibt der elende Kaffe?“ knurrte er und griff zum
Telefon, um die Sekretärin anzurufen. ‚Die kann was erleben!‘
„Hallo? Was kann ich für Sie tun?“ meldete sich eine
unbekannte Frauenstimme auf der anderen Seite.
Verdutzt antwortete Herr Nörgel: „Ja was heisst denn hier
‚hallo‘?! Wer sind Sie überhaupt?“
„Oh entschuldigen Sie, ich hatte noch nicht die Gelegenheit
mich vorzustellen. Ich bin−“
„Es interessiert mich nicht, wer Sie sind! Wo ist Fräulein
Blum?“
„Oh, ähm, das Fräulein Blum ist heute Morgen nicht
aufgetaucht, also wurde ich zu ihrem Ersatz gerufen.“
„Was heisst hier ‚nicht aufgetaucht‘? Ist sie krank?“
„Nein, mein Herr, es ist nicht bekannt, wo Fräulein Blum
sich aufhält. Zuhause geht niemand ans Telefon.“
„Eine Frechheit, einfach so zu verschwinden! Nun dann,
bringen Sie mir eben einen Kaffe. Viel Milch, ein Stück Zucker.“ Noch bevor die
Frau antworten konnte, hatte Herr Nörgel den Hörer bereits wieder auf die Gabel
geworfen. „So ein Elend, dieser Tag!“ raunzte er.
Etwas später am Morgen, ereilte ihn bereits der nächste
Schlag. Es klopfte an der Tür.
„Was gibt’s?“ rief Herr Nörgel ungehalten.
Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und der Lehrling
streckte schüchtern seinen Kopf hindurch. „Entschuldigen Sie, Herr Nörgel. Ich
hoffe, ich störe Sie nicht. Mir wurde aufgetragen−“
„Jetzt komm zur Sache, Junge! Was willst du?!“ schnauzte der
Angesprochene.
„Gewiss doch. Nun die Sache ist die, der Drucker
funktioniert heute nicht. Der Techniker ist−“
„Was?! Was meinst du mit ‚funktioniert nicht‘? Gar nicht?!“
„Nein, ich meine, genau. Gar nicht. Leider. Tut mir leid“,
stotterte der Stift.
„So ein verdammter, eldender, Scheissdreck, verdammter!“
fluchte Herr Nörgel. Der Junge zuckte hinter der Türe zusammen. „Wie soll ich
denn jetzt den Vertrag für die Sitzung in einer Stunde drucken, sag mal?! Es
gibt doch bestimmt noch einen anderen Drucker in der Firma?“
„Nun, das ist das kuriose, Herr Nörgel. Es sind alle
kaputt.“
„Was, ‚alle‘?“
„Alle vier Drucker der Firma haben heute den Geist
aufgegeben. Wir vermuten, es muss ein Virus sein.“
„Aber das kann ja nicht sein! Das muss ein schlechter Scherz
sein! Und wieso erfahre ich das überhaupt erst jetzt?!“
„Man hat Sie versucht telefonisch zu erreichen, aber Sie
haben das Telefon nie abgenommen.“
„Papperlapapp! Was ist das jetzt wieder für ein Unsinn! Das
Telefon hat kein einziges Mal geläutet!“
„Ich habe es selbst vorhin versucht…“
Herr Nörgel war aufgesprungen und rannte auf die Türe zu.
„Aus dem Weg, du Einfaltspinsel! Ich zeig dir jetzt mal, wie man ein Telefon bedient.“
Er eilte aus dem Büro und zum gegenüberliegenden Tresen der neuen Sekretärin.
„Ich brauche mal Ihr Telefon“, meinte er knapp. Er hob den Hörer und wählte
seine eigene Kurzwahl. Das Freizeichen ertönte, doch aus seinem Büro war kein
Läuten zu hören. Er spürte, wie es ihm die Röte ins Gesicht trieb. „Ihr Telefon
muss kaputt sein!“ wetterte er.
„Ich fürchte nicht, der Herr“, antwortete die Sekretärin
schüchtern. „Gerade habe ich Ihren Kollegen angerufen.“
Erneut hob er den Hörer und hämmerte die Kurzwahl seines
Büronachbarn in den Apparat. Diesmal ertönte nicht einmal ein Freizeichen, und
aus dem entsprechenden Büro auch kein Klingeln. „Sehen Sie! Es ist IHR
nutzloser Apparat, der nicht funktioniert!“ triumphierte Herr Nörgel.
„Sie haben doch gerade Herrn Lustig versucht zu erreichen,
nicht wahr?“ fragte die Sekräterin.
„Ja, wieso?“ fragte Herr Nörgel gereizt.
„Diese Leitung ist nicht eingeschaltet, da er heute abwesend
ist.“
„Wie ‚abwesend‘? Das kann nicht sein, er nimmt an der
Verhandlung in einer Stunde teil.“
„Es tut mir leid, mein Herr, er ist heute Morgen nicht zur
Arbeit erschienen und ist zuhause nicht erreichbar.“
„Wie bitte?!“ Herr Nörgel war ausser sich. „Das darf doch
alles nicht wahr sein! Was ist denn heute nur los, zur Hölle?! Heut‘ ist ja
alles noch viel schlimmer, als sonst!“ Er warf den Hörer rücksichtslos auf den
Tresen zurück und eilte seinem Büro entgegen. „Am Schluss stellt sich heraus,
dass die Blum und der Lustig im wahrsten Sinne des Wortes zusammen unter einer
Decke stecken! Pha, was für ein Zirkus!“
Auf dem Weg zur Kantine dachte Herr Nörgel über den komplett
misslungenen Morgen nach. Die Vertragsverhandlungen waren natürlich ohne
Vertragsabschluss ausgegangen, da er keinen vorzulegen hatte. Dann die vielen
mysteriösen technischen Störungen und das Wegbleiben der beiden
Arbeitskollegen. Was für ein ungewöhnlicher Zufall. Doch als er am Eingang der
Kantine ankam, liess ihn das angeschlagene Schild den Glauben an einen blossen
Zufall verlieren: „Heute geschlossen“. In diesem Moment kam einer der Köche
durch die Tür.
„Tut mir leid, mein Herr, haben Sie es noch nicht vernommen?
Die Firma bleibt heute Nachmittag geschlossen“, erklärte der Mann und wirkte
dabei sehr bedrückt.
„Weshalb denn das? Ich komme gerade aus einer Sitzung. Was
ist denn los?“
„Haben Sie es nicht vernommen? Zwei Mitarbeiter sind heute
Nacht überraschend ums Leben gekommen.“
„WAS?!“ platzte es aus Herrn Nörgel heraus. „Wie denn das?“
„Das ist soviel ich weiss nicht geklärt. Sie wurden tot in
ihrer Wohnung gefunden.“
„Um Gottes Willen! Wer…?“ Ihm blieben die Worte im Halse
stecken.
„Die liebe Frau Blum und ein gewisser Herr Lustig. Was für
ein schrecklicher Zufall! Unfassbar!“ Der Koch ging mit gesenktem Kopf davon.
Herr Nörgel blieb regungslos stehen und starrte auf das
Schild. Ein wachsendes Grauen stieg in ihm auf und seine Gedanken fingen sich
an zu überschlagen. Zufall? Der eigenartige Albtraum in der Nacht, der
Lieferwagen heute früh, der kaputte Wasserhahn, der liegengebliebene Wagen, der
Drucker, das Telefon und nun das! Ihm schwante Übles… Das konnte kein Zufall
sein! Und auf einmal waren alle wirren Gedanken wie weggeblasen, kalter
Schweiss stand ihm auf er Stirn und es platzte aus ihm heraus: „TINA!“
Herr Nörgel rannte panisch zurück ins Bürogebäude, nahm drei
Stufen auf einmal und hechtete in sein Büro, wo er hektisch den Telefonhörer
von der Gabel riss und die Mobilnummer seiner Tochter wählte. Das Freizeichen
ertönte. Und mit jedem Mal schien der Ton länger zu werden. „Nimm schon ab,
Kleines!“ Eine gefühlte Ewigkeit wartete Herr Nörgel, und seine Finger gruben
sich dabei immer tiefer ins Polster seines Bürostuhls. Irgendwann ertönte der
automatische Anrufbeantworter. Herr Nörgel legte entsetzt auf.
Was hatte die alte Hexe mit ihm gemacht?! Er versuchte sich
krampfhaft an die letzten Worte zu erinnern, die sie ihm gestern nachgerufen
hatte. „Geben Sie gut acht auf sich und Ihren Schatz!“ hatte sie gesagt. „Sonst
müssen Sie eher darauf verzichten, als Ihnen lieb ist…“
Wieder stürzte Herr Nörgel panisch aus dem Büro, durchs
Treppenhaus aus dem Gebäude auf die Strasse hinaus und rannte wie vom Hafer
gestochen Richtung zuhause. Er musste mit der Poot, dem verfluchten Weibsstück,
reden, bevor sie auch noch sein Kind umbrachte! Er rannte über Strassen,
ungeachtet dem Verkehr, liess hupende Wagen und fluchende Autofahrer hinter
sich zurück, ohne sich auch nur nach ihnen umzuwenden, er rempelte Passanten an
und trampelte auf dem kürzesten Wege durch Gartenwirtschaften und Vorgärten.
Schliesslich kam er keuchend und mit tränenden Augen beim kleinen Quartierladen
der Poot an. Er stürzte durch die Tür in den Laden und kreischte hysterisch:
„POOT! Wo stecken Sie!“
Da kam ein junges Mädchen hinter dem Vorhang zum
Hinterzimmer hervor. „Es tut mir leid, mein Herr, aber meine Grosstante hatte
heute Morgen einen Herzinfarkt.“
„Was sagst du?!“ keuchte der Elende und torkelte entsetzt
zurück.
„Tut mir wirklich leid…“ fuhr das Mädchen leise fort, doch
noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, war Herr Nörgel aus dem Laden und über
die Strasse gestolpert und lehnte schwer atmend an der Wand seines Wohnhauses. „Diese
alte Hexe, diese verdammte!“ hisste er heiser und hämmerte mit der Faust gegen
die Wand. „Sie hat mich mit einem Fluch belegt, und dann kratzt sie ab, bevor
sie mir sagen kann, was ich dagegen tun soll!“ Er drehte sich mit dem Rücken
zur Wand und sank erschöpft in die Knie bis er wie ein Häufchen Elend am Boden
sass. „Was soll das bedeuten: ‚Geben Sie gut acht auf Ihren Schatz‘? Was will
sie von mir?“ Dann wandte er sich zum Himmel und schrie aus vollem Halse: „Was
willst du von mir?!“ Ein Passant machte einen deutlichen Bogen um den
verzweifelten Mann am Boden und starrte ihm im vorbeigehen misstrauisch nach.
Ein leises Miauen riss Nörgel aus seinem Gedankenkreisen. Er
blickte entgeistert zu seinen Füssen hinab. Es war die Katze der alten Poot! „Hau
ab, du—“ setzte er bereits wieder zum Fluchen an und brach mitten im Satz ab. Die
Katze streifte unbehelligt um seine Beine und miaute ihn hingebungsvoll an. Da
fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Gib Acht auf deinen Schatz“,
wiederholte er nachdenklich. Dann streckte er die Hand aus und strich der Katze
freundlich über den Kopf. Diese erwiderte mit einem wohligen Schnurren. „Du
musst ja ganz verhungert sein, du armes Vieh, wenn dein Mütterchen nicht mehr
da ist. Komm!“ Er nahm die Katze auf den Arm und ging ins Haus. Er liess den
Lift kommen und betrat die Kabine. Dort fiel ihm erneut der defekte Knopf für
den vierten Stock auf. Doch anstatt zu fluchen, sagte er zum Kater: „Zumindest
funktioniert er trotzdem“, und lächelte. In der Wohnung stellte er der Katze
eine Schale Milch hin, über die sich das Tier eifrig her machte. Er beobachtete
das Tier lächelnd.
Als die Katze offensichtlich satt war, nahm er sie wieder
auf den Arm, um sie zurück in den Laden zu bringen. Auf dem Hausflur schlug ihm
erneut der Duft frischen Essens entgegen. Doch anstatt zu fluchen und sich
neidisch darüber zu ärgern, fasst sich Herr Nörgel ein Herz und ging zur Tür
der Nachbarin und klopfte.
Die betagte Dame öffnete verwundert die Tür. „Ja guten
Abend, Herr Nörgel, was für eine ausserordentliche Überraschung!“
„Ich grüsse Sie, Frau Weber. Ich kam gerade nach Hause und
roch wie so oft die Wohlgerüche Ihrer Kochkünste und wollte Ihnen endlich
einmal ein Kompliment machen. Sie müssen wahrlich eine meisterhafte Köchin
sein!“
Eine jugendliche Röte stieg der jung gebliebenen Dame ins
Gesicht. „Ach, wie freundlich von Ihnen! Wie kann es sein, dass man Sie für
einen so verbitterten, einsamen Mann hält? Schade nur, dass ich das Mahl selten
mit jemandem teilen kann. Wieso bleiben Sie und Ihr netter Gefährte nicht zum
Abendessen?“
„Was für ein nettes Angebot“, entgegnete Herr Nörgel ehrlich
erstaunt. „Ich komme sehr gerne zum Essen, vielen Dank. Allerdings ist dies
nicht mein Kater. Er gehörte der armen verblichenen Frau Poot von gegenüber,
und ich muss ihn ihrer Grossnichte erst zurück bringen, bevor sie ihn vermisst.“
„Was sagen Sie da, Frau Poot ist verstorben?!“ fragte die
Nachbarin konsterniert. „Das muss gerade erst geschehen sein!“
„Ja, das tut mir leid, sie hatte wohl heute Morgen einen
Herzinfarkt, erzählte mir das Mädchen.“
„Davon weiss ich, aber sie wurde doch ins Krankenhaus
gebracht.“
Herr Nörgel horchte auf. „Ach, Sie meinen, sie ist nicht
daran verstorben? Kann sein, dass ich das missverstanden habe!“ Von erneuter
Aufregung befallen, fragte der Verwandelte weiter: „Wissen Sie denn, in welches
Krankenhaus sie gebracht wurde?“
„Soweit ich hörte, ins Sacré-Cœur.“
„Oh, liebe Frau Weber, Sie wissen gar nicht, welch Stein mir
gerade vom Herzen fällt! Sie verstehen sicher, dass ich hinfahren muss, um der
alten Dame einen Besuch abzustatten. Wir holen das Essen gerne morgen Abend
nach, wenn das Ihnen recht ist.“
„Es wäre mir eine Freude!“ Sie lächelte verlegen, und erneut
röteten sich ihre Wangen.
Herr Nörgel verschwand mit dem Kater im Lift.
„Was für ein freundlicher Mensch…“ flüsterte Frau Weber, als
sie die Türe schloss.
Nachdem Herr Nörgel die Katze dem Mädchen im Laden des
Fräulein Poot zurück gebracht hatte, machte er sich auf den Weg ins Spital. Er
erkundigte sich am Empfang nach der alten Dame.
„Sie liegt im Zimmer tausendeinhundertundsieben. Gehen Sie
durch die Frauenklinik. Dann kommen sie ins Bettenhaus“, erklärte die Empfangsdame.
Er ging durch die Glasschiebetüre, die den Eingang zur Frauenklinik
markierte. Doch als er den langen Gang dahinter entlang lief, erstarrte er
plötzlich. Er traute seinen Augen nicht. Wer kam ihm da auf dem Gang in
Begleitung ihres Mannes entgegen und schien ebenso erstaunt, ihn zu sehen?
„Tina?!“
„Papa?“ Seine Tochter kam freudig auf ihn zu. „Was machst du
denn hier?“ fragte sie erstaunt, während sie sich ihm um den Hals warf.
„Ich wollte eigentlich die Frau Poot— Sie hatte wohl einen
Herzinfarkt. Aber was machst du— Was macht ihr denn nun hier?“ stammelte er. „Du
bist doch wohl nicht krank?“
„Aber nein, Väterchen!“ lachte Tina und ungläubig fuhr sie
fort: „Und du wolltest jemandem einen Krankenbesuch abstatten?! Welch
wundersame Wandlung! Dass ich das noch erleben darf!“ Tina lachte laut auf und
umarmte ihren Vater erneut. „Dann lass uns doch zum Fräulein Poot gehen. Wir
haben gerade auch nichts mehr vor, oder Schatz?“ Ihr Mann lächelte eigenartig
verzaubert. Sie hakte sich bei ihrem Vater ein. „Dann können wir dir auch in
Ruhe erzählen, weshalb wir hier waren. Ein kleiner Hinweis…“ Sie überreichte
ihrem Vater ein kleines Stück Papier mit einem schwarz-weissen, verschwommenen Bild.
Herr Nörgel blickte entgeistert auf das wolkige Bildchen und eine Träne rann
ihm über die heisse Wange. Er blickte ungläubig zu seiner Tochter auf.
Diese strahlte ihn an und zwinkerte. „Komm, lass uns gehen,
Opa.“
„Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag.“ Charlie Chaplin
Gepostet für Die Rote Zora
Im selben Monat, jedoch hundert Jahre bevor ich auf die Welt
kam, erblickte Charles Spencer Chaplin das Licht der Welt. Obwohl dieses sicherlich
nicht eine hell erleuchtete Kindheit für den kleinen Charles bereithielt und
ihm düstere Zukunftsaussichten prophezeite, hatte er dennoch einen Funken
Glück. Nach einer dunklen Vergangenheit schien es Licht am Horizont zu geben:
Er wurde in Hollywood entdeckt und unter Vertrag genommen - der kleine Charles
wurde zum grossen Charlie mit einer strahlenden Zukunft. Allein in seinem
ersten Jahr spielte er in 35 Lichtspielen mit. Es reihten sich danach Erfolge
an Erfolge. Im Privaten schienen seine diversen Ehen jedoch nicht unter einem
guten Stern zu stehen. Doch die Vierte und Letzte trotzte dem Schatten eines
riesigen Altersunterschieds von stolzen 36 Jahren und brachte 8 Kinder hervor.
Bis zu Charlies Todestag an einem funkelnden Weihnachtsabend in der Schweiz verbrachte
das Paar 34 sonnige Jahre miteinander.
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