«Um den Mond von hinten zu sehen, müssen wir auf den Mondaussichtsturm», erklärte Roberta.
«Und wo steht der Mondaussichtsturm?», wollte Tim wissen.
«Immer dem Wegweiser nach.»
«Du meinst den Wegweiser, der unten vor dem Schloss an der Weggabelung steht?», fragte Lilly. «Zur Rückseite des Mondes steht da drauf.»
«Genau den meine ich», antwortete Roberta. «Mittwochabend haben wir Vollmond. Dann lohnt sich ein Besuch auf seiner verborgenen Seite ganz besonders. Wer bei Vollmond den Mond von hinten besucht, der sieht die ganze Wahrheit. So wie sie wirklich ist. Das muss man gesehen haben. Ich hole euch ab und zeige euch die verbotene Seite des Mondes. Denn Mondrückseitenkunde ist das wichtigste aller Forschungsgebiete. Und da ihr bestimmt noch nichts davon gehört habt, wird es Zeit, dass ihr eine kleine Einführung von mir bekommt. Mondrückseitenkunde für Anfänger.»
«Das könnte schwierig werden», gaben Lilly und Tim zu bedenken. «Unsere Eltern werden es nicht erlauben, dass wir so spät raus gehen, um uns alleine im Wald herumzutreiben.»
«Was heißt da Herumtreiben ... was heißt da alleine? Wisst ihr nicht, dass ich eine berühmte Kindererzieherin und anerkannte Professorin für Mondrückseitenkunde bin? An der Universität der Katzen habe ich viele Jahre lang die speziellen Auswirkungen der Mondrückseite untersucht. Meine Doktorarbeit trägt den Titel: Die verbotene Seite des Mondes und ihre Auswirkung auf die Seele. Ein äußerst interessantes Werk. Das lasst euch gesagt sein.»
«Schon gut», stöhnte Lilly, «aber wenn unsere Eltern erfahren, dass wir mitten in der Nacht mit einer sprechenden Katze, die Professorin für Mondrückseitenkunde ist, die verbotene Seite des Mondes erkunden wollen, denken die doch wir haben nicht mehr alle Latten am Zaun.»
«Keine Sorge», beschwichtigte Roberta. «Erstens läuft die Zeit auf der Rückseite des Mondes anders. Und zweitens habe ich, wie ihr wisst, eine tipptopp Zeitmaschine im Garten stehen. Wir müssen nur den Rückwärtsgang einlegen und kurz aufs Gaspedal tippen. Dann ist es ruckzuck wieder Nachmittag. Niemand wird gemerkt haben, dass ihr weg gewesen seid.»
«Super!», jubelte Tim
«Da bin ich ja mal gespannt», seufzte Lilly
«Ich hole euch ab», informierte Roberta. «Mittwochnachmittag, um zwanzig nach fünf vor halb vier. Seid pünktlich, damit der Ausflug wieder den richtigen biss hat. Nicht zu hart. Nicht zu weich. Ihr wisst schon was ich meine!»
«Al dente», rief Tim.
«Al dente», bestätigte Roberta. Dann hüpfte sie von der Gartenmauer und tippelte davon.
Nachdem Roberta ihre beiden Freunde am Mittwochnachmittag um zwanzig nach fünf vor halb vier abgeholt hatte, spazierten die drei zum Wegweiser. Dort angekommen folgten sie dem Pfad, der tiefer in den Waldes hineinführt. Indem der Sommer allmählich zu Ende ging und der Herbst sich ankündigte, veränderte die Natur ihre Farben täglich. Seit vergangenem Sonntag haben sich viele neue Blätter bunt verfärbt. Manche Bäume hatten jetzt mehr Rot, manche mehr Gelb, andere waren noch satt grün. Das sah wunderschön aus. Lilly schaute beim Gehen immer wieder in die Kronen der Bäume und bestaunte ihre Farben. Nach einer knappen halben Stunde kamen die drei an eine Lichtung, die in etwa so groß war wie ein kleiner Bolzplatz. Sie war aber eher oval und ungleichmäßig geformt – nicht so akkurat und rechteckig wie ein Fussballfeld. Etwa in der Mitte der Lichtung stand ein grasender Ochse. Nur ein paar Meter neben ihm ein grasender Schafbock. Zwischendurch hoben die beiden immer wieder kauend ihre Köpfe empor und schauten neugierig zu den drei Zaungästen hinüber.
«Wann machen wir Pause?», wollte Tim wissen. «Hier ist es schön», befand Lilly. «Ein ganz vorzügliches Plätzchen», bestätigte Roberta. Also setzten sich die drei ins Gras und packten ihr Sachen aus. Wie üblich Milch in zwei Flaschen und Käsesandwiches. Dazu gab es heute noch dreieinhalb Schokoriegel. Ein Mars, ein Snickers, ein angebrochenes Twix. Wer den zweiten Twix-Riegel aufgegessen hatte, war unklar. Lilly und Tim hatten sich gegenseitig im Verdacht. «Wahrscheinlich war es Mama», meinte Tim. Lilly bezweifelte das zwar, aber sie wollte sich auf keine Diskussion einlassen, darum gab sie sich mit dieser Erklärung zufrieden.
Das Wetter war nicht ganz ideal für ein Picknick. Es zogen dunkle Wolken zusammen und von Zeit zu Zeit blies ein kühles Lüftchen. Auch ein paar kleine Tropfen hatten sie schon abbekommen. Das machte den Dreien aber nichts aus. «Auf der Rückseite des Mondes scheint sowieso die Sonne», hatte Roberta prognostiziert.
Als alle essbaren Sachen aus den Rucksäcken auf der rot-weiß karierten Picknickdecke ausgebreitet lagen, rief Roberta dem Ochsen und dem Schafbock zu: «Kommt doch zu uns! Es gibt Picknick!» Der Ochse und der Schafsbock kamen ohne mit der Wimper zu zucken hinüber getrottet und setzten sich dazu. Auf der Decke gab es natürlich nicht genügend Platz für alle. Darum hockten sie sich daneben. Auch ein großer bunter Schmetterling kam zu Besuch. Er flatterte über ihre Köpfe. Seine Flügel schimmerten blau und gelb. Natürlich wurde auch er eingeladen. Für den Schmetterling war es kein Problem ein Fleckchen auf der Decke zu finden. Genaugenommen war der Schmetterling aber kein Er, sondern eine Sie. Daher ist Frau Schmetterling die richtige Bezeichnung. Sie landete auf dem Rand einer gelben Milchschale. Sie fragte freundlich, ob sie ein Krümelchen Twix abbekommen könnte. «Gute Wahl!», gratulierte Roberta und schob Frau Schmetterling ein Krümelchen hinüber. «Ich heiße übrigens Brunhilde», sagte Frau Schmetterling. «Und ich bin der Kurt», meinte der Ochse. «Und ich bin der Roland», sprach der Schafbock.
Lilly, Tim und Roberta stellten sich natürlich auch mit ihren Namen vor. So wie sich das gehört, unter anständigen Leuten. Dann brach Lilly die Sandwiches und Schokoriegel in mehrere kleine Teile und verteilte die Happen so gerecht wie möglich. Die mit großem Hunger bekamen etwas mehr. Die mit kleinem Hunger etwas weniger. So hatte jeder was davon.
Als sie alles aufgegessen hatten, bedankten sich Brunhilde, Roland und Kurt für die freundliche Einladung und das schöne Picknick. Lilly, Tim und Roberta bedankten sich für den freundlichen Besuch. Dann packten die drei Mondrückseitenkundschafter ihre sieben Sachen zusammen und setzten ihren Ausflug fort - in Richtung Mondaussichtsturm.
Nachdem sie eine gute Viertelstunde gegangen waren, kamen sie an einen Fluss. «Da müssen wir rüber.» Informierte Roberta knapp.
«Wie sollen wir das denn schaffen?», entfuhr es Tim. «Der Fluss ist viel zu breit und sieht tief aus. Wir könnten ertrinken!»
«Gibt es denn nirgends eine Brücke?», erkundigte sich Lilly.
Roberta schüttelte nur den Kopf und kratze sich mit ihrer weißen Vorderpfote am Kinn. Dabei gab sie ein knurrendes Geräusch von sich.
Auf einen Schlag, wie aus dem Nichts, tauchte Kurt neben ihnen auf. «Kein Problem», sagte er. «Ich mach das schon. Ich habe nämlich einen saumäßigen Durst». Dann ging der grosse Ochse Kurt zum Flussufer und begann zu saufen. Er soff und soff und nach weniger als dreieinhalb Minuten hatte er den ganzen Fluss leergesoffen.
«Wow!» rief Lilly.
«Cooooool!» jubelte Tim.
«Nichts schlecht!» kommentierte Roberta.
Dann bedankten sich die drei Forschungsreisenden bei Kurt und stiefelten durch das matschige Flussbett. Sie versuchten immer mit den Füßen und Pfoten auf Steine zu treten, damit sie nicht im Schlamm steckenblieben. In der Mitte des Flussbettes angekommen drehten sie sich nochmal zu Kurt um, um ihm zuzuwinken. Kurt winkte zurück. Dann drehte er sich um, rülpste laut und trottete davon. Auf der anderen Seite des Flusses angekommen führte ein kleiner, versteckter Trampelpfad eine Böschung hinauf. Oben angelangt wurde der Trampelpfad zu einem kleinen Weg. Der Weg führte auf einen Hügel. Auf dem Hügel ragte ein Turm in die Höhe.
«Da ist er. Der Mondaussichtsturm», verkündete Roberta.
«Super!», riefen Lilly und Tim - und marschierten entschlossen drauf zu.
Am Turm angelangt versuchte Lilly die massige Holztür zu öffnen, die den Turmaufgang versperrte. «Sie rüttelte und schüttelte und stemmte sich dagegen. Nichts zu machen. Auch Tim versuchte sein Glück. Er rüttelte und schüttelte und trat mit seinem starken rechten Fuß dagegen. Aber auch er konnte sie nicht öffnen.
Wie aus dem Boden gewachsen, stand urplötzlich Roland der Schafsbock neben ihnen. «Kein Problem», sagte er, «ich mach das schon. Geht am besten einen Schritt zur Seite.» Dann nahm Kurt ungefähr fünf bis sieben Meter Anlauf und stürmte voll auf die Tür zu. Seine Hörner knallten gegen das Holz. Mit einem lauten Krachen sprang sie auf.
«Wow!» Entfuhr es Lilly
«Coooool!» Jubelte Tim
«Nicht schlecht», kommentierte Roberta.
Die drei bedankten sich bei Roland und gingen den Turmaufgang hinauf. Bevor sie die Treppe hinaufstiegen drehten sie sich aber noch einmal zu Roland um und winkten ihm zu. Roland winkte zurück. Dann blökte er dreimal und trottete zufrieden davon.
Oben angekommen waren die drei ganz außer Atem. Es war zwischenzeitlich schon dämmrig geworden. Der volle Mond hing blass und rund am Himmel.
«Ich mag den Mond», sagte Roberta, «im Unterschied zur Sonne leuchtet der nämlich, wenn es dunkel ist.»
«Was ist das denn für eine Logik?», dachten sich Lilly und Tim. Aber sie sagten nichts. So spontan fiel ihnen auch gar keine passende Antwort ein. Schließlich leuchtet der Mond ja wirklich wenn`s dunkel ist. Dagegen konnte man nichts sagen.
«Jetzt brauchen wir nur noch einen Tautropfen vom obersten Blatt des Zauberbaumes. Wenn wir uns den in die Augen träufeln, werden wir die Rückseite des Mondes sehen.»
«Und wo bitte sollen wir einen Tropfen vom obersten Blatt eines Zauberbaumes herbekommen?» fragten Lilly und Tim, mit ratlosem Blick und vom Aufstieg erschöpfter Stimme.
Simsalabim, wie aus heiterem Himmel, flatterte auf einmal Brunhilde um ihre Köpfe. «Kein Problem», sagte sie. «Ich mach das schon.» Dann flog sie davon, in Richtung eines knorrigen alten Bäumchens, das sich mit seinen Wurzeln an einem Felsvorsprung festklammerte. Brunhilde setzte sich auf das oberste Blatt seiner Krone. Das Blatt war deutlich größer als die anderen Blätter und lugte wie eine kleine Fahne aus seiner Krone heraus. An der Spitze des Blattes hing ein Tautropfen. Er funkelte im Abendlicht wie ein Edelstein.
Einen Moment später flatterte Brunhilde den Dreien schon wieder um die Köpfe. Sie hatte einen Tautropfen vom Zauberbaum mitgebracht. Damit benetzte sie die Äuglein von Lilly, Tim und Roberta. Und was dann passierte, das war mit Abstand das unglaublichste, was Lilly und Tim in ihrem ganzen Leben je erlebt hatten...
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