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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Montag, 26. Juni 2017

Die große Flaute

Der Deckenventilator surrte, und verteilte die schwüle Luft im Büro der Firma Tugendsohn & Söhne. Ein abgegriffener Notizzettel segelte auf den Boden, und wurde von Franziska, die gerade Tee ins Büro brachte, aufgelesen.
"Über 'Flaute' wollt ihr schreiben?", fragte sie Karl über den Art-Deco-Schreibtisch hinweg.
Karl lockerte seine Krawatte, bevor er diese Frage bedachte.
Karl lockerte sie noch einmal, bevor er diese Frage beantwortete.
- "Ja, diesen Auftrag erhielten wir vorletzte Woche. Und zur Zeit ist es unser einziger."
Franziska verstand. Die Firma führte im Auftrag verschiedener Unternehmen Schreibarbeiten durch. Broschüren, Kataloge, und hin und wieder Handbücher. Im heutigen Zeitalter würde man Tugendsohn & Söhne als Dinosaurier bezeichnen, und man würde ihn sogar im Devon ansiedeln, als in einer späteren Epoche. Jedoch aber bestimmte der letzte Wille des Tugendsohn Vater, dass das ursprüngliche Geschäft weitergeführt werden solle - oder die Firmenbilanz falle an seinen Onkel, der 1923 in der Nähe von Kamyshin, einer Stadt an der Wolga, eine Kolonie gegründet hatte. Da aber niemand mehr von diesem Onkel, dessen Nachkommen und dieser Kolonie hörte, lag es im Interesse der Belegschaft, ihre Tätigkeit und damit ihre Löhne beizubehalten. Und so erledigte Tugendsohn & Söhne noch am heutigen Tage Schreibarbeiten.
"Welchen Ansatz habt ihr denn, um über eine Flaute zu schreiben?"
- "Das haben wir uns gründlich überlegt. Zunächst haben wir uns über die semantischen Zusammenhänge schlau gemacht. Zum Beispiel ist Flauti die Mehrzahl der Flaute. Aber dies führte uns letztlich nicht weiter. Ein Nachbar meinte, es habe mit Segeln zu tun. Flaute herrscht, wenn der Wind still steht. Wenn kein Antrieb herrscht."
"Vielleicht kommt mir auch noch eine Idee", meinte Franziska, runzelte sich die Stirne und zog sich in ihr Büro zurück. Auch ihre Arbeit wurde im Grunde genommen aus dem Erbe des längst verstorbenen Herrn Tugendsohn bezahlt.
In ihrem Zimmer, wo sie für die weitere Belegschaft die Recherchen durchführte, nahm sie ein leeres Blatt Papier hervor.
Flaute.

Die FLAUTE.

Mit Kugelschreiber in einen Hand und mit ihrer anderen die Nackenmuskulatur knetend, entwickelte sich in ihren Gedanken ein Sturm an Assoziationen. Sie wähnte sich innert Sekunden in der Mitte eines Ozeans, auf einem Floß träge treibend, mit schlaff herabhängendem Segel, mit der brütenden Sonne, die auf ihre Haut brannte. In der Ferne trieb ihr Mann im Wasser, offenbar das kühlere Nass geniessend, aber dennoch fast reglos. Ein Delphin näherte sich ihrem Floß, sprang zwei Mal hoch, klatschte laut ins Wasser, und schwamm davon. Weder Franziska noch ihr Mann reagierten darauf.
Als sie wieder zu sich kam, zeigte ihre Uhr schon den Feierabend an. Karl und die anderen Kollegen waren schon gegangen. Sie ärgerte sich über die versäumte Recherche, und begab sich nach Hause.
Franziskas Wohnungstür öffnete sich, und die Flut des Tageslichts widerglänzte in den acht Augen der Spinne, die in der Ecke über der Türe hauste. Sie reagierte nicht darauf. Denn im Leben dieser Spinne änderte sich kaum etwas. Was sollte sie denn auch ändern? Spinnen haben Geduld. Sie warten auf Veränderungen. Die letzte Veränderung war zwar schon drei Wochen her, aber von dieser war sie immer noch satt.
Andreas lag fast reglos auf dem Sofa, und schien Franziskas Ankunft nicht gehört zu haben. "Andreas...", flüsterte sie. "Andreas!", sagte sie.
Müde öffnete ihr Mann die Augen. Er hörte gerade ein dreistündiges Morricone-Album auf Youtube. Der Bildschirm zeigte einen angefangenen Text. "Alles neu!" lautete der Titel. Darunter zwei Stichworte. Ein Gedanke an den letzten Sex huschte ihm durch den Kopf. Kurz blitzte in ihm die Scham auf, lag diese Begebenheit schon drei Wochen zurück, und er hatte sie nie darauf angesprochen. Und er verspürte Hunger.
"Was sollen wir kochen?", fragte er.
- "Es geht mir nicht ums Kochen, Andreas."
"Um was denn?"
- "Ich verspüre schon seit längerem, dass es nicht mehr richtig läuft."
"In dieser Tugendfirma?"
- "Nein. Trotz mässiger Auftragslage dann und wann verstehen wir uns sehr gut. Ich kenne die Bedürfnisse all meiner Leute dort, und hatte nie Angst, ich würde sie nicht erfüllen wollen, oder nicht kennen wollen. Es geht um..."
Andreas verstand. Diese Szene hatten sie schon einige Male erlebt. Und immer wünschte sie sich eine Änderung, wo es ihm doch gut ging. Und schämte sich wieder seines Gedankens, den er vorhin hatte.
- "Es herrscht eine echte Flaute. Wann haben wir das letzte Mal gemeinsam gekocht? Einen Ausflug gemacht? Miteinander geschlafen? Schon lange, oder? Die letzte große Reinigung in unserer Wohnung? Seit drei Wochen lebt eine Spinne beim Eingang!"
"Hmmm."
Andreas fühlte sich genervt. Die Spinne störte ihn nicht. In der Wohnung konnte man leben. Er hatte Feierabend. Diese plötzlichen Sorgen seiner Frau störten ihn, und er wollte einen schon arg verspäteten Text fertigstellen. Aus dem Gespräch wurde ein lautes Gespräch, und die Spinne verzog sich etwas weiter in ihre Ecke.
Einige Zeit später legte Franziska ihren schweren Kopf aufs Kissen. Andreas hämmerte auf seiner Tastatur, und saß immer noch auf dem Sofa. Sie zog die Bettdecke bis unter ihr Kinn, und die Beine an sich. Flaute. Die brennende Hitze auf dem Floß. Ihr davontreibender Mann. Der Delphin. Sie bekam das Gefühl, sie müsse fliehen.
Die ersten Vögel zwitscherten. Es war fünf Uhr. Doch Franziska lag schon seit Stunden wach, denn ihre Gedanken flackerten, wild, und als sie in der Dusche stand, bemerkte sie, dass sie nun einen nassen Schlafanzug trug. Sie lächelte breit. Denn eine gute Idee duldet bekanntlich keinen Verzug. Und in der Eile geschehen nun mal Missgeschicke.
In der Küche schrieb sie Andreas eine Notiz. Er schlief noch, auf dem Sofa, und dies, trotz seines gestrigen Hungergefühls, offensichtlich tief. Sie kleidete sich an, schwang sich aufs Fahrrad, fuhr los, schnitt unterwegs einem Streifenwagen die Fahrt ab, und rannte die Treppe zur Firma Tugendsohn & Söhne hinauf. Auf dem Weg ins Büro hängte sie das Bild des Firmengründers von der Wand, und legte es Karl auf den Tisch. Auf seinem Stuhl nahm sie denn auch Platz. Und begann viele Seiten mit Notizen vollzukritzeln.
"Wieviel das kostet, wieviel das kostet!", murmelte sie, als Karl das Büro betrat. Er fragte, worüber sie nachdachte. Doch Karl war schnell überzeugt. Und zusammen konnten sie ebenso schnell die beiden anderen Kollegen überzeugen.
Sie hatten entschlossen, den Auftrag, über eine Flaute zu schreiben, abzulehnen. Einer nach dem anderen sagte, er habe keinerlei Idee, wie er über dieses Thema etwas Gescheites, ja vielleicht sogar etwas Rührendes, in Worte fassen könnte.
Es dauerte nur eine Stunde und einige Telefonate, um von einem Verlag, rein der Form halber, einen neuen Auftrag zu erschnorren: Nach Kamyshin zu reisen, dem Aussiedler und dessen Kolonie nachzuspüren, und darüber eine längere Reportage zu verfassen. Dies würde die Firma vielleicht ein paar Monatslöhne kosten, sie hätten alle eine gute Zeit, aber im schlimmsten Fall - wenn sie auf Nachfahren des im Testament erwähnten Onkels stießen - würden sie alle eine neue Arbeit suchen müssen.
"Und das", begann Franziska ihre kurze Ansprache, "ist das, was ich diese Nacht geträumt hatte: Ich sprang von dem Floß in den kühlen, blauen Ozean. Ohne zu wissen, wohin mich meine Kraft treiben würde, begann ich zu schwimmen. Und ich entriss mich selbst der Flaute."
Sie standen in einem Kreis, um das Bild Albrecht Tugendsohns herum, und begannen zu singen: 

"All the money that we ever had,

we spent it in good company..."

2 Kommentare:

  1. Echt facettenreiche Erzählung mit schönen Bildern und subtilem Tiefgang. Ich finde es immer spannend, wenn sich Realität und Traum berühren. Danke!

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    1. Es freut mich, dass meine Geschichte dich erfreut! :)

      Im Grunde genommen stellte ich mir einfach vor, eine Firma kümmere sich um die mehr oder weniger lästigen RDVS-Schreibarbeiten, zu denen einem doch oft nur wenige Ideen einfallen. Nachdem ich beschloss, wie die Firma sich finanziert (eine schrullige Erbschaft und dieser Aussiedler) und dass Franziska eine eigene, Beziehungs-bezogene Flaute hat, schrieb sich die Geschichte fast von alleine.

      Okay, dazu hörte ich drei Stunden Morricone als Schreibdroge...

      In dieser Geschichte stecken ein paar Dinge, die ich beeindruckend fand. Zum Beispiel, dass mein Grossvater sein ganzes Leben als Prokurist in einer kleinen Firma arbeitete, mit einer heute nahezu unbekannten Jobsicherheit. Der Film "Cast Away", mit der Flaute und dem Floss. Jean-Pierre-Jeunet-Filme, in denen gerne Geschäfte mit seltsamer Geschäftsgrundlage vorkommen. Das Lied am Ende. Und Andreas bin wohl ich, der zwar eine kuriose Idee für das Mai-Thema hatte ("Alles neu"), aber dann trotzdem die Geschichte über einen Biber (der in einen Garten einzieht, einen Damm baut und somit das Grundstück unter Wasser setzt) und den jähzornigen, keinen Wandel duldenden Gartenbesitzer doch (noch) nicht umgesetzt hat.

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