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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Mittwoch, 29. Januar 2020

Der Mondaussichtsturm - Kap. 4

«Um den Mond von hinten zu sehen, müssen wir auf den Mondaussichtsturm», erklärte Roberta. 
«Und wo steht der Mondaussichtsturm?», wollte Tim wissen. 
«Immer dem Wegweiser nach.» 
«Du meinst den Wegweiser, der unten vor dem Schloss an der Weggabelung steht?», fragte Lilly. «Zur Rückseite des Mondes steht da drauf.» 
«Genau den meine ich», antwortete Roberta. «Mittwochabend haben wir Vollmond. Dann lohnt sich ein Besuch auf seiner verborgenen Seite ganz besonders. Wer bei Vollmond den Mond von hinten besucht, der sieht die ganze Wahrheit. So wie sie wirklich ist. Das muss man gesehen haben. Ich hole euch ab und zeige euch die verbotene Seite des Mondes. Denn Mondrückseitenkunde ist das wichtigste aller Forschungsgebiete. Und da ihr bestimmt noch nichts davon gehört habt, wird es Zeit, dass ihr eine kleine Einführung von mir bekommt. Mondrückseitenkunde für Anfänger.»
«Das könnte schwierig werden», gaben Lilly und Tim zu bedenken. «Unsere Eltern werden es nicht erlauben, dass wir so spät raus gehen, um uns alleine im Wald herumzutreiben.» 
«Was heißt da Herumtreiben ... was heißt da alleine? Wisst ihr nicht, dass ich eine berühmte Kindererzieherin und anerkannte Professorin für Mondrückseitenkunde bin? An der Universität der Katzen habe ich viele Jahre lang die speziellen Auswirkungen der Mondrückseite untersucht. Meine Doktorarbeit trägt den Titel: Die verbotene Seite des Mondes und ihre Auswirkung auf die Seele. Ein äußerst interessantes Werk. Das lasst euch gesagt sein.» 

«Schon gut», stöhnte Lilly, «aber wenn unsere Eltern erfahren, dass wir mitten in der Nacht mit einer sprechenden Katze, die Professorin für Mondrückseitenkunde ist, die verbotene Seite des Mondes erkunden wollen, denken die doch wir haben nicht mehr alle Latten am Zaun.»

«Keine Sorge», beschwichtigte Roberta. «Erstens läuft die Zeit auf der Rückseite des Mondes anders. Und zweitens habe ich, wie ihr wisst, eine tipptopp Zeitmaschine im Garten stehen. Wir müssen nur den Rückwärtsgang einlegen und kurz aufs Gaspedal tippen. Dann ist es ruckzuck wieder Nachmittag. Niemand wird gemerkt haben, dass ihr weg gewesen seid.»
«Super!», jubelte Tim
«Da bin ich ja mal gespannt», seufzte Lilly 
«Ich hole euch ab», informierte Roberta. «Mittwochnachmittag, um zwanzig nach fünf vor halb vier. Seid pünktlich, damit der Ausflug wieder den richtigen biss hat. Nicht zu hart. Nicht zu weich. Ihr wisst schon was ich meine!»

«Al dente», rief Tim.
«Al dente», bestätigte Roberta. Dann hüpfte sie von der Gartenmauer und tippelte davon.

Nachdem Roberta ihre beiden Freunde am Mittwochnachmittag um zwanzig nach fünf vor halb vier abgeholt hatte, spazierten die drei zum Wegweiser. Dort angekommen folgten sie dem Pfad, der tiefer in den Waldes hineinführt. Indem der Sommer allmählich zu Ende ging und der Herbst sich ankündigte, veränderte die Natur ihre Farben täglich. Seit vergangenem Sonntag haben sich viele neue Blätter bunt verfärbt. Manche Bäume hatten jetzt mehr Rot, manche mehr Gelb, andere waren noch satt grün. Das sah wunderschön aus. Lilly schaute beim Gehen immer wieder in die Kronen der Bäume und bestaunte ihre Farben. Nach einer knappen halben Stunde kamen die drei an eine Lichtung, die in etwa so groß war wie ein kleiner Bolzplatz. Sie war aber eher oval und ungleichmäßig geformt – nicht so akkurat und rechteckig wie ein Fussballfeld. Etwa in der Mitte der Lichtung stand ein grasender Ochse. Nur ein paar Meter neben ihm ein grasender Schafbock. Zwischendurch hoben die beiden immer wieder kauend ihre Köpfe empor und schauten neugierig zu den drei Zaungästen hinüber.  

«Wann machen wir Pause?», wollte Tim wissen. «Hier ist es schön», befand  Lilly. «Ein ganz vorzügliches Plätzchen», bestätigte Roberta. Also setzten sich die drei ins Gras und packten ihr Sachen aus. Wie üblich Milch in zwei Flaschen und Käsesandwiches. Dazu gab es heute noch dreieinhalb Schokoriegel. Ein Mars, ein Snickers, ein angebrochenes Twix. Wer den zweiten Twix-Riegel aufgegessen hatte, war unklar. Lilly und Tim hatten sich gegenseitig im Verdacht. «Wahrscheinlich war es Mama», meinte Tim. Lilly bezweifelte das zwar, aber sie wollte sich auf keine Diskussion einlassen, darum gab sie sich mit dieser Erklärung zufrieden.

Das Wetter war nicht ganz ideal für ein Picknick. Es zogen dunkle Wolken zusammen und von Zeit zu Zeit blies ein kühles Lüftchen. Auch ein paar kleine Tropfen hatten sie schon abbekommen. Das machte den Dreien aber nichts aus. «Auf der Rückseite des Mondes scheint sowieso die Sonne», hatte Roberta prognostiziert.  

Als alle essbaren Sachen aus den Rucksäcken auf der rot-weiß karierten Picknickdecke ausgebreitet lagen, rief Roberta dem Ochsen und dem Schafbock zu: «Kommt doch zu uns! Es gibt Picknick!» Der Ochse und der Schafsbock kamen ohne mit der Wimper zu zucken hinüber getrottet und setzten sich dazu. Auf der Decke gab es natürlich nicht genügend Platz für alle. Darum hockten sie sich daneben. Auch ein großer bunter Schmetterling kam zu Besuch. Er flatterte über ihre Köpfe. Seine Flügel schimmerten blau und gelb. Natürlich wurde auch er eingeladen. Für den Schmetterling war es kein Problem ein Fleckchen auf der Decke zu finden. Genaugenommen war der Schmetterling aber kein Er, sondern eine Sie. Daher ist Frau Schmetterling die richtige Bezeichnung. Sie landete auf dem Rand einer gelben Milchschale. Sie fragte freundlich, ob sie ein Krümelchen Twix abbekommen könnte. «Gute Wahl!», gratulierte Roberta und schob Frau Schmetterling ein Krümelchen hinüber. «Ich heiße übrigens Brunhilde», sagte Frau Schmetterling. «Und ich bin der Kurt», meinte der Ochse. «Und ich bin der Roland», sprach der Schafbock. 

Lilly, Tim und Roberta stellten sich natürlich auch mit ihren Namen vor. So wie sich das gehört, unter anständigen Leuten. Dann brach Lilly die Sandwiches und Schokoriegel in mehrere kleine Teile und verteilte die Happen so gerecht wie möglich. Die mit großem Hunger bekamen etwas mehr. Die mit kleinem Hunger etwas weniger. So hatte jeder was davon.  
Als sie alles aufgegessen hatten, bedankten sich Brunhilde, Roland und Kurt für die freundliche Einladung und das schöne Picknick. Lilly, Tim und Roberta bedankten sich für den freundlichen Besuch. Dann packten die drei Mondrückseitenkundschafter ihre sieben Sachen zusammen und setzten ihren Ausflug fort - in Richtung Mondaussichtsturm.  

Nachdem sie eine gute Viertelstunde gegangen waren, kamen sie an einen Fluss. «Da müssen wir rüber.» Informierte Roberta knapp.
«Wie sollen wir das denn schaffen?», entfuhr es Tim. «Der Fluss ist viel zu breit und sieht tief aus. Wir könnten ertrinken!»
«Gibt es denn nirgends eine Brücke?», erkundigte sich Lilly.
Roberta schüttelte nur den Kopf und kratze sich mit ihrer weißen Vorderpfote am Kinn. Dabei gab sie ein knurrendes Geräusch von sich.

Auf einen Schlag, wie aus dem Nichts, tauchte Kurt neben ihnen auf. «Kein Problem», sagte er. «Ich mach das schon. Ich habe nämlich einen saumäßigen Durst». Dann ging der grosse Ochse Kurt zum Flussufer und begann zu saufen. Er soff und soff und nach weniger als dreieinhalb Minuten hatte er den ganzen Fluss leergesoffen. 
«Wow!» rief Lilly.
«Cooooool!» jubelte Tim.
«Nichts schlecht!» kommentierte Roberta.

Dann bedankten sich die drei Forschungsreisenden bei Kurt und stiefelten durch das matschige Flussbett. Sie versuchten immer mit den Füßen und Pfoten auf Steine zu treten, damit sie nicht im Schlamm steckenblieben. In der Mitte des Flussbettes angekommen drehten sie sich nochmal zu Kurt um, um ihm zuzuwinken. Kurt winkte zurück. Dann drehte er sich um, rülpste laut und trottete davon. Auf der anderen Seite des Flusses angekommen führte ein kleiner, versteckter Trampelpfad eine Böschung hinauf. Oben angelangt wurde der Trampelpfad zu einem kleinen Weg. Der Weg führte auf einen Hügel. Auf dem Hügel ragte ein Turm in die Höhe. 
«Da ist er. Der Mondaussichtsturm», verkündete Roberta.
«Super!», riefen Lilly und  Tim - und marschierten entschlossen drauf zu.

Am Turm angelangt versuchte Lilly die massige Holztür zu öffnen, die den Turmaufgang versperrte. «Sie rüttelte und schüttelte und stemmte sich dagegen. Nichts zu machen. Auch Tim versuchte sein Glück. Er rüttelte und schüttelte und trat mit seinem starken rechten Fuß dagegen. Aber auch er konnte sie nicht öffnen.   

Wie aus dem Boden gewachsen, stand urplötzlich Roland der Schafsbock neben ihnen. «Kein Problem», sagte er, «ich mach das schon. Geht am besten einen Schritt zur Seite.» Dann nahm Kurt ungefähr fünf bis sieben Meter Anlauf und stürmte voll auf die Tür zu.  Seine Hörner knallten gegen das Holz. Mit einem lauten Krachen sprang sie auf. 

«Wow!» Entfuhr es Lilly
«Coooool!» Jubelte Tim
«Nicht schlecht», kommentierte Roberta.

Die drei bedankten sich bei Roland und gingen den Turmaufgang hinauf. Bevor sie die Treppe hinaufstiegen drehten sie sich aber noch einmal zu Roland um und winkten ihm zu. Roland winkte zurück. Dann blökte er dreimal und trottete zufrieden davon.  

Oben angekommen waren die drei ganz außer Atem. Es war zwischenzeitlich schon dämmrig geworden. Der volle Mond hing blass und rund am Himmel.

«Ich mag den Mond», sagte Roberta, «im Unterschied zur Sonne leuchtet der nämlich, wenn es dunkel ist.» 

«Was ist das denn für eine Logik?», dachten sich Lilly und Tim. Aber sie sagten nichts. So spontan fiel ihnen auch gar keine passende Antwort ein. Schließlich leuchtet der Mond ja wirklich wenn`s dunkel ist. Dagegen konnte man nichts sagen. 

«Jetzt brauchen wir nur noch einen Tautropfen vom obersten Blatt des Zauberbaumes. Wenn wir uns den in die Augen träufeln, werden wir die Rückseite des Mondes sehen.»

«Und wo bitte sollen wir einen Tropfen vom obersten Blatt eines Zauberbaumes herbekommen?» fragten Lilly und Tim, mit ratlosem Blick und vom Aufstieg erschöpfter Stimme. 

Simsalabim, wie aus heiterem Himmel, flatterte auf einmal Brunhilde um ihre Köpfe. «Kein Problem», sagte sie. «Ich mach das schon.» Dann flog sie davon, in Richtung eines knorrigen alten Bäumchens, das sich mit seinen Wurzeln an einem Felsvorsprung festklammerte. Brunhilde setzte sich auf das oberste Blatt seiner Krone. Das Blatt war deutlich größer als die anderen Blätter und lugte wie eine kleine Fahne aus seiner Krone heraus. An der Spitze des Blattes hing ein Tautropfen. Er funkelte im Abendlicht wie ein Edelstein. 

Einen Moment später flatterte Brunhilde den Dreien schon wieder um die Köpfe. Sie hatte einen Tautropfen vom Zauberbaum mitgebracht. Damit benetzte sie die Äuglein von Lilly, Tim und Roberta. Und was dann passierte, das war mit Abstand das unglaublichste, was Lilly und Tim in ihrem ganzen Leben je erlebt hatten...


Donnerstag, 2. Januar 2020

Die rote Kuh und der Flugapparat - Kap. 3

Lilly, Tim und Roberta standen unter der Baumhütte und schauten nach oben. Von der Bodenluke des Tarnschlosses baumelte eine Hängeleiter herab. Bevor Tim sich dranmachte hinaufzusteigen, schaute er kurz zu Roberta hinüber, um zu checken, ob es in Ordnung geht. «Nur zu, junger Mann», sagte sie, «heute ist Besuchstag.» Dabei zeigte sie mit ihrer weißen Vorderpfote nach oben. Das sah sehr elegant aus.

Während Tim hinaufkraxelte wackelte die Leiter wie ein Kuhschwanz. Die beiden Seile, an denen die Sprossen befestigt waren, sahen auch aus wie zwei lange Kuhschwänze. Wie zweitmeterfünfzig lange, rote Kuhschwänze, die bis auf den Boden herunterbaumelten. Tim hielt sich gut an ihnen fest. Sprosse um Sprosse kämpfte er sich an ihnen empor. Als er oben auf Schloss Reichenstein angekommen war, begegnete ihm tatsächlich als erstes eine Kuh. Es war eine große rote Kuh, mit zwei langen Schwänzen. Sie trug eine Kuhglocke um den Hals und ihren beiden Schwänzen waren mit einer hübschen, hellblauen Masche geschmückt. Die Stricke der Leiter kamen aber nicht von der Kuh. Es waren stinknormale Stricke, die an einem Balken festgeknotet waren.

«Das ist mein jüngstes Werk», sagte Roberta, als sie gleich nach Tim durch das Loch im Boden schlüpfte. Das Gemälde von der roten Kuh hing an der Wand über einem grünen Sofa. Auf dem Sofa lagen zwei farbige Kissen. Ein gelbes und ein blaues. Das Kuhbild war eingerahmt in einen prunkvollen, goldenen Rahmen. Das Sofa, die Kissen, der goldenen Rahmen. Alles wie in einem echten Schloss.

«Ich nenne es: Die Mondwiese.» Verkündete Roberta feierlich.
Nun schaute auch schon Lillys Kopf durch die Öffnung im Boden. «Es ist aber gar keine Wiese zu sehen.» Kommentierte Lilly Robertas feierliche Erklärung. «Man sieht nur ein rote Kuh mit zwei langen Schwänzen.» Das Gemälde hing ihr mehr oder weniger direkt vor der Nase, als sie durch das Loch im Boden schlüpfte. Es war sozusagen die erste Sehenswürdigkeit, die Schloss Reichenstein zu bieten hatte. 

«Die Wiese befindet sich ja auch im Magen der Kuh.» Antwortete Roberta. «Die Kuh hat sie ganz und gar aufgefressen. Nur selten hat man in der Kunstwelt so eine schöne Blumenwiese gesehen. Man könnte sagen es ist eine der schönsten Blumenwiesen im Magen einer Kuh, die man überhaupt je zu Gesicht bekam. Ich darf behaupten, für uns Kunstkenner ist das ein prima Anblick. Wenn ich nicht so bescheiden wäre, würde ich vor stolz platzen. Alle Katzen, die etwas von Kunst verstehen, finden es meisterlich.»

Lilly und Tim schauten sich an und verzogen ihre Gesichter. Tim verdrehte dabei seine Augen, wie nur er sie verdrehen kann. Mit weit geöffneten Augendeckeln ließ er seine Glotzer im Gegenuhrzeigersinn kreisen. An einem bestimmten Punkt der Bewegung, so ungefähr um halb vier, musste er seinen Unterkiefer ein Stück weit zur Seite schieben, da er sonst mit dem Augenverdrehen nicht weiterkam. Das sah ziemlich ulkig aus. Lilly musste immer lachen, wenn er das machte. 

Nachdem Tim die Augen zu Ende verdreht hatte fragte er: «Warum ist die Kuh rot und hat zwei Schwänze?»

«Es ist eine Kuh von der Rückseite des Mondes, mein Guter. Auf der Rückseite des Mondes sind alle Kühe rot und haben zwei Schwänze.» 
«Ach so», antwortete Tim – und rollte nochmal eine Runde mit den Augen. Und Lilly musste nochmal lachen.
Dann zeigte Tim mit dem Finger auf ein Ding in der Mitte des Raumes. «Und was ist das für ein Kunstwerk?» wollte er wissen. Das etwas, auf das er zeigte, erinnerte an ein altes Damenrad. Es war aber kein Damenrad im herkömmlichen Sinn. Der Kettenantrieb verlief nicht zum Hinterrad, sondern nach oben durch die Decke. Und da, wo sich üblicherweise die Lenkstange befand, war etwas montiert, das aussah wie ein Segelmast. Aber in Wahrheit war es ein Katzenbaum. Der Gepäckträger bestand aus einer Konstruktion, von der aus eine Metallstange durch die Rückwand von Schloss Reichenstein ragte. Vor dem Fenster war ein Gestell angebracht, das aussah wie der hintere Teil eines Flugzeugs. Insgesamt erinnerte die Konstruktion an eine Kombination aus Fahrrad, Flugzeug, Hubschrauber, Segelboot und Katzenbaum.

«Das ist kein Kunstwerk», erwiderte Roberta empört. «Das ist meine neueste Erfindung: der sagenhafte 1-A- Flugapparat. Bedauerlicherweise ist dieses außerordentliche Wunderwerk der Technik aber noch nicht zu hundert Prozent funktionstüchtig. Es gibt noch Probleme mit der Servolenkung. Außerdem flackert das Bremslicht.»
«Wow!», entfuhr es Tim begeistert, «machen wir einen Rundflug?»

«Demnächst Amigo. Sobald die Maschine startklar ist, gebe ich euch Bescheid. Ich brauche noch zwei gute Leute. Starke Beine für den Antrieb und starke Arme für die Steuerung. Habt ihr Mumm in den Knochen?»

«Auf jeden Fall!», rief Tim und ballte dabei seine Hände zu Fäusten, als ob er gerade einen Elfmeter verwandelt hätte.

«Wenn das Ding wirklich fliegt, bin ich auch dabei», bestätigte Lilly, mit einem nicht unkritischen Klang in ihrer Stimme. Dann nahm sie die ganze Apparatur etwas genauer unter die Lupe. Durch ein Loch in der Decke konnte sie erkennen, dass am oberen Ende der Kurbelstange zwei Rotorblätter befestigt waren. Auf einem Gestell am Gepäckträger war ein Hebel montiert, der allem Anschein nach als Steuerknüppel diente. Wenn man den Hebel hin und her zog, bewegten sich die Seitenruder vor dem Fenster nach links und rechts.
«Was machen wir in der Zwischenzeit?», wollte Tim wissen, «eine Reise mit der Zeitmaschine vielleicht? in die Zukunft oder so?»

«Oder zur Rückseite des Mondes?», rief Lilly begeistert. «Dann können wir mit Bäumen sprechen und auf roten Kühen mit zwei Schwänzen reiten!» Ein bisschen wunderte sich Lilly selbst über ihren Begeisterung, aber es ist einfach so aus ihr herausgerutscht. 

Da sich die beiden nicht einigen konnten wohin die Reise gehen sollte, machten sie Schnick, Schnack, Schnuck. Tim hatte Papier, Lilly Schere. «Los geht’s also – zur Rückseite des Mondes.» Denn Schere schlägt Papier.