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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Freitag, 8. Mai 2015

Denkfehler


Friedrich dachte gerne über das Leben nach. Er konnte bisweilen richtig in Fahrt geraten und dann philosophierte er sich förmlich in Rage. Er stellte Fragen und wälzte Problem ohne Ende. Er drehte und wendete Gedanken und Theorien vom Kopf auf die Füße und wieder zurück. Er wechselte gekonnt zwischen den unterschiedlichsten Perspektiven und nahm mit seinem Verstand jedes Denkgebäude so raffiniert auseinander, dass buchstäblich nichts mehr davon übrig blieb. 

Friedrich mochte es, sich mit den großen Problemen zu befassen und er kam dabei auf die eine oder andere sehr beeindruckende Lösung  welche die Welt erschüttern konnten. "Was ist Wahrheit?", fragte er sich. "Was ist ein gutes Leben?" Er analysierte messerscharf die Vor- und Nachteile der einen oder anderen Art zu Leben. "Was können wir sicher wissen? Wer bin ich eigentlich... und was ist der Mensch? Wo kommen wir her und wo gehen wir hin? Warum gibt es überhaupt Etwas und nicht vielmehr Nichts?"
 
Er dachte und dachte über das Leben nach und suchte den Sinn von Alledem zu verstehen...  

Eckhart hingegen war ein guter Zuhörer. Aber was Friedrich am meisten an Eckhart beeindruckte, das war, dass Eckhart es mit seinen Fragen und Geschichten immer wieder fertig brachte ihm ein Bein zu stellen. Ausgerechnet ihm, der sich doch selbst dafür zuständig fühlte alles zu Fall zu bringen... und Eckhart machte dies bisweilen mit ziemlich banalen Geschichten – was Friedrich schließlich noch nachdenklicher machte.

„Friedrich – du denkst gerne und oft über das Leben nach“ – sagte Eckhart einmal. „Ich weiß nicht warum, aber irgendwie erinnerst du mich mit deinem maßlosen Nachdenken über die Welt und das Leben an meinen Großvater, der eine Menge Whisky trank – was ihm enorme Probleme einbrachte. Daher begann er den Whisky mit Wasser zu verdünnen, aber natürlich wurde er irgendwann auch davon betrunken. Dann stieg er auf Pernod um, weil der weniger stark ist. Den trank er freilich auch mit Wasser. Er trank davon aber mehr als vom Whisky. Natürlich wurde er auch davon betrunken. Schließlich stieg er auf Wein um. Den Wein verdünnte er zwar auch mit Wasser, aber er trank so viel davon, dass er auch davon betrunken wurde.“ 


Dienstag, 5. Mai 2015

Zeitreise


Meine liebe Lou,

du hattest Recht! Mein Widerstand gegen die bevorstehende Reise war ein Symptom meines Sträubens gegen die Veränderung. Ein Symptom meiner Angst vor der großen Ungewissheit. Letztlich ein Symptom meines Widerstands gegen die Zeit, die sich immerzu in Richtung der großen Ungewissheit bewegt.

Mein Experiment scheint mich bisweilen mehr zu lähmen als dass es mich aufweckt und beflügelt. Wie du weißt sollte es mich wachrütteln und emporziehen. Ich wollte mich damit anspornen meine Zeit mit Leben zu füllen. Was aber passierte tatsächlich? Indem ich die Tage zu zählen begann, die mir bis zum Ablauf der Jahresfrist noch bleiben, fing ich an mich immer mehr am Gewohnten und Altvertrauten festzuklammern – so als wollte ich das Bestehende konservieren, um es vor der  Vergänglichkeit zu bewahren.

Zunächst fühlte ich mich noch ganz so wie ein kleines Kind, das übermütig drauf los stürmt, um mit seinen gerade erwachten Fähigkeiten die große weite Welt zu erobern. Dann aber, überwältigt von den maßlosen Möglichkeiten und der schier endlosen Weite der Welt, flüchtet es zurück, um sich an Mamas Bein zu klammern. Verängstigt und verzweifelt fleht es nun darum wieder aufgehoben und an die Brust genommen zu werden.

Genauso, liebe Lou, klammere auch ich mich an die Vertrautheiten und Gewohnheiten meines alltäglichen Lebens und will mich nicht mehr fortbewegen, aus den behaglichen und Sicherheit versprechenden Regionen des Bekannten und Bewährten – voller Angst und Argwohn gegenüber dem Anderen und Unbekannten.

Je näher ich jener Grenzlinie zur großen Ungewissheit komme – je mehr breitet sich dieses Unbehagen in mir aus… um so stärker wird die Angst und mithin mein Bedürfnis nach Sicherheit und Berechenbarkeit.

Du aber fragst – wo ist das Vertrauen und die Hoffnung und die Zuversicht, dass das Unbekannte und jenes gänzlich Andere auch etwas Gutes bringen könnte?

Ich habe auch mit Paulo darüber geredet. Er hat mir dann diese Geschichte erzählt:

Es heißt, der junge Napoleon habe, während er einst einmal einer heftigen Bombardierung ausgesetzt war, gezittert wie Espenlaub. Ein Soldat, der das sah, meinte zu seinen Kameraden: „Seht euch den an, der bepisst sich ja gleich vor Angst!“
 
„Ja“, entgegnete Napoleon, „aber ich kämpfe noch. Wenn du ebenso große Angst hättest wie ich, wärst du schon längst davon gelaufen.“

Diese Geschichte hat mich ermutigt. Ich habe Angst, ja  aber ich werde jetzt trotzdem meine Koffer packen und die Reise antreten.

Ich danke dir für dein Vertrauen, deine Zuversicht, dein Vorbild, deinen Mut - und vor allem deine Freundschaft!

In Liebe und Verbundenheit, Lukas








Ich bin, was ich bin. Aber wer bist eigentlich Du?


,,Du und ich, wir gehören doch zusammen“ drang es aus Ajlien`s Mund. Sie sassen in einem kleinen Café am Ende der Stadt. Es roch nach frisch gemahlenem Arabica und Puderzucker, der auf die gerade gebackenen Mandelhörnchen gezuckert wurde. 

Hier und jetzt dachte sich Tilo. Hier und jetzt will ich nicht sein. ,,Aber was, wenn das alles nicht so einfach ist“ ,,Wie meinst Du das?“ erwiderte Ajlien.  Aus ihren Augen quollen nun dicke Tränen, die sie nicht mehr zurückhalten konnte. Am liebsten wünschte sie sich in diesem Moment, dass eine Abrissbirne ins Café einschlagen würde und alles unter ihrer dumpfen Gewalt begrub. Sie dachte über das Wort ,,einfach“ nach. 
Währenddessen versuchte sich Tilo mit seinen letzten Abschiedsworten zu retten. Ajlien bekam es nicht mehr mit. In ihren Ohren rauschte das Blut und alles was Tilo sagte, hörte sich an, als würden sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Ihr Herz klopfte wie wild. Es kam ihr so vor, als sei dies einer dieser Momente den man aufzeichnen müsste, um ihn später immer wieder ansehen zu können. Es geht ihr alles viel zu schnell.

,,Eine andere, ich kann so nicht mehr, das wird mir alles zu viel, es tut mir leid...“ Tilo kam zum Schluss. Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, stand auf,  trank in zwei grossen Schlucken seinen Cappucino aus und legte das Bargeld auf den Tisch. Ajlien wusste, wenn er das kleine Café verlässt, ist alles vorbei. Die Freundschaft, die Liebe, die Nähe zu ihm. Dann ging er durch die Tür. Tilo stand draussen und fühlte sich so frei und zugleich so einsam wie noch nie zuvor in seinem Leben.